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07/03/1902 Drittes Blatt
 
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Polynesier ht ihrem Bestände zu erhalten und allmälig zur Kultur zu erziehen. Deutschland sollte umsomehr daran fesrhalten, daß dieser Zweck allein genügte, um diese Inseln zu halten, als aus ihrer Verwaltung dem deutschen Reiche größere Kosten nie entstehen können. Also, meine Herren, ich möchte Sie bitten, nicht so pessi­mistisch in die Zukunft dieser Inseln zu sehen und nicht so pessi­mistisch über den Zweck zu denken, den das deutsche Volk dort ver­folgt. Die Inseln sind es Werth in politischer und auch wirthschaft- licher Beziehung, vor Allem aber, weil es . bei ihren Bewohnern um einen schönen, der Kultur werthen tV: Anschlag handelt, daß sie dem deutschen Reiche erhalten bleibet, von dem deutschen Reiche so verwaltet werden, wie sie es müiicn. (Lebhafter Beifall.)

Abg. Dr. Wiemer (freis. Vp.): Damals, als der Reichstag den Ankauf der Inseln beschloß, war von nationalen Gründen keine Rede. Ich weiß auch nichts davon, daß das deutsche Volk damals den Wunsch gehabt hätte, die Inseln zu bekommen. Herr v. Ben­nigsen hat unsere Auffassung vollkommen bestätigt. Warum hat man denn ftüher dem Reichstag falsche Vorspiegelungen gemacht? Warum hat man die Inseln als blühende Gebiete hingestellt, die uns reichen Ertrag bringen würden? Man hätte uns gleich über die wirklichen Verhältnisse auftlären müssen. Daß die Zuschüsse in Bälde abnehmen werden, kann ich borläufig noch nicht glauben. Die Aufgabe, denschönen Menschenschlag" dort zu erhalten, haben wir nicht. Ich meine, Deutschland liegt uns näher; auch hier ist ein schöner Menschenschlag. (Heiterkeit. Zuruf rechts: Wie Figura zeigt!) Ich meine, wir sollten doch erst für uns sorgen. Den Optimismus der Kolonialschwärmer können wir nicht theilen. Von diesen Leuten gilt das Wort:Noch am Grabe pflanzt er die Hoffnung auf." (Beifall links.)

Staatssekretär Frhr. v. Richthofen: Von einer Täuschung des Reichtstages kann keine Rede fein. Graf Bülow hat bei seiner da­maligen Rede seine Gewährsmänner angegeben. Im Uebrigen glaube ich, daß der Abg. Wiemer für das diplomatische Verhalten des Grafen Bülow nicht die genügende Werthschähung hat. Es lag damals, wo wir für die Erwerbung der Inseln Konkurrenten hatten, im allgemeinen Interesse, die politische Seite der Sache nicht zu betonen, sondern die wirthschaftliche Seite hervorzuheben. Im deutschen Volke lag der Wunsch vor, diese Südsee-Jnseln in einer und zwar in deutscher Hand zu vereinigen. Das war die Ansicht des Reichstages und das war auch für den Grafen Bülow bei seiner ganzen Aktion maßgebend.

Der Etat wird genehmigt.

Beim Etat für Samoa bemerkt

Abg. Dr. Bachem (Centr.): Der Zuschuß für Samoa ist wieder gestiegen, allerdings sind die Einnahmen in noch höherem , Maße gewachsen. Das giebt ja den Eindruck einer nicht ungünstigen Entwickelung. Außerordentlich interessiren würde es mich. Näheres : über die Verwaltung zu hören. Den Eingeborenen soll ja wohl eine ' Art Selbstverwaltung gewährt werden. ]

Abg. Dr. Hasse (nat.-lib.): Ich möchte davor warnen, die i günstigen Erfahrungen die wir mit Samoa gemacht haben, zu der- 1 allgemeinem. In anderen Kolonien werden wir die Sellistverwal- j hing nicht einführen können. <

Gouverneur von Samoa Sols: Es gereicht mir zur besonderen i Ehre, dem hohen Hause einige Erlauer,mgen über die Verwaltung c in Samoa zu geben. (

Wir hatten von früher her in Samoa zunächst die Munizipal- ; regierung. Das war die geordnete Verwaltung. Daneben waren : die sogenannten Könige. Ursprünglich harren die Samoaner keinen i König, keinen King, wie man dorr sagt das Königthum ist erst : später durch europäische Einflüsse borrhn- gekommen Die einzige ; geordnete Verwaltung war die Munizivalirär. Außerhalb dieser : herrschte Anarchie, aber nicht in der Weise, daß beständig Fehden und Unruhen vorgekommen wären, sondern es bestand dort eine von Alters her befestigte, ich will mal sagen. Selbstverwaltung, d. h. , ein Gewaltverhältniß der Familienobersren über ihre Familie und ihre Sklaven. Daran haben wir angegliedert, und es kam uns von Anfang an zu starren, daß die Majoritätspartei, die den Mataafa auf den Schild erhoben hatte, der deutschen Flagge sym­pathisch gegenüberstand. Diese Partei war soweit man bei solchen Leuten von Loyalität sprechen kann loyal, aber mit einer gewissen Einschränkung. Die deutsche Herrschaft war ihnen will­kommen. Aber sie dachten sich, der Gouverneur solle der Minister ihres Königs Mataafa sein. (Heiterkeit.) Das ging natürlich nicht an. Es mußte die Aufgabe des Gouverneurs sein, die in Konflikt befindlichen Parteien auszusöhnen. Das ist uns auch vorläufig gelungen. Man kann ja nicht Alles Voraussagen, was kommt, aber ich habe die feste Zuversicht, daß Fehden und Unruhen vorläufig nicht Vorkommen werden. Unruhen gegen die deutsche Herrschaft halte ich mit den meisten einsichtigen Kennern Samoas für ausgeschlossen. Dazu find die Samoaner schon zu klug. Ich habe Samoa in Distrikte eingekeilt, und zwar nach den alten her- kömmlichein Provinzen, die die Samoaner sich gebildet hatten. Die Vorsteher der einzelnen Distrikte haben einen schönen Titel be­kommen, die Samoaner legen nämlich außerordentlich viel Werth auf Titel. (Heiterkeit.) Die Distrikte sind eingetheilt in Ort­schaften, und auch die Vorsteher der Ortschaften haben einen Titel erhalten, der etwa den deutschen Dorfschulzen entspricht. Dann giebt es auch für die einzelnen Ortschaften Dorfrichter, die die Ein­geborenen sich selbst wählen, wobei ich mir nur das Bestätigungs- recht Vorbehalten habe. Das mußte ich, weil sonst nur Angehörige der herrschenden Parteien gewählt worden wären. Ich sagte Ihnen schon, daß die Samoaner im Allgemeinen ziemlich gescheidte Leute sind. Sie kamen denn auch bald auf den Gedanken, daß sie eigent­lich jetzt kaiserliche Beamte wären und sagten mir nun, sie wollten, wie die anderen deutschen Beamten, Gehälter haben. (Große Heiterkeit.) Da sie sich einmal auf die Analogie mit unseren Be­amten berufen hatten, konnte ich ihnen als Antwort eine Vor­lesung halten über den Begriff des Gehalts und sie darüber auf- klären, daß das Gehalt eine Leistung ist, die für eine Gegenleistung gewährt wird. Ich sagte ihnen, allerdings würden bei uns Ge­hälter gezahlt, aber erst müsse etwas geleistet werden und bann erst komme das Gehalt. Die Eingeborenen wollten das nicht recht ver­stehen (Heiterkeit); sie meinten, sie müßten zuerst das Gehalt be­kommen. (Heiterkeit.) Es ist mir dann durch viele Reisen, die ich im ganzen Lande machte, gelungen, die Eingeborenen darüber zu belehren, daß arbeiten keine Schande ist (Heiterkeit), und daß sie, wenn sie Beamte mit Gehalt sein wollten, auch arbeiten müßten. Ich bemerke, daß diese Beamten alles hohe Häuptlinge waren, die thatsächlich auf die Bevölkerung einen sehr segensreichen Einfluß gehabt haben. Die 40 000 Mark nun, die Sie in dem Etat als Einnahme von den Samoanern finden, sind auf folgende Weise

zu Stande gekommen: Ich habe den Leuten gesagt: Wenn Ihr Ge­hälter haben wollt, so müßt Ihr auch Steuern zahlen, wir Deutsche wollen Euer Geld nicht haben, Ihr könnt aber auch nicht unser Geld für Euch verlangen. (Heiterkeit.) Das haben sie verstanden und sich entschlossen. Steuern zu zahlen. So sind ungefähr diese 40 000 Mark eingenommen. Ich habe übrigens mit der vorigen Post von meinem Vertreter in Samoa einen Brief bekommen, in dem er mir mittheilt, daß neue Anträge der Samoaner vorliegen, die dahin gehen, daß in Zukunft nicht nur von Männern, sondern auch von den Weibern und Kindern die Steuer erhoben werden solle (Heiterkeit), und daß bann natürlich die Gehälter ber Samoaner entsprechend erhöht werden. (Stürmische Heiterkeit.) Also die 40 000 Mark sind für die Gehälter ber Samoaner bestimmt. Sie bekommen sie in ber alten Art ber Ehren- und Gastgeschenke, aber nur, wenn sie gearbeitet haben, besonders, wenn sie Wege gebaut haben. Für ben Wegebau ist viel geschehen, es finb dort viele Wege gebaut worden, die unseren deutschen Chausseen verglichen werden können. Ich habe jetzt auch Wagen bestellt, und die Häupt­linge, in dem Distrikt, die die Wege am besten bearbeitet haben, be­kommen einen solchen Wagen. (Hei! leit.) Wer die Sache am besten macht, bekommt den größten Lagen. (Große Heiterkeit.)

Ich hoffe auch, daß Sie mit Rücksicht auf die tatsächlichen Verhältnisse, die noch nicht ganz geklärt sind, dem Gouverneur von Samoa für eine Reihe von Jahren bezüglich ber Behandlung von Eingeborenen eine gewisse Latitube gewähren werben. Es wäre schabe, wenn man gegen biefe Leute mit Gewalt vorgehen unb es bem Gouverneur nicht gestatten wollte, gelegentlich bnrch Liebes­gaben unb Geschenke biefe Leute zu gewinnen. Der Weltreisende Ehlers hat seiner Zeit Samoa die Perle der Südsee genannt. Ich kann Ihnen die Versicherung geben, daß Samoa thatsächlich die Perle ber ©übfee ist. In meinem unb meiner braunen Schutz­befohlenen Namen kann ich nur erklären: Wir würben Ihnen sehr bankbar fein, wenn Sie bei Fassung bieser Perle nicht zu viel an Golbe sparen wollten. (Große Heiterkeit unb lebhafter Beifall.))

Der Etat für Samoa wirb bewilligt.

Hiermit ist die zweite Lesung des Kolonialetats er­ledigt.

Präsident Graf Ballestrem erklärt die Tagesordnung für er­ledigt, übersieht aber dabei, daß noch die Vorlage betr. einer Zins­garantie für die ostafrikanische Bahn Dar-es- SalaamMrogoro auf der Tagesordnung stand. Er schlägt vor, die nächste Sitzung abzuhalten Freitag 1 Uhr mit der Tagesordnung: Rest des Etats und Vorlage betr. die Bahn Dar-es-SalaamMrogoro.

Abg. Schrader (freif. Vgg.) bittet, die ostafrikanische Bahnvor­lage an die erste Stelle der Tagesordnung zu setzen.

Präsident Graf Ballestrem: Ich hätte Ihnen das schon selbst vorgeschlagen, wenn ich mein Versehen früher bemerkt hätte. (Heiterkeit.)

Nächste Sitzung Freitag 1 Uhr. Tagesordnung: 1. Ost- afrikanische Bahnvorlage, 2. Reste des Etats, darunter deS Etats der Zölle, der Reichsbank u. f. w. Schluß 5 Uhr.

Hessischer gaubiag.

Zweite Hessische Ständekammer.

90. Sitzung.

Darmstadt, 6. März.

^Eäfibent Haas eröffnet die Sitzung Um 9.20 Uhr.

Am Regierungstisch: Staatsminister Rothe Exz., Fi- nanzminister Gnauth Exz., Ministerialräte Eisenhuth, Braun.

Es wird mit Beratung des Budgets fortgefahren.

Bei Kapitel 40: Seminarien und Präpa- randen-An st alten beantragt der Ausschuß:

Ablehnung des Lehrerinnenseminars in Darmstadt, Be­willigung der Einnahme von 75 712 Mark und der Aus­gabe von 261583 Mark und Nichtzustimmung zum Miet­vertrag mit der Jnvaliden-Anstalt bezüglich des Hauses Hermannstraße 47.

Ministerialrat Eisenhuth: Man habe ihm von ver­schiedenen Seiten des Hauses angedeutet, die Regierungs­vorlage betreffend die Errichtung eines Lehrerinnensemi­nars sei aussichtslos. Er sei aber entschlossen, mit allem Nachdruck für die Regierungsvorlage einzutreten, weil erfahrungsgemäß die Kammer in erfreulicher Weise ver­nünftigen Gründen zugänglich sei. Durch die Errichtung des Lehrerinnenseminars löse die Kammer ein der Re­gierung vor 28 Jahren gegebenes Versprechen ein. Der Artikel 36 des Schulgesetzes von 1874 enthalte in dieser Beziehung eine Zusage der Zweiten Kammer und sie sei deshalb moralisch verpflichtet, zuzustimmen. Im Jahre 1874 sei das Bedürfnis nach Lehrerinnen noch nicht so vorhanden gewesen wie jetzt. Nunmehr habe sich . das Bedürfnis im vollsten Maße herausgestellt; im Lande seien jetzt 500 ungemischte Mädchenklassen vorhanden und ihre Zahl werde noch weiter wachsen. Tie Regierung habe für ihre seitherige abwartende Haltung verschiedene Gründe gehabt; sie wollte die Mädchen nicht veranlassen, Zeit und Geld zu opfern, um ihnen nachher sagen zu müssen, daß an eine Verwendung im Dienst nicht zu denken sei; dies wäre von dem Staate ein sozialpolitischer Fehler gewesen. Aber noch ein weiterer Punkt sei hier in Frage gekommen) der leidige Geldpunlt. Eine Verwaltung, die so große ^Anforderungen an Staat und Gemeinde stelle, müsse vorsichtig sein mit Neugründungen. Seither sei die drückendste Sorge der Schulverwaltung das Besoldungs­gesetz für die Lehrer gewesen, und um dieses nicht zu gefährden, habe man aus praktischen und taktischen Grün­den mit der Vorlage zurückgehalten. Ter Ausschuß stehe der Verwendung von Lehrerinnen an sich sympathisch gegenüber und er glaube, daß auch im Haufe in dieser Beziehung keine Gegnerschaft bestehe. Der Vorsitzende des ersten Ausschusses habe ihm erklärt, daß sich der Aus­schuß nur schweren Herzens zur Streichung und zwar nur aus finanziellen Gründen entschlossen habe. Die Vor­lage habe nicht nur eine pädagogische, sondern auch eine sozialpolitische Seite. Den Mädchen, die sich nicht ver­heiraten, werde Gelegenheit geboten, sich auf eigene Füße zu stellen. Draußen aus dem Lande nehme man eine gewisse ablehnende Hacknng gegenüber den Lehrerinnen ein; die Regierung denke aber nicht entfernt daran, die Lehrerinnen in unlauteren Wettbewerb mit den Lehrern treten zu lassen. Tie Regierung sei gesetzlich an die Ver­wendung de. Leherinnen an neuen Mädchenk.assen ge­bunden ; ein kollegiales Zusammenwftlen der Lehrerinnen und Lehrer an den Mädchenklassen halte er für sehr er­sprießlich. Daß die Lehrerinnen im Unterricht und in der (Erziehung nicht das leisten, was die Lehrer leisten, gebe c£ aus Grund seiner Erfahrungen als Direktor einer höheren Mädchenschule nicht zu. Aber selbst wenn sie dies , nicht leisteten, was würden dann wohl die Lehrer leisten, iwenn sie sich ebenso vorbereiten müßten, wie die Lehre­rinnen. Sei es beim des Staates würdig, daß er 200 000 Mark für die Lehrer ausgebe und für die Lehrerinnen keinen roten Pfennig übrig habe. Solle man dann seine

Kinder Lehrerinnen in die Hände geben, die nicht ent­sprechend ausgebildet seien. Mangels geeigneter Vor­bereitung gingen die Mädchen oft an eine unlösbare Auf­gabe. Nicht nur das Gefühl des Mitleids steige dann in ihm auf, sondern auch das der Beschämung. Bei dem gegenwärtigen Zustand verlange man Feigen vom Dorn­busch, und das sei nicht recht.

9hm wolle er einmal die Begründung des Ausschuß­antrages unter die logische Lupe nehmen. Ob eine Ein­richtung dringlich sei oder nicht, tonne doch nicht von der Finanzlage hergeleitet werden. Weiter habe der Aus­schuß ben Preis von 110 000 Mark für ben in Aussicht gestellten Ankauf eines Gebäudes beanstandet. Vorläufig aber habe man vorsichtigerweise einmal erst gemietet auf 10 Jahre unb sich das Vorkaufsrecht gesichert, von dem man, falls sich bie Sache belvähre, später Gebrauch machen wolle. Tie Regierung habe dem Ausschüsse in eingeherb­stem Maße nach gewiesen, warum sie die Errichtung des Seminars in einem Landstädtchen nicht ins Auge fassen könne. Es sei vor allem bort unmöglich, 120150 Mäd­chen in Pension unterzubringen; es müßte bann ein Internat vorgesehen werben, dessen Neubau 300350 000 Mark kosten würde. _ Ter zweite Grund liege in der Rück­sicht, die man auf die Katholiken nehmen müsse. In diesen Kreisen sei die Ansicht geäußert worden, daß be­absichtigt sei, ein evangelisches Lehrerinnen-Seminar zu errichten. Daran sei nicht zu denken. Die Regierung werde die Errichtung des Seminars niemals an einem Platze vornehmen, wo die Katholiken an der Ausübung ihres religiösen Bekenntnisses behindert feien. Weiter sei für die Schülerinnen auf dem Lande keine Gelegenheit zum Uebungsunterricht; in ben wenigsten Landstädtchen feien foviele katholische Kinder vorhanden, daß zweckmäßiger praktischer Uebungs- unb Religionsunterricht aus geübt wer­den könnte. Bei derartigen Fragen solle man sich stets nur bie Frage vorlegen, wie werben bie Bedürfnisse am besten zu befriedigen fein4 unb bei einer Entscheidung über Lanbesinteressen sollten private Interessen in ben Hinter- grunb, treten. Für bie Errichtung eines Seminars in Darmstadt seien, ganz abgesehen von dem Vorhandensein weiterer Bilbungsanstalten, folgende Gründe maßgebend: Tie Anstalt könne schon nächsten Monat eröffnet werden und die Mädchenmittelschule, die als Uebungsschule dienen solle, sei nur 200 Schritte von dem Institut entfernt unb aufjerbem stehe die städtische Turnhalle zur Verfügung. Aber was die Hauptsache sei, die Ergänzung, dieRe­krutierung" der Anstalt fei hier leichter durchzuführen, indem man auf einen starken Grundstock aus der Viktoria- schule und Mädchenmittelschule rechnen dürfe. Aus dem Lande sei dies ausgeschlossen. Nicht mit pathetischen Wor­ten von idealen Ausgaben richte er seine dringende Auf­forderung an die Landstände, die Vorlage zu genehmigen, sondern er wende sich an ihren praktischen Sinn. Auf diesem Wege werde in der denkbar billigsten Weise ein Bedürfnis befriedigt, das in ein paar Jahren mit erheb­lich höheren Kosten doch werde befriedigt werden müssen.

Abg. Backes (nl.): Auch er bitte, dem Ausschüsse nicht zuzustimmen. Von seinem Standpunkt aus sei zwar kein Grund vorhanden, die Zahl der Lehrerinnen zu ver­mehren, aber nach der Erklärung der Regierung nehme er an, daß sich das Institut nicht in der befürchteten Weife auswachsen werde. Er habe sich gefreut, daß der Ausschuß keine prinzipielle Bedenken gehabt habe. Neulich feien Kulturausgaben für Wälder bewilligt worden, aber diese Ausgabe für unsere Kinder werde sich noch besser rentieren. Gerade jetzt sei Gelegenheit zur billigen Er­werbung eines Hauses vorhanden. Tas Institut müsse in die Stadt gelegt werden, wie er auch ber Ansicht sei, baß es zweckmäßiger gewesen wäre, auch bie Lehrerseminare in die Städte zu verlegen. Er bitte, bie Reigerungsvorlage zu genehmigen.

Abb- Jöckel (nl.): Tie Ausgaben für Bilbung seien probuktive Ausgaben; hierfür müßten wir Geld haben. Ter Zudrang zum Lehrerberufe habe außerordentlich ab­

genommen unb zur Zeit herrsche Lehrermangel. Wenn die Regierung diesen Mangel fürchte, unb ihn abstellen wolle durch die Vorlage, so müsse man die Regierung in ihrem Bestreben unterstützen. Tas Seminar in Darmstadt fei für weniges Geld zu errichten unb er könne sich einen besseren unb geeigneteren Platz als bie Residenz nicht denken. Er werbe der Vorlage zustimmen.

(Fortsetzung im Hauptblatt.)

Vermischtes.

* Eine Knnbe von Andree? Die Manidoba-Hud- sonbai-Gesellschaft erhielt eine Nachricht aus ihrer nörd­lichsten Faktorei in Churchill, daß ein Stamm wilder Es­kimos b r ei Män ner, welche in einem großen Cujak ober Boot burch die Lüfte gekommen feien, mittels Bogen unb Pfeile getötet hätte. Diese Nachricht scheint sich auf Anbree zu beziehen unb einigermaßen verläßlich zu sein, ba die Foktorei einen ziemlich eingehenben Bericht über bie Ausrüstung des Luftballons schickt, sowie auch meldeit, daß ber wilde Eskimo stamm, den die Leute ber Faktorei gefunden hätten, Messer, Tabak und Patronen hatte, aber nichts habe hergeben wollen.

Neueste Meldungen.

Originaldrahtmeldungen des Gießener Anzeigers.

Stuttgart, 7. März. Bei der von Studenten der Technischen Hochschule gegebenen Vorstellung in der Lieberhalle zu Gunsten ber Bismarcksäule brach auf ber Bühne Feuer aus. Der Vorhang flammte plötzlich auf unb setzte bie Koulissen in Branb. Die Panik des Publi­kums war im ersten Augenblick sehr groß, boch leerte sich ber Saal schließlich in großer Ordnung. Die Feuerwehr beschränkte ben Brand auf bie Bühne.

Lonbon, 7. März. Der Dampfer der Amerikalinie Walslanb" kollidierte mit dem Dampfer ber Houston- LinieHarmonibes" auf ber Höhe von Hollyhead. Der erstere sank. Seine Passagiere, 114 an ber Zahl, sowie die 89 Köpfe starke Besatzung wurden von demHarmonibes" ausgenommen.

Brüssel, 7. März. Vor einer Versammlung, in der mehrere liberale und sozialistische Deputierte das Wort er­griffen, wurde ein Telegramm an ben König gesandt, in dem es heißt:2500 Arbeiter unb Bürger machen den König auf den Ernst der Kundgebungen aufmerk­sam, die zu Gunsten des allgemeinen Stimmrechts stattfanden, und fordern ihn auf, seine Macht in dem Sinne zu betätigen, daß eine Lösung der Wahlfrage schleunigst auf friedlichem Wege herbeigeführt werde.

Rom, 6. März. Der P a p st empfing heute aus Anlaß seines Jubiläums die vom deutschen Kaiser entsandte Spezialmission unter Führung des Generalobersten v. Los unb später die bayerische Spezialmission. Die Empfänge fanden im Thronsaale in feierlichster Weise statt. Päpstliche Truppen erwiesen die militärischen Ehren. Später fand zu Ehren der deutschen Mission ein Frühstück beim preußischen Gesandten o. Rotenhan statt. General­oberst v. Loö, der dem Papst ein Geschenk des deutschen Kaisers, bestehend in einer prachtvollen Stutzuhr aus Por­zellan im Roccocostyl, überreichte, betonte hierbei die guten Beziehungen, welche sich zwischen Deutsch­land und dem Vatikan entwickelten, und erinnerte daran, daßew bereits im Jahre 1888 den Papst zu seinem Bischofjubiläum beglückwünschte. Der Papst jprach seinen lebhaften Dank für das Geschenk aus unb erklärte, er sei sehr bankbar, daß ber Kaiser eine besondere Mission entsandte, unb sehr erfreut über bie gegen­wärtig zwischen dem Kaiser unb feinen ka­tholischen UntertHanen bestehenden Bezieh­ungen. Tie bayerische Mission überreichte ein kostbares Kruzifix.