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07/03/1902 Drittes Blatt
 
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Nr. 56

Freitag, V. März 1903

153. Jahrg.

Erscheint täglich mit Ausnahme deS Sonntags.

DieSiebener Zamilicndlätter" werden dem Anzeiger viermal wöchentlich beigelegt. Der .hessische Landwirt" erscheint monatlich einmal.

Gietzener Anzeiger

Verantwortlich für den allgemeinen Teil: P. Wittko; für den Anzeigenteil: H. Beck.

Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitätsdruckerei (Pietsch Erben), Gießen,

General-Anzeiger, Amis- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.

Parlamentarische Verhandlungen.

Nachdruck ohne Vereinbarung nicht gestattet.

Deutscher Reichstag.

169. Sitzung vom 6. März.

1 Uhr. Das Haus ist schwach besetzt.

Am Bundesrathstisch: Frhr. v. Richthofen, Kraetke, Stübel u. A. ,

Die zweite Berathung des Kolonial-Etats wird beim Etat für Ostafrika fortgesetzt. .

Der Re st dieses Etats wird debattelos g e n e hm i g t.

In Verbindung mit diesem Etat steht noch eine Position des Postetats, die für die Herstellung einer Telegraphenlinie im Innern von Oftafrika von Mpapua nach Tabora 602 000 Mk. fordert. Die Kommission hat 302 000 Mk. abgesetzt und als erste Rate nur 300 000 Mk. bewilligt.

Dere Referent Abg. Bassermann (nat.-lib.) berichtet über die Verhandlungen der Kommission.

Abg. Dr. Müller-Sagan sfreis. Vp.): Mit Rücksicht auf die ungünstige Finanzlage müssen wir alle Ausgaben in Ostafrika, die nicht unbedingt nöthig sind, aufschicben. Wir haben ja in Deutsch­land selbst genug Kulturaufgaben zu erfüllen. Es wird gesagt, daß Tabora ein sehr wichtiger Punkt ist; es sollen dort 1000 Mann der Schutztruppen und 15 000 Eingeborene sein. Wieviel von diesen 16 000 Mann werden wohl in der Lage sein, zu telegraphiren? Die gegenwärtige Finanzlage gebietet, die Forderung zu streichen.

Staatssekretär im ReichZpostamt Kraetke: Auf die ungünstige Finanzlage haben wir bereits bei Aufstellung des Etats Rücksicht genommen, wir müssen aber darauf bestehen, die Fortführung des Telegraphen zu fordern. Es handelt sich um eine Anlage, die eine Verbindung des Innern von Afrika mit der Küste Herstellen soll. Aus verkehrspolitischen Rücksichten ist es nothwendig, daß wir eine Verbindung von dem Schutzgebiet nach Europa haben. Wir haben zwar eine Verbindung, aber bekanntlich ist das Kabel Dar-es- Salaam-Sansibar oft nicht betriebsfähig. Sobald die Kap-Kairo- Linie fertig ist, können wir den Anschluß nach Europa jederzeit haben. Sie wissen wohl, daß man zwei Linien haben muß, da bei solchen Entfernungen nicht mehr darauf gerechnet werden kann, daß die Verbindung stets brauchbar ist. Wir haben Sie bereits im vorigen Jahre um Bewilligung der Linie gebeten, es sind aber nur die Kosten für die Vorarbeiten genehmigt. Diese Vorarbeiten sind im Gange, wir können ja in dem tropischen Klima nicht bauen, wenn wir wollen, sondern wir müssen die günstigste Jahreszeit aus­nutzen. Wir sind gezwungen, um größere Kosten zu vermeiden, den Bau in unmittelbarem Anschluß an die bisherigen Arbeiten vorzu­nehmen. Wenn man nun sagt: Ja, wer telegraphirt denn dort? wenn man sich den kleinen Scherz macht und fragt, was für Menschen denn dort wohnen, so möchte ich doch nicht unerwähnt lassen, daß es sich um Personen handelt, denen das Vaterland zu Dank ver­pflichtet ist. Sie dürfen nicht vergessen, daß diese Leute auf Vieles verzichten, woran Sie gewöhnt sind. Namentlich erkennen wir die Leistungen der Missionen voll an, und wenn wir ihnen die Mög­lichkeit schaffen, mit der Heimath in Verbindung zu bleiben, so ist das etwas, was wir zu thun verpflichtet sind. Ich kann Sie nur um Bewilligung der Forderung bitten.

Abg. Frese (freis. Vgg.): Ich kann nach den Darlegungen des Staatssekretärs verzichten, auf die Materie selbst einzugehen. Nur wenige Worte über das Telegraphenwesen im Allgemeinen! Nach meiner Ansicht hat die englische Regierung in sehr Üuger Weise schon vor Jahren immer daran gedacht, überall sich die Telegraphirfähig- keit zu schützen; sie hat in allen fremden Ländern die Erlaubnitz für Landkabel erworben und wir mußten bekanntlich, als unser Kabel von den Azoren nach Nciv-Aork gelegt wurde, das erste Kabel nach den Azoren von England kaufen. Ich begrüße es daher mit Freuden, wenn jetzt anders gehandelt ivird als früher, und ich würde es außerordentlich bedauern, wenn der hier geforderte Posten abge­lehnt werden sollte. Wir hängen in sehr unerfreulicher Weise jetzt schon von England ab; ich weise nur auf die Bevorzugung der eng­lischen Depeschen von Liverpool nach England in Bezug auf Baum­wolle hin, die speziell einen großen Stapelartikel darstellt, der auch für Deutschland einen erheblichen Werth für die Spinnereien hat. Speziell hat Bremen immer darunter zu leiden gehabt. Es ist das ein Beweis dafür, daß wir in Bezug auf das schnelle Nachrichtgeben nicht genug thun können, und wenn hier zugleich etwas geschieht, um die Deutschen, die drüben in unseren Kolonien sind, zu schützen, aber auch um Nachrichten von bedeutender Wichtigkeit, sei cs in Bezug auf Entdeckung, sei es in Bezug auf Erforschung, früher zu erhalten als Andere oder mindestens ebenso früh, so ist das außer­ordentlich bedeutsam für die Fortschritte in . unseren Kolonien. Wenn wir einmal Kolonien haben, dann müssen wir auch dafür thun, was nöthig ist, um sie für uns zu fruktifiziren. Ich erblicke gerade in der Legung von Telegraphenkabeln ein außerordentlich förderndes Moment und würde die Ablehnung der Position sehr bedauern. (Beifall.)

Abg. Dasbach (Ctr.): Man wird doch auf jeder Telegraphen­station einen Beamten halten müssen, und es erscheint mir noch sehr fraglich, ob jeder Beamte auch nur ein Telegramm auf den Tag zu befördern haben wird. Wenn man etwas für die Kolonien bewilligt haben will, so pflegt man jetzt immer die Missionen vorzu­schieben; die aber werden kaum einen Vortheil von der Tele- graphenlinie haben. Die Reichsschuld schwillt lawinenartig an, da sollte man uns doch nicht mit solchen Forderungen kommen. Ich bitte um Ablehnung der Position.

Staatssekretär Kraetke: Der Telegraphendienst in der Kolonie wurde zum großen Theile von Unteroffizieren der Schutz­truppe versorgt werden; erhebliche Betriebskosten würden also nicht entstehen; es ist also auch keine Rede davon, daß wir mit großen Nachforderungen für Betriebskosten kommen würden.

Kolonialdirektor Stübel: Die Linie ist nothwendig schon des­halb, um gegen ausbrechende Unruhen schnell Vorkehrungen zu treffen und bei vorkommcnden Unglücksfällen zur Rettung von Menschenleben Hilfe rasch herbeizurufen. Wer rasch Hilst, Hilst in solchen Fällen bekanntlich meistens doppelt.

Der Kommissionsbeschluß wird darauf mit großer Mehrheit unter Beifall der Rechten und der National-Liberalen angenommen; das Centrum stimmt getheilt.

Beim Etat von Kamerun führt

Abg. Schrempf (kons.) Beschwerde darüber, daß zu große Territorien an einzelne Privatgesellschaften abgegeben würden. Gegenüber diesen Landkonzessionen sind die für die Eingeborenen und die Missionare reservirten Landstriche viel zu klein. Unerhört ist es, wie schlecht die schwarzen Arbeiter bei manchen Plantagen- gesellschasten behandelt werden. Das wird bestätigt dadurch, daß fast 20 Prozent der Neger in den letzten Jahren gestorben sind. Auch Mißhandlungen sind nicht selten, so z. B. wurden von einem Aufseher einem Neger die Hände mit Spiritus begossen und ange­zündet. Wenn die Missionare nicht so viele Erfolge haben, wie man von ihnen erwartet hat, so liegt das auch wesentlich an den Plantagenbesitzern, denen es nur darum zu thun ist, die Neger aus­

zubeuten und die sich dabei nicht gern auf die Finger sehen lassen. Es wäre aber für die Kolonie von großem Nutzen, wenn möglichst viele Missionsstationen da wären. Die Kolonialabtheilung sollte den Missionaren weit größeres Wohlwollen entgegenbringen.

Abg. PrinzArcnberg (Ctr.): Ich möchte nur feststellen, daß das Verhältniß des Auswärtigen Amtes zu den Missionen das beste ist, und daß die Wünsche der Missionare bei der Kolonial­abtheilung stets das weiteste Entgegenkommen finden.

Abg. Dr. Hasse (nat.-lib.) : Man hat aus kaufmännischen Kreisen Klage darüber geführt, daß die Schutztruppe weniger eine Schutztruppe als eine Kampftruppe sei und sich der kaufmännischen Interessen zu wenig annehmc. Es mag ja bei diesen Klagen Manches übertrieben sein, aber auch ich bin der Meinung, daß die Schutztruppe allmälig in eine Polizcitruppe verwandelt und einem Civilgouverneur unterstellt werden sollte. Die Schuhtruppe sollte weniger auf kriegerische Abenteuer ausgchen und sich in höherem Maße den bürgerlichen Erwerbsverhältnissen widmen.

Kolonialdirektor Stuebel: Die Angriffe, die der Abg. Schrempf im vorigen Jahre gegen die Beamten in Kamerun gerichtet hat, lassen sich nicht aufrecht erhalten. Ich hoste, Herr Schrempf wird in der Zwischenzeit selber zu dieser Ueberzeugung gekommen sein. Es sind ausgezeichnete und pflichttreue Beamte und ich will nur wünschen, daß sie dem Schutzgebiet noch recht lange erhalten bleiben. Um den Eingeborenen eine größere Bewegungsfreiheit zu geben, habe ich Alles gethan, was in meinen Kräften stand. Ich bin be­strebt gewesen, beiden Theilen gerecht zu werden, den Eingeborenen sowohl wie den Plantagenbesitzern. Ueber die Landverthcilung wird sobald wie möglich eine statistische Zusammenstellung erfolgen. Bezüglich der Sterblichkeit unter den schwarzen Arbeitern ist die Anordnung getroffen worden, daß jeder Todesfall in Listen einzu­tragen ist, die der Kontrole unterliegen. Die sehr bedauerlichen Verfehlungen von Angestellten der Pflanzungsgesellschaften und kaufmännischen Geschäfte mißbilligen wir auf das Schärfste und haben Alles gethan, um ihnen für die Zukunft vorzubeugcn. Uebrigens waren die Darstellungen der Presse über diese Vorfälle vielfach übertrieben. Das Vorgehen der Gerichte gegen solche Uebergriffe hat bereits einen heilsamen Einfluß ausgeübt. Die Be­merkung des Prinzen Arenberg über das Verhältniß des Auswär­tigen Amtes und der Kolonialverwaltung zu den Missionen kann ich nur bestätigen, und ich werde Alles thun, um dieses ausgezeichnete Verhältniß aufrecht zu erhalten. Die Beschwerden des Abg. Hasse gegen die Schutztruppe gingen Wohl zu weit. Es ist ja schwierig für die Schutztruppe, dort den kaufmännischen Interessen stets ge­recht zu werden, aber daß sie das redliche Bestreben haben, die Interessen des Friedens in jeder Beziehung zu wahren, und daß insbesondere auch die Offiziere von diesem Geiste erfüllt sind, kann schwerlich bestritten werden. Ich hebe es mit Nachdruck hervor, daß auch ich hierfür zu sorgen stets bemüht sein werde.

Abg. Dasbach (Centr.): Ich habe mit keiner Silbe gesagt, daß zwischen der Kolonialverwaltung und den Missionaren kein gutes Einvernehmen bestehe. Ich erkenne an, daß der Staatssekretär wiederholt das Lob der Missionare gesungen hat. Ich möchte nur wünschen, daß das auch an anderen amtlichen Stellen geschähe, im preußischen Abgeordnetenhause sind wir nicht gewöhnt, das Lob der Missionare zu hören. Dort . . .

Präs. Graf Ballestrem: Herr Abgeordneter, wir befinden uns jetzt hier in Kamerun, nicht im preußischen Landtag. (Heiterkeit.)

Abg. CahenSly (Centr.) verlangt eine Entschädigung für die Missionare in Kribi, deren Station bei einem Aufstande zerstört woroen ist.

Direktor Stuebel: Ueber die Entschädigung wird jetzt ver­handelt.

Abg. Ledebour (Soz.) bittet um nähere Mittheilung über die Richtigkeit der Zeitungsnachrichten über Mißhandlungen in Ka­merun. Der Kolonialdirektor hat bereits in der Kommission zu­gegeben, daß Mißhandlungen vorgekommen sind; er hat nur gesagt, die Zeitungsnachrichten seien übertrieben. Damit können wir uns aber nicht zustieden geben. Ich frage deshalb den Kolonialdirektor: Ist es wahr, daß ein Neger gepfählt worden jst? Und inwiefern sind die Zeitungsnachrichten übertrieben? Ist es richtig, daß einem anderen Neger die Hand mit Spiritus übergossen und angezündet worden ist?

Direktor Stuebel: Ich glaube nicht, daß es angebracht ist, hier im Reichstag von jeder unmenschlichen That, die verübt worden ist, alle Einzelheiten mitzutheilen. Ich habe aber die Gerichtserkennt- niffe über die Fälle, um die es sich handelt, vor mir und will daraus die Hauptsache mittheilen: In einem Falle ist ein Kaufmann wegen Körperverletzung und Freiheitsberaubung zu 1 Jahr Gcfängniß verurtheilt worden. Ein anderer Kaufmann wurde wegen Frei­heitsberaubung und räuberischer Erpressung zu 5 Jahren Gefäng- niß verurtheilt: Der Kaufmann Wittenberg schließlich ist ebenfalls zu 5 Jahren Gefängniß verurtheilt worden und zwar wegen Frei­heitsberaubung. Davon, daß einer der Verurteilten Neger ge­pfählt hätte, steht in dem Urtheil nichts. Insofern war die Zei­tungsnachricht jedenfalls übertrieben.

Abg. Schrempf (kons.) bleibt gegenüber dem Kolonialdirektor dabei, daß seine Angriffe gegen das System Puttkamer berechtigt gewesen seien. Auf eine weitere Bemerkung des Redners erwidert

Geheimer Legationsrath Scitz: Der Gewährsmann des Abg. Schrempf ist, wie ich aus eigener Kenntniß sagen kann, durchaus unzuverlässig. Bei der Verteilung des Landes kann auf das an­gebliche Jagdrecht der Eingeborenen keine Rücksicht genommen werden.

Der Etat für Kamerun wird hierauf genehmigt.

Beim Etat für Togo bemerkt

Abg. Dr. Hasse (nat.-lib.): Die Angehörigen der Polizeitruppe in Togo beschweren sich darüber, daß sie als Schutztruppe behan­delt werden, aber nur die Kompetenzen von Polizeitruppen haben. Ich halte es für Wünschenswerth, daß unsere Schutztruppen allmälrg alle in Polizeitruppen umgewandelt werden. Die Schutztruppen haben gegenüber dem Gouverneur eine gewisse Selbständigkeit und das führt zu einem Dualismus der Verwaltung, der bedenklich ist.

Direktor Stuebel sschwer verständlich) scheint auszuführen, daß nicht alle Schutztruppen in Polizeitruppen umgewandelt werden können. Es sei noch fraglich, wer besser gestellt sei, die Schutz­truppe oder die Polizetruppe.

Der Etat wird genehmigt.

Beim Etat für Südwestafrika bemerkt

Abg. Dr. Hasse (nat.-lib.): Wenn wir Südwestaftika nutzbar machen wollen, so müssen wir den alten Inhabern von Rechten, die von ihren Rechten keinen Gebrauch machen, energisch zu Leibe rücken.. Ich schließe dabei deutsche Gesellschaften ein. Der Kolo­nialdirektor möge hier eine harte Hand haben.

Der Etat wird genehmigt; ebenso ohne Debatte der Etat für Neu-Guinea.

Beim Etat der Karolinen, Palauund Marianen bemerkt

Abg. Dr. Wiemer (freis. Vp.): Wir haben für die Inseln 17 Millionen bezahlt und leisten einen Zuschuß von jährlich 33 000 Mark. Unsere pessimistischen Anschauungen über die Inseln haben sich als vollständig richtig erwiesen. Was uns Anfangs Herr

v. Bülow in seiner tropisch-üppigen Beredtsamkeit, die damals no , mehr Eindruck machte, weil sie neu war, und durch die er die stimmung des Reichstages zum Ankauf der Insel:

die Inseln erzählte, war durchaus unzutreffend und steht im geraden Gegensatz zur Wirklichkeit. Der eine Theil der eingeborenen Be­völkerung wird als ein ganz vortrefflicher Menschenschlag geschil? dert; er hat nur den einen Fehler, daß er ausstirbt. Der andere Theil taugt nichts, lebt parasitisch und unsittlich. Weiße giebt eS nur wenig. Die Gesundheitsverhältnisse sind schlecht.

Staatssekretär Frhr. v. Nichthofen: Der Vorredner hat mit einigen minder wohlwollenden Worten über die Beredtsamkett meines Amtsvorgängers, des jetzigen Reichskanzlers, begonnen. Ich habe den Eindruck, daß die damaligen Worte des Grafen Bülow doch tief im Gedächtniß des Vorredners haften geblieben sind; ich bin auch der Meinung, daß die Beredtsamkeit des Reichskanzlers für den Vorredner und seine Partei nicht immer bequem ist. Aber in diesem Falle hat der Abg. Wiemer die Beredtsamkeit des Reichs­kanzlers doch überschätzt. Der Grund der Erwerbung der Karolinen lag nicht in den Worten des damaligen Staatssekretärs v. Bulow, sondern in dem Interesse, das wir daran haben, diese Inseln als Bindeglied zwischen Neu-Guinea und den Marschallinseln nicht in fcrmdc Hände gelangen zu lassen, in dem nationalen Wunsch, sie in deutschen Besitz zu bekommen. Dieser Wunsch ist seitens des Reichs­tages als berechtigt anerkannt worden. (Zustimmung.)

Gouverneur von Neu-Guinea v. Bennigsen: Der so außer­ordentlich ungünstigen Beurteilung der Karolinen und Marianen durch den Abg. Wiemer muß ich doch in mancher Hinsicht entgegen­treten. Wenn auch in der Denkschrift manches, vieles Ungünstige über die Inseln enthalten ist, so möchte ich doch betonen, daß diese Denkschrift auf Grund der gewissenhaften Angaben der drei Bezirks­amtmänner ausgearbeitet worden ist (Sehr richtig! links), und daß diese Herren entschieden das Hauptgewicht darauf gelegt haben, die ersten Berichte über das Jnselgebiet so zu gestalten, daß in dem Volke auf Grund dieser Berichte ja keine Enttäuschung entstehen möge. (Sehr gut! links.) Diesen Punkt halte ich für vollkommen richtig. Ich glaube selbst, daß man feiner Zeit bei dem Ankauf dieses Gebiets, für den übrigens in erster Linie, wie der Staats­sekretär ausgeführt hat, nicht wirthschaftliche, sondern politische Gründe maßgebend gewesen sind, ich glaube allerdings, daß man geneigt gewesen ist, den Werth dieses Jnselgebiets zu überschätzen. (Hört! Hört! links.) Aber diese Inseln dort liegen so außerordentlich weit auseinander, in so außerordentlich verschiedenen klimatischen und gesundheitlichen Regionen, daß es sehr schwer ist, sich über sie ein richtiges Gesammtbild zu machen. Jetzt, nach dem kurzen Zeit­raum, in dem wir diese Inseln besitzen, sich schon ein Bild machen zu können, ist selbst den Beamten, die dort draußen thätig sind, un­möglich. Es giebt unter den Inseln zweifellos solche, auf denen em Plantagenbau möglich ist, es giebt Inseln, auf denen nachgewiesener­maßen Kakao, Tabak und Kaffee gedeihen. Es giebt ebenso sandige, kleinere Inseln, die für die Bestockung mit Kokuspalmen sehr geeignet finZf. Das können Sie daran sehen, daß es unter den Marianen Inseln giebt, die wilde Kokusnußbestände haben und die, ohne daß das Gouvernement irgend einen Pfennig Kosten davon hat, für 12 000 Mark an eingeborene Tagalen verpachtet worden sind. Also diese Inseln, diese nackten, kleinen Eilande, sind so günstig, daß die Palmen dort von selbst gedeihen, ohne Hilfe von Menschenhand. Wenn nun darauf hingewiesen ist, daß die Ar- beiterfrage für das Jnselgebiet sich nicht einfach lösen ließe, so möchte ich annehmen, daß besondere Schwierigkeiten sich in der Zu­kunft doch nicht bieten werden. Auf einzelnen Inseln ist die Be­völkerung außerordentlich arbeitsam und willig. Ich möchte da z. B. auf die Insel Uap Hinweisen. Dort sind in ganz kurzer Zeit über die ganze Insel hinüber, jedenfalls zwischen 50 und 100 Kilo­meter, Straßen gebaut, zum Theil die reinen Kunststraßen, es ist ein Kanal gegraben worden von mehr als 2 Kilometer Länge, und diese ganzen Arbeiten haben das Gouvernement fast nichts ge­kostet. Es hat vollkommen genügt, daß der Bezirksamtmann die Eingeborenen auf die Nützlichkeit der Arbeit hingewiesen hat; dann haben sie die Arbeit geleistet. Räudige Schafe giebt cs natürlich auch unter den Dap-Jnsulanern. Aber gegen diese Leute hat der Gouverneur ein sehr einfaches Mittel. Er schreibt ganz einfach auf eins von den großen Stücken Steingeld, das sie heute noch in ihrem Besitz haben, die Buchstaben B. A., d. h. Bezirksamt, und dann ist das Steingeld so lange gepfändet, bis die Betreffenden die Strecke Weges gebaut haben, die auf ihren Kopf fällt. Das hat also nicht die geringsten Schwierigkeiten. Es giebt allerdings von den ganzen Inseln eine, von der man sagen könnte, sie hat eine Bevölkerung, die wirklich kriegerisch ist; das ist die Insel Ponapi. Dort ist es den Einwohnern gelungen, an einem Tage die ganze Besatzung der Spanier niederzumachen. Wir haben uns trotzdem dort nieder­gelassen mit einer ganz kleinen Polizeitruppe. Ich bin, obwohl mir die Spanier sagten, man könnte sich ohne die nöthigen Gewehre nicht hinauswagen, dort gleich in den ersten Tagen ohne jede Bewaffnung, außer dem Jagdgewehr, mit einigen Europäern in das Innere ge­gangen. Die Eingeborenen, die uns freundlich und friedlich ent­gegenkamen, sagten uns, sie freuten sich, daß sie unter die deutsche Herrschaft kämen, sie würden uns nie etwas thun, sie wären nur mit der spanischen Herrschaft unzufrieden gewesen. Daß das richtig ist, hat sich bislang bewährt, denn wir haben nur eine Polizeitruppe von 50 Mann dort, während unter der Bevölkerung sich mindestens 1000 mit Gewehren bewaffnete Menschen befinden, und ich hoffe, wir werden auch auf dieser Insel keine Verwicke­lungen haben. Die Bevölkerung auf den übrigen Inseln ist als vollkommen ftiedlich gegenüber den Europäern zu betrachten. Wir werden dort nie eine Schutztruppe brauchen, sondern wir werden immer mit einer geringen Polizeitruppe auskommen. Es wird auch nach meiner Ueberzeugung in anderer Beziehung nie davon die Siebe sein können, daß für diese Inseln große Aufwendungen nöthig sein werden, sondern man wird bei ruhiger, sicherer Verwaltung den Reichszuschuß. alljährlich heruntersetzen können, namentlich wenn man int Jnselgebiet, was bisher noch nicht geschehen ist, was aber sonst in solchen Kolonien überall geschieht, Einfuhrzölle in der Höhe von etwa 10 Prozent einführt und allmählich auch dazu schreitet, die an sich willigen Einwohner dahin zu veranlassen, daß sie Kopra schneiden als Steuer. Ich bin fest überzeugt, wenn die Verwaltung in ruhiger, sicherer Weise fortschreitet, werden sich die Einnahmequellen vermehren und die Inseln in absehbarer Zeit einen NeichSzuschuß überhaupt nicht mehr erfordern. Wenn nun aber auch die wirtschaftlichen Vortheile, die Deutschland aus diesem Jnsel­gebiet hat, nicht besonders groß sind, so glaube ich doch, daß wir einen sehr hohen, ideellen Zweck dort verfolgen. Dieser Zweck besteht darin, die Polynesier, welche die westlichen und östlichen Karolinen bewohnen, und ebenso die Bewohner der Marianen es an sich . verdienen, daß eine humane, europäische Kultur sich ihrer annimmt und sie davor bewahrt, daß sie sich gegen» fettig ausrotten oder durch Krankheit zuGrunde gehen. Die Poly­nesier sind im Gegensätze zu den schwarzen Bewohnern der Südsee- lander und den Papuanegern keine Menschenftesser. Der Poly- nester ist ein stolzer, aber friedliebender Mensch und ein schöner Mensch, und Deutschland sollte sich eine Ehre daraus machen- fcfc