Ausgabe 
6.1.1902 Erstes Blatt
 
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den Eindruck eines sinnlos Betrunkenen gemacht habe- Daraufhin hat der Ehrenrat keinen Anlaß gesehen, den Weg eines friedlichen Ausgleiches zu empfehlen- Ter Spruch war gewiß nach bestem Wissen und Gewissen gefällt- Worauf sollte nun der Oberst ein abweichendes Urteil gründen? Hätte er nicht fürchten müssen, im Falle einer anderen Entscheidung ohne ausreichende Unterlage eines Mangels an Entschlossenheit, einer ängstlichen Scheu vor der Schwere seiner Verantwortung geziehen zu werden? Als Laie in psychiatrischen Dingen konnte er sich nur an die Bekundungen der Augenzeugen halten- Wesentlich anders hätte die Sache gelegen, wenn der Ehrenrat verpflichtet wäre, in Fällen, die ähnliche psycholo­gische Unbegreiflichkeiten für den Laien bieten, wie der Jnsterburger, Sachverständige zu Rate zu ziehen. Dann wäre vielleicht die Entscheidung des Ehrenrates anders ausgefallen, und wenn nicht, dann hätte der Regimentskommandeur jedenfalls eine sach­gemäße Unterlage gehabt den ehrenrätlichen Entscheid anzufechtcn- Darum wäre es wohl angebracht, in dem angedeuteten Sinne den Erlaß vom 1- Januar 1897 zu ergänzen, um in ähnlichen Fällen wie dem in Insterburg verdiente Offiziere vor einer schwierigen Situation zu bewahren, in welcher ihre Entscheidung nach beiden Seiten hin für sie zum Nachteile ausschlagen könnte-"

Sollte das genannte Berliner Organ mit diesen Aus­führungen eine bevorstehende Aenderung jenes kaiserlichen Duell-Erlasses andeuten? Das neueste Duell, das in Jena, das in unserer letzten Nummer ein Telegramm mitteilte, hat wieder ein junges blühendes Menschenleben gefordert- Man darf nach den traurigen Vorgängen in Insterburg darauf gespannt sein, zu erfahren, wie in diesem Falle der Ehrenrat seine Aufgabe aufgefaßt hat- Ter er­schossene Student heißt Held, Gegner war der Leutnant Thieme vom Jenaer Bataillon des großh- sächs. Jnf.-Re- grments Nr. 94. Die Beleidigungsszene spielte sich auf dem Jenaer Markte ab-

Mit gewissen schmerzlichen Gefühlen werden die Herren Polen in Galizien von den zwischen den Herrschern Deutsch­lands und Oesterreich-Ungarns ausgewechsclten Glückwünschen vernommen haben, denn die Polen werden hierbei aufs neue daran erinnert worden sein, wie aus­sichtslos ihre Bemühungen sind, durch ihre antideutsche Agitation das diplomatische Verhältnis zwischen den beiden verbündeten Staaten zu trüben. Auch bei der neuerdings erfolgten Eröffnung des galizischen Landtags haben es die Polen sich nicht nehmen lassen, ihre Nase in die in­ternen Verhältnisse Deutschlands hineinzustecken, indem sic in einerDeklaration" ihrerEntrüstung" über die Vor­gänge in Wreschen Ausdruck zu geben sich bemüßigt fühlten. Diese Kundgebung ist mit erfreulicher Promptheit in einer offiziösen Erklärung derNordd. Allg. Ztg." als eineun­befugte und ungehörige ausländische Einmischung in inner­deutsche Verhältnisse" zurückgewiesen worden, und diese energische Zurückweisung hat zur Folge gehabt, daß, wie jetzt aus Wien gemeldet wird, die österreichische Regierung eine öffentliche Mißbilligung der Erklärung vorbereitet, die Fürst Czartorysk: im galizischen Landtage abgegeben hat. Ver- rnutlich ist das Wiener Fremdenblatt berufen, das betreffende Eommunique in den nächsten Tagen zu veröffentlichen, nach­dem die Politische Korrespondenz bereits den wahren Sach­verhalt der Wreschener Vorfälle gegenüber den polnischen Entstellungen berichtigend mitgeteilt hat. Die hetzerische Lemberger Meldung übrigens, daß am 26. Dezember nachts eme große Menschenmenge deutschfeindliche Rufe vor der deutschen Botschaft in Petersburg ausgestoßen habe, sodaß die Polizei einschreiten mußte, wird fetzt dementiert.

Die österreichische Regierung hat aber noch ganz andere Sorgen, als den komischen Entrüstungsdeklamationen der sonderbaren galizischen Schwärmer allzu große Be­deutung beizulegen. Der ungarische Ministerpräsident v. Szell hat in seiner Ansprache beim Neujahrsempfang .der liberalen Parteihäupter in offener und rückhaltsloser Weise ausgesprochen, wie die Dinge in Oesterreich stehen. Er wies darauf hin, wie durch die parlamentarischen Wirren rn Oesterreich das Verhältnis zwischen Oesterreich und Ungarn erschüttert werde, und er rief den hadernden Natio­nalitäten in Oesterreich das warnende Wort zu, daß die zwölfte Stunde geschlagen habe!

Politisch bedeutsam ist auch der aus Anlaß des Jahres­wechsels erfolgte Telegrammwechsel zwischen dem Zaren von Rußland und dem Präsidenten Loubet. Die Bedeut­ung liegt hier allerdings weniger auf internationalem als auf mnerpolitischem Gebiet. Daß der Zar Frankreich von neuem als das befreundete und verbündete Land bezeichnet hat, kann uns weiter nicht interessieren, denn es wird hiermit ja nur wiederholt, was oft genug betont worden ist. Aber für das mit mancherlei Schwierigkeiten kämpfende Kabinett Waldeck-Rousseau bedeutet diese Kundgebung immerhin eine

gewisse Unterstützung, wenn auch die Flitterwochen der Bündnisbegeisterung in Frankreich schon längst dahin sind.

Die Verbrüderung mit Rußland hindert auch die Fran­zosen nicht, liebevoll nach Italien hinüberzuschielen. Diesem Zweck dient auch die Neujahrsansprache, welche der franzö­sische Botschafter in Rom, Barre re, beim Empfang der französischen Kolonie gehalten hat. Aber die französischen Liebesversicherungen dürften bei den Italienern, wenn sie einigermaßen kritisch veranlagt sind, eine reservierte Auf­nahme finden. Im übrigen ist anzuerkennew, daß alle diese Kundgebungen, ebenso wie auch die Ansprache des Präsidenten Loubet an das diplomatische Korps in Paris, eine ganz hervorragend friedliche Tendenz zum Ausdruck bringen, wenn es auch etwas optimistisch von Loubet ist, unsere Zeit als eineAera des Einvernehmens" zu be­zeichnen.

Ebenfalls als eine Art Friedensmission scheint man in England die soeben angekündigte Entsendung des Prinzen von Wales zur Geburtstagsfeier des deutschen Kaisers anzusehen, denn man fühlt in England begreif­licherweise ein starkes Bedürfnis, jbie durch die Chamberlain- schen Provokationen in Deutschland hervorgerufene Miß-, stimmung nach Möglichkeit wieder zu beseitigen. Unver­ändert dauert ebenso wie der Krieg in Südafrika auch die Mißstimmung der Engländer über die Mißerfolge in diesem Kriege fort. Aus der neuesten englischen Verlustliste ergiebt sich übrigens, daß die Zahl der bei Tweefontein Verwun­deten 47) mehr beträgt, als bisher gemeldet wurde.

In ein entscheidendes Stadium ist der deutsch-vene­zolanische Konflikt getreten. Die deutsche Regierung hat sich genötigt gesehen, gegen den Präsidenten Castro, dessen Hoffnung auf einen Konflikt zwischen Deutschland und der nordamerikanischen Republik sich als arge Täuschung erwiesen hat, schärfere Saiten aufzuziehen, und es wird nun wohl bald heißen:Der Bien' muß!"

Politische Tagesschau.

Ein vernachläsfigtrr Posten.

Man schreibt uns: Der aus Ostasien heimberufene bis­herige Chef des Kreuzergeschwaders, Vizeadmiral Bendemann, will auf der Rückreise Französisch-Kambodja in Hinterindien besuchen. Es wird das erste Mal sein, daß ein deutscher Admiral in dieser französischen Kolonie erscheint. Der Vor­gang gicbt Veranlassung, die Frage aufzuwerfen, warum deutsche Kriegsschiffe oder Vertreter der Marine so überaus eiten in den benachbarten siamesischen Gewässeru, bezw. dem Haupthafen Bangkok sich zeigen? Die deutsche Kriegsflagge ist, soweit erinnerlich, seit der Chinafahrt des Prinzen Hein­rich im Jahre 1899 nicht mehr vor Bangkok erschienen. Es nimmt das um so mehr Wunder, als der Seehandel Deutsch­lands mit Siam sich fortgesetzt erweitert, und die Schiffs­verbindung Bangkok-Singapore vor geraumer Zeit schon aus englischem in deutschen Besitz übergegangen ist. Zudem passieren deutsche Kriegsschiffe auf der Aus- und Rückreise so häufig die Straße von Malakka, daß einAbstecher" des einen oder anderen nach Bangkok im Programm der Schiffs- bcwegungen wohl vorgesehen werden könnte. Der Besuch Admiral Bendemanns in Kambodja gestattet gewiß einen erfreulichen Rückschluß in Bezug auf die deutsch-französischen Beziehungen im Auslande. Das Erscheinen eines deutschen Flaggoffiziers auf siamesischem Boden hätte indessen einen mehr praktischen Wert.

Keneralversammlung des Höerhesstschen Höstöau- Iereins.

D. Gießen, 4. Januar.

Heute nachmittag fand im Lenz'fchen Felsenkeller eine ziemlich zahlreich besuchte außerordentliche Hauptversamm­lung des Oberhessischen Obstbauvereins statt, die von dem stellvertretenden Vorsitzenden, Grafen Oriola, er­öffnet wurde. Nachdem er die Gäste, Landesölönomierat Müller-Darmstadt und Oekonomierat Sch lenke, be­grüßt hatte, gedachte er in warmen Worten des Heimge­gangenen Vorsitzenden, Geheimrats Dr. Braden, der wie kein anderer mitgewirkr habe, den oberhessischen Obstbau- Verein aus seinen bescheidenen Anfängen zu dem zu machen, was er jetzt sei, und forderte die Versammelten auf, zum ehrenden und unvergeßlichen Gedächtnis dieses Mannes sich zu erheben, was geschah.

Sodann ergriff Forstmeister Müller-Büdingen das Wort zu einer Klarstellung. Er hat auf der letzten Aus­stellung in Schotten nach einem gemeinsamen Mittagessen eine Ansprache gehalten, die dasSchott. Kreisbl-" etwa

durch den Satz wiedergab, der Ka'eis Schotten habe den Kreis Büdingen überflügelt, und es würde ihm schwer oder un­möglich fein, diese Ueberflügelung einzuholen. Müller ver­wahrt sich dagegen, daß er etwa mit seiner Ansprache den Kreis Büdingen dem Kreise Schotten gegenüber habe herab­setzen wollen. Das habe ihm völlig fern gelegen. Ihn habe vielmehr nur der Wunsch beseelt, die vorzügliche Schottener Ausstellung durch Ausdrücke der Anerkennung zu loben und die Verdienste ihrer Veranstalter hervorzuheben.

Darauf schritt man zur Neuwahl des Präsi­diums. Direktor Dr .v. Peter schlug im Auftrage des Ausschusses vor, den bisherigen Vicepräsidenten, Grafen Oriola, der den Verein, wo er könnte, stets gefördert habe, zum Präsidenten zu wählen. Die Wahl, die durch Akkla­mation erfolgte, fiel mit Stimmeneinheit auf den Grafen Oriola. Dieser dankte in einer kurzen Ansprache, in der er ausführte: Er nehme die Wahl an, weil er ein auf­richtiges, warmes Interesse für die Entwicklung der Obst- baulultur habe und weil er erkannt habe, daß ein fester Zusammenschluß nötig sei. Es sei nicht zu bestreiten, daß die Einrichtungen in Friedberg, besonders die dortige Obst­bauschule, für die Existenz und das Wirken des Oberhessischen Vereins von außerordentlicher Bedeutung seien; habe doch der Kreis Friedberg auch den ersten Anstoß zu einer gedeihlichen Entwicklung gegeben; dabei aber dürfe man nicht verkennen, daß der Verein ein Provinzialverein sei, in dem alle Kreise zu ihrem Recht kommen müßten. Und das'sei sein Wunsch, daß seine Thätigkeit dazu beitragen möge, zu be­wirken, daß in den verschiedensten Kreisen zur Hebung des Obstbaues möglichste Einigkeit und gemeinsames Streben herrschen. Es sei ftir ihn nicht leicht, zu seinen vielen anderen Arbeiten noch diese neue zu übernehmen; wenn er sie aber annehme, dann werde er sie auch nach Kräften leisten, rechne dabei freilich auf die Unterstützung und den Rat der Vereins-, Mitglieder und ein ehrliches deutsches Wort da, wo er etwas falsch mache. Da aber gerade in den nächsten Jahren schwere Fragen an einen Landwirt herantreten würden, der im Reichstag und Landtag thätig sei, so bitte er, zum Vice­präsidenten einen Mann zu nehmen, der warm für die In­teressen der Landwirtschaft eintrete und außerdem am Ort der Obstbauschule in Friedberg wohne. Er schlage deshalb im Einverständnis mit dem Ausschuß den Kreisrat Fey vor.

Der Vorschlag fand allseitig Beifall, worauf Kreisrat Fey durch Akklamation einstimmig zum stellvertreten- denVor sitzenden gewählt wurde. Dieser dankte für das ihm durch die Wahl entgegengebrachte Vertrauen und er­klärte, daß er in derselben Weise, wie sein Vorredner es ausgeführt habe, seines neuen Amtes walten wolle.

Nunmehr referierte Direktor Dr. v. Peter über das B a u m w ä r t e r w e s e n". Seit einer Reihe von Jahren, so führte er aus, wird dieser Punkt immer wieder erörtert. Bereits zwei Resolutionen sind zu der Angelegenheit gefaßt worden; zu einer wirklichen Beschlußfassung aber ist es bis heute nicht gekommen. Die erste Resolution, die Dr. v. Peter verlas, wurde auf einer Baumwärterversammlung in Gießen im Jahre 1898 gefaßt. Sic ging an den ober­hessischen landw. Provinzialverein ab, der den Gegenstand auf die Tagesordnung einer Ausschußsitzung setzte und eine entsprechende Resolution an das Ministerium sandte. So lange daS Baumwärterwesen nicht durch die Regierung ge­regelt, wird, bleibt nichts weiter übrig, als daß es zunächst durch den Verein geregelt wird, obwohl eine staatliche Anerkennung erstrebenswerter und den Baumwärtern auch lieber wäre. Deshalb hat eine Ausschußsitzung, die am Vormittag siattfand, Wege beraten, die dahin führen sollen, daß die Regierung das Baümwärterwesen in die Hand nimmt, event. allgemeine Bestimmungen trifft, beson­ders die Kreisämter auffordert, dafür zu sorgen, daß in den Gemeinden nur solche Leute angestellt werden, die sich einer staatlichen Prüfung unterzogen haben. Der Ausschuß hat eine Kommission gewählt, zu deren Vorsitzenden Kreis­rat Fey gewählt wurde. Diese soll Vorschläge machen, die den entsprechenden Instanzenweg gehen werden. Die end- giltige Regelung kann sich aber lange hinausziehen. D'eshalb ist es angebracht, daß inzwischen der Verein die Angelegen-, heit ordnet. Wenn den Baumwärtern Berechtigungen ge­geben werden, müssen chnen auch Verpflichtungen auserlegt werden. Es kann ihnen auch selbst nur angenehm sein, wenn ihre Thätigkeit von dem Verein, der ihre Ausbildung unterstützt hat, kontrolliert wird. Demgemäß hat der Aus­schuß den Beschluß gefaßt, daß Arbeitsbücher ein- ggeführt werden, die a.uf Kosten des Vereins den ge- prüften und diplomierten Vereinsbaumwärtern zugehcn. In diese Bücher, die mit entsprechendem Vordruck versehen sind, trägt der Baumwärter seine Arbeitstage, Auftraggeber, die Anzahl, das Alter der gepflanzten Bäume usw. ein und läßt sich dies von dem Auftraggeber durch Unterschrift be­scheinigen. Dieses Buch schließt der Baumwärter am Ende des Jahres durch eine dem eben gesagten entsprechende

Kunst und Wissenschaft.

Franksurter Oper. Einen bedeutenden Verlust er­leidet die Frankfurter Oper durch das Ausscheiden des Fräulein B o ssenb er ger , welche das Koloraturfach und jugendlich-dramatffche, kolorierte Partien in hervorragend künstlerischer Weise und mit schönen stimmlichen Mftteln absolvierte. Frl. Bossenberger ist zwar kein hinreißendes Temperament, man macht ihr im Gegenteil oft den Mangel stimmlicher Wärme zum Vorwurf; dagegen ist sie eine Sängerin von hoher technischer Vollendung, welche die schwierigsten Aufgaben erfolgreich durchführt und deren Künstlerschaft eine oft erprobte ist. Als Ersatz für sie prä­sentierte man dem Publikum ein Fräulein Relda aus Paris ein winziges Stimnrchen, das halb ungehört in den großen Räumen der Oper verhallte. Lucia von Lamermoor wurde gegeben, selbst die berühmte Wahnsinnsszene ver­unglückte. Die Vorstellung scheint ohne Proben stattgefunden zu haben, andernfalls wäre es wohl nicht zu einem Auf­treten der Französin gekommen, deren deutsche Laufbahn durch das Frankfurter Debüt aufs Ungünstigste beeinfluß wurde- Das Auftreten der Fräulein Relda in Frankfurt -wirft zugleich auch ein eigenartiges Licht auf die Kapell­meisterverhältnisse; wir hallen es nämlich für ausgeschlossen, daß die Kapellmeister einer besseren Bühne die Verant­wortung für das Auftreten unreifer und unentwickeller Sänger oder Sängerinnen übernehmen- Noch mehr als der Intendant sind die Kapellmeister für die Wahrung künstlerischer Interessen haftbar-

Flachsmann als Erzieher" in Nishnij- Nowgorod-Flachsmann als Erzieher", das bekannte Lusffpiel von Otto Ernst, dem Dichter dergrößten Sünde", ist ins Russische übersetzt worden unter dem Tllel Pädagogen" und hat jüngst in Nishnij-Nowgorod zweimal große Lacherfolge erzielt- Tas Stück sollte noch zum dritten Mal zu einem wohlthätigen Zweck aufgeführt werden, zum

Besten der Gesellschaft zur Unterstützung von Schülern. Plötzlich brachten die Zeitungen folgende Notiz:Die Pädagogen" sind verboten worden, und es wird ein anderes, von Anspielungen freies Stück aufgeführt werden, da es auch in Nishnij-Nowgorod die SpeziesFlachsmann" giebt." Wie eine Korrespondenz der Pet- Wjedomosti mitteilt, hatten sich in Nishnij-Nowgorod einigeFlachsmänner" gefunden, die für ihr Ansehen fürchteten und deshalb einen Feldzug gegen das Lustspiel unternahmen. Als Hauptgeschütz wurde die Erwägung ausgesahren, daß auch Schüler ins Theater gehen und erfahren könnten, daß es in Deutschland auch schlechte Pädagogen giebt.Denn seht", sagt der Korrespondent,die Schüler müssen wissen, daß in der ganzen Well die Lehrer vorwurfsfreie Leute sind. Das ist sehr wichtig, da sie aus dem Kowaiski (Lehrbuch für Geschichte) lernen, daß es in der Welt schlechte Päpste, Generale, Bischöfe und Regenten immer gegeben hat und noch giebt- Nur eins dürfen sie nicht wissen: daß es irgendwo in der Welt auch keine guten Pädagogen giebt. Zwar verordnet das Schulstatut, daß die Schüler nur mit jedesmaliger Erlaubnis der Lchrobrigkeit das Theater be­suchen dürfen, so daß den Flachsmännern die Möglichkeit gegeben war, der Jugend den Besuch des erwähnten Stüaes au verbieten. Dann könnten aber Verwandte und Bekannte der Schüler ins Theater gehen und erzählen, was sie ge­sehen haben. Daher hielt man es für richtiger, auch den Erwachsenen das vorzuenthalten, was den Jünglingen schädlich" ist, und die Erwachsenen auf Mannagrütze zu setzen. Nachdem dieFlachsmänner" mit solchen Stroh­halmen ihr Ansehen gestützt haben, kommen sie sich jetzt vor wie Uschinski, ttne Pestalozzi und Comenius......

Ein moderner Erzieher hat einmal bemerkt:Wer von Grund aus Lehrer ffk, nimmt alles nur in Beziehung aus seine Schüler ernst,.sogar auf sich selbst!"

Der Verein der deutschen Musikalien­händler in Leipzig bittet unS,'im Hinblick aus das. am

1. Januar in Kraft getretene neue Urheberrecht und die von ihm gebrachten wichtigen Veränderungen an die Gesangvereine, Musikvereine und Kapellen eine Warnung und das Ersuchen zu richten, alles etwa widerrechtlich ver­vielfältigte Notenmaterial zur Vernichtung an die Ge­schäftsstelle des Vereins der deutschen Musikalienhändler (Geschäftsführer Karl Hesse) zu Leipzig, Buchgewerbehaus, abzuliesern und sich jeder weiteren Vervielfältigung solcher zu enthalten. In diesem Falle wird von einem Strafantrag abgesehen. Jeder weitere zur Kenntnis des Vereins ge­langende Fall widerrechtlicher Vervielfältigung wird ge­richtlich verfolgt, womit die Einziehung der widerrechtlich vervielfältigten Exemplare verbunden ist.

Ueber den römischen Index von 1900 giebt Heinrich Stümcke interessante Mitteilungen: Die Haupt­masse der verbotenen Bücher bilden noch immer die aus der Feder sogenannter Apostaten, Häretiker und Schisma­tiker stammenden und diejenigen von Nichtkatholiken, die sich in irgend welcher kritischen Form mit dem katholischen Glauben beschäftigen. So finden wir Montesquieu, Locke, Spinoza, Giordano Bruno, Pascal, Voltaire, Rousseau, Friedrich den Großen unbedingt, Descartes mit Einschränk­ungen verboten. Von neueren religiös-philosophischen Au­toren sind natürlich D- F. Strauß und Renan verpönt, von Kant nur dieKritik der reinen Vernunft", Rankes Päpste und Gregorovius' Monumentalwerk über das mittelalter­liche Rom. Das bekannte Erbauungsbuch des Thomas a Kempis ist in einer nicht approbierten Ausgabe ebensowenig gestattet wie ZschokkesStunden der Andacht". Von Balzac, George Sand, Eugen Sue, Murger, Dumas Vater und Sohn, Zola sind sämtliche Schriften verboten. Victor Hugo figuriert mitMiserables" undNotre-Dame" auf der Proskriptions­liste, Heine mit den Reisebildcrn und Neuen Gedichten, Lenau mit den Albigensern. Dagegen stehen Nietzsche, Feuerbach, Schopenhauer, Darwin, Häckel, Marx, Engels und Bebel nicht auf dem Index.