Ausgabe 
3.6.1902 Erstes Blatt
 
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Heben der Belagerung von Ladysmith, und General Roberts besetzte am 13. März Bloemfontein. Friedensanerbietungen beider Republiken, von Holland unterstützt, wurden von England abgelehnt. An die Stelle des inzwischen ge­storbenen Hächstkvmmandierenden der Buren, Joubert, war 'Louis Botha getreten, dem die Generale Dewet und Delarey Kur Seite standen. Große Erfolge im Felde waren allerdings den Buren jetzt nichl mehr möglich. Tie Zahl ihrer Streiter sank auf 15 000 Mann, denen die Engländer rund 250 000 Mann aegenüberstellen konnten. Gleichwohl erzielten die Buren rm Kleinkrieg hübsche Erfolge. Am, 18. Mai war Mafeking entsetzt worden, am 27. Mai überschritt Roberts den Baal, am 28. Mai wurde Annektierung.des Freistaates ausgesprochen, und am 31. Mai Johannesburg, am 5. Juni Prätoria besetzt, wodurch gleichzeitig 4000 gefangene Eng­länder die Freiheit erlangten. Präsident Krüger hatte sich nach Osten zurückgezogen. Kleinere Erfolge der Buren bei Rondeval am 7. Juni, bei Nitralsnek am 12. und Palmiet- fontein am 16. JÄi vermochten dem Kriege keine Wendung mehr zu geben. Dazu kam, daß sich am 30. Juli General Prinsloo bei Fouriesburg mit 3000 Mann den Engländern ergeben mußte. Als dann am 23. und 26. August noch das letzte größere Burenheer bei Dalmanutha und Belfast geschlagen war, verließ Präsident Krüger das Land und reiste am 20. Oktober an Bord des holländischen Kriegs^- schissesGelderland" nach Europa ab. Roberts sprach die Annexion aus und erachtete damit seine Aufgabe erfüllt. Er übergab den Oberbefehl an Kitchener und verließ am 11. Dezember 1900 Südafrika. Was er gethan, faßte er in die Worte zusammen: ,/Born Burenheer ist nichts mehr übrig als marodierende Banden!"

Mas es mit diesen marodierenden Banden für eine Bewandtnis hatte, hat Lord Kitchener zur Genüge er­fahren. Die Buren gewannen überall an Terrain, unter­banden die Zufuhrstraßen und lebten auf Kosten Eng­lands. Die Engländer verkrochen sich hinter Blockhaus­linien. Die Zahl der im offenen Felde verfügbaren eng­lischen Truppen wurden dadurch auf kaum 50 000 Mann beschränkt. Es begann die Aera der Kesseltreiben, die sich namentlich gegen den gefährlichsten Gegner der Eng­länder, den General Dewet, richteten. Auch gegen Delarey, der in Mest-Transvaal kommandierte, wurden Vorstöße unternommen. . Die Buren suchten dieser neuen ^Taktik damit zu begegnen, daß sie den Krieg in die Kapkolonie hinüberspielten. Sie drangen bis an die See vor und nötigten die Engländer sogar, Kapstadt in Verteidigungs­zustand zu setzen. Auch im Norden erlitten die Engländer- schwere Verluste, z. B. am 30. Mai 1901 bei Vlaksontein und am 15. Juni bei Wilmansrust. Dazu kam der Aus­bruch der Pest in Kapstadt, kurz, 'Hiobsposten von allen Seiten. Da veröffentlichte Kitchener seinen Erlaß vom 6. August 1901, wonach alle Buren, die sich nicht bis zum 15. September ergäben, zeitlebens aus Südafrika verbannt werden sollten. Die Buren beantworteten diese Proklama­tion mit ihren Siegen bei Uniondale am 20. August, bei Dejagersdrift am 19., bei Stala und Prospect am 27. und bei Moedwill am 30. September. Die Engländer verloren nun vollends den Kopf. Inzwischen war es ihnen ge­lungen, itn der Kapkolonie das Kommando Lotter ge­fangen zu nehmen. Lotter wurde am 11. Oktober hin- gerichtet. Am 12. Oktober fiel der schwerkranke Buven- kommandant Dcheepers in die Hände der Engländer und wurde am 19. Januar erschossen. Holland unternahm nun 'zum zweiten Male einen Schritt zur Vermittelung. In England waren Volk und Regierung mürbe geworden, und König Eduard wollte, daß zur Zeit seiner Krönung Friede rin seinem Lande herrsche. Allerdings konnte England, tveil Holland zu keinen Vorschlägen autorisiert war, nichts weiter thun, als seine Bereitwilligkeit aussprechen, mit den Burensührern zu verhandeln. Es verging aber doch noch geraume Zeit, bis die Verhandlungen in Gang kamen. Einmal versuchten es die Engländer noch mit Gewalt, hatten sie doch dieses Mal Dewet so sicher zwischen drei Blockhauslinien und 30000 Mann eingekreist, daß er nicht entkommen konnte. Wer mit einer Herde Ochsen, die Dewet gegen die englischen Stachelzäune trieb, machte er alle chre Berechnungen zu Schanden und entkam mit seiner Hauptmacht. Fast unmittelbar nach diesem Erfolge der Buren folgte dann noch der große Sieg Delareys über Lord Methuen am 9. März 1902 bei Tweebosch, wobei Lord Methuen selbst gefangen wurde. Das war die letzte große That des Krieges, denn jetzt war die Frucht reif. Lord Methuen selbst wurde der Vermittler. Am 13. März 1902 sreigelassen, traf er am 14. bereits in Klerksdorp ein. Wenige Tage darauf begaben sich Schalk Burgher, Reitz, Lucas Meyer, Krogh und Vandervelde zu Lord Kitchener nach Pretoria und trafen dann in Klerksdorp mit Steijn, Dewet, Delarey und Kemp am 3. April zusammen. Am 7. April wurde Kruitzinger von der Anklage des Mordes freigesprochen. Am 14. April folgte dann im Beisein Kit- cheners und Milners die erste Verhandlung sämtlicher Burenführer. Bis zum letzten Tage des Mai haben sich dann die Verhandlungen hingezogen.

Was nun den Inhalt der Uebergabe-Bedingungen an­langt, so erklärt sie der gelegentlich offiziöseDaily Graphic" alsaußerordentlich großmütig". In der That meldet der parlamentarische Berichterstatter desStand.", daß England in Sachen der Aufhebung der Verbannungs­proklamation und der Berufung von Burenführern in den Beirat, der Lord Milner vor der Bewilligung einer Re- präsentatrv-Verfassung zur Verwaltung der eroberten Re­publiken zur Seite gesetzt werden sollte, weitergehende Kon­zessionen gemacht habe. Ebenso bestätigt eine Reutersche Verlautbarung die private Meldung 'einer die Buren be­friedigenden Entscheidung der Frage des Waffentragens.

Politische Tagesschau.

Flottenvötlage in Sicht!

Aus Berlin, 2. Juni, wird uns geschrieben:

Eine Neueinteilung der Flotte n-Stations- gebiete ist erfolgt. Mit Ausnahme der westafrikanischen, der amerikanischen und australischen haben sämtliche Sta­tionen eine Erweiterung erfahren. Das Schwarze Meer und der Suezkanal, das Rote Meer und der Persische Golf, sowie die Südküste Asiens, werden in Zukunft ständig von deutschen Kriegsschiffen durchkreuzt werden. Tie Jndienst- haltung einer größeren Anzahl von Kreuzern ist danach unumgänglich- und die Einbringung einer Vorlage über die Verm ehrung der Auslands schiffe wohl eine Frage kurzer Zeit.

Das Abschiedsgesuch des Eisenbahnmiuisters v. Thielen wird man, derKöln. Volksztg." zufolge, als eine That- sache hinzunehmen haben. Tas Abschiedsgesuch liegt zur Zeit noch unerledigt im Kabinett des Kaisers. Es wird wohl erst formell erledigt werden, wenn der Nachfolger

bestimmt ist. Ueber diesen lausen verschiedene Gerüchte um; die einen nennen Herrn v. Podbielski, die andern den General Schub art oder den General Budde; dieser hat zur Zeit eine Tirektorstelle bei der Löweschen Wafsen- fabrik inne. Ein General muß es eben bei gewissen Leuten unter allen Umständen sein, mag es nun ein General a. D., ein General z. D. oder ein General i. D. sein. Die Kandi- didatur des Herrn v. Podbielski soll wieder fallen ge­lassen sein, weil es nicht angebracht erscheine, ihn schon wieder das Ressort wechseln zu lassen. Gegen die Kandi­datur des Generals Budde soll sprechen, daß er in seiner, gegenwärtigen Stellung finanziell besser steht, wie er als Minister stehen würde. Auffallend ist, daß kein alter An­gehöriger des Eisenbahnressorts als Kandidat genannt wird, während doch sowohl Herr v. Thielen wie sein Vorgänger- Maybach Fachmänner waren, ehe sie Minister waren. Ob die Erfahrung bei der Reichspost schon wieder vergessen ist? Tort wurde bekanntlich Sperr v. Podbielski Minister, ohne vorher von seinem Ressort wesentlich mehr zu wissen wie jeder andere Sterbliche. Aber er wirtschaftete bald ab, und nach ihm mußte man wieder zu einem Ressortbeamten dem jetzigen Staatssekretär Krätke greifen. General Budde wird allerdings insofern Fachmann sein, als er längere Jahre die Eisenbahnabteilung im Kriegsministerium ge­leitet hat. Aber bei dieser handelt es sich doch eigentlich nur um richtige Verteilung der Ausgaben, wählend beim Eisenbahnminister die Einnahmen die yroße Hauptsache sind. Tas fällt zur Zeit um so schwerer rns Gewicht, als für die preußisch-hessischen Bahnen ja die mageren Jahre begonnen haben.

Zusammenschluß der evangelischen Lande-kirche.

Die deutsche evangelische Kirchenkonferenz, die seit einigen Tagen in Eisenach versammelt ist, nahm folgenden Be­schluß an: In der Ueberzeugung, daß ein engerer Zusammen­schluß der deutschen evangelischen Landeskirchen, insbesondere Wahrung und Förderung der gemeinsamen evangelisch- kirchlichen Interessen nach außen dringend wünschenswert ist, und in der Absicht, diese Angelegenheit in Uebereinstimmung mit den deutschen evangelischen Kirchenregierungen thunlichst zu fördern, beschließt die Konferenz: I. Zur Bearbeitung der Angelegenheit des engeren Zusammenschlusses der deutschen evangelischen Landeskirchen wird ein besonderer Ausschuß bestellt. II. Derselbe besteht aus nachfolgenden 13 Mit­gliedern der Konferenz: 1. Präsident 1). Dr. Barkhausen- Berlin, 2. Frh. D. von der Goltz-Berlin, 3. Präsident Voigts, 4. Oberkirch.-Rat I). Keller, 5. Präsident von Zahn, 6. Frh. 1). von Gemmingen-Stuttgart, 7. Präsident Dr. Wieland, 8. Präsident Dr. Buchner-Darmstadt, 9. Prä­sident Gieße, 10. Staatsminister Dr. Nothe-Weimar, 11. Geh. Oberkirchenrat Hansen-Oldenburg, 12. Generalsup. D. Kretschmar, 13. Senior 1). Behrmann. Im Fall des Aus­scheidens oder der Behinderung eines dieser Mitglieder ist die Kirchenregierung, von welcher dasselbe abgeordnet ist, befugt, an dessen Stelle einen anderen Abgeordneten zu bezeichnen. III. Der Ausschuß regelt seine Geschäftsordnung selbst und wählt seinen Vorsitzenden aus seiner Mitte. IV. Dem Aus­schuß wird auch der von dem Herzog!, sächs. Staatsministerium in Gotha bei der Konferenz eingebrachte Antrag überwiesen, sowie etwaige weitere bei der Konferenz eingekommene oder noch einkommende, auf den gleichen Gegenstand bezügliche Anträge und Vorarbeiten'. V. Der Ausschuß wird bei der Bearbeitung des ihm überwiesenen Gegenstandes mit den einzelnen Kirchenrcgierungen, sowie nach Bedürfnis mit dem ständigen Ausschuß der deutschen evangelischen Kirchenkonferenz ins Benehmen treten. VI. Der Ausschuß wird sich bemühen, seine Arbeiten so zu beschleunigen und deren Ergebnis so rechtzeitig dem Vorstand der evangelischen Kirchenkonferenz mitzuteilen, daß dasselbe einer im Jahre 1903 einzuberufen­den außerordentlichen Versammlung der deutschen evange­lischen Kirchenkonferenz zur Beratung und Beschlußfassung vorgelegt werden kann. Der Vorstand hat den Kömmissions­beschluß nebst seiner Begründung den einzelnen Kirchen­regierungen rechtzeitig vor dem Zusammentritt der Konferenz mitzuteilen.

Schwurgericht.

Gießen, 3. Juni.

Gestern vormittag eröffnete Landgerichtsrat Schmidt als Vorsitzender die Verhandlungen der diesmaligen Schwur­gerichtstagung. Der Gerichtshof besteht aus dem Genannten und den Landgerichtsräten Dr. Schäfer und Prätorius.

Nach Erledigung der gesetzlichen Formalitäten und nach Bildung der Geschworenenbank wurde verhandelt gegen den vorbestraften, 21 Jahre alten Bergmann, zuletzt aus dem Schellhof bei Schotten als Dienstknecht thätig gewesenen Oswin Tetzner aus Schauderhainichen in Sachsen-Alten­burg wegen Notzucht. Die Anklage vertrat Oberstaats­anwalt v. Hessert. Die Verteidigung führte Rechtsanwalt Justizrat Bai st. Der Angeklagte war geständig, entschul­digte sich aber 'mit Trunkenheit. Es waren drei Zeugen geladen. Nach Verlesung des Anklagebeschlusses wurde auf Antrag des Vertreters der Staatsbehörde während der Ver­handlung die Oeffentlichke.it ausgeschlossen.

Das Urteil gründete sich auf den Wahrspruch der Ge­schworenen, welche dem Angeklagten mildernde Umstände zugebilligt hatten. Er wurde zu 4 Jahres Gefängnis verurteilt. Weil er in der Voruntersuchung ein Geständnis abgelegt hatte, wurden ihm zwei Monate der erlittenen Untersuchungshaft in Mrechnung gebracht. Bei Wmessung des Strafmaßes war, wie der Vorsitzende ausführte, für den Gerichtshof die Brutalität bestimmend gewesen, mit der Tetzner auf offener Straße einer 72jährigen Frau Gewalt angethan hat. Außerdem habe der Angeklagte auch wenig Reue über seine Tchctt an den Tag gelegt.

Ans Stadt und And.

Gießen, den 3. Juni 1902.

** Personal na chrichten. Tas Ehrenzeichen für Mitglieder freiwilliger Feuerwehren wurde verliehen den Mitgliedernder freiwilligen Feuerwehr zu Bensheim Franz Schuchmann III. und Jakob Merk daselbst. Der Groß­herzog hat am 31. v. Mts. den Niederlageverwalter bei dem Hauptsteueramt Mainz, Rechnungsrat Leonhard Fla t h , auf sein Nachsuchen unter Anerkennung seiner langjährigen treuen Dienste mit Wirkung vom 1. Juli d. Js. an in den Ruhestand versetzt und ihm die Krone zum Ritterkreuz 2. Klasse des Verdienstordens Philipps des Großmütigen verliehen.

** Verlegung der Apotheken. Wir berichteten jüngst von der geplanten Verlegung der Hirsch-Apo­

theke nach der Frankfurterstrpße. Wir sind in der Lage, heute hinzusügen zu können, daß Dr. Caesar das Haus des Hauptmanns Kramer, Frankfurterstraße 4, zu diesem Zwecke gekauft hat. Weiter hören wir, daß die Regierung sich mit der geplanten Verlegung der Hirschapotheke ein­verstanden erklärt hat und daß es nun noch der Zustimm­ung der städtischen Verwaltung bedarf, um auch dem süd­lichen Stadtteil eine Älpvtheke zu geben. Mit der Ver­legung der Hirschapotheke Hand in Hand geht ein weiterer Plan. Herr Sch wieder, der Besitzer der Engel-Apotheke, hat, wie wir erfahren, das Anwesen der Firwa Alexander M at) er, Schülstraße 1, Ecke Marktplatz, gekauft und gleiche- zeitig mit dem Lederhändler Keil, dem Besitzer des an­grenzenden Grundstückes, wegen Ueberlassung auch seines Hauses, ein Wkommen getroffen, wonach, wenn die Ver­legung der Hirschf-Apotheke zu stände kommt und ihm die Verlegung der Engel-Apotheke nach der Schulstraße, Ecke Marktplatz, gestattet wird, er das Keilsche und Alexander Mayersche Haus abreißen lassen will, um in ihrer Stelle einen monumentalen Neubau zur Aufnahme der Engel- Llpotheke errichten zu lassen, während für den Lederhändler Keil ein modernes Geschäftshaus in der Schülstraße er­richtet wird. Allerdings verschwindet mit dieser Aender- ung wieder ein Stück des alten Gießen, dem aber kaum jemand eine Thräne nachweinen wird, umsomehr als damit auch der Speicher von Alexander Meyer mit seinem feuer^- gefährlichen Inhalt verschwindet; wenn auch der Speicher­bau vielleicht stehen bleibt, so wird er doch! durch das neue Vorderhaus, das an der Straße errichtet werden soll, den Blicken der Passanten entzogen.

** Stiftungsfest des Geflügelzucht-Ver­eins. Am Samstagabend beging der Geflügelzucht-Verein im Cafö Leib das Fest seines fünfjährigen Bestehens durch eine wohlgelungene Abendunterhaltung, der sich ein Tänn­chen anschloß. Der sonst nur wirtschaftliche Zwecke im Auge habende Verein konnte dank der liebenswürdigen Mit­wirkung des GesangvereinsHeiterkeit", der Herren Euler und Kantowsky sowie des Musiklehrers Kasten und des Violin-Virtuosen Rosenthal die zahlreich erschienenen Fest­teilnehmer aus das Beste unterhalten. Der Ueberschuß einer Tombola, die veranstaltet wurde, wird der Stadt- kasse überwiesen werden zur Verwendung für bedürftige Schulkinder, denen im Winter ein warmes Frühstück ge­spendet werden soll.

m. Grebenau, 31. Mai. Die kalte Witterung der ersten Hälfte des Mai hat in unserer Gegend, dem nordöstlichen Teile Oberhessens, dem Blühen der Bäume keinen Schaden gebracht, ihnen sogar noch genützt, indem durch die kalten Nächte das Austreiben der Bäume gehindert und die Blüten zurückgehalten wurden. Jetzt aber stehen alle Obstbäume, mit Ausnahme der Zwetschen, die bereits abgeblüt und gut angesetzt haben, in voller Blüte. Auch die Heidelbeere, deren Einsammeln armen Leuten im Spätsommer erwünschten Ge­winn abwirft, verspricht mit ihren reichen Blütenstor guten Ertrag. Das herrliche Sommerwetter hat auch bereits hier und da die meisten Bienenschwärme hervorgelockt. Hoffent­lich vertreibt es den schlimmen Gast, der sich schon seit mehreren Wochen in den Dörfern der Umgegend eingenistet hat und seit einigen Tagen auch hier auftritt, die Masern. Gestern mußte die unterste Schulklasse geschlossen werden, die andern werden bald nachfolgen. Infolge des Auftretens der Masern ist auch der auf gestern hier und in den Dörfern des Gründchens angesetzte Impftermin bis auf unbestimmte Zeit verschoben worden.

Vermischtes.

Zur Bahnsteig-Kontrolle. Am Sonntag mittag wurde aus dem Potsdamer Ringbahnhose die 63 Jahre alte Telegraphistin Ottilie Seidel von einem noch! nach dem schon in Bewegung begriffenen Zuge stürmenden Manne so unglücklich u m g e r an n t, daß sie zwischen zwei Wagen fiel und tot gefahren wurde. Dieser traurige Fall zeigt wieder, daß durch solche noch nach dem ad-, fahrenden Zuge blind losstürmende Menschen leicht Un-i glückssälle verursacht werden können. Früher wurde diesem sehr zweckmäßig dadurch vorgebeugt, daß die Kontrolleure am Eingang zum Bahnsteig, sobald der Stationsvorsteher das ZeichenWfahren" gegeben hatte, die Kette vorlegten und niemand mehr durchließen, bis der Zug abgefahren war. Wie nötig aber die Wiedereinführung einer end, sprechenden ähnlichen Maßregel ist, zeigt der vorerwähnte Unglücksfall. Wäre hier noch so wie früher verfahren, so hätte auch die am Sonntag Totgefahrene nicht ein so schreck­liches Ende gesunden.

* Schwer e Unglücksfälle in den Bergen. Ueber ein Touristenunglück auf der Rax, dem zwei Menschen^ leben zum Opfer fielen, wird gemeldet: Tie beiden tiSer^ uuglückten sind der 25jährige Chemiker Dr. Ersnst Bre­zina, Sohn des ehemaligen Direktors der mineralogischen Wteilung im Wiener naturhistorischen Museum, und Dr. Payr, Sohn eines Bankiers in Innsbruck. Die beiden dienten ihr Einjährigenjahr ab. Ueber den Verlauf der Katastrophe berichtet der Obmann des alpinen RettungK-, ausschusses, Lehrer Steiger folgendes: Dr., Ernst Brezina unternahm mit Dr. Payr den Aufstieg auf die Rax aus dem großen Höllenthale über den Zimmersteig, um aus das Plateau zum Erzherzog Otto-Schutzhaus zu gelangen. Ter Zimmersteig geht fast ununterbrochen sehr steil auswärts! über Felsen und Steinboden. Er bietet Touristen, die mcU sehr geübt sind, ziemliche Schwierigkeiten. Die beiden hatten feine geeignete Kletterschuhe und waren auch nicht mit Steigeisen persehen. Das Wetter war im Raxgebiete sehr schön, toarrii und windstill, und die Steige befinden sich fük't alle im besten Zustande. Dr. Brezina und Dr. Payr waren beim Aufstiege aneinander geseilt. An einer besonders starken Stelle wollte Dr. Brezina, der voran gestiegen war, seinen Gefährten über einen Felsen hinauf- Helsen; er stolperte, kam zu Fall und stürzte in dre Tiefe; den angeseilten Payr hat er im Falle mitgerissen. Touristen wollen gesehen haben, daß sie ziemlich schwerfällig geklettert feien; der erste habe ver!- sucht, über eine Kluft von nahezu einemMeter Breite zu spring en. Er habe aber den Sprung zu kurz gen nommen und sei abgestürzt, wobei er den angeseilten Ge^ führten mit in die Tiefe riß. Sie fielen ungefähr 70bis! 80 Meter tief auf dieSchütt" des Zimmerstelges. Als, man die Leichen aufsand, waren sie in das Seil ganz! verwickelt. Beim Wstieg vom Großen Mythen ober^ halb Schwyz ist am Sonntagnachmittag der junge Techniker Koeller aus Mckeburg, wohnhaft in Zürich, abgestürzt und t o t liegen geblieben. Er war aus dem teilweise noch schneebedeckten Felsen ausgeglitten. Vier deutscheStu- denten der Universität Grenoble verließen am Freitag die Stadt, um die große Chartteuse zu besuchen.