Ausgabe 
3.5.1902 Fünftes Blatt
 
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Diäten unwürdig fei, aber ich meine, daß es doch noch viel un­würdiger ist, aus den Groschen der Arbeiter sich Diäten zahlen zu lassen, die die Arbeiter sich vom Munde abgespart haben. (Beifall rechts, Unruhe bei den Sozialdemokraten.)

Abg. Stadthagen (Soz.j: Ich hätte erwartet, daß Herr Bachem heute seine frühere Bemerkung, ein Sozialdemokrat habe in der Kommission sich für die Diäten ausgesprochen, zurückgenommen hätte. Dies ist nicht geschehen. Ich erkläre deshalb ausdrücklich, daß kein Mitglied unserer Fraktion irgend eine zustimmende Aeußerung zu der Diätenvorlage gemacht, oder sie sogar tn An­regung gebracht hat. Wenn das Centrum bei diesem Gesetzentwurf die exceptio plurium geltend macht, so will es doch nicht für das Kind sorgen und muß eigentlich den Gesetzentwurf ablehnen. Auf keinen Fall kann es aber verlangen, daß wir jetzt dies Kind alimen- tiren, denn mit diesem Kind, das wir nur als einen Bastard an­sehen können, wollen wir nichts zu thun haben. Das Pauschale steht zu den Tagesgeldern in demselben Verhältniß wie Zeitlohn zum Akkordlohn. Wenn jetzt in der Kommission wieder die so beliebten Schlußanträge gestellt werden, wird man im Lande sagen: »Aha, je mehr Schlußanträge gestellt werden, desto eher ist dos Pauschale verdient." Wenn etwa nur zehn Sitzungen abgehalten werden, dann macht das per Sitzung 200 Mark. Sie werfen uns vor, Diäten aus den Arbeitergroschen zu beziehen. Aber es handelt sich dabei doch nur um freiwillige Beiträge. Die Arbeiter wissen sehr wohl, daß diese Beiträge jetzt nothwendig sind, damit wir nachdrücklich den Zolltarif bekämpfen können. Der Abg. Bachem fragte mich neu­lich in der Kommission:Halten Sie denn den Abg. Spahn für einen Schwindler?" Ich habe Ihnen im Beginn meiner Rede den genauen Sachverhalt über die Kommissionssitzungen dargelegt und frage jetzt den Abg. Bachem, wofür er sich jetzt hält.

Abg. Graf Bernstorff (Rp.) tritt für den Kommissions- beschluß ein.

Abg. Spahn (Centr.) geht ausführlich auf die Kommissions­verhandlungen ein und führt aus, daß der Abg. Stadthagen diese

Vorgänge ganz falsch dargestellt habe. Es handle sich hier nur um ganz naive, kindische Geschichten.

Abg. von Staudy (kons.) erklärt, daß seine Freunde für den Kommissionsbeschluß stimmen würden.

Abg. Dr. Müller-Meiningen sfreis. Vp.) bestreitet es, daß ein Mitglied seiner Partei in der Kommission für die Diätenvorlage sich ausgesprochen habe. Derartige Behauptungen beruhten nur auf Klatschereien.

Präsident Graf Ballestrem rügt diesen Ausdruck als unparla­mentarisch.

Abg. Dr. Müller-Meiningen lfortfahrend) erklärt, Herr Gmnp habe nur über die Vertagung, aber nicht über die Diäten mit ihm gesprochen, alle gegenteiligen Behauptungen beruhten nur auf Alt­weibertratsch.

Präsident Graf Ballestrem: Ich möchte Sie doch bitten, sich zu mäßigen, und nicht zu vergessen, daß Sie vom deutschen Reichstag sprechen. Ich kann es nur bedauern, daß solche intimen Vorgänge aus der Kommission in solcher Weise hier behandelt werden.

Abg. Liebermann von Sonnenberg (Antis.) bemerkt, jeder Ar­beiter sei seines Lohnes Werth, die Kommission arbeite doppelt so viel wie der Reichstag, er beantrage daher, daß die Kommission doppelt so viel Diäten bekomme wie der Reichstag. lGroße Heiterkeit.)

Abg. Stadthagen führt au5, daß in erster Linie der Abg. Dr. Bachem, in zweiter Linie Abg. Spahn schuld daran seien, daß intime Vorgänge aus der Kommission hier behandelt würden.

Hiermit schließt die Diskussion.

Präsident Graf Ballcstrem: Ehe ich Vorschläge zur Abstim­mung mache, möchte ich nochmals mein großes Bedauern darüber aussprechen, daß Vorgänge aus der Kommission hier im Hause in einer Weise zur Sprache gebracht worden sind, die jeder, der es mit der Würde des Hauses ernst meint, nur tief beklagen kann. (Sehr richtig I) Ich hoffe, daß das künftig vermieden wird, und daß der gute Usus des Hauses, Vorgänge in der Kommission nicht unter Namensnennung hier vorzubringen, künftig beachtet wird. (Beifall.)

Abg. von Kardorff (Rp.): Gegenüber dem Herrn Präsidenten möchte ich doch darauf aufmerksam machen, daß jetzt von allen Zeitungsreportern die Vorgänge in den Kommissionen unter Namensnennung in die Öffentlichkeit gebracht werden. Das war früher auch nicht Usus.

Präs. Graf Ballestrem: Auf die Zeitungsreporter habe ich keinen Einfluß, ich hoffe aber noch so viel Einfluß auf die Mitglieder des Hauses zu haben, daß sie meine Bitte erfüllen. (Beifall.)

Die Abstimmung über den Antrag Barth ist eine namentliche.

Für den Antrag stimmen 91, dagegen 158 Abgeordnete. Dafür stimmen Freisinnige, Polen, Antisemiten, Sozialdemokraten und die Abgg. Prinz zu Hohenlohe-Schillingsfürst und Prinz Schönaich- Carolath, dagegen die anderen Parteien.

Der Antrag ist also abgelehnt.

Ebenfalls abgelehnt mit 155 gegen 88 Stimmen wird in namentlicher Mstimmung der Antrag Albrecht.

Der Antrag Bebel wird in einfacher Abstimmung abgelehnt-, dafür stimmt nur ein Theil der Sozialdemokraten und der Freisinnigen. . .

Endlich findet noch eine dritte namentliche Abstimmung über die Kommissionsvorlage statt, dieselbe wird mit 143 gegen 84 Stimmen angenommen; 5 Abgeordnete haben sich der Stimme enthalten.

Dagegen stimmten nur Freisinnige, Polen, Sozialdemokraten und Antisemiten.

Hiermit ist die zweite Lesung beendet.

Das Haus vertagt sich auf Sonnabend, 1 Uhr. (Auf- Hebung des fliegenden Gerichtsstandes, Servistarif, Schutztruppen- gcsetz und Toleranzantrag.)

Schluß 6% Uhr.

Mipz Keorg von 'Preußcn

Wir gaben bereits heute früh durch Aushängen die nn§ telegraphisch zugegangene Nachricht bekannt:

Berlin, 3. Mai. Prinz Georg von Preußen ist gestern Abend 7,45 Uhr im Alter von 76 Jahren gestorben.

Mit dem greisen Prinzen ist das älteste Glied des Hohenzollernhauses dahingegangen. Bereits gestern vor­mittag ging uns ein Telegramm zu, worin der Zustand des Prinzen als sehr ernst bezeichnet wurde. Doch wurde diese erste Nachricht, wonach er mit Herzafsektionen und Schwäche zustand en zu kämpfen habe, durch das Wolssbureau als übertrieben bezeichnet. Und auch dieNordd. Allg. Ztg." versicherte gestern, daß vorläufig für das Leben des Prinzen keine Gefahr bestehe. Immerhin aber mußte man bei oem hohen Alter des Dahingeschiedenen aus einen kri­tischen Ausgang gefaßt sein. Prinz Georg wurde am 12. Februar 1826 in Düsseldorf geboren- Er war ein Sohn des Prinzen Friedrich und der Prinzessin Luise von Anhalt-Bernburg, also ein Enkel des Prinzen Ludwig, des jüngeren Bruders König Friedrich Wilhelms III. 1836 trat er in die preußische Armee ein und rückte bis 1860 bis zum Generalleutnant auf. 1861 wurde er zum Chef des 1. Pommerschen Manen-Regiments Nr. 4 und 1866 zum General der Kavallerie ernannt. Auch ist er 2. Chef des 4. Garde-Landwehr-Regiments. Doch, trat er niemals im öffentlichen Leben in irgendwie bej-- merckenswerter Weise hervor. Seine Talente und Neig­ungen lagen vielmehr auf einem ganz anderen Gebiete, dem der Litteratur und Kunst, und er entwickelte diese Neigung schon früh durch zahlreiche Reisen in England, Frankreich rund Italien. Er hat sich auch durch eine Reihe dramatischer Arbeiten rühmlich auf schriftstellerischem Ge­biete bethätigt. Die meisten davon sind unter dem Namen G. Conrad" im Druck erschienen. Mehrere sind auch zur Aufführung gelangt, soPhadra" (1877), Kleopatra (1877), Wo liegt das Glück" (1877). Einige seiner Arbeiten haben sich zwar auf dem Repertoire der Bühne erhalten, oh-ng jedoch jemals einen nachhaltigen Eindruck hervorzurufen.

Aie ZMarifLommisston

Berlin, 2. Mai.

Im Laufe der Debatte über die Anträge zu Position Mineralöle führte Abg. v. Hehl aus, sein Antrag bezwecke, wenigstens die Raffinerie des Petroleums nach Deutschland zu verlegen, um dadurch die Hebermacht des Ringes der Standard Oil Company zu brechen, die sich zuerst fast alle deutschen Händler unter­warf, dann durch Ausbeutung der deutschen Konsumenten hohe Dividenden erzielte. Abg. v. Kardorff begründet leinen Antrag im Interesse der Spiritusverwend­ung. Abg. Goth ein empfiehlt die Konkurrenz des ga­lizischen und rumänischen Petroleums zu fördern, um das amerikanische Monopol zu bekämpfen, welchem gerade der Antrag Hehl nützlich wäre. Abg. Müller- Meiningen führt aus, sein Antrag schaffe für Kleingewerbe und Landwirt­schaft eine billige motorische Kraft-, die halb so teuer als der von den Agrariern befürwortete Spiritus sei. Staats­sekretär v. Thielmann führt aus, der Antrag Heyl werde entweder dem amerikanischen Monopole nützen, oder künst­lich eine vom Auslande abhängige Raffinerie- Industrie schaffen. Das Petroleum sei so billig, daß eine Heranziehung als Einnahmequelle berechtigt sei. Abg. Schlumberger befürwortet die Regierungsvorlage. Unter Widerspruch lobt Redner Rockefeller, der ein genialer Mensch sei. Das Monopol habe die Verbraucher vor großen Preisschwankungen bewahrt. Bei Position 237, Mi­neralöle, entsteht eine lebhafte Debatte über eine Reihe von Anträgen. U. a. beantragen die Abgg. v. Heyl und P a a s ch e für andere Mineralöle als Schmieröle 7i/2 Mk., statt 6 Mk. des Entwurfs, und Ersatz der Anmerkung 2 durch die Bestimmung, nach der für die Bearbeitung in inländischen Betriebsanstalten bestimmten Mineralöle unter Ueberwachung der Vollendung zollfrei und die daraus ge­wonnenen Erzeugnisse als ausländische zu behandeln sind, wobei jedoch für Oele zu Beleuchtungszwecken und Leucht­gaserzeugung nur ein Zoll von 4i/2 Mk. zur Anwendung kommt, und leichte Oele zu andern als Schmier- oder Be- leucbtungszwecken unter Ueberwachung zollfrei gelassen werden können. Abg. Goth ein beantragt im wesentlichen die Belassung des bisherigen Zustandes. Abg. Müller- Meiningen beantragt Zollfreiheit für Mineralöle, die für andere Zwecke als zur Herstellung des Schmieröls und Leuchtöls bestimmt sind. Abg. v. Kardorff und Genossen be­antragen Streichung der Anmerkung 1 und von der An­merkung 2 nur Aufrechterhaltung des ersten Teils, wonach der Bundesrat befugt ist, Mineralöle für die Bearbeitung in inländischen Betriebsanstalten zollfrei zu lassen, wobei die daraus gewonnenen Erzeugnisse wie ausländische zu behandeln sind. Die Sozialisten beantragen Zoll­freiheit. Die Debatte werd hierauf abgebrochen- Fort- Hetzung der Beratung am Dienstag.

Wrimschits,

* Metz, 2. Mai. Wie dieLoth. Volksst." meldet, ge­riet in der letzten Nacht gegen 12 Uhr das hohe Gerüst der Drahtseilbahn auf dem Sommyberge, auf dem die Veste Graf Haeseler erbaut wird, in Brand. Die Kabel rissen und die Waggons stürzten in die Tiefe. Militär aus Montigny kam um 2 Uhr 30 Min. dort oben mit Feuerlösch- pumpen an. Infolge des Brandes wird eine Unterbrechung der Arbeit von 6 Wochen notwendig. Wiewohl zwei Mann Posten standen, ist dennoch Brandstiftung so gut wie sicher. Auf dem Fort selbst befand sich niemand.

Kunst und Wissenschaft.

Frankfurter Schauspielhaus. Die Pariser Gesellschaft, welche mit Muie Jane Hading im Frankfurter Schauspielhause am 8. MaiLes Demi-Vitrges (Halbe Unschuld) von Prsvost und am 9. MaiLe Maitro de Forges (Der Hüttenbesitzer) von Ohnet zur Aufführung bringen wird, wird die nachfolgenden Namen in Paris renommierter schauspielerischer Kräfte enthalten: Mm. Florentine Roybet, Marquet - Loisel, Lueie, Remy, Gallais, de Verteuil, Florian, Croiffy, Jane Loria, Daspremont, P. Caters, la Petite Raymonde; Mm. Marquet, Pouetal, Mondos M. Lagrange, (Barborg, Perret, F. Barrs, Franck, Rivers Romey, Lenoir, Linovale, Georget, Androk und Germain. Platzbestellungen werden täglich an der Kaffe und den üblichen Verkaufsstellen entgegengenommen.

Frankfurt a. M., 2. Mai. In der neu arrangierten Mai- Ausstellung des Kunstsalons Hermes, Frankfurt a.M., Goethe- Eck, am Opernplatz, sind durch Sonder-Ausstellungen vertreten Adolf Mentzel mit 30 Werken (Oelbilder, Aquarellen, Hand- zeicknungen) und Richard Pietzsch-München mit 12 Gemälden. Neven einem neuen Städtebilde von Keller-Reutlingen und einer großen Anzahl Einzelwerke fast aller unserer ersten Meister, wie Böcklin, Lenbach, Liebermann, Firle, Defregger, Trübner rc., sind von Hans Thoma 6Gemälde, von G. Schön­leber 4 Marinen und von Viktor Gilsoul 4 neue Landschaften m bemerken. Erwähnenswert ist noch ein Damenbildnis von John Lavery-Glasgow und eine lebensgroße Büste des verstorbenen Frankfurter Forstmeisters Hensel.

Arbeiterbewegung.

London, 2. Mai. Nach einem Telegramm desMorning Leader" begann der Mai tag in Pittsburg mit einem Streik der Bauhandwerker. Einige tausend Mann versammelten sich um Mitternacht in Smithfield Street, machten Lärm und begaben sich dann zu einem Ball, auf dem sie bis zum Morgen tanzten. Am Vormittag gab es gewissermaßen zwischen Himmel und Erde einen Zusammenstoß zwischen streikenden und nichtstreckenden Arbeitern. Ein halbes Dutzend nicht organisierter Elektriker repa­rierte nämlich Drähte über einem 6 Stockwerke hohen Gebäude in Wood Street, als plötzlich eine Abteilung Streiker zu chnen gelangte und es am Rande des Daches zu einem Kampfe auf Leben und Tod kam, während andere sich mit Mauersteinen und Dachziegeln bewarfen.. Ein Mann erkletterte eine Telegraphenstange und ver­teidigte sich mit einer Stange mit einem eisernen Haken daran. Ein Mauerstein brachte ihn herunter und er brach ein Bein. Als die Polizei anrückte, glitten die Streikenden eine Feuerleiter hinab und ließen sich bann 25 Fuß tief zur Straße hinabfallen. Die Menge verhinderte deren Verhaftung. Die nicht organisierten Elek­triker wurden m Ambulanzen weggeschafft.

Gerichtssaal.

Leipzig, 2. Mai. Das Reichsgericht verwarf die Revision der Redakteure S ch m i b t unb John vomVorwärts", bie am 2. Dezember v. I. wegen Veröffentlichung vonHunnen- briefen zu 6 bezw. 7 Monaten Gefängnis verurteilt worben sind.

Gottesdienst in der Synagoge, Südanlage.

Israelitische Pettgionsgemeinde.

Samstag, den 3. Mai 1902.

Vorabend: 78a Uhr. Morgens: 880 Uhr. Nachmittag?: 4 Uhr Schrifterklärung.

Sabbathausgang: 8 Uhr.

Neueste Meldungen.

Originaldrahtmeldungen des Gießener Anzeigers.

Berlin, 2. Mai. Die Zollkommission nahm nach der Regierungsvorlage Position 231, rohe Schiefer­blöcke 25 Pfennig, rohe Schieferplatten und Dachschiefer Mark 1,25, sowie die Positionen 233 bis 236 an, welche Zollsreiheit festsetzen für rohe Edelsteine und Halbedel­steine, sowie sonstige Erden und rohe mineralische Stoffe, Erze und Schlacken, Steinkohlen und Koks. Ein zu Position 231 gestellter Antrag Cahensly, Schiefer durchweg zwei Mart mit einem Unterantrag Speck, roher Tafelschiefer 50 Pfennig, wird nach lebhafter Debatte, in der die Re­gierungsvertreter betonen, daß ein zu hoher Schieferzoll nur die Verwendung von Ziegeln vermehren würde, ab- gelehnt.

Berlin, 2. Mai. In der Budget-Kommission des Reichstages gelangte heute die Vorlage wegen Heber* nähme einer Garantie des Reiches für die Eisen­bahn Dar-es-Salam-Mrogoro zur Beratung. Die

Vorlage war bekanntlich an die Kommission zurückverwiesen worden, weil seit Verhandlung derselben in der Kommission nahezu ein Jahr verflossen war und sich inzwischen die Emissionsverhältnisfe für die Reichsanleihen und sonstige Wertpapiere wesentlich verändert hätten. Es erhob sich eine längere Diskussion, die aber zu keinem Beschluß gelangte. Die Weiterberatung wurde vielmehr auf nächsten Dienstag vertagt.

Berlin, 2. Mai. Auf Grund eines Vortrages des Pfarrers Anz in Windhoek machte der Allgemeine deutsche Sprachverein die Reichsbehörden aufmerksam auf die Verwilderung der deutschen Sprache in Deutsch-Südafrika durch die Vereinigung mit Worten der holländischen, englischen, Hottentottensprache und Kaffern- sprache. Dem Vorsitzenden des Vereins ging ein Dank­schreiben des Reichskanzlers zu, welches das be­sondere Verdienst des Pfarrers Anz anerkennt und in dem es ferner heißt:Es könnte nur tief bedauert werden, wenn unsere Sprache dort bereits im Munde der deutschen Ein­wanderer einem bildungsfeindlichen Kauderwelsch Platz, machen sollte. Ich hoffe, daß es den Bemühungen der einsichtsvollen Deutschen im Schutzgebiet, unterstützt durch die immer wachsende Teilnahme der Heimat an der Ent­wickelung der Kolonien gelingen möge, dem drohenden Hebel noch rechtzeitig Halt zu gebieten."

Berlin, 2. Mai. Die diesjährige Maifeier hatte Massen-Aussperrungen Berliner Arbeiter im Ge­folge. An den meisten Stellen werden die Maifeiernden erst am kommenden Montag wieder beschäftigt. Im Bau­gewerbe erfolgt sogar die Wiedereinstellung erst am 8. Mai. Am größten find die Aussperrungen in der Holzindustrie, wo die Zahl der zeitweilig Entlassenen über 3000 betragen dürfte.

Vegesack bei Bremen, 2. Mai. Anläßlich der Mai­feier kam es zwischen der Verwaltung des BremerVulkan", Schiffsbau- und Maschinenfabrik, und den Arbeitern deS ,^Vulkan" zu Differenzen. Die Verwaltung war den Arbeitern in der Weise entgegenaekommen, daß sie am 1. Mai um 5 Hhr nachmittags den Betrieb schließen wollte. Die überwiegende Mehrheit der Arbeiter, etwa 2000, erschien bereits am Mittag, als die Mittagspause ablief, nicht wieder und feierte den ganzen Nachmittag hindurch. In­folgedessen beschloß die Verwaltung, für heute morgen den Gesamtbetrieb zu schließen und die Arbeit erst am Montag wieder beginnen zu lassen. Heute nachmittag halten die Arbeiter eine Versammlung ab, um Stellung zu der An­gelegenheit zu nehmen .

Stuttgart, 2. Mai. Die Mehrheit der Steuer- komMission hat in zweiter Lesung die fakultative Warenhaus st euer abgelehnt, die Bauplatzsteuer angenommen.

Londonderry, 2. Mai. An Bord eines Schiffes des in Lough-Swilly liegenden deutschen Geschwaders ist amtlich ein Scharlachfall festgestellt worden. Der Er­krankte, Leutnant Löwe, fano im Hospital Aufnahme.

Paris, 2. Mai. Ministerpräsident Waldeck- Rousseau richtete an die Präfekten ein Rundschreiben, in dem er darauf hinweist, daß in zahlreichen Departe­ments die Geistlichkeit sich in die Wahlen ge­mischt habe. Diese Kundgebungen bedeuteten einen offenkundigen Mißbrauch der kirchlichen Funktionen. Solche Mißbräuche könnten nicht geduldet werden. Der Minister fordert die Präfekten auf, ihm über etwaige derartige Vorkommnisse zu berichten, damit er das Nötige veranlassen könne. Die Verfügung richtet sich sowohl gegen bie Angehörigen der autorisierten, wie gegen die der nicht autorisierten Religionsgesellschasten.

Konstantinopel, 2. Mai. 20 junge katholische Geistliche wurden am Dienstag während eines Spazier­ganges auf dem Berge Tschamlidjan von türkischen Sol­daten überfallen und arg mißhandelt. Die Angelegen­heit ist jetzt offiziell bei der französischen Botschaft anhängig gemacht worden.

Petersburg, 2. Mai. In dem Jrrenhause zu Ni­kolai fand während einer für die Patienten veranstalteten Theater-Vorstellung ein Attentat auf den Oberarzt Re­formatski statt. Der Thäter war der frühere Polizei- Sergeant Sabatajew. Dieser, welcher neben dem Arzte saß, schlug ihn mit den Worten: Das ist dafür, daß Du Gesunde einsperrst, mit einem schweren Glasgefäß zweimal auf den Kops. Reformatski trug zwei schwere Kopfwunden davon und wurde besinnungslos davongetragen. Sein Zustand ist sehr ernst.

Washington, 2. Mai Im Repräsentanten. Hause brachte Burke, Vertreter eines Bezirkes von Pennsylvanien, einen Antrag ein, den Präsi­denten zu ersuchen, daß er Pferde und Maultiere, die verschifft werden, als Kriegskontrebande er­kläre und proklamiere, daß weder die Krieg führenden Par­teien in Südafrika, noch ihre Agenten, die Häfen der Vereinigten Staaten zur Verschiffung von Tieren und Kriegsmaterial benutzen dürfen.