Politische Tagesschau.
Radikale Maßregel«.
Von besonderer Seite wird uns aus Berlin, L Dezember, geschrieben:
Taß die Mehrheit im Reichstag mit dem Gedanken rnngehe, den Antrag Kardorff auf en bloe-Annahme des Zolltarifs zurückzuziehen, hrirb beute abend als Gerücht verzeichnet. Nach unseren Erkundigungen ist ein solcher Vorschlag nirgends in Anregung gebracht worden, auch bei den Nationalliberalen nicht. Aber, so hören wir, es sei eine ganz andere Frage, ob die Nationalliberalen diejenigen neuen Abänderungen der Geschäftsordnung mitmachen, die vom Zentrum und von der Rechten zur Erreichung des Ziels, d. h. zur Durchsetzung der Zollvorlage, für erforderlich gehalten werden. Es finden über diese Aenderungen Besprechungen statt. Soweit dabei in Betracht kommt, eine uferlose Ausdehnung der „Geschäftsordnungs- bebatte" über den Antrag v. Kardorff mittels Schluß- antraas zu verhindern, dürste die Unterstützung der Mehrheit oer Nationalliberalen zu erwarten sein. „Radikale" Maßregeln jedoch, die in der Wirkung darauf hinausgehen, die Rechte der Minderheit dauernd zu verkümmern, werden zurückaewiesen werden. Abg. Paasche von den Nationalliberalen ist zwar mit Energie thätig, die Durchführung des Kampfes zu empfehlen. Mein die Anwendung allzu heroischer Mittel birgt große Gefahren in sich, die Gefahr vor allem, daß der Reichstag zum Schauplatz unerhörter, das Dagewesene noch überbietender Szenen wird. Man hat sich innerhalb der Zollmehrheit die Sache leichter voraestellt und man ist einigermaßen verblüfft, daß auch in derjenigen Presse, die für den Zolltarif eintritt und die Obstruktion verwirft, erheblicher Widerspruch gegen die Zulässigkeit des Antrags Kardorff sich geltend macht. Noch einen Schritt weiter durch ein Zurechtbiegen der Geschäftsordnung für die Zwecke, die man zu erstreben wünscht, so kann es geschehen, daß die Oeffentlichkeit, die ein feines Rechtsgefühl hat, überwiegend für die Minderheit Partei ergreift. Die „Kreuzzta." ermuntert soeben ausdrücklich die Regierung im Folgenden: „Auch an maßgebenden Stellen in der Reichsleitung wird man an diesen Vorgängen nicht teilnahmslos vorübergehen dürfen." Das sind Anzeichen, die stutzig machen müssen und zu großer Vorsicht insbesondere die Nationalliberalen gegenüber den Verbündeten des Augenblicks mahnen.
Die Engländer und der Mullah.
Der „tolle Mullah", der den Engländern im tiefsten Innern Afrikas schon so viele Kopfschmerzen bereitet hat, erzielt anscheinend jetzt wieder recht ansehnliche Kriegs- erfolge gegen den Obersten Swayne. Wie der „Morning Post" aus Aden gemeldet wird, sind die dortigen Militärbehörden einhellig dafür, daß die Jahreszeit für eine nachdrückliche Weiterführung des Feldzuges in Somaliland jetzt, da die Regenfälle aufgehört haben, vorbei ist. Bis zum August werde kein wirksamer Vormarsch möglich fein und bis dahin wahrscheinlich, abgesehen von der Verstärkung der militärischen Stationen, nichts unternommen werden können. — Die Engländer halten es also für das Geratenste, die vom Mullah erhaltenen Schläge einstweilen ruhig einzustecken. Sie haben ja immer äußerst praktisch gedacht! — Das Meutersche Bureau meldet aus Garrero vom 26. November: Der Mullah hat einen Zug von Kamelen hierher gesandt, welche Vorräte trugen, die der Mullah im Gefecht mit dem Obersten Swayne erbeutet hatte und die alle unbrauchbar gemacht waren. Desgleichen sandte der Mullah eine herausfordernde Botschaft nach Bo- hotle, wo jetzt eine Kompagnie Bombap-Grenadiere und eine Abteilung Sikhs liegen. Außerdem hat er starke Vorposten ringsum Bohvtle fn Entfernungen von 1000 Yards bis zu vier Meilen aufgestellt, mit denen die englischen Vorposten Schüsse wechseln.
Parlamentarisches.
Berlin, 2. Dez. Die heutigen Morgenblatter melden: Es verlautet, Abg. Frhr. v. Hehl beabsichtigt, zum Zolltarif eine Resolution einzubringen, durch die der Reichskanzler zu Verhandlungen mit den anderen Staaten aufgefordert wird und sich gegenseitig zu verpflichten, daß zukünftig keine Meistbegünstigungsverträge abgeschlossen werden.
Das .Hauptorgan des Zentrums, die Berliner „Germania" erklärt heute: Nachdem ein Kampf um die Grundlagen des deutschen Verfassungslebens im Reichstage entbrannt fei, müsse die Mehrheit durchhalten, nicht allein um des Zolltarifes, sondern auch um Ordnung des Gesetzes Millen, um die Grundlagen unseres konstitutionellen Verfassungslebens ni erhalten. Gebe die gegenwärtige Geschäftsordnung der Obstruktion Handhaben zu einer mißbräuchlichen Berufung auf dieselbe, so bleibe nichts übrig, als sie zu ändern.
Deutsches Reich.
Berlin, 1. Dez. Dem „Reichsanzeiger" zufolge nahm der Kaiser am Samstag im Schloß Neudeck den Vortrag des Vertreters des Auswärtigen Amts, Gesandten von Tschirsckkv und Bögendorff entgegen. — Aus Beuthen (Oberschlesien) wird vom Montag abend gemeldet: Der Kaiser fuhr heute nachmittag 1 Uhr von Schloß Neudeck nach dem Bahnhofe von Nadzioukau, von wo er um 3 Uhr 35 Min. mit Sonderzug nach Groß-Strelitz weiterreiste.
-2— Der deutsche Kronprinz wird nach dem „Berl. Tageblatt" mit dem Prinzen Heinrich und dessen Geschwader den dänischen Hof erst im nächsten Frühjahr besuchen, der Kaiser vielleicht erst im Herbst 1903, bei welcher Gelegenheit er wahrscheinlich mit dem Zaren und dem englischen Könige zusammen- trifft
— Der über das Befinden des Herzogs vonSach- sen-Altenburg am Montag ausgegebene Bericht besagt, daß die letzte Nacht, wenn auch noch durch Husten aestört, doch besser war, als die vorige. Am Morgen betrug die Temperatur 37,9, der Puls 90, die Atmung 30. Der Herzog fühlt sich schwach, doch beginnt sich der Appetit zu regen. — Der am Nachmittag ausgegebene Krankenbericht besagt, daß der Herzog den Tag wieder leidlich ver- bradii hat. Er verbrachte eine halbe Stunde im Stuhl schlafend und nahm etwas, wenn auch nicht viel Nahrung zu sich.
— Ter „Reichsanz." veröffentlicht eine kaiserliche Verordnung betr. die Rechte an Grundstücken in den deutschen Schutzgebieten vom 21. November 1902, sowie die Ausführungs-Verfügung dos Reichskanzlers dazu vom 30. November 1902. — Der „Reichsanz." veröffentlicht die Ernennung des Geh. OberregierungsratS im Reichsamt des Innern,
von Jonguiereö, yem Direktor der Normal-Mchmigs-Kow- mission.
Kiel, L Dez. Prinz Heinrich trat heute mittag an Bord seines Flaggschiffes Kaiser Friedrich HI." mit dem ersten Geschwader eine Winterreise nach der norwegischen Küste an.
Neustadt a. H., 30. Nov. Heute nacht starb Kommerzienrat Th. Knöckel, Besitzer der Papierfabrik Ph. Knöckel Söhne. Knöckel war der Führer der Nationalliberalen im hiesigen Kreise, und saß auch im Stadtkollegium. Hervorragendes leistete er in der Fürsorge für seine Arbeiter, und die Armen der Stadt werden ihn sehr vermissen.
Breslau, L Dez. Der Zweig-Verein des Vereins deutscher Eisenhüttenleute sandte an den Kaiser ein Dank-Telegramm auS Anlaß der Essener Rede. Desgleichen richtete der Verein ein Telegramm an die Direktion der Firma Krupp, in welchem derselbe der tiefen Trauer Ausdruck giebt über das Hinscheiden Krupps.
Ausland.
Wien, 1. Dez. Nachdem durch das wahrscheinliche Zustandekommen des deutschen Zolltarises die Kündigung der Handelsverträge wahrscheinlich geworden ist, werden, wie offiziös verlautet, die Ausgleichsverhandlungen mit Ungarn demnächst wieder ausgenommen werden.
Athen, 1. Dez. Bei den Kammerwahlen errangen die Telyannisten 135, die Zaimisten 22, die Throtokisten 60 und die Teligeorgisten 10 Sitze. Tie Minister Negris, Korpas und Monphantvs find unterlegen.
Paris, 1. Dez. In der Teputiertenkammer wurde heute ein Antrag Plichon verteilt, nach dem die Zölle aus Bier abgeändert werden, in der Weise, daß der allgemeine Tarif auf 25, der Minimaltarif auf 18 Frcs. Per 100 Kilogramm Reingewicht erhöht wird. In dem Mo- ttvenbericht heißt es> daß die Maßnahme die guten Beziehungen mit den benachbarten Nationen nicht stören dürfte, da Deutschland, welches die einzige Nation sei, die Bier nach Frankreich exportiert, im gegenwärtigen Augenblick ein Beispiel gebe, indem es einen höheren als den bisher bestehenden Zolltarif vorbereite.
Konstantinopel, 30. Nov. Während der gestrigen Audienz beim Sultan hat der deutsche Botschafter demselben angeraten, die Administration Macedoniens durch gewisse Maßregeln zu bessern.
London, 1. Tez. Nach einer Blättermeldung ist der Zustand des Generals Louis Botha kein befriedigender. Ter Kranke verbrachte die letzte Nacht schlaflos.
Aus Stadt und Land.
Gießen, den 2. Dezember 1902.
** Tagesordnung für die Sitzung der Stadtverordneten - Versammlung am Donnerstag dem 4. Dezember 1902, nachmittags 4 Uhr: 1. Genehmigung von Rechnungen. 2. Sielbau; hier: a. Lieferung von Spül- brunnenrohren, b. deSgl. von verschiebbaren Spülklappen. 3. Vergebung von Wegbauarbeiten im Gießener Stadtwatd. 4. Anlage eines neuen Friedhofes; hier: Kunstschloffer- arbeiten. 5. Notstandsarbeiten. 6. Straßenkostenbeiträge für die Alicestraße. 7. Desgl. für die Johannessttaße. 8. DeSgl. für die Wiesenstraße. 9. Gesuch der Architekten Stein u. Meyer um Eröffnung der verlängetten Ludwigstraße. 10. Ausführung des Gesetzes vom 2. August 1899 über die Dienstverhältnisse der Staatsbeamten; hier: militärische Organisation der Schutzmannschaft und Polizeikosten. 11. AuS- nahmetage für die BeschästigungSzeit und den Ladenschluß der Geschäfte im Jahre 1903. 12. Rechnung der Plock'schen Stiftung für 1901/02. 13. Voranschlag der Plock'schen
Stiftung für 1903/04. 14. Gesuch des Karl Ernst Christel um Erlaubnis zum Betriebe der Gastwittschaft im Hause Seltersweg 40. 15. Gesuch der Anna Frötsch Witwe um Erlaubnis znm Betriebe einer Schankwittschaft im Hause Nordanlage 1.
• • Aus dem Bureau des Stadttheaters. Das Gastspiel deS Herrn Richard Kirch, erster Held und Liebhaber am Frankfutter Schauspielhaus, findet nunmehr definitiv Freitag den 5. d. M. statt. Vorbestellungen auf Billets nimmt Herr Challier vom Donnerstag an entgegen.
* • Das 3. Abonnementskonzert findet diesmal nicht am Donnerstag, sondern schon heute Abend, Dienstag, statt, well die Kapelle für Donnerstag nach auswätts verpflichtet ist.
* * D er Bauersche Gesangverein beabsichtigt, am Sonntag, 7. d. MtS., nachmittags 5 Uhr in Steins Saalbau seinen passiven Mitgliedern und Freunden einen Cyclus seiner schönsten Lieder vorzutragen. Da die Leistungen des strebsamen Vereins längst als gut bekannt sind, so wird es ihm an Besuch nicht fehlen, um so mehr, als sich auch CuttiS ergreifender Chor, „den Toten vom Iltis", der in Gießen noch nicht öffentlich gesungen ist, auf dem Programm befindet.
* * Männer-Turnverein. Am 29. November feierte der Männer-Turnverein Gießen in SteinS Gatten sein dieSjähttgeS Winterfest. Eingeleitet wurde dasselbe-durch einen vom ersten Sprecher vorgetragenen Prolog, worauf Maffenstabübungen, Turnen einer Vereinsriege an zwei Barren und von einer Anzahl Turner Gipfelübungen am Reck vorgefühtt wurden. DaS daran anknüpfende Festspiel „Jahn im Olymp", in welchem Marmorgruppen, ein Reigen römischer Gladiatoren, ein Fahnenreigen der Knaben, Pyramiden, die von Turnerinnen und Turnern gestellt wurden, Eisenstabwindeübungen und Gipfelturnen am Barren von Turnern deS Vereins gezeigt wurden, erntete bei allen Zuschauern ungeteilten Beifall, sodaß die Schlußgruppe wiederholt gezeigt werden mußte. Den Schluß des Festes bildete ein Ball, der die Teilnehmer bis zum frühen Morgen zusammenhielt.
— Gießener Volksbad. Im November wurden 8024 Bäder verabreicht gegen 7560 im Oktober 1902 und 8055 im November 1901 oder im Durchschnitt auf den ganzen Badetag 292 Bader gegen 261 im Oktober 1902 und 288 im November 1901. Der Besuch im einzelnen hat sich wie folgt ©erteilt:
Schwimmbad 4394 Männer, darunter 841 zu 10 Pfg.,
, 677 Frauen, , 159 „ 10 ,
Wannenbäder 1. Klaffe 285 Männer, 88 Frauen,
, 2. , 624 „ 350
Dampf- und Heißlustbäder, sowie Maffage zusammen 164 । Männer, 15 Frauen. Brausebäder 1191 Männer, 236 Frauen.
Die Personemvage wurde von 200 Personen benutzt wub daS Bad von 7 Personen besichtigt.
* * Der Herr Kontrolleur. Brr! jetzt wird eS erst gelungen, jeA ist der Herr Konttolleur schnellen Satzes auf. gesprungen: „Bitte Ihren Fahttchein her!" Jetzt beginnt ein Schläferrütteln und ein Taschenfutter-Schütteln. Unter Brummen, unter Fluchen fängt man an den Schein z» suchen: Hosen, Rock und Weste, je! Ueberzieher, Potte» monnaie, nirgends ist das Ding zu fasten! Wo hab' ich daS Beest gelösten? Einer hat auS dem Billette sich gedreht ’ne Zigarrette, und ein Mädchen — ganz verzückt — hat in Stücke eS gepflückt."
• * Dezember! Der Monat Dezember, in welchen wir gestern eintraten, ist der Greis im Lebenslaufe de- JahreS. Pelzwett, Pulswärmer, heraufgeschlagene Kragen sind seine charaktettstischen Zeichen. Von allen Monaten tß er der größte Freund und Protektor der Jägerschen Doll- methode und wegen seiner Kälte ist er der Liebling der Pelz, und Kohlen-Händler, allein der Feind des Hausherrn, den er mehr wie andere Monate in die Tasche zu greifen nötigt Als Beschützer der langen Nächte ist er ebenfalls nicht geliebt von der Hausfrau, die von dem vielen Pettoleum. unb GaS-Verbrauch nicht gerade erbaut ist, wie überhaupt bie Frauen — so sagt man — alte finsterschauende Männer nicht leiden mögen! Dagegen ist der Dezember, wie alle alten Leute, ein unbestrittener Freund der Kinder! Bringt der Dezember doch die Hauptfreude für die kleine Welt, daS Weihnachtsfest mit seinen Geschenken und Lichtern, so daß er durch deren Glanz ersetzt, was ihm an Sonnenschein mangelt Darum sei der Dezember unS willkommen!
p. Fried berg, 1. Dez. Nm SamStag wurden in mehreren hiesigen Wirtschaften die Sammelbüchsen mit In. halt gestohlen. Dem Dieb oder den Dieben fielen mut- maßlich über 100 Mk. in die Hände. Obgleich die Polizei sofott nach der That eifrige Nachforschungen anstellte, gelang es nicht, die Verbrecher zu erwischen. Von einem derselben konnte durch Zeugen folgendes Signalement festgestellt werben: bleiches Gesicht, schwarzer Ueberzieher und Filzhut, schwarzer Schnurrbatt, Größe ca. 1,70 Meter. Tie entwendeten Sammelbüchsen sind insofern leicht zu ettennen, als sie Nach- bilbungcn des hiesigen Adolfturmes sind.
n. Münster bei Lich, 1. Dez. Unsere Gemeinde hat ihre Eingabe an die Gemeinde Ettingshausen wegen Anschluß an die dort im Bau befindliche Wasserleitung zurückge- nommen und beabsichtigt, eine eigene Wasserleitung in der Nähe der EttingShäuser Quellen anzulegen. ES werden des. halb in aller Kürze Bohrversuche gemacht werden.
Wetzlar, 2. Dez. In großer Aufregung befindtt sich die Familie deS in dem einsam zwischen Oberbiel unb Albshausen an der Lahn gelegenen .SchiffShauS* wohnenden Arbeiters Kullmann. Frau K. sandte gestern, wie der ,,W. A." schreibt, ihr siebenjähttgeS Söhnchen mit einem Auftrage nach Oberbiel. Von diesem Gang ist daS Kind nicht zurückgekehtt. Man nimmt an, daß eS den nächsten Weg über die hier zugefrorene Lahn — um den Umweg über die etwas weiter unten liegende Brücke zu sparen — wählte und unter das EiS getteht; doch fehlen auch hierfür sichere Anhaltspunkte.
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Schwurgericht.
W. Gießen, 2. Te^
Tie gestrige Verhandlung vor dem Schwurgericht würbe von Landrichter Kvch alS Vorsitzender deS Gerichtshofes eröffnet. Als beisitzende Richter nahmen an der Verhandlung teil Landgerichtsrat Müller und Amtsrichter Neunhagen. Tie Staatsanwaltschaft wurde durch Staatsanwalt Reuß vertreten. Verhandelt wurde gegen den bisher unbestraften, 19 Jahre alten Pferdeknecht Wilhelm Janisch aus Kohden, der der Brandstiftung angeklagt ist. Tie Verteidigung des Angeklagten führt Rechtsanwalt Dr. Jung. Zur Verhandlung waren sieben Zeugen geladen. Tie Än- gelegenhett wurde bereits am 9. Oktober b. I. verhandelt und damals vertagt, weil die Verteidigung begründete Zweifel darüber äußerte, ob bei der Brandstiftung auch wirklich das in Fra^e kommende Hau? in Brand geletzt worden war. Neberernstimmend mit seinen früheren Angaben erklärte gestern Janisch, daß er an einem SunStag um Ostern dieses Jahres herum in der Nähe des Cber- steinbacherhofes, der sogenannten .Hutenburg bei Leibgestern, welche vorn Landwirt Klein gepachtet sei, mit dem 3d'dfcr von der Ludwigshöhe, dem Jakob Schäfer uis.immenge- troffen sei. Janisch war bei demselben Tienstherrn als Pferdeknecht thätig. Schäfer sei mit ihm in das .Haus der Hutenburg getreten, hier habe der Jakob Schäfer ihm ein Streichholz gegeben und ihm zugeredet oder ilm aufge- forbert. das noch von Schäfers Vorgänger in der ersten Etage des Hauses liegende Strohlager in Brand zu si'tze^ Er will der Aufforderung nachgekommen sein. Anfängliw habe das Stroh, ohne eine Flamme von sich geben, nur gequalmt, sie hätten beide darauf das Haus verlassen. Ter Angeklagte will dann noch einmal in das 5?au5 zurüch gegangen sein, um nach^usehen, ob das Stroh auch toirfna verbrannt sei; es sei jedoch in dem Raume, wo er b« Stroh entzündet, ein solcher Rauch gewesen, daß er roiebet habe umkehren müssen. Später sei Peter Junker vorüber- gekommen und habe gemeint, im Hanse der £ut£P?ur5 brenne es. Janisch will nun nach dem Herd des zurückgekehrt sein, er habe versucht, den Brand mrt den Füßen zu löschen: da ihm dies aber nicht geglückt sei, hade er aus dem Fenster heraus um Wasser gerufen, woraus Jakob Schäfer ihm seinen Hut voll Was'er gereicht, mtt dem er das Feuer vollständig gedämpft habe. Auf befragen des Vorsitzenden giebt der Angeklagte zuerst zu. er have in der Voruntersuchung erklärt, daran gedacht zu haben, daß das Haus abbrennen könne, wenn er in dem,eiben das Stroh anstecke. Auf Anregtlng des Verteidigers richtet der Präsident, Landrichter üoch an Janisch Frage, was er denn gedacht hat, als er das Stroh in Brand fepw- Ter Angeklagte erklärt darauf, daß er gar nichts gchacnc habe, es sei seine Msicht gewesen, durch Feuer das zu vernichten. Erft als dieses gebrannt habe, habe er 'Jngi bekommen, und ihm sei der Gedanke gekommen, es ktmne auch wohl das Saus mit in Brand gesetzt werden, darum habe er das Haus verlassen. Janisch deponiert noch, MB er mit seinem Tienstherrn gut gestanden unb daß er mevt im mindesten daran gedacht habe, diesen durch Branv- stistung zu schädigen. — Aus der Verlesung deS von Lano- gerichtSrat PrätoriuS als Untersuchungsrichter vorgenommenen Augen scheinbenrndes geht hervor, daß in dem Raume des Lbersteinbacherhofes der ziemlich star»e Holzfußdodev


