Ausgabe 
1.9.1902 Erstes Blatt
 
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Nr. 204

«erscheint täglich außer Sonntags.

Dem Gießener Anzeiger werden im Wechsel mit dem hessischen Landwirt die Siehrner Familien- blätter viermal in der Woche beigelegt.

Rotationsdruck u. Ver­lag der Brüh l'schen Unioers.-Buch-u.Stein- druckerei (Pietsch Erben) Redaktion, Expedition und Druckerei:

Schulstraße 7.

Adresse für Depeschen: Anzeiger Gießen.

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Erstes Matt.

152. Jahrgang

Montag 1. September 4808

GietzenerAnzeiger

General-Anzeiger w 4*r

Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Giessen

DerngSpreiSr monatlich75Ps^vterteI- jährlich Mk. 2.20; durch Abhole- u. Zweigstellen monatlich 65 Pf.; durch diePost Mk. 2. viertel- jährl. ausschl. Vestellg. Annahme von Anzeigen für die Tagesnummer bis vormittags 10 Uhr. Zeilenpreis: lokal 12 Pf^ auswärts 20 Psg.

Verantwortlich: für den polit. u. allgem. Teil: P. Wiltko; für »Stadt und Land* und .Gerichtssaal*: Eurt Plato; für den An­zeigenteil: Hans Beck.

Unter beit Teilnehmern der Tasel bemerkten wir noch: den Oberzeremonienmeister Graf Gianotti, Generalmajor v. Barbebeben in Civil (früher Kommandeur der 13er), Herzog zu Fragnito, Graf Lamperdenghi, Generaladjutant Brusati, Generalbeutnant v. Deines, Cavaliere bc Libero unb anbere italienische Würdenträger, ferner Generalmajor v. Bissing (auch ein früherer Kommandeur ber 13er), Ober­bürgermeister Abickes, Polizeipräsident Frhr. v. Müssling, Oberstleutnant v. Auer von den 81cm u. a. Auf ber Ve­randa bes Hotels spielte bie Husarenkapelte italienische Weisen. Das Menu lautete: Hors d'oeuvres Savoyeienne, Consomme Bussard Re Umberto, Saumon du Rhin grilld de bearnaise, 8 al ade de Concombres, Piece de Boeuf ä, lImparial, Perdreaux du Palatina en Cocotte, Salade coeur de Romain, Compötes fines, Peches Melba, Croque en Bonche, Wales Rarebrits. Fruits.

Gleich zu Anfang bes Tiners überreichte ber König dem Major v. Bobecker von den 13ern eine Auszeichnung. Oberst­leutnant v. Blumenthal brachte ben Trink- sPruch auf ben König aus. Tie Husarenkapelle intonierte den italienischen Königsmarsch. Ter K ö n i g d a n k t e sofort in italienischer Sprache. Er freue sich, einige Stun­den in ber Mitte des Regiments, bas sein Vater so lieb gehabt habe, weilen zu können. Tie kurze Rebe klang in einem Evviva auf bas Regiment unb seinen obersten: Kriegsherrn aus, worauf bie KapelleHeil Tir im Sieger- kranz" spielte. Während des weiteren i^rlaufes des Mahles unterhielt ^sich der König sehr lebha/t mit Oberstleutnant v. Blumenthal.

Rach dem Tiner unterhielt sich der König im Vestibül längere Zeit mit einer Deputation der italienischen Kolonie. Um 8 Uhr 25 Min. fuhr der König mit Gefolge unter den brausenden Hochrufen der Menge nach dem Bahnhofe, wo gegen 9 Uhr die Abfahrt erfolgte. Ein Meer von Licht, das in den mächtigen Hallen unseres Hauptbahn Hofes flutete, leuchtete dem italienischen Herrscher hinaus in die Nacht.

Wie man aus Berlin meldet, herrscht in diplomatischen Kreisen kein Zweifel darüber, daß weder die Verständigung Italiens und Frankreichs über die tripolitauische Frage noch ber Besuch des Königs von Italien in Rußland etwas geänbert hat in der Bedeutung und Festigkeit des Drei­bundes. Ter Unterschied gegen früher liegt nicht darin, daß der Dreibund sein Wesen verändert hätte, er ist vielmehr unverändert erneuert worden, sondern darin, daß die allgemeine Politik aller Mächte friedlichlev geworden ist und die Spannung in Europa gegen* früher sehr nachgelassen hat. Ter Besuch König Viktor Emanuels ist ohne jeden Mißklang verlaufen. Die Besprechungen zwischen den Souveränen und den leitenden Ministern für die auswärtige Politik stellten eine fried­liche Uebereinstimmung fest.

Gießen, 29. August 1902.

Betr.: Mitwirkung der Feldschützen bei der Pfändung von Feldfrüchten.

Das Grobherzogliche Kreisamt Gießen

au bie Großh. Bürgermeistereien des Kreises.

Auf Anordnung des Großh. Ministeriums des Innern beauftragen wir Sie, die Feldschützen anzuweisen, den Ge­richtsvollziehern und sonstigen Vollstreckungsbeamten auf Ver­langen Auskunft über die Lage und Bestellung von Grund­stücken zu erteilen und ihnen diese Grundstücke erforderlichen Falles zu zeigen. Für die Mühewaltung kann der Feld­schütze von dem Vollstreckungsbeamten eine Vergütung bean­spruchen, deren Festsetzung mit Rücksicht auf die Verschieden­artigkeit der Fälle zunächst der freien Vereinbarung Beider überlasten bleibt, auf Anruf eines der Beteiligten aber durch uns erfolgen wird.

Dr. Breid-ert.

Gießen, 29. August 1902.

Betr.: Kontrolle über die im Privatbesitz besindlichen Vorräte an Schießpulver und Sprengstoffen.

Das Grsßherzogliche Kreisamt Gießen au die Großh. Bürgermeistereien ber Lanbgemeinben bes Kreises.

Wir erinnern diejenigen von Ihnen, welche auf unser Ausschreiben vom 11. d. M. im Kreisblatt Nr. 76 noch nicht berichtet haben, an besten Erledigung. Ihrem Berichte sehen wir nunmehr binnen drei Tagen entgegen.

Dr. Breidert.

Betr.: Sterblichkeitsstatistik.

Ha bie Großh. Bürgermeistereien bes Kreises Gießen.

Wir ersuchen Sie, die Zählkarten und Todes­zeugnisse von Juli unb August möglichst in ben ersten Tagen bes Monats September an uns einzusenden.

Gießen, den 30. August 1902.

Großh. Kreisgesundheitsamt Gießen. Dr. Haberkorn.

Aer König von Italien in Deutschland.

Berlin, 30. Aug-

Heute vormittag hat in ber Zeit von 9 bis 11 Uhr bie große Her bst parabe über bie Potsdamer und Berliner Garnison stattgefunden. Der Kaiser trug große Generals- Uniform mit dem Banbe bes Schwarzen Adlerordens und der Kette des Annunziatenorbens. König Viktor Emanuel hatte die Uniform ber Bockenheimer Husaren und ebenfalls den Schwarzen Adlerorden angelegt, die Kaiserin die Uniform ber Pasewalker Kürassiere mit straußfederbesetztem Dreimaster unb dem herzförmigen Schild von Hohenfriedberg auf der Brust. Unter den Aängen des italienischen Königsmarsches ritten bie beiden Monarchen die Front ber Truppen ab, worauf ein einmaliger Vorbei­marsch erfolgte. Nach einer kurzen Kritik begann ber Rück­marsch ber Truppen unb bie Rückfahrt der geladenen Per­sönlichkeiten. Der Kaiser ritt an ber Spitze ber Fahnen­kompagnie in bie Stadt zurück, links bojt ihm ritten König Viktor Emanuel und ber Kronprinz von Sachsen. All- gemeiues Aussehen erregte ber Häuptling von Kamerun, Manga Bell. Der Kaiser bankte fortwähreub mit bem Marschallstabe für die Hochrufe bes Publikums, währenb der König freundlich lächelnb den Kopf neigte.

Um ein Uhr fand bei bem ReichskanAer Grafen von Bülow zu Ehren bes Ministers Prinetti ein Frühstück statt, an bem bie Gräfin Bülow, die Marchesa Jmperiali, Botschafter Graf Lanza unb bas gesamte Personal ber italienischen Botschaft sowie ber italienische Mrlitärattachee teilnahmen.

Heute abenb um 7 Uhr fand im Neuen Palais Pa­rabetasel statt. Wieberum saß ber König von Italien zwischen bem Kaiser unb ber Kaiserin. Neben bem Kaiser folgten nach rechts zunächst Prinzessin Friedrich Leopold, der Kronprinz, dann u a- Prinz Pari- batra von Siam, Prinz Chlodwig von Hessen-Philippsthal u. s. w., endlich Wirk!. Geh. Rat Dr. v. Lucanus; links neben ber Kaiserin saß der Kronprinz von Sachsen, bann bie Prinzen Eitel Friedrich, Friedrich Heinrich und Fried­rich Wilhelm u. s. w., Minister v. Wedel, General v. Lin- bequift u. A- Dem König von Italien gegenüber saß ber Reichskanzler, zwischen bem Minister Prinetti unb bem Bot­schafter Graf Lanza Rechts folgten Generaloberst v.Hahnke, Minister Ponzio-Vaglia u. s. w., ferner Kriegsminister von Goßler, links Generalleutnant v. Perbandt u- A.

Auf das Telegramm des^ Bürgermeisters von Rom antwortete Oberbürgermeister Kirschner:

Die Bürgerschaft Berlins weiß sich mit ber Be­völkerung des ewigen Roms eins in den herzlichsten Wünschen unb Hoffnungen für das Wohlergehen unb bie Zukunft ber treuen Verbündeten Italien und Deutschlanb unb ihrer erhabenen Fürsten. Sie war glücklich, ben eblen König von Italien am Geburtstage des deutschen Geistes- fürften Goethe, dessen Standbild binnen kurzem als Gabe des deutschen Kaisers Rom schmücken wird, in ihren Mauern festlich begrüßen zu können."

Der König von Italien liefe bem Berliner Oberbürger­meister burch bie italienische Botschaft 10 000 Lire für bie Armen Berlins übermitteln.

Potsdam, 31. Aug.

Der König von Italien wohnte heute früh mit bem Minister Prinetti und seinem ganzen Gefolge ber Messe bei.

Gegen 9 Uhr trafen bie Majestäten vom Neuen Palais aus bem Bahnhofe Wilbpark ein/ wo ber Kronprinz, Prinz Eitel Friebrich und Reichskanzler Graf v. Bülow erschienen waren. Der Abschied der Pbajestäten war über­aus herzlich, sie küßten sich'wiederholt. Als der König den Zug bestiegen hatte, reichten sich die Majestäten noch­mals die Hand. Während der Zug sich unter den Hoch­rufen eines zahlreichen Publikums in Bewegung setzte, grüßte der König noch fortwährend aus dem Wagen. Aus der Fahrt war der König vom Ehrendienst begleitet.

lkmnkf^urt a. M, 31. AÜL.

Zu Ehren des Königs von Italien ist das Bahnhofs­viertel prächtig geschmückt. Von den Häusern wehen Fahnen in den italienischen und deutschen Farben. Auf dem Haupt- bahnhof zeigt der Bahnsteig Ko. 7 Draperien in den italie­nischen Landesfarben, Arrangements von Blattpflanzen und blühenden Topfgewächsen. In den Blättern sind elektrische Glühlämpchen in Rot-Weiß-Grün für die Illumination ver­teilt. Die gleichen Dekorationen trägt der Nordausgang des Bahnhofs. Die Feststraße ist umsäumt von laubum- kränzten Flaggenmasten; die Häuser sind geschmückt mit Laubgewinden und Fahnen. Von den Balkons hängen präch­tige Teppiche und Dekorationen in den italienischen und deutschen Farben. Die Straßenlaternen tragen Gassterne. Einen besonders schönen Schmuck weisen die Villen in der Taunusanlage auf sowie das Hotel Imperial. Tausende drängen in den Straßen, jeder Zug bringt weitere Menschen­massen. Das Wetter ist trübe und schwül.

Gegen halb 6 Uhr begann die Absperrung. Um 6 Uhr rückte die Ehrenkompagnie, die 1. Kompagnie des 81. Re­giments, an und nahm mit ber Musik auf bem Bahnsteig Aufstellung, bie direkten Vorgesetzten auf bem rechten Flügel. Inzwischen formierte sich bas Husarenregiment Nr. 13 in ber Taunnsanlage, die Standarten-Eskadron rückte mit klingendem Spiel an Zum Empfange fanden sich im Bahn­hof ein: der Divisionskommandeur v. Deines, Brigade- kommandeur Normann, Stadtkommandant v. Stülpnagel, Flügeladjutant Oberst v. Jacobi vom 80. Regiment, der italienische Generalkonsul Graf Lambertongei, Polizei­präsident Frhr. v. Müssling u, a Kurz vor halb 7 Uhr lief der königliche Zug ein Die Ehrentömpagnie präsen­tierte, die Musik spielte die itatieiüfcge Hymne. Der König entstieg dem vorletzten Wagen, schritt mit seinem Gefolge die Front der Ehrenkompagnie ab und begab sich nach bem Querperron, von stürmischen Hochrufen unbTücherschwenken des dicht gedrängt den südlichen Teil des Perrons ein­nehmenden Publikums begrüßt. Hier nahm der König den Vorbeimarsch der Ehrenkompagnie entgegen und begab sich bann durch den nördlichen Ausgang zum Wagen. Als der König heraustrat, brach die Menschenmenge, die Kopf an Kops ben weiten Platz und die Bürgersteige besetzt hielt, in stürmische Hochrufe aus. Im ersten Wagen fuhr ber König mit dem kommandierenden General v. L i n b e q u i st, eskortiert von einer Schwadron Husaren, in den übrigen Wagen das Gefolge mit der deutschen Generalität. Die Fahrt ging durch die Karlstvaße, Mainzer Landstraße zur Taunusanlage. Hier hatten sich inzwischen die Mannschaften des 81. Juf.-Regts., das zur Durchführung der Absperrungs­maßregeln gestern abend aus dem Manöver hier einge­troffen war, ihre Plätze eingenommen. Mit klingendem Spiel rückte die erste Schwadron des Husaren-Regiments Nr. 13 mit der Standarte heran und nahm auf dem rechten Flügel des Regiments Aufstellung. Hinter den Truppen drängte sich ein dichtes Spalier von Zuschauern. Kurz nach halb 7 Uhr ertönte das Kommando: Aufgesessen! und das Regiment formierte sich zur Paradeaufstellung in Linie zu zwei Gliedern. Die Musik intonierte die Marcia Reale. Während die Wagen mit dem Gefolge des Königs an der Ecke ber Mainzer Landstraße und Taunusanlage hielten, fuhr der König im Schritt die Front des Regiments ab, jede Schwadron salutierend. Auf dem linken Flügel des­selben hatten ber Verein ehemaliger 13. Husaren unb bie hiesige italienische Kolonie mit ber Fahne Aufstellung ge­nommen. Am linken Flügel ber Ausstellung wendete der Wagen und der König fuhr nochmals die Front des Regi­ments .a-b. Am ersten Flügel angekommen, verliefe ber König ben Wagen, trat auf den Bürgersteig und ließ nun­mehr das Regiment im Parademarsch vorbeidefilieren. Nach dem Regiment marschierten der Verein ehemaliger 13. Hu­saren und die italienische Kolonie vorbei, deren Mitglieder dem Monarchen begeistert zujubelten. Tann bestieg der König wiederum den Wagen und fuhr, mit der gleichen Eskorte und wieder überall lebhaft begrüßt, mit seinem Gefolge zum Hotel Imperial.

Vor bem Hotel drängte sich eine tausend köpfige Men­schenmenge. Auf dem Opernplatze loderten Gasflambeaux, ebenso auf bem Dache des Opernhauses, bas durch elek­trische Scheinwerfer beleuchtet wurde. Auch viele Privat­häuser hatten illuminiert. Vor dem Hotel ftanben die Mit­glieder der italienischen Kolonie mit Fahne.

Im Vestibül des Hotels begrüßte Oberbürgermeister Abickes den König. Im Anschluß daran wurden vorn Kommandeur des' 13. Husaren-Regiments, Oberstleutnant v. Blumenthal, die Reserveoffiziere des Regiments vor­gestellt. Im großen Speisesaal mar in Huseisenform die Tafel gedeckt. Sie war einfach, aber geschmackvoll dekoriert. Dem Sitze des Königs gegenüber waren große Oelgemälde des Königs Humbert angebracht. An der Tafel nahmen ca. 70 Personen" teil, sstechts vom König saß Oberstleutnant v. Blumenrhol, linfö Major v. Blumenthal, gegenüber Exz. o. Lindequist. Rechts von dem Letzteren saß Graf Lanza, links der ital. Hausminister Poncio Vaglia. Zwischen dem Stadtkommandanten v. Stülpnagel und Rittmeister von Mumm erblickte man die ernste Erscheinung des italieni­schen Ministers des Aeußern P r i in-11 i. Es ist ein bild­schöner Mann, bei dem Schweigen .old zu sein scheint.

Zur Fleischteuerungsfrage

sind uns heute mehrere Zuschriften aus unserem Leserpublikum zugegangen, von denen wir morgen die eine ober die andere zum Abdruck bringen werden. Sie alle kamen durch selt­samen Zufall so spät in unsere Hände, daß der heute uns zur Verfügung stehende Raum ihre sofortige Berücksichtigung uns verbietet.

Bemerkenswett ist ein in einem Wetterauer Blatte ver­öffentlichter Brief an ben ehe m. Reichstagsabg. Grafen Orivla in Büdesheim, in dem derUnwille" ausgedrückt wird, derweiteste Kreise in der Wetterau über die hohen Fl ei sch preise erfaßt habe. Es wird gesagt, daß die Fleischpreise, die zur Erhaltung der Volkskraft dienen, eine Erhöhung von 1015 Proze.nt erfahren hätten. Unb bies in einer Gegenb, welche vermöge ihres Boden- reichtums mehr wie irgenb eine anbere im,Stande sein könnte, sich selbst zu ernähren, und nicht wie anbere inbustriereiche Gegenben Deutschlanbs auf bie Zufuhr bes Auslanbes an­gewiesen ist. Es wirb gefragt:

Wie kommt es nun, baß Herr Gras Oriola in ber Zollfrage einen Standpunkt einnimmt, mit welchem er sich mit neun Zehntel seiner Wähler in Widerspruch setzt! Man könne es nicht begreifen, daß ein Mann, welcher mitten im Doll lebt, einen solch verkehrten, seine Wähler in der größten Mehr­zahl belastenden Standpunkt einnimmt, denn darüber müsse doch bei dem Grafen Oriola kein Zweifel bestehen, was er auf der einen Seite dem Bauer in kleinem Maße g i e b t, werde demselben auf der anderen Seite durch die Zollerhöhung auf alle Artikel in doppeltem, ja dreifachem Maße wieder genommen. Die Handelskammer zu F r i e d b e r g, im Herzen der Wetterau, habe sich doch auch gegen die Zollvottage ausgesprochen und sei für langfristige Handelsverträge eingetrelen. Tie Verteuerung der Lebensmittel treibe die Leute zurAuswanderung und nütze nur der Sozialdemokratie, welche jetzt ein vorzüg­liches Agitationsmittel besitze. Zum Schluß wird Graf Oriola aufgefordert, die Interessen seines Wahlkreises zu vertreten und nicht der norddeutschen Junkerschaft durch Unterstützung ihrer wucherischen Anträge Gefolgschaft zu leisten.

In Mainz wurde in einer Sitzung ber vereinigten sozialpolitischen Deputation unb bes Finanzausschusses be­schlossen, ber Stabtoerorbnetenversammlung eine Resolution zur Annahme zu unterbreiten, bie an bie Reichsregierung bas Ersuchen richtet, bie Grenzsperre für Vieh auf - zuh eben. Dabei kam es auch zu interessanten Ausführungen bezüglich ber Aufhebung bes Oktrois für Fleisch- unb Wurstwa ren. Von sozialbemokratischer Seite war ber Antrag gestellt worben, bas Oktroi für Fleisch- und Wurstwaren aufzuheben. Der Finanzausschuß erklärte sich bereit, das Oktroi aufziiheben unter ber Bedingung, daß die Metzger die Versicherung