Ausgabe 
1.5.1902 Zweites Blatt
 
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Darauf trat eine Mittagspause bis 5 Uhr ein und als­dann begann die Beratung des Gerichtshofes.

Nach IV2 stündiger Beratung verkündet nach 61/4 Uhr oer Vorsitzende Oberstleutnant Herhuth von Rohden das Urteil. Es lautet dahin:Beide Angeklagte wer­den von der Anklage des Mordes und der Meuterei f r e i g e s pr 0 ch e n und die Berufung des Gerichtsherrn gegen das freisprechende Urteil der ersten Instanz wird verworfen." Der Gerichtshof war der Anschauung, daß. gegen die beiden Angeklagten schwerwiegende Verdachtsgründe vorliegen. Er hat infolgedessen auch insbesondere den An­geklagten Marten der That dringend verdächtig, fast überführt erachtet, jedoch reichten die Belastungs-Mo­mente nicht aus, um eine Verurteilung darauf zu stützen. Gegen Marten liegt insbesondere die gravierende That- sache vor, daß derselbe zweifellos aus dem Korridor gewesen war, von welchem der Karabiner genommen war; ferner daß seine Ausrede, ier habe nach Drückebergern forschen wollen, sich nicht hat erweisen lassen, sodann, daß er sich auch bezüglich seines Aufenthaltes in der Wohnung seiner Eltern als auch hinsichtlich seines Benehmens nach der That vielfach in unlösliche Widersprüche ver­wickelt hat. Bezüglich des Angeklagten Hickel hat sich der Gerichtshof auf den Standpunkt gestellt, daß man sich nicht auf eine Minute nberechnung einlassen könne. Er hat die Aussage des Unteroffiziers Domming auch nicht als durchaus glaubwürdig erachtet und infolge­dessen angenommen, daß Hickel thatsächlich im AB--Stall gewesen ist. Demzufolge konnte der Gerichtshof der Aus­sage des Zeugen Baranowsky keinen Glauben schenken und auch die Aussage des Skopeck, der ja selbst angegeben hat, er habe eigentlich gar nichts gesehen, hat das Gericht für zweifelhaft erachjtet. Ter Gerichts­hof hat auch in Erwägung gezogen, daß der Groll, den die Familie Martens gegen Krofigk haben konnte, bis 1898 zurückliegt, und daß, wenn Marten und Hickel gegen den Rittmeister etwas hätten unternehmen wollen, dies früher gethan haben würden. Andererseits ist er^- wogen worden, daß der Rittmeister mit Marten dienstlich sehr zufrieden war, sodaß er ihn frühzeitig zum Untev- osfizier beförderte, auf die Telegraphenschule in Berlin schickte und ihn, obwohl er der jüngste Unteroffizier war, die Rekrutenabteilung zur Ausbildung gab, wobei der Ritt­meister so zufrieden war, daß er Margen zu Weihnachten 1900 den längsten Urlaub gab. Auch Hickel ist vom Rittmeister als tüchtiger Quartiermeister gelobt worden. Der Gerichtshof hat daher die vorliegenden Ver­dachtsgründe nicht für hinreichend erachtet, um zur Verurteilung zu kommen, ist vielmehr zu den An­schauung gekonrmen, daß das freisprechende Urteil des ersten Kriegsgerichts zu Recht erfolgt ist. Tie Berufung des Gerichtsherrn wird daher verworfen.

Tie beiden Angeklagten nahmen das Urteil vollkommen ruhig und gefaßt entgegen, ebenso ruhig wie die Glück­wünsche, id.ie ihnen von verschiedenen Seiten übermittelt wurden. In den Straßen der Stadt, namentlich vor dem Kasernenthor und vor dem Militärarresthaus hatten sich Hunderte von Leuten angesammelt. Tie einjährige Gefäng­nisstrafe Martens läuft am 16. Juni ab.

Grsua-Hkitsstand und studlichkrit im Kreise Gießen

während des Jahres 1901.

Im Anschlüsse an unsere Bekanntmachung über die Be­wegung der Bevölkerung in der Skadt Gießen wird aus der Statistik der Sterblichkeit und des Gesundheitsstandes im Kreise Gießen im Jahre 1901 folgender Auszug ver­öffentlicht :

Die Summe aller im Berichtsjahre im Kreise Gießen Verstorbenen betrug 147 5 (gegenüber 1384 im Jahre 1900.)

Wie wir zur Berechnung der Sterblichkeitsziffer für die Kreisstadt die Ortsfremden in Abzug gebracht haben, so scheiden wir auch von obiger Summe diejenigen zumeist in den Krankenhäusern Gießens verstorbenen 175 Personen aus, welche dem Kreise nicht angehörten, und erhalten auf diese Weise bei 1300 verstorbenen Kreisangehörigen und einer für die Jahresmitte berechneten Bevölkerungszahl von 82 400 die Sterblichkeitsziffer 15,7 8°/co, d. h. es sind im Jahre 1901 auf 1000 Einwohner 15,78 Personen ge­storben. Die nachstehenden entsprechenden Zahlen der zehn vorausgegangenen Jahre beweisen eine allmähliche, mit leichten Schwankungen unterbrochene Abnahme der Sterblichkeitsziffer; sie war für 1891: 22,02 1892: 19,96 1893: 22,03 1894: 17,89 1895: 15,97 1896: 16,10 1897: 16,13 1898: 14,76 1899: 15,94 1900: 14,95 °/00; die Mittelzahl der zehn Jahre beträgt 17,47°/C0 gegen 15,78%0 im Jahre 1901 (für das Großherzogtum im Jahre 1899: 18,6° eo). Getrennt für Kreisstadt und Land­bezirk sind die Sterblichkeitsziffern: 12,90° 00, beziehungsweise 17,11 °/00, mit anderen Worten: es sind in den Landorten von 1000 Einwohnern 4 Personen mehr gestorben als in Gießen.

Von den Quartalen brachte die meisten Todesfälle das erste, die kleinste Zahl das dritte; die Sterblichkeit war am größten im Januar, am günstigsten im September.

Von den 1300 Verstorbenen gehörten an

der Altersklasse von 0 1 Jahr: 281 21,61 pCt. 115 183 = 14,08

1660 , 404 = 31,08

über 60 432 = 33,23

Summa: 1300 100 pCt.

Man sieht hieraus, daß immer noch mehr als 1/5 aller Verstorbenen dem Säuglingsalter angehören, und das kleine Kind gerade im ersten Lebensjahre der liebevollsten Eltern­pflege und gewissenhaftesten ärztlichen Ueberwachung und Be­handlung bedürftig ist. Die Säuglinge sind für die an­steckenden, sog. Kinderkrankheiten, verhältnismäßig sehr wenig empfänglich, aber äußerst gefährdet durch Magen- und Darm­krankheiten; man befleißige sich deshalb bei mangelnder natürlicher Nahrung (Muttermilch) der peinlichsten Reinhaltung der Koch- und Trinkgefäße, der Saugpfropfen, sowie der Mundhöhle der kleinen Kinder. Ferner wird im ersten Lebens­jahre so häufig der Grund gelegt für chronische Krankheiten, i welche erst in den späteren Lebensabschnitten früher oder später gefährlich werden oder zum Tode führen, vornehmlich für ^okrophulose, Tuberkulose und Rhachckis (engliscke Krank­heit). Es ist bekannt, daß Rhachckis mit ihren Folgen (Eng­brüstigkeit, Skimmritzenkrampf usw.) meist beobachtet wird bei schlechter oder ungeeigneter Ernährung und in schlecht ge­lüfteten, unreinen Wohnungen; und es ist wissenschaftlich fest­

gestellt, daß Skrophulose dasselbe ist wie Tuberkulose; ebenso genau kennt man die Wege, auf denen die Tuberkelbazillen in den Körper des Kindes, welches sich als kleines, un­beholfenes Geschöpf anfangs auf allen Vieren auf dem in unreinen Haushaltungen mit zerstäubtem Lungenauswurf und zahllosen Ansteckungskeimen besäten Boden bewegt, eindringen: es ist zunächst der Mund mck den Mandeln, der Kehlkopf und die Luftröhre, dann jede kleine Hautverletzung einschließlich der näßenden, Borken bildenden Ausschläge. Es ist deshalb grundfalsch, solche Hautausschläge sich selbst zu überlaßen oder gar noch in ihrer Ausbreitung zu fördern: nein! will man gesunde Kinder haben, so heile man dieselben möglichst bald und halte seine Wohnung einschließlich der Betten und Kleidung rein; je kleiner eine Wohnung, desto leichter ist sie zu reinigen und rein d. h. gesund zu erhalten.

Erst vom zweiten Lebensjahre ab werden die Kinder empfänglicher für die akuten Infektionskrankheiten Diphtherie, Masern und Scharlach, und es giebt uns die Statistik der Todesursachen über die vorstehenden Verhältnisse sichere Anhaltspunkte und Belege.

An Masern starben im Kreise Gießen im Berichts­jahre 40 Kinder, davon 31 im 2.15. Lebensjahre; sie herrschten epidemisch der Zeitfolge nach in Gießen, Trohe, Wieseck, Beuern, Reiskirchen, Langsdorf, Burkhardsfelden, Harbach, Hattenrod, Birklar, Muschenheim, Allendorf a.d.Lda., Alten-Buseck, Lauter und Holzheim.

Erkrankungen an Scharlach wurden der Behörde ge­meldet 118, 6 von den Erkrankten sind gestorben. Die Krankheit war in größerer Verbreitung ausgetreten in Gießen, Wieseck, Lich, Garbenteich, Daubringen und Weickartshain.

An Diphtheritis Erkrankte sind uns 336 angezeigt worden und 21 gestorben 6,25 %, oder von 10000 Ein­wohnern 2,55 (im Großherzogtum im Jahre 1899 : 2,1 0 000). Ausgedehntere Epidemien hatten statt in Rüddingshausen, Wieseck, Gießen, Stangenrod, Burkhardsfelden und Staufen­berg; 17 von 21 Verstorbenen waren über 1 Jahr alt.

Dem Keuchhusten sind 15 Kinder erlegen, darunter 11 im ersten Lebensjahre. Er war aufgetreten in den Ge­meinden Alten-Buseck, Großen-Buseck, Utphe, Londorf, Alten­dorf a. L., Gießen, Göbelnrod, Kesselbach, Lauter und Stangenrod.

An Rose (Erysipelas) sind fünf Personen gestorben, an Syphilis 2.

Unterleibstyphus wurde beobachtet bei 21 Per­sonen, daran gestorben sind 6 oder 0,73 von 10000 Ein­wohnern (0,4 °/000 im Großherzogtum 1899); von den Er­krankungen kommen auf Gießen 7; 6 Fälle in Rödgen und je 1 in Großen-Buseck und Beuern hatten sich an einem be­stimmten Brunnen in Rödgen infiziert. Einzelfälle kamen vor in Reiskirchen, Mainzlar, Utphe, Lauter, Bellersheim und Lumda.

Im Wochenbett sind 11 Frauen gestorben, davon 5 an Wochenbettfieber O,6°/e00 (0,5 °/000).

Die Zahl der Todesfälle an Tuberkulose der Lungen (Lungenschwindsucht) war 16 5 20,0 °/oco (21,8°/§og); im Vorjahre waren 167 an Schwindsucht ge­storben.

An Tuberkulose anderer Organe, des Gehirns, der Drüsen (Scrophulose) des Darms und der Knochen, sind 61 Personen Grund gegangen, darunter 4 0 Kinder unter 15 Jahren, während von oben genannten 165 an Tuberkulose der Lungen Verstorbenen nur 10 dem Kindes­alter angehört haben. Die Sterblichkeitsziffer an Tuber­kulose überhaupt war im Berichtsjahre bei 226 Fällen:. 27,4 %co.

Crou pöse Lungenentzündung war 83 mal, andere entzündliche Erkrankungen der Atmungsorgane 101 mal Todesursache (im Vorjahre 99 resp. 110); an Sch lag- fluß des Gehirns starben 46 (i. Vorj. 52), an Herz­leiden 61 (58), an Magen-Dar mkatarrh 49, davon 40 im Kindesalter. An Abzehrung der Säuglinge, meist ebenfalls verschuldet durch Darmkatarrh oder Scrophulose, sind 21 Kinder gestorben, an angeborener Lebensschwäche 43.

Der Krebskrankh eit und anderen bösartigen Neu­bildungen sind 74 Erwachsene erlegen davon */3 an Magen- und Vg der Zahl an Leberkrebs.

Altersschwäche die natürlichste Todesart, war bei 174 Verstorbenen, und bei 228 Fällen waren andere be­nannte Krantheiten als Todesursache angeführt, darunter 56 mal Krämpfe bei kleinen Kindern, 52 mal Entzündung des Gehirns und feiner Häute, 20 mal Nierenkrankheiten.

Unbekannt blieb die Todesursache m 56 Fällen; 22 Personen sind verunglückt, 14 haben durch Selbstmord geendet, 1 durch tätliche Körperverletzung.

Gießen, 9. April 1902.

Großh. Kreisgesundheitsamt Gießen.

Dr. Haberkorn.

Aus Stadt und Sand.

Gießen, 1. Mai 1902.

'* Unfete geehrten Abonnenten machen wir darauf auf­merksam, daß der seit einigen Jahren demGießener Anzeiger" gratis beigegebene Fahrplan über die in der Provinz Oberhessen, sowie auf den Anschlußstrecken nach Süddeutschland, dem Rhein, Taunus und Hessen-Nassau ver­kehrenden Eisenbahnzüge, die Bieberthalbahn und die Gießener Omnibuslinien erschienen ist. Das Taschenbuch wird der Stadtauflage der heutigen Nr. (101) beigelegt sowie den Zweigstellen zugestellt. Die auswärtigen Abonnenten erhal­ten den Fahrplan mit der morgen (Freitag) erscheinenden Nummer. Der neue Plakat-Fahrplan ist zum Preise von 20 Pfg. von der Geschäftsstelle desGießener Anzeigers", sowie durch die Zeitungsträger zu beziehen.

** Neber die drei Heilstätten für Lungenkranke im Groß­herzogtum Hessen, nämlich diejenigen zu Sandbach im Odenwald, Eberbach und Reichelsheim liegen Jahres­berichte vor. Nach § 12 des Gesetzes, betr. die Jnvalidi- täts- und Altersversicherung, sind die Versicherungsanstalten berechtigt, für erkrankte Versicherte das Heilverfahren zu über­nehmen, wenn als Folge der Krankheit dauernde Erwerbs­unfähigkeit zu befürchten ist und durch da2 Heckverfahren die Erwerbsfähigkeck wieder hergestellt werden kann, ^n der Lungenheilanstslt Sanddach wird besonders die Liegekur in besonderen Liegehallen angewendet. Im Jahre 1901

wurden dort als geheilt, d. h. als voraussichtlich dauernd erwerbsfähig entlaßen 25,5 pCt., mit befriedigendem Erfolg, d. h. die Erwerbsfähigkeit wird voraussichtlich mehrere Jahre dauern, 49,1 pCt., mit geringem Erfolg 14,1 pCt., ohne Erfolg 11,3 pCt. In der Heilstätte für lungenkranke Männer in Eberbach gehörte die Mehrzahl der Behandelten berecks dem zweiten Krankhecksstadium an; es wird dringend ge­wünscht, daß die Kranken gleich bei Beginn der Erkrankung der Heilstätte überwiesen werden, indem nur dann ein dauernder Erfolg zu erzielen ist. In der Heilstätte für lungenkranke Frauen in Reichelsheim (Odenwald) wird besonders gegen die verhängnisvolle Mode des Schnürens ein harter Kampf geführt. Bei 67,14 pCt. der Kranken kann von einem ausreichenden Erfolge der Kur gesprochen werden; auch hier ist möglichst frühzeitige Einleitung des Heilverfahrens erforderlich. Schließlich sei noch über die Kur - und Wasserheilanstalt in Lindenfels mitge­teilt, daß 187 männliche und 88 weibliche Personen verpflegt wurden und zwar ein großer Teil mit sehr gutem Erfolg. Irrig ist die Ansicht, daß für die Anstaltsverpfl'egung der Hochsommer die beste Zeit sei. Für die Nervösen ist die kühlere Jahreszeit vorzuziehen.

** Kriegerverein. Ein Besuch des K Y f f h ä u s e r s ist von feiten des Kriegervereins für die erste Hälfte des August geplant. Um auch weniger bemittelten Vereins­angehörigen die Beteiligung zu ermöglichen, ist schon int vergangenen Jahre eine Reisekasse gegründet worden, zu welcher monatliche Beiträge geleistet werden. Die ge­sammelten Gelder sind einstweilen verzinslich angelegt Tie Reisekosten werden nicht sehr hoch sein, da bei einer Beteiligung von mehr als 30 Personen Fahrpreisermäßig­ung eintritt. Für die Reise sind etwa 4 Tage vorgesehen. Au den Besuch des Kyffhäusers soll sich noch eine Tour in den Harz an sch ließ en. Eine ähnliche Reise hat der Kriegerverein vor zwei Jahren zum Besuch der Schlacht­felder bei Metz unternommen, die allen Teilnehmern noch in bester Erinnerung steht.

k. G r ü n b e r g, 30. April. Die Lokal-, Geflügel- nnd Vogel-Ausstellung der Vereine Gründe.g unb Lich wird Samstag und Sonntag in Hamels Garten eröffnet werden. Sie verspricht, wie wir hören, weit über den Rahmen einer Lokal-Ausstellung hinauszugehen. Soll dock der Katalog weit über 200 Nummern an Groß- und Kleingeflügel und Vögel enthalten. Die Gattungen, Gänse, Enten, Hühner und Tauben sind in fast allen Racen vertreten. Viele in- und ausländische Vögel, wie Papa­geien, Reissinken usw. werden in guten Exemplaren zur Ausstellung kommen. Das Geflügel wird in best eingerich­teten und neuen aus Thüringen bezogenen Käfigen zur Schau gestellt werden. Herr Hamel hat in dankenswerter Weise, da sich sein Saal als zu klein erwies, auch um bei ungünstigem Wetter diesen bei dem Sonntag von 3 Uhr ab stattfindenden Militär ko nz er t frei zu haben, eine Halle von nahezu 200 Quadratmeter Bodenfläche als Aus­stellungslokal errichtet. Gewiß wird der Besuch der Aus­stellung lohnen und befriedigen.

g. Groß-Eichen, 30. April. Eirk hiesiger Berg» arbeitet im Alter von 52 Jahren erhängte such gestern in seiner Scheuer. Mißliche Familienverhältnisse sollen den Bewegarund zur Lebensüberdrüssigkett gegeben haben.

w. Ntoda, 30. April. Mtt dem heutigen Tage ver-> lassen zwei in hiesiger Stadt beliebte Persönlichkeiten unsere Stadt: Großh. Amtsrichter Dr. Heyer und der Dirigent der höheren Bürgerschule hierselbst, Lehramts- Assessor Zimmer, um nach Alsfeld überzuziehen. Nach-» dem schon am Freitag im Kasino eine Abschiedsfeier statt» gefunden und am Samstag im Gemischten Chor der Schei­denden gedacht worden wat besonders noch der Gei mahlin des Herrn Dr. Heyer, welche durch ihre Gesangs­vorträge viel zur Unterhaltung beigetragen hatte ver­einigte sich gestern abend im Gambrinus zu Ehren der Scheidenden eine Anzahl Herren zu einem Abschiedsessen. Ten Scheidenden folgen von hier die besten Wünsche in die neue Heimat. Die kalten Nächte sind leider an unseren Obstbäumen nicht spurlos vorübergegangen; bis jetzt ist zwar nicht alles verloren, aber Schaden ist doch zu verzeichnen.

)( Nied er-O h m en, 30. April. Dem 76jährigen Landwirt Ludwig Göll, der trotz seines hohen Alters noch in seltener Rüstigkeit landwirtschaftliche Arbeiten versieht und hierbei unter die Ackerwalze geriet, mußte der linke Arm abgenommen werden. Auch brach er bei dem Unfälle ein Bein, das außerdem noch arg zerquetscht wurde. Die Operation hat der rüftige Greis mit staunenswerter Gelassenheit und Ueberwindung ertragen, so daß ihm einige Zeit darnach wieder sein Pfeifchen schmeckte.

Mainz, 30. April. Ein hiesiger Geschäftsmann machte vorgestern chemische Experimente. Eine der verwendeten Säuren explodierte und sowohl der Geschäftsmann als auch ein anwesender hiesiger Wirt erhielten Verletz­ungen. Brauerei-Direktor Ebert scheidet aus Ge­sundheitsrücksichten heute als Leiter aus der Gesellschaft Hofbierbrauerei Schöfferhof, welcher er eine Reihe von Jahren mit bestem Erfolge vorgestanden hat. Die Stelle des Direktors wurde Emil Vogel, einem geborenen Mainzer, übertragen. Ebenso wurde den langjährigen Mit­arbeitern D 0 r t h und Kreidemann, Kollektivprokura erteilt. Gegen den Inhaber einer der ältesten und re­nommiertesten Weinrestaurants unserer Stadt ist eine Untersuchung wegen Kuppelei anhängig gemacht wor­den. Tie Angelegenheit soll schon lange in der Schwebe sein.

Gerichtssaal.

sch. Gieße«, 26. April. (Schiedsgericht für Ar­beiter-Versicherung.) In der gestrigen Sitzung führte Großh. Polizeiamtmann Hechler den Vorsitz. Konrad Schäfer zu Vonhausen hat sich angeblich durch Sturz auf einen Stein einen rechtzeitigen Leistenbruch zugezogen. Ter geltend gemachten Ent­schädigungsanspruch wurde von der Hess.-Nass. Baugewerksberufs- genossenschaft abgelehnt. Hiergegen verfolgte Schäfer Berufung beim Schiedsgericht, das jedoch diefelbe als unbegründet verwerfen mußte. Das Gericht kam zu der Ueberzeugung, daß sich der Bruch allmählich entwickell hat und gelegentlich bei der Arbeit ausge­treten ist, daß es sich also um eine krankhafte Veranlagung, nicht aber um die Folgen eines Unfalles handelt. Heinrich Frank 11.- Jnhaiden bezog als Eny'chäüigung für die Folgen der durch einen Unfall verstümmelten linken Hand eine Uebergangsrente von 662 3 Prozent. Tie Sektion 6 der Süddeutschen Eisen- und Stahlberufs- genossenschast setzte mit Bescheid vom 14. Januar 1902 die Rente auf 55 Prozent herab. Der hiergegen eingelegten Berufung mußte das Gericht nach nochmaliger Anhörung des Privatdozenten Dr. Bötticher u. A. auf Grund der Inaugenscheinnahme der verletzien Hand den Erfolg versagen. Die dem Wilhelm Lohsink-Völzberg wegen des Verlustes des rechten Unterarmes gewährte Rente von 100 Prozent hatte die Sektion 6 der Süddeutschen Eisen- und Stahl- ckerufsgenossenschafl auf 80 Prozent herabgesetzt, weil das Heilver-