Eichener Anzeiger iSenerai-Anzeiger für Dderhchen)
Itr.96 Zweiter Blati
2S./26. April 1942
Aus der Stadt Gießen.
Oie stumme Mahnung.
Gestern habe ich ihn getroffen, den alten Kameraden aus der Kampfzeit, der sich der Waffe der „heiligen Barbara", der schweren Artillerie, verschrieben hatte. Im schweren Winterkampf an der Ostfront hatten ihn die Splitter einer sowjetischen Bombe erwischt. Nach längerem Lazarettaufenthalt hinter der Front war er schließlich in einem Heimatlazarett gelandet, wo er langsam, aber sicher gesund gepflegt wurde. Jetzt wartet er auf den Tag, der ihn wieder mit seinen Kameraden Der eint.
„3a", sagt er lächelnd, »das war eine schmerzensreiche Zeit, aber wir alle, die der Krieg getroffen hatte, fühlten immer wieder tröstlich die liebevolle Sorge, mit der uns die Heimat in ihre Obhut nahm. Unermüdlich umsorgte uns die Partei, waren vor allem die Schwestern und Helferinnen des Deutschen Roten Kreuzes um uns bemüht, die alle Wünsche freudig erfüllten, die sie uns von den Augen ablesen konnten. Manchmal haben wir uns gefragt, woher alle diese helfenden Hände die Kraft nahmen, uns so unermüdlich zu betreuen, woher aber auch die Mittel kamen, die in so reichem Maße für die Pflege von uns Berwundeten aufgewendet wurden."
Ich antwortete ihm, daß alles, was für die Verwundeten und Versehrten des Krieges getan werde, nicht mehr als eine selbstverständliche Dankespflicht der Heimat sei. Im Gegensatz zu früher sei heute
Verdunkelungszeit:
25. April von 21.37 bis 5.32 Uhr.
26. April von 21.39 bis 5.30 Uhr.
her Krieg auch für die Heimat nicht mehr eine „Kling-Kumg-Gloria"-Angelegenheit der einen und eine Zeit verstärkter Klassenkampfhetze der anderen, während draußen der Frontsoldat mit dem Einsatz seines Lebens -eine Weltordnung aus den Angeln hebt, sondern im nationalsozialistischen Deutschland wüßte auch die Heimat, daß Krieg und Kriegführen viel Opfer fordere, Blut und Schmerz koste, daß aber einmütiger Wille den Sieg bringen werde. So setze die Gemeinschaft in der Heimat ihre ganze Kraft und ihre ganze Bereitschaft für unsere Soldaten, vor allem aber für die Verwundeten, ein.
Der Führer hat vor wenigen Tagen das Deutsche Volk wieder aufgerufen, durch die Spenden für das Kriegshilfswerk des Deutschen Roten Kreuzes die Verbundenheit der Heimat mit der kämpfenden Front, den Dank, die Liebe und die Zuversicht den Tapfersten der Nation gegenüber zu bekunden. Unermeßliches haben die Männer und Söhne, die Väter und Brüder draußen an den Fronten dieses harten Winterkrieges geleistet. Mit ihren Leibern, mit ihrem Blut, mit ihren Schmerzen haben sie die Heimat, haben sie Frauen und Kinder, haben sie Städte und Dörfer, Fabriken und Fluren, vor einem grauenvollen Verderben bewahrt.
Für diese Tapferen, für ihre Betreuung und Pflege hat das Deutsche Rote Kreuz alle Kräfte und alle Mittel eingesetzt. Unermüdlich arbeiten Schwestern und Helferinnen auf den Durchgangsbahnhöfen, in den Soldatenheimen, vor allem aber in den Lazarettzügen und den Lazaretten, damit der beste Soldat nach dem Willen des Führers die beste Pflege hat, die er nach feinem heldenhaften Einsatz erwarten kann. Viele Soldaten sind es, die nach hartem Kampf jetzt liebevoller Pflege bedürfen. In lichten, luftigen Lazaretten, ausgestattet mit den modernsten Errungenschaften neuzeitlichen Heilkunst, umhegt von den besten Aerzten und von sorgenden Frauenhänden, umgeben von einer Atmosphäre der Ruhe, des Friedens, der Behaglichkeit, sollen sie die Schrecken und Schmerzen des Krieges vergessen und ihrer Genesung entgegensehen.
Das alles aber kostet Geld, viel Geld. Wenn auch Hunderttausende von Männern und Frauen im Deutschen, Roten Kreuz zu jeder Stunde ihre Kräfte ehrenamtlich zur Verfügung stellen, wenn diese Männer und Frauen auch nach der harten Tagesarbeit in Fabriken und Kontoren, in Verkehrsbe-
Wenn Augen versagen Magnus-Brillen tragen!
trieben und Geschäften ihre kurzen Feierstunden, oft sogar ganze Nächte dem Dienst im Deutschen Roten Kreuz widmen, so erfordert es dennoch ungeheure Mittel, um die Betreuungsarbeit an unseren Soldaten und ihren verwundeten Kameraden voll wirksam werden zu lassen.
Diese Mittel stellt die Nation in ihrer Gesamtheit dem Deutschen Roten Kreuz zur Verfügung. An diesem Wochenende findet nun die erste diesjährige Haussammlung des Kriegshilfswerkes für das Deutsche Rote Kreuz statt. Wieder wird sie von der Partei durch 'das Heer der unermüdlichen, unbekannten Heiser der NSV. durchgeführt, die an jede Tür klopfen und denen nur ein Ehrloser feine Spende versagen wird. Wie viele von uns haben sich wohl schon gefragt: Was kann ich noch mehr
tun für unsere Soldaten? Wie kann ich noch wirkungsvoller meine Verbundenheit mit ihnen bekunden? So mancher mag sich beschämt gedacht haben: Du sitzt hier zu Hause warm und sicher, die da draußen aber ... Und wenn wir dann einem Soldaten begegnen, der in der Schlacht seine Gesundheit für jeden von uns geopfert hat, bann wird der Wunsch in uns überlaut, irgend etwas zu tun, um die ungeheure Dankesschuld abzutragen, sie um ein Winziges kleiner zu machen, obwohl jeder von uns genau weih, daß sie in Wirklichkeit niemals geringer werden kann.
Wahrend die Männer und Frauen, die im Deutschen Roten Kreuz arbeiten, ihrem Dank durch tätige Hilfe und Betreuung unmittelbar Ausdruck geben, während die Millionen Blockwalter der NSV.
durch ihre stille Arbeit den Dank bekunden, bleibt uns anderen neben unserer Pflichterfüllung im Alltag nur die eine Möglichkeit unmittelbaren Dankes: Mehr, noch viel mehr zu geben als in den Jahren zuvor. Wenn deshalb der Sammler am nächsten Sonntag zu dir kommt, dann denke daran, daß hinter dem schlichten Mann, der deine Spende abholt, der unbekannte und unbesiegte Frontsoldat steht, der für dich leidet, der für dich kämpft und für dich blutet. Dann denke an die stumme Mahnung, die von jedem der Tapferen ausgeht, denen du be« gegnest, die den Arm in der Schlinge tragen, die ein Glied verloren, die schwerste Wunden auf sich nahmen: Für uns, für dich!
Beweise dann, daß du ihres Opfers würdig bist! F.O.
Oer Gießener Viehmarkt als Versorgnngsfakior.
Mittelpunkt der Gchlachtviehbelieferung. — Zentrale für Zucht- und Nutzvieh.
Die Viehversteigerungshalle Rhein-Main als Mittelpunkt des Gießener Viehmarktes steht jetzt feit fünf Jahren im Dienste ihrer Aufgabe. In dieser Zeit hat sie sehr wesentlich dazu beigetragen, den Gießener Viehmarkt zu einem Versorgungsfaktor ersten Ranges für unsere engere' Heimat zu machen. Dabei ist jedoch zu beachten, daß ein wichtiger Teil des Gießener Viehmarktbetriebs, nämlich die Nutzviehmärkte, schon seit einigen Jahren - ruht.
Der Gießener Viehmarkt besitzt schon seit vielen Jahren eine weit über unsere engere Heimat hinausreichende große versorgungswirtschaftliche Bedeutung. Diese Tatsache hat dazu geführt, Mß im Jahre 1936 der bis dahin markttechnisch recht unzulängliche Viehmarktplatz am Güterbahnhof in moderner Weise durch die Errichtung einer Viehversteigerungshalle mit den erforderlichen Nebengebäuden ausgestaltet wurde. Damit wurden die Voraussetzungen für eine weitere gute Aufwärtsentwicklung unseres Viehmarktes geschaffen. Die Entwicklung hat denn auch dahin geführt, daß die vor fünf Jahren für längere Zeit als ausreichend erscheinende 2lnlage schon bald dringend einer Ergänzung bedurfte, wenn den Erfordernissen des Schlachtviehmarktes in ausreichendem Maße Rechnung getragen werden sollte. Da der Marktbetrieb für Zucht- und Nutzvieh einerseits und Schlachtvieh anderseits aus Gründen der Seuchenvorbeugung nicht auf einem gemeinsamen Marktgelände stattfinden darf, ergab sich die Notwendigkeit, für den Schlachtviehmarktbetrieb eine neue Stätte, nämlich den Mittelmarkt in unmittelbarer Nähe des Schlachthofes, zu schaffen und bis zur Fertigstellung dieser neuen Anlage auf die Nutzviehmärkte in der Viehversteigerungshalle Rhein-Main zu verzichten. Da die Mittelmarkt-Anlage, mit deren Bau im Jahre 1939 begonnen wurde, infolge der Kriegsverhältniffe bis, jetzt erst im Rohbau fcrtiggefteUt werden konnte, muß der Schlachtviehmarkt einstweilen imnfer noch auf dem Viehmarktplatz am Güterbahnhof stattfinden und- infolgedessen die früher monatlich zweimal dort veranstalteten Nutzviehmärkte ruhen. Durch besondere sanitäre Maßnahmen ist es dagegen ermöglicht worden, die von den Züchterverbänden in gewissen Abständen durchgeführten Zuchtvieh-Absatz- veranstaltungen auf dem gleichen Platze aufrechtzuerhalten.
Das Schwergewicht des Marktbetriebes liegt zur Zeit bei dem Schlachtviehmarkt. Dieser hat im Rahmen der versorgungswirtschaftlichen Maßnahmen des Diehwirtschaftsverbandes Heffen- Naffau, der den Gießener Platz als Diehverteilungs- ffeile nutzbar macht, eine bedeutende Erweiterung erfahren. Wurden feit Bestehen der Viehversteigerungshalle in der ersten Zeit nur die Stadt Gießen und deren Vororte Wiefeck, Klein-Linden und Heuchelheim, und daneben seit Juli 1938 noch die Fleischwarenfabrik Dietz in Lich von der Viehvertei- lungsstelle Gießen in der Versteigerungshalle mit Schlachtvieh versorgt, so traten vom März 1941 ab noch die Gemeinden Lollar, Allendorf (Lumda), Treis (Lumda), Saubringen, Beuern, Londorf, Alten-Bufeck, Großen-Bufeck, Reiskirchen, Steinberg, Watzenborn, Leihgestern, Großen-Linden, Lang-Göns, Haufen, Garbenteich, Hungen, Mainzlar, Staufenberg,
Trohe, Annerod, Burkhardsfelden, Lich, Rödgen, Keffelbach, Saasen, Allertshausen, Bersrod, Steinbach, Holzheim, Birklar, Langsdorf, Gröningen, Mufchenheim, Krofdorf, Launsbach, Wißmar, Salzböden, Odenhaufen (Lahn,) Ruttershausen, Ober- Hörgern und Allendorf (Lahn) als versorgungsberechtigte Orte hinzu, die ihren gesamten Bedarf an Schlachtvieh und Fleisch für die gewerblich schlachtenden Betriebe auf der Verteilungsstelle Gießen zu decken haben. Dadurch wurden seit der Benutzung der Viehversteigerungshalle Rhein-Main von Anfang Januar 1938 bis zum 31. März 1942 insgesamt 15 836 Stück Großvieh (Bullen, Ochsen, Kühe und Färsen) sowie 74 501 Stück Kleinvieh (Schweine, Kälber, Schafe und Ziegen), insgesamt also 90 337 Stück Schlachtvieh durch diese Einrichtung der Fleischversorgung unserer engeren Heimat zugeführt. Diese Zahlen stellen an sich schon einen gewaltigen Posten des Viehmarktbetriebes dar, der zahlenmäßig natürlich noch viel höher wäre, wenn nicht der Krieg und die dadurch notwendig gewordenen einschränkenden Maßnahmen die Aufwärtsentwicklung gehemmt hätten. Nach der Wiederkehr normaler Wirtfchaftsverhältniffe ist aber damit zu rechnen, daß auf diesem Teil des Gießener Viehmarktes eine starke Erweiterung des Marktbetriebs eintreten wird.
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Neben dem Schlachtviehmarkt sind die Zuchtvieh - Absatzveranstaltungen der Züchterverbände zur Zeit der andere maßgebende Faktor unseres Viehmarktes. Diesen Veranstaltungen ist die Errichtung der Viehversteigerungshalle mit den weiträumigen Stallungen für Großvieh und Kleinvieh sowie den erforderlichen Verwaltungs- räumen eine starke Förderung geworden. Seit Ende 1936 haben hier bis jetzt 55 Zuchtvieh-Absatzver- anftaltungen stattgefunden, die insgesamt mit 2309 Bullen, 1664 Zuchtebern, 105 Schafböcken und 1189 Ziegenböcken beschickt waren. Als Erweiterung des Zuchtviehverkaufs fand im September v. I. zum erstenmal eine Hähne-Abfatzveranstaltung statt, zu der rund 300 Zuchthähne bereitgefteüt waren: dazu kam noch eine neue Schafbock-Absatzveranstaltung. Eine weitere Ausgestaltung dieses Marktzweiges werden drei Fohlen-Absatzveranstaltungen bringen, die in den nächsten Monaten auf dem Gießener Vieh- marktplatz durchgeführt werden sollen. Die bisherigen Zuchtvkeh-Abfatzveranftaltungen haben den Gießener Viehmarkt weithin im Reich und darüber hinaus in Züchterkreisen bestens bekannt gemacht. Das Zuchtvieh, das hier zum Verkauf gelangte, war von bester Qualität, oft stellte es sogar Elite der Tierzucht dar, und es nahm von hier aus feinen Weg in Aufzuchtgebiete, denen von den maßgebenden'Stellen des Reiches und des Reichsnährstandes besondere Bedeutung zuerkannt wurde. So gingen Tiertransporte beispielsweise nach dem Generalgouvernement, nach dem Protektorat und den Aus- baugebieten im Westen, daneben wurden aber auch die bedeutendsten Zuchtgebiete im Reich mit Tieren aus unserenMjeimifdjen Zuchten beliefert und damit der Aufwärtsentwicklung der deutschen Tierzucht gute Dienste geleistet. Kennzeichnend für die weiten Ausstrahlungen der Zuchtvieh-Absatzveranstaltungen auf dem Gießener Viehmarkt ist u. a. die Tatsache, daß zu den meisten dieser Veranstaltungen interessierte Züchter aus allen Teilen des Reiches und aus den angegliederten Gebieten hier
erscheinen, um ihren Bedarf an leistungsfähigen! Zuchtvieh zu decken.
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Das bedeutendste Stück des Gießener Viehmarktbetriebes waren bis vor drei Jahren die Nutzvieh m ä r f t e. Mit diesen Märkten nahm Gießen eine der maßgeblichsten Positionen in der langen Reihe der deutschen Nutzviehmärkte ein. Die Aust triebe waren nicht nur aus dem engeren Wirtschaftsbezirk, sondern auch aus weit entfernten Gegenden des Reiches so bedeutend, daß der Gießener Nutzviehmarkt jahrelang an zweiter oder dritter Stelle, ja — wenn man von dem Berliner Magerviehhvf mit der doppelten Anzahl von Märkten als Gießen, absieht — im Jahre 1930 sogar an erster Stelle aller deutschen Nutzviehmärkte stand, damals also, abgesehen von Berlin, der größte Viehmarkt dieser Art im ganzen Reiche war. Gießen hatte nämlich int Jahre 1930 bei 25 Nutzviehmärkten einen Gesamtauftrieb von 35 326 Stück Rindvieh zu verzeichnen, von denen 30 512 Stück Großvieh und Jungtiere und 4814 Stück Kälber waren. Hinter Gießen rangierte damals der Lübecker Nutzviehmarkt, der jahrelang vor Gießen stand, an zweiter Stelle mit einem Jahresauftrieb von 30 577 Stück Rindvieh. Diese Spitzenstellung konnte zwar nicht auf die Dauer gehalten werden, dennoch aber nahm der Gießener Nutzviehmarkt auch in den folgenden Jahren eine sehr bedeutende Stellung in der Reihe der deutschen Märkte ein. So wurden z. B. im Jahre 1933 auf dem Gießener Nutzviehmarkt 21 954 Stück Rindvieh (nämlich 14 954 Stück Großvieh, 3094 Jungtiere und 3906 Kälber) zum Verkauf aufgetrieben, im Jahre 1934 belief sich der Auftrieb auf 23 934 Stück Rindvieh (davon 16 158 Stück Großvieh, 3669 Jungtiere und 4107 Kälber). Die Schweinemärkte waren im Jahre 1933 mit insgesamt 2011 Ferkeln und Läuferschweinen, im Jahre 1934 mit 2275 Ferkeln und Läuferschweinen, die Pferdemärkte im Jahre 1933 mit insgesamt" 414 Pferden und Fohlen, im Jahre 1934 mit 299 Pferden und Fohlen beschickt. Insgesamt wurden also auf iten Gießener Nutzviehmärkten im Jahre 1933 24 379 und im Jahre 1934 26 508 Nutztiere zum Verkauf aufgetrieben. In den folgenden Jahren machte sich noch ein weiterer Aufstieg dieser Märkte erkennbar. Das Jahr 1938 brachte bann einen Abbruch dieser Entwicklung, da nunmehr auf dem Viehmarktgelände am Güterbahnhof der Schlachtviehmarkt den Vorrang erhielt und infolgedessen ans den vorerwähnten Gründen bis auf weiteres von den Nutzviehmärkten abgesehen werden mußte.
Um die Wiederaufnahme der Nutzviehmärkte ztt ermöglichen, muß der Schlachtviehmarkt von dem Viehmarktvlatz am Güterbahnhof wegverlegt werden. Der Schlachtviehverkauf soll künftighin auf dem Mittelmarkt stattfinden, der in unmittelbarer Nähe des Schlachthofes geschaffen wird. Hier sind
Der Welt älteste fotochemisQiela^ik
ADOX
„Nach Adam Niese."
Zum 45V. Geburtstage
des berühmten Rechenmeisters.
Wenn jemand einem etwas vorrechnet und dartun will, daß die Rechnung stimmt, so setzt er wohl ?,knzu: „Nach Adam Riese!" —, Der Mann, der einen solchen Ruf hat, daß man mit feinem Namen fast allerorten in Deutschland noch heute die Glaubwürdigkeit eines Rechenexempels bekräftigt, ist schon fast vierhundert Jahre tot, lebt aber immer noch im Sprachgebrauch des Volkes fort. Von feinem Leben wißen die wenigsten etwas; sie ahnen nur, daß er ein großer Rechenmeister gewesen sein muß.
Adam Riese ist im Jahre 1492 in Staffelstein am Main geboren. (Der Monatstag steht nicht fest.) Er war em studierter Mann und wurde wegen seiner rechnerischen Begabung Rechenmeister in Erfurt. Das Rechnen mit großen Zahlen war damals nicht leicht. Es gab dafür nur die römischen Ziffern, und jeder, der einmal versucht hat, größere römische Zahlen (etwa DCXX + MLIII) zusammenzuzählen, voneinander wegzunehmen oder gar sie malzunehmen und teilen, der wird sehr bald dahinter kommen, daß das schriftlich einfach nicht geht, und daß man sie mühsam im Kopfe ausrechnen muß. Dazu gehörten geschulte und geübte „Mathematiker", die mit dem Zahlenbrett „auf der Linien" rechneten. So einer war auch Adam Riese in Erfurt.
Er war im Rechnen ein richtiger Tausendkünstler und Hexenmeister. Deshalb ging er auch von Erfurt weg nach Annaberg im sächsischen Erzgebirge, wo es mehr zu rechnen gab. Sein Landsmann Airdreas Werdauer, der Rektor der Anna- berger Lateinschule, hatte es ihm wohl geschrieben. In der neugegründeten Stadt Annaberg (und Schneeberg) stand damals der erste Silberbergbau in Blüte, und es gab da allerhand zu berechnen: es mußten die Rechnungen der Gruben geführt werden mit allem Drum und Dran, die Ausbeute berechnet und die Anteile und Zubußen der Bergherren, der Gewerke und der Kohlenbauern. Da konnte man einen Mann wie Adam Riese gebrau
chen. Er wurde „Rezeßschreiber" in Annaberg. Hier hatte er genug Arbeit; er fand aber daneben doch noch Zeit, eine Schule für Rechnen aufzumachen, „eine große und berufene Schule". Seine Rechenkunst wurde rasch auch andernorts bekannt, und ein Rechenbüchei, wie er es für den Rat zu Annaberg entworfen hatte, mußte er auch dem von Zwickau schreiben: eine Art Rechenschieber, von dem man aus der Höhe des Getreidepreises die Höhe des Brotpreises ablesen konnte. Es war so eine Art „Eselsbrücke" für die Herren vom hohen Rat.
Das Rechnen aber war immer noch keine leichte Sache. Denn solche Rechenschieber gab es eben nicht für alle Dinge. Adam Riefe überlegte, wie man die ganze Sache einfacher machen könnte. Endlich kam er „auf den Trichter". Wie jede Erfindung scheint auch diese, nun sie entdeckt ist, recht einfach. Er fand, daß das schriftliche Rechnen mit arabischen Ziffern tausendmal leichter ist als mit römischen! Warum? Weil jede Zahl mit der arabischen Ziffer ihren Stellenwert hat und, untereinander gesetzt, die ganze Rechnung nur wie mit Einern im Kopf berechnet und hingeschrieben wird. Also:
9365 8173
+ 742 — 682
10 107 7491
Das Addieren (Zuzählen) war kinderleicht. Auf das „Borgen" beim Subtrahieren (Wegnehmen) tarn er sehr bald. Etwas schwieriger war die Multiplikation (das Malnehmen) und die Division (das Teilen). — Heute kann nach feiner Weife, „nach Adam Riefe" jedes Kürd rechnen.
Drei Rechenbücher hat Adam Riefe geschrieben und dann drucken lassen, die ihn weit berühmt gemacht haben. Das erste erschien schon 1518 und hieß „Rechnen auf der Linien"; es war eine Anleitung zum mündlichen Rechnen für die vielen, die damals nicht schreiben konnten. Das zweite hieß Rechnen auf der Linien und Federn, Zahl, Maß und Gewicht" (1522); 1550 schrieb er sein drittes: ein größeres Rechenwerk in Quartformat, in Leipzig erschienen. Später verfaßte er auch em Werk über das „höhere" Rechnen, die Algebra. Es hieß die „Eoß", ist noch unveröffentlicht und siegt im Archiv der Stadt Marienberg im Erzgebirge.
Der große deutsche Rechenmeister starb 1559 in Annaberg. Daselbst steht auch seit 1891 sein Denkmal. F- A- z-
Oer Maler.
Von Karl Heinrich Waggerl.
Ein Maler hatte im Eßzimmer des Pfarrhauses seine Werkstatt aufgeschlagen.
Zuerst malte er einen Hintergrund auf em riesiges Bettuch, den Prospekt, wie er es nennt. Wenn David durch das Schlüsselloch schaut, sieht er einen wunderbar blauen Himmel und weißverschneite Berge darunter, wirklich naturgetreu, das muß man schon sagen. Aber jedesmal schließt der Maler die Tür hinter sich ab, wenn er kommt und geht. David versucht allerlei, er trägt dem Maler heißes Wasser zu und schmiert ihm die Schuhe mit Wagenfett, um sich beliebt zu machen. Es fruchtet nichts, er bleibt ungerührt. Nur die kleine Schwester darf zuweilen bei ihm eintreten.
Was tut er? fragt David.
Er malt mich, sagt das Kind stolz. Sie muß auf einem Schemel mitten im Zimmer stehn und muß sich vorstellen, daß sie über eine Brücke läuft — so, mit einem Fuß in der Luft. Sie ist nämlich das unschuldige Kind mit dem Schutzengel.
Aber ich kann das auch! erklärt David. Auf einem Bein stehn ist gar nichts. Ich kann es auf dem Kopf, fag ihm das.'
Ader auch das hilft nichts. David tut das bitter weh. Und ein paar Tage später begibt es sich, daß der Schlüssel zum Eßzimmer plötzlich nicht mehr sperrt. Der Schmieds stochert eine Weile herum, nein, es hilft nichts, man muß das Schloß herausstemmen, er weiß nicht, wo der Fehler steckt. David weiß es.
Um die Essenszett steht er endlich in dem verbotenen Zimmer, und da ist nun das große Bild, der Himmel und die weißen Berge. Schön, jawohl, aber doch nicht so schön, wie durch das Schlüsselloch gesehen. Und überhaupt ist das Bild zu leer, denkt David, wie ausgestorben. Er nimmt einen Pinsel und malt eine Schwalbe in den Himmel, wahrhaftig, sie gelingt ihm, das Vögelchen schwebt wunderbar
lebendig in der blauen Luft. Noch eine Schwalbe dazu, die ist kleiner und weit entfernt, David gerät in Hitze. Er taucht den Pinsel ordentlich ein und malt eine Gemse auf den Gipfel des höchsten Berges. Da steht sie mit ihrem Gehörn, ein prächtiger Bock. Er frißt Edelweiß und kleine Blümchen und ahnt gar nicht, was ihm droht, daß nämlich auf der ändern Spitze schon ein Jäger kniet. Rauch und Feuer schlägt aus feinem Rohr, man sieht auch die Kugel fliegen, und gleich wird der Gamsbock todwund in die Tiefe rollen. Schadet nichts, es sind noch andere da, ein ganzes Rudel auf allen Gipfeln und Graten. David ist berauscht und trunken von Schöpferfreude, es strömt ihm ungemessen zu und quillt aus seiner Hand, Gemsen und Hirsche ■ und Geier, rote und gelbe Geier über den Felsen. David tritt zurück, um einen passenden Platz für eine Almhütte auszusuchen, überwältigt steht er vor seinem Werk. Und dabei ist es noch nicht die Hälfte von dem, was er im Kopf hat, oh, er wird noch ganz andere Dinge malen. Feuerspuckende Drachen, Jäger und Wilddiebe, oder ganze Geschichten, wie jene von den drei Holzknechten, die mit dem Teufel um ihre Seele wetteten: ob er wohl vor dem 2lbenbläuten den Baum herausfinden könnte, auf dem die Bockwürste wuchsen, und der dumme Teufel holzte ihnen den ganzen Wald ab und fand den Baum doch nicht, weil es der Maibaum war. Das ließe sich großartig machen, der Teufel besonders, denkt David hinge, rissen, so ein grasgrüner Teufel!
Nun, auch der Maler ist überwältigt, plötzlich stehk er sprachlos in der Tür. Aber nur einen Augenblick, bann brüllt er geradezu vor Entsetzen. Die Pfarr« leute laufen zusammen und recken verstört die Hälse, es muß etwas Gräßliches geschehen sein. Ja, sogär der alte Pfarrer schüttelt betrübt den Kopf unö schaut den Untäter strafend an.
Schämst du dich nickt. David? sagt er. Sieh her, rote schön der Herr Maler das gemacht hat, bte Gemsen und die Vögel und den Jager, und mm kommst du und verschmierst ihm unten herum alles grün und braun!
Ach ja, der alte Pfarrer! Der ist wohl selbst etn Kind, in Dingen der Kunst hat er kein Urteil, und der Maler wischt die Gemsen wieder aus, die gan.^ Höllenbrut in feiner Landschaft.


