Weihnachten.
Don Wilhelm Busch, fyätf einer auch fast mehr Derstand als wie die drei Welsen aus Morgenland und ließ stch dünken, er wäre wohl nie dem Sternlein nachgereist wie sie,- dennoch, wenn nun das Weihnachtsfest sein Lichtlein wonniglich scheinen läßt, fällt auch auf sein verständig Gesicht, er mag es merken oder nicht, ein freundlicher Strahl des Wundersternes von dazumal...
die Ruhelosigkeit des Werktages erhebt. So selbst« verständlich wir im Lichterbaum ein Sinnbild einer ins Ueberirdische, ins Göttliche strebenden Sehn« sucht sehen, so selbstverständlich verbinden wir mit dieser Feier den Gedanken eines echt deutschen Volksfestes, um das sich Lied, Bild und Wort, Gedanke und gute Tat immer wieder ranken, als wollte die deutsche Seele ihre ganze Innigkeit daran verschwenden wie kein Volk der Erde!
Daß der alte Weihnachtsmann, einen Sack, wenn auch bescheidener Seligkeiten schleppend, auch heute noch durch die verdunkelten Straßen zieht, daß sein Fest im Wirbel und Brennpunkt dichtesten Lebens ein schönes, altes Volksfest geblieben ist, kann das nicht auch als eins seiner vielen Wunder gelten? Und daß wir es in Zeiten des Kampfes aus einem lichterflutenden, gabenreichen Fest zu Tagen ruhiger Besinnlichkeit verwandeln können, wodurch nun gerade einer gemütsarmen Welt gegenüber das deutsche Volk einen Beweis jener tapferen Würde zu geben vermag, die allen Dingen einen viel tieferen und edleren Sinn verleiht, — ist dos nicht auch gut und tröstlich? Die Gedanken der Heimat umgeben ihre Söhne, die alles hingeben, um das Reich zu schützen. Weithin über Europas Grenzen hinweg wandern diese Gedanken der Liebe und Dankbarkeit, während, so weit es der Krieg erlaubt, für eine kurze Weile die schaffenden Hände ruhen.
Weihnachtstage sind die Sinnbilder unserer Hoffnung auf das kommende Licht. Rur im Licht kann ein junges Volk wachsen! Rur im Licht können wir wachsen! Es soll uns leuchten als ein hoffnungsfrohes Bild des kommenden Sieges und Friedens — mir und dir, vor allem aber unseren Brüdern und Freunden in aller Welt!
Deutsche Weihnachtslandschast.
Von Max Sidow.
Es sind kaum mehr als hundert Jahre, daß Caspar David Friedrich jenes Bild malte, das unter dem Namen „Frühschnee" bekannt wurde. Es zeigt uns nur einen sehr kleinen Landschaftsausschnitt. Ein ausgefahrener Weg führt zwischen Jungfichten in den Hochwald hinein. Neuschnee deckt ihn zu und liegt auf den Spitzen der Zweige, eben erst niedergeflockt, von keinem Hauche noch berührt. Ein Wintermorgen, ganz realistisch gemalt, ohne jede romantische Absicht — ein Motiv, wie es in jedem deutschen Nadelwalde zu finden ist. Die kleinen Bäumchen des Vordergrundes sehen keineswegs so aus, als wären sie mit Lichtern besteckt, und doch atmet diese reine, keusche Frühe die unvergeßliche Stimmung jener Verse des jungen Rilke:
.. und manche Tanne ahnt, wie balde, sie fromm und lichterheilig wird, und lauscht hinaus. Den weißen Wegen streckt sie die Zweige hin — bereit, und wehrt dem Wind und wächst entgegen der einen Nacht der Herrlichkeit."
Das erste Bild einer deutschen Weihnachtsland- schaft in der Malerei — ja, kann man es wirklich so bezeichnen? Bedeutet es nicht einfach das, was sein überkommener Name besagt: Frühschnee? Aber was ist denn Weihnachtslandschaft, wenn nicht d es? Denn hier ist mehr als nur Winter, hier ist die Natur nicht erstarrt unter Schnee und Eis, sondern vielmehr erfüllt von einem Leben, "bas, in sich verborgen, still und sanft seiner Bestimmung entgegenhofft. Es wartet vom Advent in die Christnacht, aus der frohen Botschaft in die Entfaltung, und sein Warten ist unbemerkt ein Wachen und Starkwerden, ein Wissen um das Kommende, für das es sich bereitet hat.
Deutsche Weihnachtslandschaft: was hier mit den einfachsten Mitteln, in knappester Formulierung verdeutlicht wurde, finden wir in diesen Tagen überall zwischen dem Meere und den Alpen, zwischen den Schneefeldern des Ostens und den Weinbergen
Oie ungarischen Printen.
Eine Weimarer Weihnachtsgeschichte von Fritz Nölle.
Was gut schmeckt, ist immer willkommen, besonders zu Weihnachten, und da der Herr Geheimrat Goethe einen feinen Gaumen hatte, versprach er sich von diesem Festabend besonderes.
Denn unter den vielen Gästen aus aller Welt, die das Haus am Frauenplan besuchten, sich selbst und den Dichter zu ehren, war im Frühjahr ein ungarischer Adeliger mit einem Versprechen in seine Heimat abgeroist. Während des M ttagessens hatte Frau Christiane das Gespräch auf die ungarische Nationalküche gelenkt — vielleicht erhoffte sie sich ein Rezept, mit dem sie ihren Hausherrn überraschen konnte. Hierzu aber hatte der Gast nichts neues sagen können: er blickte fast verzweifelt drein, bis der Nachtisch erschien. Unter dem Gebäck waren rheinische Printen, und nun hellten sich die Züge des Ungarn auf. Er kostete und schüttelte den Kopf. Nein — hier konnte er abhelfen Denn daheim, erzählte er, wurde eine andere Art Printen gebacken nach altem geheimen Rezept unter Beachtung verschiedener wichtiger Umstände. Sieben Jahre mußte der Teig liegen, ehe er in den Ofen kam und die letzten Zutaten erhielt — zwei Jahre sollte er hernach noch lagern. Dann aber war sein Geschmack von solcher Milde und Eigenart, daß alles andere Backwerk auf der Welt daneben sich schämen mußte.
„Diese Printen — der Traum des Lukullus, ich schicke eine Kiste!" sagte der Ungar und wurde beim Wort genommen. Er reiste ab, und wohl keiner im Hause dachte mehr an sein Versprechen, denn wäh-
des Westens: am reinsten ausgeprägt und am meisten unseren Vorstellungen entsprechend wohl rm deutschen Mittelgebirge, mag es nun Harz oder Thüringer Wald, Rhön, Schwarzwald oder wie auch immer heißen. Sanftgeschwungene oder stell gekuppelte Berglinien überkrönt und umgrenzt von den schwarzgrünen Schatten der F'.chten und Tannen, ein verschneiter Weg mit frischen Fußstapfen und Näderspuren, ein Dorf im Tal, eine Kirchenglocke, die zu läuten anhebt — Lichter blinken zu uns auf. Sterne blitzen herab, und Rauch kräuselt auf von Licht zu Licht.
Deutsche Weihnachtslandschaft: weniger typisch, aber nicht minder eindrucksvoll kann man sie in der Hoheit der ewigen Schneegipfel erleben, am Abend in der Hütte, in deren Verlassenheit ein paar Freunde das Fest feiern, um dann aus trautem Kreis noch einmal vor die Schwelle zu treten und zur Erhabenheit der Höhe hinaufzuschauen. Oder bei einem Gang durch die Heide: aus Reif und Frostatem hängen zarteste Geschenke an Busch und Baum, vielfältige Wunderformen eines unerschöpflichen Bildners; ein Morgenrot haucht behutsame Purpurschimmer über die kristallenen Verästelungen des Heidekrauts, bis aus grauer Himmelsweite der Schnee als weiche Hülle über die erblaßten Korallen sinkt. Oder auf dem Kamme des Riesengebirges: die vereiste Baude gleicht einem schim
mernden Palast aus Demant und edlem Glas; vermummt unter der Schneelast stehen einzelne Fichten, hockt das Knieholz in stummer Versammlung, Reifriesen und erstarrte Zwerge, die vor dem Tagesgrauen ihre Schlupflöcher nicht mehr fanden. Von den verharschten Gestalten bröckeln kleine Eis- brillanten ab. Zuckt noch Leben unter ihrem weißen Panzer?
Verwunschener Zauber der Winterlandschaft: weihnachtlich blüht er auf, wenn der Mensch ihn beseelt und ihm festlich naht. So auch die Tanne, die wir als Symbol der unvergänglichen Wiederkehr, des seligen Harrens, der Bereitschaft auf das Künftige mit Lichtern bekränzen, mit Sternen behängen, sie ist uns heute mehr denn je ein Bild der Verbundenheit des Menschen mit der Natur, mit der göttlich beseelten Schöpfung außer uns. An ihrem grünen Gezweig, das wir der Festfreude opfern, haftet der Duft der deutschen Weihnachtslandschaft, für deren Frühlingshoffnung wir nicht minder die Kerzen entzünden als für die unfrige. Und wenn mir in der Neujahrsnacht vom brennenden Lichterbaum hinweg und hinaus ins Freie treten, der Landschaft näher zu sein (und wären wir auch inmitten der Stadt), so tragen wir mit uns hinaus die frohe Botschaft vom wachsenden Licht, von der Sonnenwende, vom erlösenden Frühling, vom Wiedererwachen der schlafenden Kraft.
Süßer Dust aus der Backstube.
Von Nikolaus Schwarzkopf.
Mein Onkel war Bäcker. Das Backhaus stand unweit der Kirche; sicher hatte an seiner Stelle ehedem, als das Dorf noch ganz klein war, der Gemeindebackofen gestanden. Der Backofen des Onkels heizte sommers und winters das ganze Haus und machte jederzeit behaglich und gleichmäßig warm. Heber ihm lag die Schlafstube, links an feiner Flanke die Backstube, hinter ihm die Wohnstube, die zugleich Derkaufsladen war, und rechts an seiner Flanke, durch eine besondes dicke Mauer getrennt, der Kuhstall.
Der Ofen wurde mit Kiefernreisig geheizt, das, zu Wellen gebündelt, im Hof saß. Ich schleppte sie herbei, der önkel schob sie, ohne sie aufzubündeln, in den eisernen Rachen. Daselbst sah es aus wie in einer kleinen Hölle: Flamme loderte auf Flamme, Flamme fraß Flamme in sich ein, Flammen bissen an den schmalen Backsteinen der gewölbten Decke umher und züngelten in die ausgefugten Mauerritzen, um gebändigt in den Hintergrund zu laufen nach dem Kamin. Brach das Holz in sich zusammen, dann wurde die Schiebetür geschlossen, und die Glut verweilte.
Nach einer Viertelstunde riß er die Tür auf, stieß mit einer Eisenstange, an deren Ende eine Eisen- platte stand, in die heiße Asche und fegte sie heraus. Sie fiel zu seinen Füßen nieder, und ich schüttete Wasser drauf. Wenn die Glut sodann verlöscht war, nahm der Onkel eine Holzstange, an der ein nasser Lumpen hing, und schleuderte den Lumpen da drinnen im Kreis auf den breiten Steinplatten herum, daß die letzten Köhlchen auf und davon stoben und herausflogen aus dem Ofen. Jetzt wurden die Brote eingeschossen, diese runden, weichen Laibe, die, an der Luft getrocknet, von einer festen Haut umgeben waren. Liebreich faßte der Bäcker sie in Hand und Unterarm, einen jeden einzeln auf den Schieber zu setzen, und drinnen sauber in Reih und Glied nebeneinander zu zellen. Saßen sie, sich schon bräunend, wie ein liebliches Wellenspiel in der Glut, bann schoß der Onkel das Kleinzeug noch ein, die weißen Brötchen, immer ein Dutzend auf einen Schieber. Dann ließ er die Schiebetür vor der Herrlichkeit herunterfallen, zündete ein Oellämpchen an und stellte es in eine Luke, und von vorn angestrahlt, von hinten her beschattet, strömte das Wellenspiel schon die ersten Düfte links und rechts von der Lampe heraus.
Solange die Brote im Ofen faßen, lief mein Onkel aufgeregt in Haus, Scheune und Stall um- ber, barfuß, ohne Hemd, und die mehligen Hofen fchlamperten um feine mageren Beine, als wollten sie jederzeit aus dem mehligen Gürtel rutschen. Aber bann, wenn mein Onkel ben Ofen aufbrach, und das Gebackfel faß braun und hochgewölbt in den gelben Strahlen der Lampe, dann rieb er sich die Hände und hob mich, daß ich hineinsehen konnte in das gelungene Werk. Die köstlich duftenden Dämpfe, die mir da entgegen quirlten, habe ich heute noch in der Nase, wenn ich daran denke, und wenn ich in der Stadt an einer Bäckerei Darüber» gehe, bleibe ich ein Weilchen stehen und spüre ein Stück des Kinderlandes.
Heraus kamen zuerst die weißen Brötchen, und ich stand mit einem Pinsel bereit und überstrich sie sofort, da sie noch auf dem Schieber saßen, mit Zuckerwasser, denn die weißen Brötchen waren für die vornehmen Leute des Dorfes: den Herrn Doktor, den Herrn Apotheker, den Herrn Lehrer, waren auch für die Kranken und waren für die Kinder, die Namenstag ober Geburtstag hatten. Sie bekamen burch mich einen süßen Glanz. Der Onkel ließ sie fobann in den weißen Korb purzeln unb
holte neue heraus. Ich trug ben Korb in die Stube, unb bann schob ich bie runben braunen Laibe ins Gestell.
Große Tage waren für ben Bäcker Kirchweih unb Weihnacht. An Kirchweih „machte" jede Familie den Teig selber. Da kamen aus ben Nachbardörfern die Bäckerburschen und liefen mit der „Kratz", dem Eisen, das den Teig aus dem Trog kratzte, im Dorf umher, barfuß, hemdärmelig, und guter Dinge, aber die Mädchen liefen ihnen aus dem Weg wie dem Schornsteinfeger. Sie trugen auf den breiten Hüften die zu Haus fertig gemachten Kuchen in das Backhaus und trugen die gebackenen auch wieder heim. Da duftete das ganze Dorf, da hörte man bie hellen Mädchenstimmen lachen, fingen, plaudern, die Buben kehrten die Gaffen, der Bartschaber warf den verbrauchten Seifenschaum in weitem Bogen in die Gasse, unb bie Glocken läuteten den Feiertag ein. Auf der Gasse stauben die Verkaufsbuden hinter grauen Zelttüchern, unb bie Reitschule, genannt bas Karussell, ließ bie hölzernen Nüstern ihrer Gäule runbum ein klein wenig ins eigene Zelttuch vorstoßen, daß bie Gassenbuben einstweilen ihre Freude hatten.
Um. die Weihnachtszeit aber, bas ist schon vom Nikolaustag ab, war mein Onkel ein geheimnisvoller Mann. Er schaffte Tag unb Nacht, aber er ließ mich weder in die Backstube noch an ben Ofen, und was er buk, das bekam niemand zu sehen. Viel Honig verarbeitete er da. Das Honigfaß stand im Schuppen, versteckt hinter den Wellen. Hinschleichen, ben Finger hineinstecken, also naschen, bas märe eine schwere Sünde gewesen, eine Sünbe an irgend etwas volkhaft Geheiligtem. Aber einmal, des entsinne ich mich, lockte das Faß einen richtigen Dieb an, einen ausgewachsenen. Er schleppte einen ganzen Eimer voll Honig fort, aber — der Eimer leckte: der Honig tropfte, der eilige Dieb merkte es nicht, die Spur führte märchenhaft einfach ins. schlimme Haus, unb kein Vöglein pickte sie weg. Am Nikolaustag versammelten sich alle vermummten Gestalten beim Dieb, und sie hieben ihm bas Leber weich, wie kein Staatsanwalt es weicher hätte schlagen können.
Brezeln buk mein Onkel, Lebkuchen aller Art, Anis, Buttergebackenes, Bubenschenkel und Bobbe. Die Lebkuchen waren herzförmig unb trugen alte Wunderzeichen, bie bamals kein Mensch mehr beuten konnte, die aber heute wieder jedermann zu deuten vermag: das Feuerrad, ben Lebensbaum, bie Dielblätterige Rose, bie zweiiistig aus den Hüften eines artigen Weibleins sproßte. Die Brezeln waren geflochten wie Mädchenzöpfe, die Bobbe, bie zwei Köpfe hatten, sttotzten in vollen Brüsten, unb auf Buttergebackenem und Anisgebackenem zeigten sich anbeutungsroeife allerlei Reste gesunder Fruchtbarkeit unter Mensch unb Vieh.
Für die Neujahrsnacht buk mein Onkel mürbe Kuchen, wie fein Bauer sie im Haus bulbete. Diese Schleckereien würben in biefer Nacht im Backhaus ausgewürfelt. Man kam zum Bäcker wie ins Wirts- haus, man trank Kaffee bei ihm unb aß Kuchen, man fang, tanzte unb würfelte. Ich weiß von einer übermütigen Bäuerin, b'e im Backhaus alles verwürfelt hatte, was sie an Taschengeld besaß, ohne etwas gewonnen zu haben. Um nun wieder Geld zum Weiterwürfeln zu bekommen, rief sie in die Stube: „Hier, mein Philipp: wer setzt auf ihn?" Es fanden sich viele, die auf den Philipp fetzten, die Würfel rollten, und siehe: die Bäuerin selbst gewann ihren Mann, ihren Philipp, hatte nun wieder Geld, unb die Freude verdoppelte sich im Lärm der Neujahrsnacht.
Deutsche Weihnacht.
Von Hans Brandenburg.
Weihnachten, wir wissen es alle, ist das deutscheste der Feste. Weihnachten feiern wir alle mit gläubigen Herzen, der Ruf „Friede auf Erden!" ist keinem Volke tiefer erklungen als uns, deren Land andere Völker von je zum Angriffsziel und Kriegsschauplatz machen wollten. Dieses unser besonderes Schicksal hat uns nämlich gelehrt, daß der deutsche Friede stets neu erkämpft werden muß. Der Weihnachtssinn und der Sinn des Schwertes sind für uns kein Widerspruch. Heber alle Zerstörung hinaus, über Blut unb Tränen, Trümmer unb Kampffelder suchen wir ben wahren Frieben zu erringen, der fein fauler Frieden fein soll, der uns nicht in den Schoß fällt, sondern ber .unser wahrer Siegespreis ift Der Friebe auf Erben muß auf bie Erbe herabgezwungen werden, damit bie bulbenben unb irrenben Völker ihn erkennen, und nur ein beutfcher Friede, ein Weihnachtsfriede unseres Glaubens, kann der Friede der Welt werden. Darum schicken wir j)en unb Gebauten zu Weihnachten ins Feld, unb die Front schickt Herzen unb Gebauten zu uns, mit uns in gleicher Liebe unb Zuversicht kämpfend, harrend unb glaubend
Um unsere Geschenke braucht uns nicht bange zu sein. Einschränkungen sind Steigerungen, und die Not ist nicht das schlechteste Christkind. Den Kindern, wenn sie unverdorben unb nicht verwöhnt sind, machen gerade die kleinsten Dinge bie größte Freude; sie besitzen noch Phantasie unb haben wirklich noch am farbigen Abglanz bas Leben. Friebenszeiteu lassen befonbers zu Weihnachten viel zu sehr ben bloßen ßurus ins Kraut schießen, lästerlich fern von der Armut in ber Krippe unb dem Licht ber Welt, nämlich bem inneren Licht Warum machen wir uns also Gebauten? Wir brauchen nicht zu barben unb erleiden keine andere Not als bie Nötigung, wieder vorwiegend an die höheren Güter zu denken, an jene Schätze, welche bie Motten unb bet Rost nicht fressen, an bie unveräußerlichen, nie ent« täuschenbeu Wunscherfüllungeu, an bas ewige Teil in uns. Wenn wir an bie Volksgenossen denken, bie ihre liebsten Menschen ober Haus unb Gut verloren haben, so wissen wir, baß jede echte Gabe nur Liebesgabe unb Liebeszeichen ist. nur ein Symbol, nur bie irdische unb sichtbare Stellvertretung eines Höherem, eines Himmlischen unb Unsichtbaren, etwas, von dem man mit Recht sagen darf, daß es 'jo gegeben unb empfangen wirb, wie es gemeint ift Da genügt als Gescheut sogar ein Wort, ein Brief, ein Gruß, ein Zusvruch. Ja, wir wollen uns in erster Linie damit beschenken, baß wir uns gegenseitig im Trost unb in ber Hoffnung bestärken. So kann uns ein gesegnetes Weihnachtsfest unb em gutes neues Jahr nicht fehlen.
ÄriftgeBurt
Don
Johannes Linke.
Nicht in zarten Daunen Kamst du auf die Welt, Zinken und posaunen Haben nicht gegellt. Als du tief im Winter Bei uns eingekehrt, Als du Kind der Kinder Dich uns elnbeschert.
Keine Mutterlaunen Haben dich verwöhnt, Kein gewaltig Staunen Hat dich laut umtönt: Du kamst zu uns nieder Still und ohne Stolz, Und um deine Glieder War nur Stroh und Holz. Doch die scheuen braunen Rehe wußtens bald. Und ein leises Raunen Rauschte durch den Wald, Und die Sterne brannten Hell und lichterloh, Und die Hirten rannten Iubelvoll und froh.
Weiße Flockendaune Deckte warm den Stall, Auf verschneitem Zaun? Sang die Nachtigall, Und die Kinder sprangen Deiner Krippe zu. Und die Engel sangen Dich zur ersten Ruh.
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rmb bes Sommers fuhr Goethe nach Frankfurt unb Mainz, um auf eine Einladung bes Großherzogs der Belagerung der von ben Franzosen besetzten Stabt an der Mainmündung beizuwohnen, unb als er roieberfam, legte er bie letzte Hand an ben „Reineke Fuchs", sich an biefem Spiegel bes Allzu- menschlicheu von ber Wirklichkeit zu erholen.
Um so größer war bie Freube, als ein grauer Novemberrnorgeu ein Holzkistcheu ins Haus brachte, dazu einen Brief mit herzlichem Dank für genossene Gastfreuubschast. Frau Christiane selbst holte eine Zange herbei unb konnte nicht abwarten, bis ber Diener Stabeimann bie Nagel herausgezogen hatte; sie stemmte ein Tafelmesser in ben Spalt unb blickte entzückt auf bie beiben Reihen braunen Gebäcks, die bort unter sauberem Papier gebreitet lagen. Goethe kam herbei unb nickte lächelnd, Christiane unb ber kleine August mußten sich in eine Printe teilen — er selbst wollte bis zum Weihnachtsabend warten.
„Ich will bas ganze Lanb Ungarn mit seinem Wein unb feiner roilben Musik barin kosten", sagte er, „ba muß ich Gebulb haben, bis ein Feiertag kommt."
Unb weil bie beiden nicht genug bes Lobes sprechen konnten, würbe er noch fester in seinem Entschluß, orbnete selbst an, man solle bas Gebäck m einer Blechschachtel gut aufheben unb es hüten.
Leiber zeigte sich, baß bie untere Hälfte durch Feuchtigkeit verdorben war und sofort aufgezehrt werden mußte — auch hieran beteiligte sich der Herr Geheime Rat nicht. Wie überall wollte er durch kluge Anordnung aus einer einfachen Sache ein Fest machen.
So ruhte nun der Traum des Lukullus in der Vorratskammer zwischen dem Mehlsack und dem Zuckerhut, bis das übrige Weihnachtsgebäck ihm zur
Gesellschaft gegeben wurde, denn langsam kam ber große Tag näher. Unb ba Weihnachten bas Fest der Heberraschungen ist, machte Frau Christiane oermunberte Augen, als sie eines Morgens von einem Ausgange heirnkarn unb ihren Sohn August vermißte. Der Vierjährige saß vor ber Printenschachtel unb hatte ben ganzen Reichtum Ungarns sich einverleibt, erklärte, es habe gut geschmeckt, unb wußte die beiden Ohrfeigen nicht zu beuten, mit denen man ihn in bie Küche schickte.
Frau Christiane war verzweifelt. Sie machte sich am Nachmittage auf und suchte zwei Stunden lang in allen Weimarer Bäckereien. Printen waren dort zu kaufen, auch wohlschmeckende, aber nichts, das bie eigentümliche Form ber ungarischen trug, die sich dem geftrengen Hausherrn sicher eingeprägt hatte, denn er verstaub sich auf Linien wie keiner.
Zudem schlug ihr bas Gewissen, benn sie war ein ehrliches Gemüt und hätte bie gefälschten Back- waren nur mit Wiberstreben an einem Tage auf ben Tisch stellen können, ba jebermann noch offener sein soll benn sonst im Jahre. Was aber war zu tun? Sie mußte bekennen, was geschehen war, und weil das Verstimmung geben würde, verschob sie es_ von Stunde zu Stunde in ber Hoffnung, er würde am Weihnachtsabend nicht an die ungarische Gabe denken, benn man hatte brei unverheiratete Herren zu Besuch gebeten, ihnen den einsamen Abend zu kürzen. Kam ein angeregtes Ge- sprach schon während des Festmahls auf, war ihr nicht bange, bann würbe eines sich an bas andere schließen, unb ba sie zu ben vertrauensvollen Seelen gehörte, hoffte sie, vergaß auch unter der Menge ihrer Pflichten als Hausdame alle Not, kam schon geschmückt zu Tische und sah sich mit den anderen in finnig fröhlicher Gesellschaft unbelastet von allem, was zum Alltag gehört.
Goethe gab ein Erlebnis während der Kanonade von Valmy aus dem Vorjahre zum besten, sprach dann über ben letzten Brief seiner Mutter; Mozarts „Don Juan" unb Schillers „Don Carlos" wurden als neue Zugstücke bes Weimarer Theaters für kurze Zeit zu Gast gebeten, schließlich kam einer der Herren von ber Champagnerarie auf ben Um» garwein zu sprechen.
„Ungarroein?" fragte Goethe und schaute Chri- stiane mit seinen großen Augen an, daß sie errötete, „ba haben wir etwas, bas ihm zur Seite gestellt werden könnte wie bie Schwester bem Bruder —- was denkst du davon, Christtane?"
„Hätschelhans", antwortete sie unb gebrauchte den Kosenamen feiner Mutter wie immer, wenn ein fernes Gewitter brohte, „bas Christkinb bringt nicht nur, es nimmt auch — als ich in bie Schachtel schaute, war sie leer."
Das war so drollig und zugleich verlegen vorgebracht, daß die Gäste lachten, unb sie fühlte sich ermutigt, hinzuzufügen: „Das Christkinb hieß August Goethe unb hat sich brei Tage vorher selbst beschenkt — bas ist nun bie Geschichte ganz ... es waren ungarische Printen, Ihr Herren."
„Hnd ich glaubte an ein Wunber, bas sie entführte", sprach Goethe lächelnd, „nun aber sehe ich: ein Wunder roär’s, hätten wir sie noch!"
Eben kam der Knabe ins Zimmer gelaufen, ber mit dem Gesinde gespeist hatte, und alle standen auf, seiner Bescherung zuzuschauen, die im Nebenzimmer vor sich gehen sollte, aus bem jetzt bie leisen Klänge einer Spieluhr ertönten, ein Geschenk ber Frau Aja aus Frankfurt für ben Kleinen ... sorglos und heiter war die Weise ... wie seine eigene Kinderzeit, wie bie Jugend immer, so dachte Goethe, als er den Sohn aufhob und über die Schwelle trug, selbst befangen von einem seltsamen Zaubern.
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