Ur. 303 Drittes Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Vberheffen)
24-/25. Dezember (942
MM
Oberhessische Weihnachtslandschast
2I(s bodenständigen Bildschrnuck für unsere Weih- nacht5nummer haben wir in diesem Jahre eine Arbeit von Felix Klipstein ausgesucht, der im vorigen Sommer, erst 60 Jahre alt, in Gießen gestorben ist. Im 24. Jahrgange der schönen, leider nicht mehr erscheinenden Zeitschrift „Hessenkunst" von 1931 fanden wir neben anderen Wiedergaben das Blatt, das wir hier abbilden, als das letzte Stück eines Kalendariums, mit dem Klipstein, je
„Hirten auf dem Felde", die hüten da ihre Herde, einer stößt in sein Horn, die frohe Botschaft in der stillen Landschaft zu verkünden, ein anderer läuft herbei, mit abgezogenem Hute das Kind zu grüßen, und gesellt sich zu dem Bärtigen, zu Vater und Mutter, die sich über die Krippe neigen, und zu dem Engel auch, der zu Füßen des Kindes in die Knie gesunken ist. Das ist schon alles — nur Feld und Hügel und Gehölz rings umher und die weidenden
Eine schöne Weihnachtsernte ist es aber auch, wenn der tätige Mann unter dem Tannenbaum auf ein in Arbeit für sein Volk und mit seinem Volke verbrachtes, gut angewendetes Jahr zurückblicken kann — fei es als tapferer braver Soldat oder altz in der Heimat unermüdlich und aufopferungsvoll für das Ganze Schaffender; wenn ihm dann die alten Weihnachten, die ihm aus den Schatzkammern der Erinnerung heraufsteigen, nicht reicher erscheinen als das heurige, das wir im tiefen Ernst der Kriegszeit, aber auch voller Hoffnung, in der festen Zuversicht des Sieges und des endgültigen Erringens unseres Lebensrechtes feiern wollen!
Schafe, die zutraulich ganz nah an die Krippe herankommen.
Das ist alles, und es ist genug: ein schlichtes, heimatliches Weihnachtsbild. Es fügt sich in seinem Stil nicht nur zu den anderen Bildern der Kalenderfolge, sondern auch zu den Holzschnitten und Radierungen, die das gleiche Heft von Klipstein wiedergibt: zum heiligen Franziskus im Kreise der Tiere, zu dem Steinklopfer auf der Titelseite, zur Vogelsberglandschaft, zum Stadtbilde, zum Schlecht und zum Strumpfweberschen Hause in Laubach und zu der stillen Gasse, die den ganzen Frieden des kleinen Landstädtchens in sich beherbergt. Das alles , kommt aus der Hand eines Meisters, es ist mit ; Gefühl und echtem Kunstverstande gemacht, aber । ohne eine Spur von Sentimentalität. In Klipsteins ' Bildern erhält der oft mißbrauchte und mißoer- , standene Begriff der Heimatkunst einen schönen j Sinn und einen kräftigen, gesunden Klang. Und i wenn dem Künstler im gleichen Jahre, in dem unser i Kalenderblatt erschien, der Dürer-Preis der Stadt i Nürnberg für Graphik verliehen wurde, dann wur- . den damit Wesenszüge seines schöpferischen Wirkens \ geehrt, die von jeher zu den auszeichnenden Merk- ( malen deutscher Kunst gehören: Freude an der Natur s und allem Geschaffenen, Ehrfurcht vor dem Ge- 1 ringen und Unscheinbaren, und ein Adel des Hand- l werks, das nichts Falsches, Halbes und Ungenaues ! duldet, das Pinsel und Zeichenstift, Feder und t Grabstichel mit Andacht und inniger Liebe band- habt; davon mag auch dieses Kalenderblatt zu Weih- I nachten zeugen. hth. c
zwei Monate zusammenfasfend, in sechs Holzschnitten den Jahreskreis rundete.
Das letzte Blatt im Kalendarium gehört den Monaten November und Dezember und trägt das Weih- nachtsbild, das wir hier abbilden. Man sieht darauf, was die Maler, Radierer und Holzschneider auf allen Weihnachtsbildern seit Jahrhunderten zu schildern nicht müde geworden sind: eine einfache, bildhafte Erzählung der Geschichte von der Geburt, wie sie, uns von Kindesbeinen an vertraut, zum Weihnachtsfest gehört. Der Maler und Graphiker Felix Klipstein aus Laubach, der, in Gent geboren, weit in der Welt herumgekommen und bei den alten frommen Meistern in die Schule gegangen ist, hat, wie diese es taten, die Geschichte in den heimatlichen Umkreis und die uns täglich umgebende Welt verlegt. Wie vor ihm Cranach und Dürer, Altdorfer und Schongauer, hat er mit seinem Holzschnitt ein deutsches Weihnachtsbild gemacht; ja, noch mehr, den Kreis landschaftlich einengend: ein hessisches. Wir vermögen nicht geradezu den Ort zu bestimmen, aber das Bild fügt sich so zu den fünf andern, daß es uns auf irgendeine Weise bekannt vorkommt. Man kann kaum sagen, woran das liegt, es ist ja auf dem kleinen Blatt nicht sehr viel zu sehen, aber man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, daß sich dies irgendwo in unserer Näbe und Nachbar? schäft begibt, vielleicht in einem Tälchen am Rande des Vogelsbergs. Da steht im freien die Krippe mit dem schlafenden Kinde, seitlich sieht man den Stall mit Ochs und Esel, die nicht fehlen dürfen in der Weihnachtslandschaft;- und es sind auch die
Verheißung des Lichts.
Von Walter Vollmer.
Nicht nur, weil es eine alte Sitte so hält, foo dern weil der hosfnungsfreudige Wille zum Leben unser Volk beseelt, hat es das Sinnbild seiner Wartung, den Lichterbaum, aus den Wäldern in Dörfer und Städte geholt und ein Fest aufgerichtet, wie es in seiner Innigkeit nur deutsche Herzen in aller Welt kennen und lieben: Weihnachten.
In diesem Wort blüht eine Zauberwelt auf. Es umschließt das ganze deutsche Gemüt in seiner liefet jenes Gemüt, daraus alle Kräfte feines Menschen? tums in Dichtung, Kunst und Lebensweisheit seit Jahrhunderten schöpferisch gestalten und fortan ge» stalten werden.
Der grüne Lichterbaum brennt in allen deutschen Gauen. Dieses Sinnbild der Hoffnung ging auch in Jahrtausenden nicht verloren, sondern darf ein stummer, leuchtender Ausdruck dessen sein, was al» inneres Leben des äußeren Bildes bedarf: Daß uns ein Gut an Geist und Werk in dieser Welt gegeben ist, das wir in Freuden und Schmerzen getreulich zu verwalten haben. Ein Gut, für das wir — jeder und wir alle — Rechenschaft schuldig find vor kommenden Geschlechtern und den ewigen Gesetzen des Himmels, und für das wir nun kämpfen müssen, um es für Zeit und Zukunft sicher zu besitzen. Geist und Werk — das sind unser Vaterland mit Wald und Feld, mit Städten und menschenreichen Arbeits« stätten, das sind sein schöpferisches großes Erbt und feine Träume, die noch tief in feiner Seel« schlummern.
Welch einen Märchenzauber hat unsere Seel« um dieses schöne Fest gesponnen! Wer versteht es denn, wenn er meint, es sei nur für das glücklich» törichte Kinderherz da und nicht auch für alle, di« wahrhaft einsichtsvoll an die Macht der Liebe glauben, die uns alle als brüderliches Volk zusammen» schließt? Wo bliebe alle geheimnisvolle, immer wie» der neue Wunderlichkeit dieser Tage, wenn es nicht immer wieder Menschen gäbe, die noch lieber glücklich machen als ylücklich sind? Denn solch ein Fest, dessen Wurzeln tief in die Geschlechter unseres Volkes zurückreichen, kann nicht eine äußere Verpflichtung auf Grund von Kalenderdaten fein, sondern ist aus dem Erlebnis eines alle erfüllenden Glaubens entstanden und geblieben, daß eben Leben nichts anderes als Verpflichtung bedeutet oder aber eine billige Komödie wäre, über die nicht einmal ein Teufel zu grinsen vermöchte. Und das ist unsere heilige Verpflichtung in dieser Zeit: Glauben zu haben! Jenen Glauben, der sich opfernd für den Bruder hingibt und damit ein Gebot erfüllt, wie er die Welt nicht edler und menschenwürdiger kennt.
Weihnachten ist erst so verstanden ein Fest der Freude und der Besinnung. Aber nicht die schönen, weichen Träume vom Wunder, das über Nacht, als wir schliefen, durch die Finsternis zu uns kam, gestalten das Leben, nicht untätige Wünsche, und mögen sie noch so inbrünstig brennen, wenden menschliche Schicksale, nein, es ist als harte und wiederum auch bedrückende Tatsache in die Welt gesetzt, daß alle Erfüllung — wie wir sie uns auch denken mögen — das Opfer unseres ganzen Menschen verlangt. Darüber ist uns Gewißheit gegeben, daran halten wir uns! Warum es so ist und warum nicht anders, und wie wir dabei fahren — das zu erforschen, ist uns UllLlbittlich versagt und kann uns nicht kümmern.
Aber, wo von Pflichten die Rede ist: Ist nicht auch Freude eine heilige Pflicht? Jedes Lichtlein, das am Baume flimmert, sollte ein frohes Herz fein im deutschen Vaterland! Ein zuversichtliches Herz? Was verschlägt es denn schon, wenn der weißbärtige Weihnachtsmann in diesem Jahre nicht wie sonst große Lasten durch die verschneiten Märchenwälder unserer Phantasie schleppen kann? Ist darum unsere Liebe geringer? Immer noch sollen unsere Dorfkinder in die Hände klatschen, wenn voy den Festtagen der alte Wundermann am abendlich geröteten Himmel feine „Stutenkerls" backt, immer noch sollen neugierige Kinderauqen selig durch verbotene Schlüssellöcher gucken! Und niemand sollte einfartr fein unter uns, der des Trostes und der Aufrichtung bedarf! Jedes Haus soll eine Stätte heimlich-froher Geborgenheit fein, ein Hort der Zuversicht, weil ja Weihnachten ist, ein Fest der Hoffnung mitten im tiefen Winter.
Aber Weihnachten ist nicht nur ein feierlicher, festlicher Glanzpunkt im Ablauf eines Jahres, der seine ganze Zeit mit Licht erfüllt und die Herzen über
^btzt irgendwo auf dem Boden verstaubt habe herumliegen sehen! —
Ein anderes, viel, viel späteres Weihnachten kommt mir vors innere Auge, wo im Gedanken an ^^n ^ben Weltkrieg-Gefallenen im Wald, im knirschenden Schnee ein lebendes Tännlein mit Lichtern u l, mur^c und dann unter feinen Artgenossen strahlte und leuchtete. Auch hier war es das, daß es nicht nur um den Herzensbesitz ging — denn der, öem das Bäumchen an gezündet war, sah es ja nicht , baß sich das Weihnachten im Winterwald Jnir 1° unvergeßlich eingeprägt und zu meiner dauernden Weihnachtsernte gehört.
Weihnachtsernte.
Bon Wilhelm von Scholz.
ms Leben! Die Weihnachten dann^7°ubbegehren junge Vater, die junge Mutier eigenen Kind/rn scheren: em Feststehen im Leben Erwark^n ? Besitzen und aus dem Besitze Schenken ab??-^"' überschattet von einem wehmütigen fioinÄ ‘o n rückdenkens an die fern versunkene Ä et h3u= jeit. Die spateren Feste, wenn die Kinder null auch dem ersten unbewußten, nur freudigen 2ßeihnn*u glück entwachsen, noch inniger vom as Weitereiien des §°bens'7n welche.l eV st"eken" bewegende Rührung getaucht. 1 eicn
Dazwischen bei uns allen, wie jetzt wieder 6>r:ön. Weihnachten, an denen das'Herz'L -ig7n°n Ach! terbaurn hmausdenkt zu den Brüdern unä Söhnen brau&en °m Feind auf der (Erbe, auf der S« und m der Luft, wie f,e Wahl Weihnachten feiern mö S-Ni ernster, stiller, nicht wehmütig, sondern voll W'llens für den Sieg unserer gerechten "grotztn
“nf-T nadl e,nem Zerrissenen Jahrtausend endlich geeinten und zur höchsten Tatkraft befähig- ten Volkes, das heute Europa führt ’ 9
Weihnachten wird ja überhaupt für den Er- wachfenen sehr bedeutsam immer mehr auch das Fest der Besinnung über das endende Jahr, was es dein Kinde gar nicht ist. Ich selber habe als Junge in Berlin um die Weihnachtszeit gewiß keinen Ge- danken daran verschwendet, wo ich mit den Eltern in den Sommerferien war, wie ich in der Schule vorangekommen bin — nichts. Ich freute mich darauf, daß nun bald die Buden im Lustgarten und einige auch am Leipziger Platz aufgebaut werden wurden, und streifte dann jede freie Stunde mit Schulfreunden in den entstandenen engen Gaffen zwischen den Auslagen umher, hörte interessiert dem heiseren Ausrufer, dem Brummen der Waldteufel der Choralkreisel, den Melodien der Musikspielfachen zu und roch den Duft von Schmalz und frischem Kuchengebäck, von warmen Würstchen und, was weiß ich! für Kostbarkeiten, die man zu Hause nicht zu essen bekam. *
Dazu — das aber fällt mir erst jetzt, nachträglich, ein! — kam dann die graublaue winterliche Dämmerung mit ihrem Zauber, der auch uns Jungens umspann, obwohl wir's nicht merkten und wußten,» wob ihre Duftschleier um Schloß und Dom, um die . Denkmäler, um die kleinen aufgestellten Wäldchen von zu verkaufenden Weihnachtsbäumen, um die aufgemauerten Ufer der Spree und über das Wasser.
Die Petroleumlampen mit ihren kreisrunden weißen Emailschirmen, die von den Budenbalken hingen, wurden angesteckt, und im künstlichen Licht funkelte alles noch viel bunter und glänzender als vorher: die Glaskugeln, die Gold- und Silberketten, die künsllichen Schneebälle, die Engel, die Sterne und die blanken Spielsachen aus lackiertem Blech oder Holz, Tiere, Schiffe und Eisenbahnen, Soldaten und Nußknacker, mit versteckter Feder springende Figuren, die damals türkische Uniform trugen und „Arabi Pascha" hießen, Kindergewehre, Velozipede und, was uns am meisten fesselte, Zauberapparate! Da gab es Becher, die man einen durch den andern werfen konnte, Schnüre, die sich zerschneiden ließen und bann einfach wieder ganz waren, Schachteln, in die man eine Karte legte, und gleich darauf beim Wiederöffnen war sie verschwunden. Geduldspiele gab es, wo man eine Erbse oder mehrere Erbsen durch leichtes Schaukeln in bestimmte Haltelöcher dineinpraktizieren sollte, und solche, wo man aus Würfeln gemäß ihrer Seitenzahl sechs Märchenbilder zusammensetzen konnte: Schneewittchen und Dornröschen, Rotkäppchen, Aschenbrödel, den eisernen Heinrich und den fliegenden Koffer. Und tausend andere Herrlichkeiten.
Ich glaube, außer für Zinnsoldaten und allenfalls tnal einen Arabi Pascha haben wir Jungen auf dem Weihnachtsmarkt wenig Geld ausgegeben und uns einfach an dem Vorhandensein der vielen, vielen Spielsachen und am bloßen Anguckenkönnen gefreut. Das, was wir nicht kaufen wollten oder, bei unseren Geldverhältniffen, kaufen konnten das bewahrte Unser Gedächtnis viele Jahre für die Zukunft; und heute steht mir als eine Ernte aus Kindheits-Christfesten gerade das am lebhaftesten vor Augen, was ich nicht selbst besessen, nicht kaputtgemacht und
(Aus „Hessenkunst" 1931. Mit Genehmigung der Elwertschen Verlagsbuchhandlung, Marburg.)
hin,
(gine Weihnachisnacht Schillers.
Von Walter von Molo.
„Fertig!" sprach Schiller halblaut vor sich den Blick in die Winternacht, die ernst und stumm durchs Fenster der kleinen Stube sah. „Die drei Dramen des ,Wallenstein' sind fertig. Er atmete befreit und lang und zog die Uhr —-unb sah a - bittend drein, „es ist wieder drei Uhr nacht g worden", flüsterte er verlegen vor sich hm.
Weiß und kalt stand die Welt um ihn.
Unschlüssig, eine große, schmerzlich wühlende Leere urplötzlich in sich tragend, gleichsam b s wungslos im Raum, sah er mit einem Ma e schrecklich klar, daß er nichts mehr zu tun hatte, datz fJine Hoffnung und die Willensneigung nun ohne Richtugg mären. Schlafen? Soll id) jcfet W fen gehen? Las kann ich nicht! Doktor «tarkes Pulver? Das hilft ,a nicht. Die Sachliegt doch etwas tiefer, als diese Herren Aerzte w-men-Ohn zu wissen, warum, klinkt-,Schiller dl- Ture ms dunkle Wohnzimmer auf: «‘ftwarj .^aie2Jhm,mc5 vielfach geteilt die Umrisse d-s We'hnachtsbaumes vom Hellen Fensteroiereck ab. Schiller sch lob I S ergriffen die Augen: mit einem ,trau6r'flj‘u r Kinderlächeln des weit zuruckgelegten Kopfes zog ^r gierig die warme Luft em, die aus Da «achskerzenduft seltsam erinnernd gemischt war.
Etwas wie Friede tarn. Kindheitsermnerung.
Der freudig ergebene Gesichtsausdruck
'chwand: fremder 'Geruch trat störend IN 6
Sefuhl feiner Sinne ein. Schillers Gesicht wurde, !« Widerschein der Sterne und des i^chne o Landschaft draußen, streng abweisend®s ift: Smen, Parfüm. Die Schwägerin ist also auch h mir ^gewesen? Er öffnete die ^"gen, alles sh i»as Werk! Alles! Die Menschen und deren Das Leben! Alles! Ich hatte mit der Lm 9^ wieder mal gesprochen! „Ach Got. , . & n
Neben hilft ja nicht. Er barg seml Gesicht in Den stechenden duftenden Nadeln des Ba >as ist.
Wohlig ist's; wohlig, einmal nicht denken zu müssen.
Die Uhr im Nebenzimmer schlug laut eine Stunde. Es kam wieder Leben in Schiller: die Zeit verstreicht, die Zeit! Er richtet sich auf, fing sich ein Zuckerringlein, das vor ihm auf dem Christbaum schwankte; hungrig aß er's; dann ein zweites, drittes. Starr sahen die Augen, während die Zähne das splittrige Süßzeug zerbissen, durchs Fenster, auf das Licht im Schloß. Das einzige, das außer dem in seiner Stube droben noch im Städtchen wachte. Schillers Augen wurden groß und ernst; langsam stieg die Erinnerung in ihm zur Klarheit, daß Goethe ihm geschrieben habe, er verbringe den Weihnachtsabend, des „Wallensteins" Vollendung erharrend, nicht in Weimar, im Jenaer Schloß, dort! Allein! Er wartet auf mich!
Schiller machte im heißen Impuls der Sehnsucht, die ihn erfüllte, eine jähe Bewegung zur Türe. Er wollte zu Goethe eilen, einen Menschen sehen. Er hielt.
Nein! Ich störte ihn! Und wenn auch nicht! Und — und überhaupt!
Er trat zurück. Ein jeder hat doch mit sich selbst genug! Ja! Was sollten wir denn sprechen? Die Tat allein ist wichtig. Er gab mir zuviel Leid; er zerrte mich aus meiner Bahn. Schiller sah die Kontur des Schaukelpferdes, das wohl seinem Sohn gehörte, das Leinwandgeschenk seiner Mutter sah er; sie hat's auch dies Jahr nicht vergessen. Er zog die Sttrne kraus: ich habe meiner Frau gar kein Beschenk gegeben? Dran ist nur schuld, daß ich so lange jetzt die Line nicht gesehen! Ich hätte sie sonst sicherlich gebeten, daß sie's besorgte. Der „Wallenstein" ist schuld daran! Der „Wallenstein"! „Und?!" Mit Stolz und Trotz hob er den Kopf. Wiegt nicht der „Wallenstein" die lächerliche Kleinigkeit dieses Kalenderkrams auf? Eines feiner Kinder hustete nebenan; scheu spähte Schiller zur Tür.
Ob sie recht litten, weil ich den Weihnachtsabend ihnen so verdarb? Er strich mit schmalen Händen seine Stirn. Sie haben sicher bitterlich gemeint! Sie haben mich gern! Sie leiden viel um mich! Und dennoch! Er riß sich auf und sah, ohne zu wollen,
wieder hin zu Goethes Licht. Soviel, wie ich, litt keiner! „Niemand!" sprach Schiller drohend hin zum Licht, als widerspräche jemand. Leid' ich, da dieser „Wallenstein" vollendet ist, denn jetzt nicht mehr? So, so?.' Ich leid' nicht mehr? Der „Wallenstein" ist nur ein Werk, ein Werk, nach außen, äußerlich besehen, und das ist fertig, nach innen ist der „Wallenstein" das Werk, ein Stück von dem, was ich in Unablässigkeit bis zum Tode hin und fort tun muß! Der „Wallenstein" ist bloß ein Titel für meiner Seele Kämpfe; das ganze Leben jetzt schreib ich nichts anderes mehr als dieses Werk, in ewig anderer Form nach außen, bis endlich Ruhe kommt — mit anderem Namen.
Der „Wallenstein" ist fertig; dies eine Drama! Der Lebenszweck feit vielen Jahren tot. Nun kommt noch Feilarbeit, Korrespondenz und Inszenierung; das Lernen von Bühnenbeispiel, Pöbelbeifall, Pöbelablehnung, Lärm der Freunde, Haß der Feinde, Neid beider und dann — d'e Leere der Zwecklosigkeit! Die Leere, der ich heiß, seit vielen Jahren tölpisch zugestrebt, die mich nun schaudern läßt, weil ich, dem Ewigen sei heißer Dank gebracht! verspüren muß, daß sie nicht zu mir paßt. Das Werk zu tun, ist Leid und Qual, das Werk vollendet aus der Hand zu geben, ist wie Verbannung aus dem Segensland der Qual, in dem ich furchtbar leide und nicht bewußt mir wurde, aus Bewußtheit, daß ich ein armer, kranker Hund und Krüppel bin, daß mich die Sorgen stets von neuem stellen, daß ich allein, zwecklos und leer, nichts habend von dem Heiligsten der Welten, freudlos, krumm, dumpf und stumpf, wie ein philiströser Bürger im Dasein flattere, bis der Zufall kommt und mich beiseite wischt, als — tot.
Er fuhr, von Eifesschaudem hart geschüttelt, weh zusammen: die Zähne knirschten, der ganze arme Körper wurde Widerstand, die Seele flehte:
Nur das nicht, großer Gott, nur das nicht! Nur nicht im Sande sterben, abgestürzt, versiegt! Nicht in der platten Stille der Gewöhnlichkeit! Groß fein im Wollen, das Höchste fordern, nur nicht: ergeben. Er hielt die Fäuste vor die Brust gepreßt, den Kopf gesenkt, maßlos im Stolz. Ich geb’ mich nicht geschlagen. Ich bin zu töten, aber nicht zu schlagen! Niemals und nie!
Ich hör' sie schon mit „lauen, linden" Worten kommen: ich möge jetzt doch „ruhn" und „Schonung" mir vergönnen! Wozu? Wenn einer stirbt, so ist er reif! Wozu dann Schonung; wenn sie der Reife nicht bloß dient? Und wenn mich jetzt, im Augenblick, der Tod antritt — im letzten Atemzuge reife ich vollendet! Es stirbt nicht einer, ohne reif zu fein! Ich will nicht m;t dem Tode feilschen. Ich kann nicht. In Bäder reifen? Der Tod ist dieses Lebens Herr. Schiller riß die Lider auf; sieghaftes Feuer quoll aus feinem Blick. Er sah die Sterne und sah Goethes Licht; Schwingen wuchsen, Schwingen, er schwang sich auf; mit höchster Sehnsucht sah er zu den Sternen.
„Nicht wahr", so bat er, „einmal gilt auch mir der Ausstieg zum Leben ohne Schwere, zum Reich der Schönheit und der Harmonie!"
Starr sah er in die Nacht, gelöst, getrennt, schon abberufen, den Sternen zu. Minuten und Minuten.
Hell sank sodann fein Haupt, voll Ruhe und voll Reinheit.
Wer dieses große Rätsel des Erhabenen sieht, die Sternenwelt, im Weltenraum die Wunder, dem kann dies Leben nicht mehr schaden: er weiß es, daß er ist, für alle Zeit.
Schlittenschellen? Die Ordinaripost aus Leipzig schon? Es ist schon wieder früh? Ach ja, es wird schon wieder hell! Ihn fror. Er nahm sich noch ein Zuckerringlein mit, trank gierig jeden Weinrest aus den Gläsern, die im Dämmerlicht nun vor ihm standen, und ging mit leisem Tritt, voll Heimlichkeit zurück in seine Kammer. Ich will mir meine Pläne doch notieren! Der Monolog des Wallensteiners könnte besser sein! Ja, ja; es gilt, das Sein, das zu hoch will und dann nicht rückwärts findet, noch mehr herauszuheben! „Das Schöne ist doch weg. das kommt ... nie wieder für den, der zu hoch stieg", das sagt jetzt scharf und klar, was ich gelernt. Wenn ich die Worte unterstreiche, im Drucksatz unb im Munde des Akteurs, sie malen klarer. Das tu’ ich gleich; denn — ja, anderes braucht auch Formung noch, damit es plastisch auf der Bühne steht!
Zur Arbeit. Zur Arbeit! Er ging an neue Arbeit«


