Ausgabe 
24.1.1942
 
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Nr. ?0 Zweites Blati

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhefien)

24./?5.ZanuarM2

Aus der Stadt Gießen

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Die Angst vor der Vergangenheit lastet über­haupt noch immer wie ein schwerer Alpdruck auf dem ganzen Dorf. Solange der Kanonendonn'er nicht verstummen will, läßt sich die Sorge von einer Rückkehr der Bolschewisten hier nicht austreiben. Immer, wenn der Fahrzeugverkehr durch das Dorf etwas stärker ist, oder wenn wir uns für einen Ein­satz fertigmachen, sehen wir die äktgstliche Frage in den Gesichtern der Manschen, und wir merken, wie sie uns beobachten und aus unserem Verhalten die Antwort zusammenreimen möchten. Und wenn dann alles beim alten bleibt, kommt es wohl vor, daß wir nebenan ein frohes Lachen hären und daß Sinuschka uns die glänzenden Kugeln zeigt, die sie aus dem Silberpapier unserer Käseschachteln für den Tannenbaum zum 7. Januar gedreht hat.

denn auch namentlich holländische Maler, die den Eislauf in Gemälden geschildert haben.

In Deutschland wurde der Eislauf besonders volkstümlich durch die begeisterten Verherrlichungen Klopstocks (imEislauf" und inDie Kunst Thiares"), aber schon im Jahre 1748 hatte Matthias Claudius in seinemWandsbecker Boten" in einem Aufsatz Schlittschuhe und Skier" dem neuen Winterver­gnügen freundlichste Anerkennung gezollt. Daß aber bereits weit früher, im Mittelalter nämlich, der Eislauf keineswegs unbekannt war, geht hervor aus einem Holzschnitt der HeiligenlegenüeVita Leydvinae" aus dem Jahr 1498. Hier wird die heilige Lihvina (geboren im Jahr 1380 aus edelem Geschlecht) dargestellt mit Holz-Eisenschlittschuhen an den Füßen, wie sie auf holprigem Eis gestürzt ist (wobei sie eine Rippe brach).

Aus dieser Darstellung erhellt aber auch, daß da­mals der Schlittschuhlauf auch den Frauen ge­stattet war, wie denn überhaupt die Frau im Mit­telalter eine viel größere Freiheit genoß, als wir gemeinhin geneigt sind, anzunehmen. Durch die ununterbrochenen Kriege und Fehden wurde eine große Zahl von Männern dahingerafft, so daß die Zahl der .Frauen etwa ein Fünftel mehr betrug, als die der Männer. Man wird baß erstaunt sein, zu hören, daß die Frau des Mittelalters ausge­dehnte Verwendung in allen Gewerben fand und von keinem ausgeschlossen war, zu dem ihre Kräfte ausreichten. Sogar von Aerztinnen wird mehrfach berichtet. So mar z. B. die heilige Hildegardis von Bingen (gestorben 1179) eine der berühmtesten Aerz­tinnen ihrer Zeit, wie sie denn überhaupt als eine der klügsten Frauen aalt. Ihre Gelehrsamkeit war so groß, daß Kaiser, Fürsten und Päpste ihren Rat einholten.

Noch manches Jahrhundert lang war dann der Schlittschuhlauf bei den Frauen verpönt. Noch im Jahre 1795 schrieb der Pädagoge Anton Vieth:Ein gemeines Vorurteil versagt dem weiblichen Ge­

verdunkelungszeit:

24. Januar von 18.50 bis 8.44 Ühr.

25. Januar von 18.52 bis 8.43 Uhr.

Unter einem Dache

Von Kriegsberichter Hermann Bernick.

Wenn Augen versagen Magnus-Brilleh tragen!

schlecht dieses Vergnügen als unanständig: aber mich däucht, ohne Grund ... Dennoch trifft man Eis­läuferinnen selten oder nie ... es ist zu bewundern, daß.unsere Damen, die sonst ihren Vorteil so gut verstehen, diesen unbenutzt lassen. Was könnte schick­licher für sie sein, als auf einem Spiegel von Kristall gleich den Gottheiten der Dichter dahinzuschweben."

Bilder der damaligen und noch späterer Zeit zeigen die Dame auf der Eisbahn in einem Stuhlschlitten sitzend, der von dem auf Schlittschuhen dahinfliegen­den Jüngling über die blitzende Fläche gelenkt wird.

Klopstock hat den Schlittschuh imEislauf" als Wasserkothurn" bezeichnet, ihnFlügel am Fuß" genannt. Er ruft dem Jüngling zu:Komm mit mir, wo des Kristalls Eb'ne dir winkt" undwie ertönt vom jungen Froste die Bahn!". Weiter schil­dert er:So gehen wir schlängelnden Gang", aber auch:Leichteres Schwungs fliegt er hin, kreiset umher, schön zu sehn." Und begeistert ruft er aus: Unsterblich ist mein Name dereinst. Ich erfinde noch dem schlüpfenden Stahl seinen Tanz!" Es ist also falsch, anzunehmen, daß es der Amerikaner Haynes gewesen sei, der im Jahre 1868 den Eiskunst­lauf erfand, und daß es nurGradläufer" gegeben habe, ehe am Himmel des Eiskunstlaufs Sterne erster Ordnung, wie Sonja Hennie, das Ehepaar Maxi und Ernst Baier, die Geschwister Pausin, und wie sie alle heißen mögen, erschienen sind. L. B

Dornotlzen.

Filmvortrag von Paul Eipper.

Auf. Einladung des Gießener Vortragsringes (Kulturelle Vereinigung, Goethe-Bund und Volks- bildungsstgtte Gießen der NS.-GemeinschaftKraft durch Freude") wird am 28. Januar der Tierschrift­steller Paul Eipper zu seinem FilmWildtier- welt der deutschen Heimat" sprechen. Paul Eipper zeigt, wie reich unsere Heimat ist an großen und kleinen Tieren in der Luft, auf der Ende und im Wasser. Mehr als sechs Jahre pirschte er mit seiner Schmalfilmkamera in Nord und Süd, in Ost und West, im Hegeraum, auf Bergen und im Meer. Zu den heutigen Wildtieren treten im Bild auch jene, di.e in germanischer Vorzeit bei uns herrschten und fast ausgerottet sind oder nur noch in weidmänni­scher Hege bei uns Gastrecht haben: Bär, Luchs, Wolf, die urigen Wisente, der Auerochse, das Wild­pferd. Immer wieder spannend und fesselnd ziehen herzerfreuende, zugleich auch belehrende Tier­lebensbilder vor unseren Augen vorüber. Des Vor­tragenden Begleitworte verstärken und vollenden die Wirkung.

Bewerbungen für die Offizierslaufbahn in der Luftwaffe.

Der Oberbefehlshaber der Luftwaffe gibt be­kannt, daß Bewerbungen für die Offizierslaufbahn der Fliegertruppe, Flakartillerie, Luftnachrichten­truppe und des Jngenieur-Offizierkorps von Abi» turienten, Schülern der 7. und 8. Klasse höherer Lehranstalten jederzeit erfolgen können. Bewerbun­gen sind an die für Bewerber aus der hiesigen Gegend am nächsten liegende Annahmestelle in

Oer Eislauf.

Wenn auch unsere Schneeschuhe jetzt im fernen ; Rußland dahingleiten, so ist uns doch der Schlitt­schuh geblieben zur Freude und Erholung. Dieses Gerät, in der älteren SpracheSchrittschuh" ge­nannt (ein Name, der erst im Neuhochdeutschen in Anlehnung an das Wort Schlitten inSchlittschuh" gewandelt wurde, das erst seit 1737 gleichberechtigt neben der älteren Form steht), ist uralt, denn schon der Pfahlbauer fertigte ihn sich aus Pferdeknochen: und die ältesten.Schlittschuhe, die uns erhalten ge­blieben sind, stammen aus der älteren Bronzezeit (1200 bis 1000 v. Ehr.) und bestehen aus unten glatt geschliffenen Pferdeknochen. Schon die altnordische Sage kennt den knöchernen Schlittschuh: sie berichtet, daß der Ase Utter ihn als Erster benutzt habe, Frith- jof, der Held, aber vermochte sogar schon mit metall- ner Schlittschuhschiene den Namen der königlichen Jngeborg in das Eis zu ritzen.

Die nordischen Völker haben als erste den Eislauf gepflegt, auch die Friesen, Holländer usw. waren schon ftüf) treffliche Schlittschuhläufer; so waren es

überall die Mäher breitbeinig in den Wiesen, es roch nach Tau und Gras, und die Vögel waren auch betrunken von der herben Süße dieses Dustes, sie stiegen hoch auf und sangen, Gelernte und Un­gelernte durcheinander. Dann und wann hielt einer von den Mähern inne, betrachtete unser seltsames Gefährt und rief etwas herüber. Aber die Mutter blieb keinem die Anwort schuldig, und was sie sagte, war von solcher Art, daß der Lästerer nichts mehr zu erwidern wußte. Er stellte betroffen seine Sense auf, griff an die Hüfte nach dem Kumpf und lchärfte das Blatt, und das war wiederum freudig anzuhören, dieser silbern singende Klang über die Felder hin. Dazu der weite Himmel zu Häupten der Berge und unten im Tal noch das Zwielicht, aber weit entfernt. Man mußte die Hände um den Mund legen und einen Ruf hinunterschicken, vielleicht hörte ihn der Vater, wenn er jetzt zu seinem Werk- platz ging.

Später am Tage durfte ich die Jausenmilch aus die Wiese tragen oder kühlen Most im irdenen Krug. Die Hofkinder liefen alle mit, der Hund auch, er mochte nicht länger vor der Tür liegen und sich über die albernen Hühner ärgern.

Köstlich war es, mit den Mannsleuten im Baum­schatten zu ruhen und ihren sparsamen Reden zu­zuhören, den kurzen Späßen, wenn nun das Weibs- volk anrückte, um das Heu auszubreiten unD zu wenden. Oh, mähen zu können, daß sogar der Groß- knecht weit zurückbliebe, stark zu sein, braun ge­brannt, eine haarige Brust zu haben, das war da­mals für mich das äußerste, was ein Mensch im Leben erreichen innte. Aber leider, nicht alle

1 Knabenwünsche l mir das Leben erfüllt.

Zum Heuen gehört auch ein tüchtiger Wetterguh, der brachte am schläfrigen Nachmittag wieder Schwung in die Arbeit. Man spürte es schon lange vorher in allen Knochen, unmerklich verglomm die schwelende Hitze über den Feldern. Wolken zogen herauf, federweiße zuerst, dann regenträchtige mit l dunklen Bäuchen. Plötzlich war auch der Wind rote» der da, den Tag über schlief er pflichtvergessen m den Hecken, aber jetzt sah er die Gelegenheit, der a{te Widersacher weiblicher Ehrbarkeit, und Die Mägde hatten Not, ihre fliegenden Röcke zu bän- i diqen. . .

i Warme Schatten überflogen uns, irgendwo am i Rands des Himmels zuckte es feurig auf, und schon

Indianischer Liebesbrief.

Junge Menschen bei den Völkern, die nicht in unserem Sinne schreiben und lesen können, haben sicher auch oft den Wunsch, dem oder der Geliebten eine Nachricht zukommen zu lassen. Daß sie das auch ohne unsere Hllfsmittel ganz gut können, zeigt der kürzlich bekanntgewordene Liebesbrief einer India­nerin, die ihren Liebsten einladen wollte, sie in ihrem Wigwam zu besuchen. Sie gehörten zu ver­schiedenen Stämmen, sie zu den Bärenindianern, er zu den Schlammfischindianern. Das ist zunächst mit Bilderschrift, die die Indianer haben, und in der sie sehr viel ausdrücken können, sehr einfach dadurch kenntlich gemacht, daß mit ein paar Strichen die Umrisse eines Bären und eines Fisches hingezeichnet find. Dann sieht man eine große gebogene Ihme, das ist die Hauptstraße, die zwischen zwei Seen ent- langfuhrt, die auch durch die Umrißlimen bezeichnet sind. Von dieser Hauptstraße zweigt em Nebenweg durch eine dünnere Linie angegeben, ab und suyrr zu zwei Hütten, die man als Dreiecke sieht. In der einen Hütte erscheint eine Hand, es ist der'Wigwam der Briefschreiberin, den der Geliebte aufsuchen soll. Durch drei danebenstehende Kreuze wird angedeutet, daß die Indianerin und ihre Freundinnen Chnsttn- nen sind. Von der Hauptsttaße zweigt auf der an­dern Seite «in zweiter Nebenweg ab, der zu dem Wigwam des jungen Mannes fuhrt. Neben »er Lints erscheint der Fisch, der ihn bezeichnet, und dieser bat bereits die Richtung auf den Wigwam der roten Schönen. Man kann danach annehmen daß Die beiden einig sind, und er der freundlichen Einladung folgen wird.

Aus Siühr.

Von Karl Heinrich Waggerl.

In meiner Kinberzeit, wenn irgendwo bei einem reichen Bauern eine Hochzeit invGange war, wurde die Mutter auf Stöhr ins Haus genommen, damit sie die Ausstattung nähte, vor allem die Tracht der Braut. Denn bei dieser Arbeit war viel Geheim­nisvolles zu beachten, wenn es der jungen Frau nicht später zum Unheil werden sollte.

Wir blieben zwar über Tag auf dem Hof, den­noch nahm die Mutter jeden Morgen umständlich Abschied von ihrem Hauswesen, es lag ja allein bei Gott, ob wir uns abends alle wieder fröhlich wiederjahen. Sie bekreuzte sich und mich und den Vater und alles, was ihr teuer war. Dann wurde die Nähmaschine auf den Schiebkarren geladen, ein Korb mit dem Werkzeug kam dazu und obenauf ein seltsam1 einbeiniges Wesen, die Kleiderbüste. Die Mutter hatte sie selber genäht und kunstvoll mit Heu ausgestopft. Eine Göttin der fraulichen Fülle, aber doch ein bißchen unheimlich anzuschauen, well ihr der Vater statt des Kopfes eine gläserne Gar­tenkugel auf den Hals gekittet hatte. So trug die Hohlköpfige alles in wunderlicher Verzerrung nach außen zur Schau, was man sonst im Innern ver­birgt, aber das, meinte der Vater, sei bei vielen Weiberköpfen so.

Die Mutter schob den Karren, und ich mußte nebenhergehen und das Ganze im Gleichgewicht halten. Es war manchmal ein mühseliges Fuhr­werk die steilen Wege hinauf. Für mich freilich gab es nichts Schöneres, besonders zur Sommer­zeit, wenn einem die leidige Schule nicht mehr den Tag verderben.konnte. Die Mutter war der Mei­nung, ich sollte mich mehr an die Buttermilch und an die Krapfen halten und endlich ein wenig Speck ansetzen, statt mich von früh bis spät herumzu­treiben. Aber solche Gelegenheit, in den Bauch zu sparen, habe ich leider zeitlebens versäumt.

Ach, mir wird noch heute warm ums Herz, wenn ich an diese Zeit denke, und es ist doch nur ein blasser Widerschein der paradiesischen Glück­seligkeit, die ich damals genoß. In den drangvollen Tagen der Heuernte, wenn wir schon beim ersten Licht des Morgens unterwegs waren, standen

kleinen Schatz. Alles kommt in einen großen Papp- karton, der im hintersten Winkel über dem Ofen steht. Dieses Versteck ist geradezu ein Familien­geheimnis, von dem auch die besten Freunde nichts wissen Dürfen. Das zweite Familiengeheimnis sind die zwei Ziegen, die in. dem verriegelten Stallr«um stehen und von deren Existenz wir lange keine Ahnung hatten. Sie werden heimlich gefüttert, und jedesmal, wenn sie meckern, versuchen die Leute durch übertriebene Lebhaftigkeit dieses Geräusch wieder auszulöschen. Diese Vorsicht ist auch beibe­halten worden, nachdem wir die Ziegen besichtigt und einige Bündel Heu für ihre Ernährung von der Ortskommandantur besorgt hatten. Die Angst um den Besitz sitzt diesen Menschen noch immer wie das böse Gewissen in den Knochen.

sich aus altem gelben Papier selbst dieses etwas schiefgeratene Buch zusammengeheftet und auf jeder Seite mit Mehlkleister ein aus unseren alten illu­strierten Zeitungen ausgeschnittenes Bild eingeklebt. Meistens stellte es schöne Frauen dar. Die mit Vor­liebe aus bewegten Theaterszenen herausgerissen waren. Und zu jedem Bild hatte Sinuschka einen langen, mit Bleistift sorgfältig gemalten Text binzu- gefügt. In diesen Texten spiegelte sich plastisch ihr ganzer Hang zur Tragik wider. Zu einem blendend gelaunten Mädchenkopf aus einer Zahnpasta- Anzeige hatte sie geschrieben:Ein schönes Mäd­chen, 18 Jahre alt. Verunglückte im Eisenbahnzug von Naro-Ferminsk nach Borowsk, als sie zu ihrem Geliebten fuhr." Und eine leichtgeschürzte Tänzerin mit langen Beinen und koketter Siegermiene mußte es sich gefallen lassen, daß sie ihr ins Schicksalsbuch chrieb:Die Tochter eines Buchhalters. Sie wollte Heu für die hungrigen Ziegen holen und brach in das Eis der Protwa ein und erstickte unter dem Eis. Niemand hat sie wiedergesehen."Die Ziegen sind verhungert", hatte sie noch nachträglich auf Die volle Seite geklemmt, damit auch in dieser Beziehung keinerlei Trost mehr offen blieb.

Warum setzt dieses Mädchen Dem Leben schon so früh die Angst und das Mißtrauen seiner Phan­tasie entgegen? Sicher macht Der persönliche Schmerz um Den Vater viel aus, Der vor zwei Jahren von Den Bolschewisten eingesperrt wurde unD vielleicht niemals zurückk«hren mirD. Vor allem aber war es Die Drohung Der rohen Gewalt über Die Seele, die in diesem Lande die reichen Kräfte Der Phan­tasie in Die Irre Der Düsteren Träume wuchern ließ.

Wladimir, Der Bruder Sinuschkas, ist ganz an»

war Der Donner zu hören, das dumpfe RäderrolM vom Wagen des wurfgewaltigen Gottes. Keine Zeit mehr zu verlieren, foaar Die Mutter in Der Nähstube ließ die Nadel stecken und kam mit einem Rechen auf Die Wiese gelaufen.

Jetzt fuhr Der Jungknecht mit dem Gespann her­aus, auch Die Gäule waren ungeduldig und stiegen erregt im Geschirr. Sogar ein Knirps wie ich zählte nun für einen vollen Mann. Ich mußte auf den Wagen klettern und das Fuder machen, und davon hing viel ab, Das wäre Des Teufels, wenn es schlecht geriete, und man würfe zuletzt noch um! Nebenher zu beiDen Seiten gingen Die Knechte unD reichten mir ungeheure Ballen Heu auf der Holzgabel zu. Haushoch wuchs das Fuder, und dabei wollte Der Heusegen kein Ende nehmen. Lange schon war Der letzte Sonnenfleck im Tal erloschen, Regenkühle wehte heran, unmöglich, daß wir auch Den letzten Wagen noch trocken unter Dach brachten.

Aber es gelang eben doch. Das hätte sich Damals auch der geringste Knecht nicht nachsägen lassen, daß seinetwegen eine Zeile Heu oerDorben fei.

Nachher saßen wir alle in der Stube beisammen, Die Kinder drückten sich in den Schoß der Frauen, die ganze Welt versank in aschgrauer Düsternis. Schäumendes Wasser schlug gegen die Fenster, furchtbar, wenn das grelle Licht der Blitze in, Die Stube sprang, und Der Donner schlug schmetternd drein, es war ungewiß, ob das Haus nicht längst wie eine Arche auf unendlichen Meeresfluten schwamm.

Aber Dann kam Der Bauer herein, er streifte das Wasser aus dem schütteren Haar und setzte sich hin und nahm auch eins von Den Kindern zwischen Die Knie. Gxobes Wetter sagte er wohl, Helf uns Gott. Und mit einem Mal war alles nicht mehr so schlimm. Der Hausvater vermochte zwar auch nicht Die Blitze zu bannen oder Den Hagel zu beschwören. Dennoch, er war wieder unter uns; es geht vorüber, sagte er.

Das ist schon so: nur ein erfülltes Leben gibt Dem Menschen wirklich Wert und Festigkeit und Rundung in seinem Wesen. Wie oft saß ich mit Freunden beisammen und stritt die halbe Nacht mit ihnen, wir führten hitzige Reden über Gott und alle Dinge, und am Ende gingen wir unzufrieden und ungetröstet wieder auseinander, wir waren nicht weiser ge­

worden, nicht stärker und nicht besser. Aber ich kann immer einmal abends über die Felder laufen, mit meiner Unruhe im Leibe. Vielleicht ist Dann auch der Nachbar noch unterwegs, ich lehne mich eine Weile an seinen Zaun und rede mit ihm. Was er sagt, ist durchaus keine Offenbarung für mich, er hat Sorgen mit dem Korn, eine Kuh wird kal­ben, darauf läßt sich nichts Geistvolles erwidern. Und doch, es rührt mich an, da reDet kein hohler Mund, sondern ein ganzer Mensch aus der Fülle und Breite seiner Welt. Mit einemmal bin ich nicht mehr so verzagt, ich gehe heim und nehme auch meine Arbeit wieder auf.

DNB. ... 20.Jan. (PK.) Nur ein violetter Vor­hang trennt uns in dem Zweiräumigen Bauernhaus von Der Bauernfamilie, die nun schon seit einigen Wochen mit uns unter einem Dache lebt. Wenn sich Der Kanonendonner nachts verstärkt, plärrt neben­an Das kleine Kind, und wir hören das beschwich­tigende Zureden der Mutter. Und wenn morgens Der frische Schnee durch die blinden Fensterscheiben strahlt und wir zum Waschen in die Küche kom­men, sehen wir den rothaarigen Kopf des kleinen Schreihalses sich im Schlaf in den schwarzen Pul­lover Der Mutter schmiegen, Die in voller Kleidung in Dem Durcheinander Der Decken und Kissen auf Dem Bette liegt und sich nicht eher rührt, bis wir mit dem Waschen fertig sind und Der Betrieb sich wieder in den Nebenraum verzagen hat.

Und Dann sehen wir auch ein Bein vom Ofen herunterragen, ein kleines Bein, dessen bloße, frost- rote Ferse durch den braunen Strumpf guckt. Man kann sich bei diesem Anblick nicht gleich vorstellen, daß ein kleines liebenswürdiges Mädel da oben auf Dem Ofen in Der schweren, muffigen Luft schläft. Sinuschka ist knapp 12 Jahre alt, von schmächtigem Wuchs, mit einer plattgeDrücften Stupsnase in ihrem blassen Gesicht, das nur aufblüht, wenn sie drau­ßen in der Kälte war. Ihr Haar ist glatt und blond, Die Zöpfe sind mit einem schwarzen Band über dem Rücken zusammengespannt. Die Augen sind hell, aber trotz der Jugend ernst und ein wenig altklug. Wenn sie versonnen im Ofenfeuer stochert oder die Stirn.gegen die Fensterscheibe drückt und Die verschneite Straße hinabsieht, wo Der steil auf steigende Rauch wie weiße Pappeln über Den Dächern steht, liegt eine grenzenlose Traurig­keit in ihrem Blick. Dabei wirb sie sicher niemals in ihrem Leben wieder einen solchen vergnügten Be­trieb um sich herum erleben und ein solch viel­beachtetes Persönchen sein wie jetzt, da Der Krieg acht junge deutsche Soldaten in ihre kleine, trost­lose Welt verschlagen hat. Sinuschka hier und Si­nuschka da, so heißt es Den ganzen Tag, sie hört manch gutes Wort, und wenn ein Kamerad ihr einen Bonbon aus Der Verpflegungstüte gegeben hat, versuchen Die anderen durch eine Doppelte Por­tion ihr besseres Herz zu beweisen.

Sinuschka ist ein Aschenbrödel, wie ein Mär­chendichter es nicht besser erfinden könnte. Man muß sie immer erst suchen, wenn man in Die Küche kommt. Sie hockt entweder zwischen Holzscheiten und Kehrricht auf Dem Fußboden und schält Kartoffeln in unseren großen, pechschwarzen Topf. Dann wirkt sie unter ihrem sackgrauen Kopftuch so unscheinbar, Daß man über sie stolpern könnte, wenn nicht ab und zu eine Kartoffel ins Wasser plumpsen oder Das Messer in ihrer Hand aufblitzen würde, wenn sie sich mit Dem Aermel ihrer dunklen Manchester- jacke über Die Nase wischt. Oder Die Bodenklappe ist hochgeschlagen und sie holt gerate rote Rüben aus dem schwarzfeuchten Kellerraum. Dann streckt sie ihr blasses Gesicht wie ein Erdgeist aus Dem Erd- loch und sieht uns fragend an. Oder sie schleppt sich mit den großen Wassereimern ab und stolpert Dabei über ihre großen Filzstiefel, in Deren Be­sitz sie sich mit Der Mutter teilt.

Sinuschka, Das mußt Du flicken!", sagen wir wchl und zupfen an ihreik zerrissenen Aermel, an Dem ein großer Fetzen herabhängt. Dann dreht sie ich kurz weg und meint:Germanski fleacht, Ruski jutt." Womit sie dann sagen will, daß unser Ge- chmack noch lange nicht für sie gilt, und daß sie ich durchaus in ihren Lumpen wohl fühlt. Nur das sackgraue Kopftuch, dessen Armut ihrem schma­len Gesicht ganz gut stand, hat sie stillschweigend abgelegt und trägt jetzt stattdessen eine hervorge- kramte grüne Baskenmütze, die wie ein Pfann­kuchen auf ihrem blonden Haar klebt.

Wenn wir bei uns abends schon längst die Lampe ausgepuftet haben, brennt manchmal nebenan noch stundenlang Licht. Wir haben uns lange Zeit keine Gedanken Darüber gemacht, was nebenan noch ge­trieben wird, zumcll es mäuschenstill war. Aber eines morgens fiel uns auf, wie Sinuschka mit ängstlicher Hast etwas zwischen Den zerlumpten Decken des sogenannten Bettes versteckte. Und als sie es nach einigem Zureden hergeben mußte, ver­kroch sie sich tief beschämt auf den Ofen, während wir Das kleine Büchlein durchblätterten. Sie hatte

ders. Er hat ein rundes Ohrfeigengesicht mit ver­schlagenen Augen. Er ist überall im Wege. Steht am Dren herum, lehnt gegen die Bettpfosten und sieht seiner Mutter und Der Schwester mit aus­druckslosem Gesicht bei Der Arbeit zu. Wenn ihm etwas aufgetragen wird, wehrt er sich hartnäckig, setzt seine Pelzmütze auf und geht steif und faul wie ein junger Bär nach draußen. Die Mutter ruft ihn nicht zurück. Die Schwester hat einen gedrückten Respekt vor seiner Unbeherrschtheit. Er ist jetzt schon mit seinen neun Jahren ein kleiner Tyrann. Wenn wir ihn uns vornehmen, grinst er uns blöde an. Der schlechte Satz dieser Rasse mit allen seinen negativen Triebkräften steckt in diesem Jungen. Konsomolze" nennen wir ihn, obwohl er das nicht hören will und dann beleidigt auf Den Ofen kriecht. Aber auch wenn er in Der Abkehr vom Bolschewis­mus erzogen wird, werden die gefährlichen Keime in ihm weiterwachsen, sein Leben wird ohne die Zucht Stärkerer eine Bedrohung des guten Willens in diesem Volke bleiben.

Die Mutter ist eine stille, arbeitsame Frau von 35 Jahren, Die um zehn Jahre älter wirkt. Unter ihrem roten Haar, Das glatt und straff wie eine Perücke um Den Kops liegt, hat sie ein rundes, volles Gesicht wie Die meisten Frauen hier. Aber es kommt einem vor wie ein Luftballon, per bis auf Die welke Haut zusammenfallen würde, wenn man mit einer Nadel hineinsticht. Es ist eine von Kartoffeln und Wasser aufgeschwemmte Fülle, Die diesen Menschen Den Anschein einer vom Hunger unberührten Gesundheit gibt. An Der Wand hängt zwar als einziger Schmuck ein Werbeplakat für die letzte landwirtschaftliche Ausstellung Der Sowjet­union, dessen leuchtender Farbenreichtum und die Phantasie reizende Pracht einer von Den Früchten des Landes überfließenden Schale Den Leuten über Den Zusammenbruch des Regimes hinaus ge­fällt. Aber als wir einzogen, hatte Die Familie nichts außer 20 Pfund Kartoffeln und tränt schieres, heißes Wasser aus Dem Samovar. Jetzt fällt ab und zu einmal etwas von unserer Verpflegung ab. Aber trotzdem ist die Familie bei Kartoffelsuppe und roten Rüben geblieben, nachdem wir Den Keller wieder gefüllt hatten. Höchstens brüht Die Frau noch einmal unseren Kaffeesatz auf oder füttert mit unserem Suppenrest Das Kleinste.

Aber alles, was wir ihnen an Graupen, Roggen­grütze, Trockengemüse und Fettresten zustecken, neh­men sie mit leisemSpaziho" an unD verschwinden damit blitzschnell auf Dem Ofen, als schämten sie sich, es sozusagen als Beschenkte lang? vor uns in den Händen zu halten. Dabei hüten sie es wie einen