Mittwoch, 23. September |9<2
Siebener Anzeiger
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192. Jahrgang Nr. 224
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General-Anzeiger sür Oberhessen
eitere» Vordringen im Terek-Bogen.
Berlin, 22.Sept. (DNB.) Im Terekbogen wurde der eigene Angriff südostwärts P r o ck l a d ° nij unter schwierigsten Geländeverhältnissen am 21.9. fortgesetzt. Durch mannshohes Steppengras und schluchtenreiche, von zahlreichen reißenden Bächen durchzogene bewaldete Höhengebiete drangen die deutschen Truppen gegen zähen feindlichen Widerstand weiter vor. Vergeblich versuchte der Feind,
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in seinen tiefgestaffelten Feldstellungen und seinem durch ausgedehnte Minensperren und stark befestigte. Zementbunker gesicherten Verteidigungssystem den deutschen Angriff aufzuhalten. In schneidigen Vorstößen wurden zahlreiche befestigte Stellungen und mehrere Orte, darunter die Stadt D e i s k o j e genommen. Ein bolschewistisches Bataillon wurde in diesen Kämpfen vernichtet. Einzelne Gegenstöße der Sowjets, die versuchten, das verlorene Gelände zurückzugewinnen, wurden unter hohen blutigen Verlusten für den Feind abgewiesen.
In den Häuserruinen von Stalingrad hielten die schweren Straßenkämpfe an. Infanteristen, Pioniere und Panzergrenadiere entrissen den Bolschewisten in erbitterten Nahkämpfen weitere hartnäckig verteidigte Häuserviertel. Der Widerstand einer feindlichen Gruppe, die sich tagelang erbittert gewehrt hatte, wurden gebrochen. Sie wurde, auf engem Raum zusammengedrängt, bis auf mehrere hundert Gefangene vernichtet. Entlastungsangriffe der Bolschewisten gegen die Riegel st ellung nördlich der Stadt scheiterten unter schweren blutigen Verlusten für den Feind. Kampf- und Sturzkampfflugzeuge griffen die zäh verteidigten Widerstandsnester in den Häuserruinen von Stalingrad mit Bomben schweren Kalibers wirkungsvoll an. Die Bolschewisten hatten in den festungsartig ausgebauten Häuserblocks zahlreiche Geschütze in Stellung gebracht, deren Feuer den Ansturm der deutschen Truppen abwehren sollte. Vier Geschütze wurden vernichtet, zahlreiche weitere mußten das Feuer einstellen. Im Norden der Stadt gerieten im Bombenhagel der deutschen Luftwaffe die feindlichen Angriffe ins Stocken, noch ehe sie sich entfalten konnten.
Die Sowjetangriffe nordwestlich Woronesch.
Berlin, 22. Sept. (DNB.) Nordwestlich Woronesch setzte der Feind erneut zum Angriff auf eine im deutschen Stellungssystem liegende Ortschaft an; die zwischen den Panzerkampfwagen vorgehende bolschewistische Infanterie erlitt im Feuer der deutschen Infanteriewaffen so empfindliche Verluste, daß sie zurückflutete. Von den allein weiter angreifenden
Londons Scheu vi
Von unserer Berli
Der große Erfolg der deutschen Kampfflieger und U-Boote gegen das englische Großgeleit im Eismeer hat in England starke Beachtung gefunden, auch wenn die englische Presse und der englische Rundfunk schweigen. Die Admiralität sah sich veranlaßt, am Montagabend eine Pressebesprechung abzuhalten, in der sie erklärte, sie sehe sich leider gezwungen, „zu den deutschen Meldungen über die Versenkungen im Nordmeer, die sogar Schiffsnamen anführen, nicht näher Stellung zu nehmen.
Inzwischen hatten schon Londoner Blätter — in England erscheinen keine Zeitungen am Sonntag, dafür aber in üblicher Weise am Montag früh — das Thema aufgegriffen. Der „Evening Standand" munkelt, Laß es sich bei den Kämpfen im Eismeer „um größere Kampfoperationen handeln" müsse mtd vermutet, ,Haß die Verluste nicht leichter Natur gewesen sind, auch wenn die Admiralität noch keine näheren Einzelheiten bekanntgab". Der „Daily Erpreß" verbreitet sich über die „stets gewaltigen Risiken, mit denen man von vornherein rechnen muß". Jeder Seemann, der sich für eine Fahrt durch die arktischen Gewässer an- yeuem lasse, sei darauf gefaßt, daß ihm eine Unzahl von Luft- und Unterwasserangriffe bevor- stünde, die sicherlich Verluste forderten. Dann kommt der charakteristische Satz: „Gewiß begegnen die meisten Engländer Len deutschen Erfolgsmeldungen mit Verdacht, doch gibt es auch Leute, die elbft m England solche Nachrichten gesprächsweise a I s Wahrheiten weiterverbreiteten." Es wäre deshalb gut, so meint das Blatt, wenn die britW Admiralität so bald wie möglich „einen eigenen Bericht' zu diesem Angriff auf den britisch-amerikanischen Geleitzug veröffentlichte".
Die bekannte Londoner Fachzeitschrift j) t p - ping World" hat, während die Geleitzugschlacht noch tobte, sich mit der Versorgungslage auseinandergesetzt und allerlei ausgeplaudert, was nur die Fachleute wissen können und was den Weg m die große Presse nicht findet. Dieses Fachorgan schreibt, der Eintritt der USA. in den Krieg fei „geradezu als ein Unglück zu werten", denn wahrend die Tankerverluste erheblich zunehmen, sei Zue Flotte der Alliierten erheblich in Anspruch genommen worden. Der Tankerverkehr an der amerifam- lchen Ostküste sei so gut wie zum Sttllstand gekom-
Panzerkampfwagen wurden mit dem ersten Feuerschlag acht Stahlkolosse vernichtet, worauf die übrigen in ihre Ausgangsstellung zurückkehrten. Offenbar hatten die Bolschewisten Befehl, unter allen Umständen einen Durchbruch zu erzwingen und griffen an derselben Stelle noch mehrmals an. Schon in der Bereitschaft waren sie von Arttllerie und Lustwaffenverbänden unter Feuer genommen worden. Infanterie und Panzerjäger erledigten vier weitere Panzerkampfwagen uich brachten dem Feind so hohe, blutige Verluste bei, daß er nicht imstande war, an diesem Tage neue Angriffe zu unternehmen.
Oer Wehrmachtbericht.
DNB. Aus dem Führerhauptquartier. 22. Sept Das Oberkommando der Wehrmacht gibt bekannt:
Nordwestlich von Noworossijsk versuchte der Feind in der Nacht zum 21.9. mit Schnellbooten und Anlerseebootjägern zu landen. Fahrzeuge der deutschen Kriegsmarine wiesen diesen Versuch ab. Die Luftwaffe bombardierte feindliche Stellungen um Gelendschik sowie Schiffsziele im Hafen von Tuapse.
Bei den Operationen zwischen dem Kuban und dem Kaspischen Meer gelang es deutschen Truppen, ein tiefgegliedertes und stark vermintes Stellungssystem zu durchbrechen. Die Stadt D elfte j e wurde im Sturm genommen.
3m Kampf um Stalingrad wurden in Harken Nahkämpfen gegen erbitterten feindlichen Widerstand weitere befestigte Häuserblocks genommen und Gefangene eingebracht. Entlastungsangriffe gegen die Riegelstellung nördlich der Stadt scheiterten unter hohen Verlusten des Feindes, der dabei 21 Panzerkampfwagen verlor.
An der Donfront fetzten deutsche Stoßtrupps über den Fluß und zerstörten auf dem Ostufer 35 Kampfstände. Ungarische Truppen wiesen örtliche Angriffe ab.
Unter dem Eindruck der hohen Verluste setzte der Feind seine Angriffe gegen die Stadt Woronesch gestern nicht mehr fort. Nordwestlich Woronesch brachen wiederholte feindliche Angriffe im zusam- mengefaßten Abwehrfeuer aller Waffen zusammen.
Bei Rschew nahm der Feind seine Angriffe mit stärkeren Kräften wieder auf. Sie wurden zum Teil schon in der Entwicklung, teils Im Gegenstoß abgeschlagen und dabei 28 Panzer vernichtet.
3m öftlichen RNttelmeer versenkte ein deutsches Unterseeboot einen Transportsegler von 500 BRT.
Bei Anflügen einzelner britischer Flugzeuge über der Küste der besetzten Westgebiete und bei nächtlichen Störflügen über den Gewässern um Dänemark verlor der Feind sechs Flugzeuge.
Leichte deutsche Kampfflugzeuge bekämpften am Tage an der Südküste Englands militärische Ziele mit Bomben und Bordwaffen.
Hauptmann Gras errang als 3agdstieger am 21.9. seinen 182. bis 185. Luftsieg.
»r dem Geständnis.
ner Schriftleitung.
men, die 60 Millionen Tonnen Etdöl, die sonst all- jährlich von Len karibischen Häfen nach denen der amerikanischen Ostküste geschickt worden feien, fehl- ten jetzt, zudem seien alle Versorgungslinien stärker bedroht, auch die bolschewistischen.
Nun ist der Verlust des großen Geleitzuges für die Stalmhilfe gegenwärtig vielleicht entscheidend für die Stalinhilse, denn nach dem zertrümmerten Iulikonvoi war dieser Septembergeleitzug wohl die letzte Hilfe in diesem Jahr, die Stalin auf dem Seewege erwarten konnte. Deshalb war er so groß und deshalb ist der Verlust so schwer. Im Oktober pflegt der Hafen von Archangelsk zuzufrieren, es bleibt dann nur der von Murmansk übrig, der ständig unter deutschen Bomben liegt. Die Sonder- meldung vom Sonntag hatte berichtet, daß der anglo-amerikanische Transportzug rund 45 Handelsschiffe umfaßte. Davon wurden bis zu feinem Bestimmungsort 38 mit 277 000 BRT. versenkt, kümmerliche Ueberrefte suchten Zuflucht in der Dwinabucht, die nach dem bei Archangelsk mündenden Fluß genannt ist. Mit Sicherheit sind aber von diesen Ueberbleibfeln noch mindestens drei Schiffe in der Bucht erheblich getroffen worden.
Die Hartnäckigkeit, mit der Roosevelt und Churchill den Sowjets Waffen und Ausrüstung über den nördlichen Seeweg zukommen lassen wollten, zeigt deutlich, wie dringend die Sowjets sie benötigten. Jetzt, ohne Aussicht auf Hilfe, zerbricht auch die letzte Illusion, daß die Sowjets ihnen die Kastanien aus dem Feuer holen könnten. England kann ebenso wenig wie Washington die Katasttophe im Eismeer verschweigen. Es ist bereits soweit, daß man sich zu indirekten Eingeständnissen bequemen muß. Das bedeutet, daß die Katasttophe auch in London als Katasttophe gewertet wird.
Oie zweite Front.
Stockholm, 22. Sept. (Europapreß.) lieber die Enttäuschung der Bolschewisten angesichts des völligen Versagens der von England und den USA. versprochenen Sofortigen Hilfe berichtet der Moskauer Korrespondent der Zeitschrift „New States- man and Nation", die Sowjetrussen hätten das Kommunique über die „zweite Front" als ein festes Versprechen betrachtet, diese zweite Front"
noch in diesem Jahre zu schaffen. In Millionen Flugblättern, die unter die Truppen verteilt wurden, hätten sie den Soldaten zugerufen: „Haltet aus, bald wird Hilfe kommen." Diese Flugblätter eien bald nach dem Besuch Churchills wieder ver- chwunden. In dem Brief, den ein Lehrer an eine owjettussische Zeitung gerichtet habe, heiße es wörtlich: „Jede Nation in Europa, die auf England vertraute, ift im Stich gelassen worden. Wir Sowjetrussen haben 14 Monate geduldig gekämpft, aber England ist immer noch nicht bereit, uns zu helfen." Die sowjetische Presse befrachte das Kommunique über die „zweite Front" als ein Versprechen, das noch in diesem Jahre erfüllt werden sollte, nicht als eine platonische Zusage, die an keinen Termin gebunden war. Wenn es nicht zur „zweiten Front" komme, dann werde sich das Kommunique über die „zweite Front" als der verheerendste Bluff der Weltgeschichte erweisen.
Oer kommunistische Wahlerfolg in Schweden.
Helsinki, 29. Sept. (DNB.) Mit dem Stimmenzuwachs der Kommunisten bei den Kommunalwahlen in Schweden beschäftigen sich die finnischen Blätter. Die Tatsache, daß sich Schweden als einziges Land zu der Weltpest des Kommunismus anders verhalte als alle übrigen europäischen Länder, sieht „Ajan Suunta" in der Verbreitung der heutigen englischen Denkweise in Schweden begründet. ,Jckuppalehti" fügt hinzu, daß in Schweden der Ruf der Kommunisten nach ihrem Bündnis mit den Briten nicht mehr in allen Kreisen so schlecht sei wie zuvor. Bedeutenden Vorschub habe bei dieser Entwicklung jener Teil der schwedischen Presse geleistet, der sich im Besitz nichtnationaler Kreise befinde. „Uusi Suomi" schreibt: Der Erfolg der Kommunisten, durch den die Sozialdemokraten z. B. die absolute Mehrheit in der Stadtverordnetenversammlung in Stockholm einbüßten, ist als Stimmungsbarometer sehr beachtenswert. Der Wahlsieg und die kürzlich aufgedeckten kommunistischen Spionagefälle sollten in Schweden allmählich zu der Erkenntnis führen, daß der Kommunismus, wo er ungehindert arbeiten kann, ein Gefahrenherd ist, der sich wie ein Gift im Dolkskörper ausbreitet Besonders in dem augenblicklichen schweren Kampf, den wir gegen den Bolschewismus führen, kann es uns nicht gleichgültig sein, wie stark die Elemente sind, die als hörige Vasallen Moskaus von Schweden aus gegen uns arbeiten. Die Abhängigkeit der Kommunisten von Moskau ist der Grund, warum ihre Zunahme in Schweden auch in den übrigen Ländern zu einer Zeit, wo viele Völker Europas in einem blutigen Kampf zur Abwehr der bolschewistischen Gefahr stehen, Aufmerksamkeit erregt.
Oie Schlacht in der Mitte.
Von Kriegsberichter K. G. Stolzenberg.
PK. Die sowjetische Führung glaubte, die Inanspruchnahme starker deutscher Kräfte durch unsere Südoffensive gegen Stalingrad in anderen A b - schnitten nutzen zu können. Anfänglich als Stoß in die Flanke unserer südlichen Heeresgruppe gedacht, haben die wütenden Angriffe b e i Woronesch und Rschew dann zweifellos zu- zügliche Bedeutung erhalten. Die Versammlung von
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vier dis sechs Armeen, vor allem mechanisierten Truppen von bemerkenswerter technischer Leistungsfähigkeit und ihr massives Loshämmern auf die deutschen Stellungen, gerade im Raume von Rschew, zielt, wie wir erkannten, letztlich auf einen Durchbruch durch die gesamte Mitte und damit Gewinnung einer kriegswendenden Initiative. Die entschiedene Zurückweisung dieser Angriffe, das opfermutige Ertragen schweren Trommelfeuers durch die hier haltenden Kräfte des Heeres haben die Hoffnungen des Gegners zuschanden gemacht. Das Endspiel dieser strategischen Entwicklung, nämlich die Anlage einer weit gespannten Zange, ist beiderseits mißlungen. Es ist das Bestreben der Bolschewisten, über die Rschew in vielen Windungen durchströmende Wolga zu gelangen und die beachtlichen Wasserarme der Ossuga und Wasusa endgültig ihres Charakters zu entkleiden als natürliche Sicherung dieses von zwei Eisenbahnlinien und der Sttaße nach Moskau durchzogenen Raumes. Die hier bis über die Oberläufe des mächtigen Wolgaflusses und des riesenbreiten Snjeprftromes hinaus mit den Städten Smolensk, Wjasma, Rschew, Wi-
Oer
ashington-Gpleen" in den USA.
Von unserem S.-Berichterstatter.
(Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten.) Lissabon, Ende August 1942.
Wenn man amerikanische Zeitungen durchblättert, dann findet man immer wieder Bilder aus Washington, die Männer der Regierung in Gruppenaufnahmen oder bei „Besprechungen" zeigen. Alle diese Bilder haben etwas Gemeinsames: Sie wirken verkrampft, gestellt, unernst und erwecken den Eindruck, als ob man in der Hauptstadt der Vereinigten Staaten den Krieg nur als eine Gelegenheit zur großen Pose, zur großen Geschäftigkeit, zur -Befriedigung persönlicher Eitelkeiten ausnützen würde.
Dieser Eindruck wird ergänzt durch Berichte, die über das Leben in Washington von jenseits des Ozeans,nach Europa kommen. Da diese Berichte von großen amerikanischen Agenturen- verbreitet werden, steht fest, daß es sich nicht etwa um tendenziöse böswillige Entstellungen handelt. Jedenfalls geht aus ihnen hervor, daß in der Hauptstadt der Vereinigten Staaten eine Kriegsbetriebsamkeit entstanden ist, die mit ernster verantwortlicher Kriegführung nicht viel zu tun hat. Washington ist plötzlich M o d e st a d t geworden. Alles, jung und alt, Männlein und Weiblein möchte dorthin ziehen und irgendwie diese Betriebsamkeit mitmachen, wobei man sich noch besondere Verdienstmöglichkeiten erhofft. Dieser Zuzug nahm bereits groteske Formen an, so daß in der Stadt, die in normalen Zeiten etwa für 600 000 Einwohner ausreichte, heute bereits 1200000 Menschen, also doppelt soviel, leben. Die „nette, freundliche, etwas schläfrige Stadt" ist plötzlich zu einer Stätte der Unruhe und der ungelösten Probleme geworden.
Jeden Monat, so heißt es in einem der amerikanischen Berichte, treffen aus allen Himmelsrichtungen und allen Landesteilen Tausende in Washington ein. Sie^ stellen sich alle vor, hier irgend eine sehr interessante Arbeit verrichten zu können und dafür glänzend bezahlt zu werden. Da der Regierungsapparat seit Kriegsbeginn durch die zahllosen, von Roosevelt so beliebten und heute schon gar nicht mehr übersehbaren Kommissionen und Unterkommissionen geradezu monströse Formen angenommen hat, finden viele von ihnen auch irgendeine Arbeit. Wohl werden hölzerne Notstands - wohnung en gebaut, aber dadurch ist das Problem nicht zu lösen. Wenn es einem Mann gelingt, in einem Zimmer, in dem bereits zwei oder drei Leute schlafen, noch ein Bett zu finden, kommt er sich wie ein Glückspilz vor. Daß fünf Mädchen und Frauen in ein und demselben Zimmer leben und schlafen müssen, kann man immer wieder fest- ftetfen. Pensionen, in denen zu notmalen Zeiten zehn bis fünfzehn Gäste wohnten, sind jetzt zum „Heim" für fünfzig oder mehr Pensionäre geworden.
Die Folge dieses Mangels an Wohnraum ist eine ungeheure Steigerung der Mietpreise. Selbst wenn man für ein kleines Zimmer ohne Mahlzeiten und Bedienung wöchentlich etwa 35 Mark bietet, kann man nichts finden. Selbst von
amtlicher Seite wird als das absolute Minimum an Zimmermiete der Betrag von mehr als 800 Mark im Jahr angegeben. Was nützt da das schönste Einkommen, das sich diese jungen Mädchen und Männer alle erträumen und zum Teil auch erhalten! Wenn diese Menschen dann klagen und jammern und wenn man sie fragt, warum sie unter solchen Umständen die Behaglichkeit ihres früheren Daseins aufgegeben haben, bann sagen sie meistens, sie hätten von diesen Zuständen in Washington keine Ahnung gehabt. In vielen Fällen aber steht fest, daß die Leute vor ihrer Reise in die Hauptstadttbereits gewarnt worben waren, daß sie diese Warnungen aber in den Wind geschlagen hatten. Die Lockungen der Atmosphäre des geschäftigen Washingtoner Kriegsbürobetriebes waren eben stärker als alle Gefühle und alle Vernunft. Das ein darf man ja nicht übersehen: es handelt sich bei diesem Zustrom nach Washington durchaus nicht um Kriegsbegeisterung, um Einsatzbereitschaft, um Opferwillen ober etwas ähnliches, fonbern nur um einen Spleen, um eine Modesache, einen Nervenkitzel.
Es liegt in der Eigenart des nvrdamerikanifchen Menschen, einen solchen Spleen mitzumachen, selbst wenn er, wie die geschilderten Wohnungsverhältnisse klar zeigen, auf die Dauer recht unangenehm und ungemütlich sein kann. An dieser Einstellung ändert sich auch nichts, wenn der Magen zu knurren beginnt. Genau so schwierig wie das Wohnungsproblem ist in Washington infolge des unvernünftigen Menschenzustroms auch das Ernährungsproblem zu lösen. Die Restaurants sind überfüllt, und wenn man überhaupt etwas zu essen bekommt, dann ist es schlecht und sündhaft teuer. Selbst in einem Bericht der „United Preß" aus Washington wurde kürzlich festgestellt, daß man „noch nirgends in den Vereinigten Staaten so viel bezahlt hat für eine so schlechte Mahlzeit" wie in Washington. In den befferen Restaurants kostet ein Mittagessen ohne Getränke zwischen 6 und 8 Mark. Eine ganz einfache bescheidene Mahlzeit, das, was etwa dem deutschen Stammgericht oder billigen Eintopf entspricht, kostet etwa 2,50 Mark, und das ist mehr, als sich eine Stenotypistin leisten kann.
So sieht die Prosperity in Washington in Wirklichkeit aus! Roosevelt hat eine riesige Geschäftigkeit entfaltet, einen gewaltigen Bürobetrieb organisiert, was für ihn zunächst das Wichtigste zu sein scheint, um den von ihm heraufbeschworenen Krieg führen zu können. Aber was hier aufgebaut wurde, entspricht feinem Wesen nach ganz der Hohlheit der Phrasen dieses Mannes. Wie er und feine Mitarbeiter sich gern in lächerlichen Posen photographieren lassen, so ist auch der Washingtoner Kriegsbetrieb zum großen Teil nur eine lächerliche Pose. Es ist ein Märchenschloß aus Talmi errichtet, das Tausende von Menschen anlockt, aber nicht glücklich macht. Sv wie es überhaupt Herrn Roosevelt bisher noch nicht vergönnt war, Menschen glücklich zu machen, weder durch den New Deal noch durch seinen Krieg.


