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Rommels Sturm aus Hacheim.

Von Kriegsberichter Lutz Koch.

DNB. ... 17.Juni. (PK.) Die Wegnahme der Wüstenfestung Bir Hacheim ist im besten Sinne des Wortes ein ureigenster Siea Rommels. Als nach den beiden gewonnenen Kesselschlachten gegen überlegene Panzer- und Artilleriestreitkräfte des Feindes der Druck aus dem Süden stärker wurde, riß der Oberbefehlshaber der Panzerarmee Afrika den Südflügel seiner Front gegen Hacheim herum, zog Aufklärungsabteilungen in langen Wüstenmär­schen in den Süden, Osten und Westen der Festung, die er selbst von Norden her angriff, um in wenigen Tagen einen Ring um die gaullistische Division zu schließen, der von Stunde zu Stunde dichter wurde und die zuerst noch mühsam sickernde Versorgung schließlich gänzlich zum Stillstand brachte.

Rommel war zu allem entschlossen, aber er schickte Parlamentäre, um Blut zu sparen. Der Feind aber wollte den Kampf, der aussichtslos war, wenn es den Briten nicht gelang, mit allem Nachdruck aus dem Osten und Süden Entlastungsangriffe zu füh­ren. Sie griffen zwar an, aber sie taten es so vor­sichtig und ohne höchsten Einsatz, wie immer, wenn es sich nicht um eigene Leute handelt. Sie beließen es im wesentlichen bei aufmunternden Funksprüchen an die bedrängten Freunde, beschränkten sich auf kleinere Vorstöße, ohne die große Entlastungsoffen- sioe zu wagen, und schickten nur Tiefflieger in den Kampf, um den Gegner zu beunruhigen, ohne ihm wesentlich schaden zu können.

Rommel mußte schnell handeln, um den Druck von außen, so matt er im Augenblick auch noch sein mochte, nicht zum Anschwellen kommen zu lassen und Kräfte für weitere Aktionen frei zu bekommen. Er übernahm selbst die Führung der Kampfgruppe, die von Norden her den Gegnerin den Feldbe­festigungen ausväuchern und dann in die eigent­liche Festung einbringen sollte. Im leicht gepanzer­ten Mannschaftstransportwagen der Schützen fuhr er in die vorderste Linie, um von der Spitze aus führend, die weichen Stellen des Gegners erkennen, Infanterie, Pioniere und die als Sturmartillerie

fahrenden Batterien von Punkt zu Punkt einweisen zu können. Er war in diesen Tagen in entscheiden­den Stunden ständig unterwegs. Kaum litt es ihn auf seinem Panzer, der als weit vorgeschobener Ge­fechtsstand dicht hinter der vordersten Linie stand. Neben den deutschen Infanteristen gingen Italiener der Division Trieste vor. Immer wieder klang sein Avanti!" belebend in die Ohren der Stürmenden.

Tag um Tag boxte Rommel seine von niersein­tägigem Kampf bei Hitzte und Ghibli mitgenomme­nen Kräfte von Höhenrücken zu Höhenrücken vor. Es war fein Vorbild, daß die schweißtriefenden Män­ner in dem deckungslosen Gelände bei starkem Streufeuer der feindlichen Artillerie standhalten und vorwärtsgehen ließ. Als Pioniere im Morgen­grauen die erste Minengasse in das Hauptkampffeld geöffnet hatten, war Rommel wenige Minuten später mit seinem Wagen dort und riß die Infan­terie zum Sturm vor. Er holte selbst Artillerie und Flack herbei und setzte sie an. Nahezu vier Tage dauerte dieses Ringen um jede Handbreit Boden. Jeder Abend aber brachte uns näher an die Kern- feftung heran. Dann wurde nach einem pausen­losen Angriff, der kaum durch die Mittvgshitze unterbrochen wurde, Hacheim gestürmt. Wieder war es ein Kesselsieg! Zum drittenmal in der kurzen Zeit unseres neuen Vorstoßes gelang in begrenz­tem Umkreis die Vernichtung des Gegners. Drei­fache Minensperren, Felder mit Streuminen, Feld­befestigungen raffiniertester Anlage, eingebaute Panzerwagen und Pak, flanfierenb wirkende Bat­terien und Maschinengewehrnester das alles fiel unter dem Zugriff deutscher und italienischer Waf­fen. Die Frucht des Sieges ist die Beherrschung des südlichen Eckpfeilers der über 100 Kilometer langen Verteidigungsfront von Aiy-el-Gazala bis Bir Hacheim, gesichert durch eine Unzahl von Feld­befestigungen und Minensperren, die den bis jetzt freien Krieg der Küste in die engere Formel eines Festungssystems pressen sollten. Dieses System von Befestigungen und Minensperren ist heute in weitem Ausmaß in der Hand Rommels.

Panzerschlacht in -er Wüste.

Von Kriegsberichter Ernst Pröbstl.

DNB. 17. Juni. (PK.) Nur noch verein­zeltes Bellen der Panzerkanonen, dos der Abend­wind mit dem befreienden Unterton der Ferne durch die Wüste trägt, tut uns kund, daß sich ble' Gegner voneinander lösen. Der Tommy zieht sich zurück. Die Panzerschlacht ist beendet. In einer Mulde, die im Schnittpunkt zweier Wadis liegt und gute Deckung bietet, richten wir uns für die Nacht ein. Auf einer der beiden Höhen, die das Lager begrenzen, fitzt ein Landser aus einem Fels­brocken und spielt auf feiner Handharmonika eine Wüstensantasie. Aus der jubelnden Hymne eines Schlußakkords und der feinen Romantik einer Sere­nade wächst die Seele des Landsers.

Drüben, über der anderen Höhe, etwas tiefgestellt, stehen drei Panzer mit langen Rohren, sich gegen die untergehende Sonne als Silhouette abhebend. Man kann nur die Türme und die Beobachter sehen. Im langsamen Verdämmern des Tages sehen sie aus wie Ritter einer vergangenen Zeit, die mit waagrecht gehaltenen Lanzen vor der Turnjerschranke stehen und ihren Gegner mit geschlossenem Visier erwarten. Mit jenen Rittern verbindet diese Männer der gleiche Geist und das starke Herz, das allein nur diese feurigen Rosse meistern kann. Auf diese baut Generaloberst Rommel feine Siege, denn in der Wüste tragen die Panzer, die hier ihre reinste Struktur entfalten, wesentlich zur Entscheidung bei.

Wohlvorbereitet und eingeleitet durch die Vor­verlegung unserer Stützpunkte seit Ostern, richtete sich der erste Stoß auf das Verteidigungssystem westlich von Tobruk, dessen Rückgrat die Gaza- laftellung bildet, die nach Rommels Verieidl- gungssieg äußerst geschickt ausgebaut wurde. Es sind Feldstellungen, die in Tobruk ihr Vorbild Haden, mit dahinter am freien Flügel gestaffelten, beweglichen Panzerkräften. Die Marschrichtung un­serer Panzerdivision wurde so festgelegt, daß ein­mal Verwirrung in die Verbindungen des Gegners kam, daß fein Nachschub abgeschnitten und zum anderen sich der Tommy an gewissen Punkten 3um Kamp f e stellen mußte. Das Eindringen unserer Division in den Rücken

und die Flanke der Gazalastellung ist der Er­folg dieser Taktik. Der südliche Eckpfeiler dieser Stellung wurde in einer zweitägigen und mit aller Erbitterung geführten Panzerschlacht genommen. Ihren Höhepunkt bildeten die Kämpfe gegen die 2. und 22. Panzerbrigade mit der 200. Guardsbrigade sowie gegen die 4. Panzerbrigade bis zur endgülti­gen Vernichtung der eingeschlossenen 150. Brigade der 50. englischen Division. An dieser Einschließung nahmen Kräfte des italienischen motorisierten Korps mit der Division Triefte, unsere Division und eine leichte Infanteriedivision teil

Zu Beginn der Schlacht, deren Auftakt ein mit unerhörtem Schwung nach vorn getragener Panzer- angriff unserer Division bildete, wurde eine große Anzahl von Gefangenen gemacht. Die Schlacht dauerte bis zum Abend an. Den Panzern hatte ein Leutnant mit seinen Pionieren durch eine kühne Tat zuvor eine Gasse in das feindliche Minenfeld gebrochen. Mit starken Panzerkräften und Pio­nieren wurde anderntags wieder angegriffen. Die Division Triefte kam dabei unserem Panzerangriff aus dem Süden entgegen, während eine andere deutsche leichte Infanteriedivision von SO. den Feind angriff.

Noch an diesem Tage wird nach erbittertem Ringen der südliche Stützpunkt der Gazala-Stellung von uns genommen. Unsere Division schoß dabei 85 feindliche Panzer ab, machte über 1300 Ge­fangene, darunter den bekannten Brigadier O ' C a r o 11, der am 15. Mai vorigen Jahres mit feinen Mark II den Halfaya-Paß genommen hatte, und erbeutete eine große Anzahl von Geschützen und Lastkraftwagen.

Durch Gefangenenaussagen hörten wir, daß der Tommy zeitweilig daran glaubte, er habe uns in eine Falle gelockt, und von einer Flasche sprach, in der wir säßen, deren Hals unsere dünne Ver­bindung nach außen darstelle. Doch mit dieser sieg­reichen Panzerschlacht ist der südliche Eckpfeiler der Gazala-Stellung ausgebrochen. Die Afrikaner Rom­mels haben dabei wieder den alten Kampfgeist und den Willen zum Angriff gezeigt.

Größte Beunruhigung in London.

Berlin, 17.Juni. (DNB.) Die Kämpfe in Nordafrika und das Scheitern des britischen Ver­suches, durch zwei Geleitzüge den dringend be­nötigten Nachschub auf kürzestem Wege an die Mittelmeerfront zu bringen, wird in der neutralen Presse ausführlich besprochen. Alle Versuche des Generals Ritchie, so schreibt die Madrider Zeitung ABC", die Truppen Rommels aufzuhalten, seien vergeblich gewesen. Die englischen nwtorifierten Divisionen seien den besseren deutschen Panzern und den besseren deutschen Geschützen unterlegen. Dem militärischen Genie Rommels sei es gelungen, sämt­liche Frontstellungen der Engländer in eine eiferne Zange zu nehmen, die nur noch eine Oeffnung nach dem Meere habe. Dort aber beherrsche die deutsche Luftwaffe den Raum. Man gehe daher nicht fehl in der Annahme, wenn man einen für Großbritannien katastrophalen Ausgang der Rom- melschen Offensive voraussehe. _

Wie der Londoner Korrespondent der Stockholmer ZeitungDagens Nyheter" meldet, gibt man in. London zu, daß die Kämpfe in Libyen in ihr bis­her kritischstes Stadium getreten sind.Evemng Standard" schreibt:Was guch in der Wüste ge­schehen mag, tn Betrachtung des britischen Rück­

zuges verschwinden unsere Chancen, Tripolis zu erobern." Der Korrespondent desDaily Tele­graph" bei der 8. Armee macht darauf aufmerksam, daß die Engländer wegen des Tonnagemangels kaum eine größere Armee als die derzeitige in Nordafrika würden halten können. Der Kairarer Korrespondent derTimes" schildert die Vernichtung britischer Panzerwagen durch das deutsche Artiller.e- feuer in der Nähe von Knightsdridge mit folgenden Worten:Das Blitzen und Donnern der Geschütze zerriß das Dunkel gewattiger Staubwolken, die von den explodierenden Granaten aufqemirbelt wurden, und erhöhte noch weiter das unbeschreibliche Durch­einander. Die Führer der Kampfwagen machten äußerste Anstrengungen, um ihre Verbände aus dem höllischen Feuer zu ziehen. Die langsamen Kampf­wagen und die durch den Staub halb erblindeten Mannschaften befanden sich in einer sehr ungünsti­gen Lage. Der militärische Mitarbeiter derTimes" fügt hinzu, konzentrierte Tankformationen seien in einem Bewegungskrieg selten in dieser Art und Weife überrascht worden.

Der militärische Mitarbeiter desDaily Expreß" meint:Vier Faktoren scheinen die Ursache dafür zu bilden, daß das Blatt sich, wenigstens vorüber­

gehend, au Gunsten der Achse gewendet hat: 1. Die L u f t ü b e r 1 e g,e n h e i t, die den Briten entrissen worden ist, 2. das plötzliche Erscheinen zahlreicher 8,8-cm-Geschütze, die stärker sind als jedes Feldgeschütz, das wir in der Wüste besitzen, 3. die Verwendung deutscher Flakgeschütze für die Panzerbekämpfung, 4. mehr schw ere Panzer, als sie Ritchie zur Verfügung stehen."

48 Stunden im Bombenhagel

Rom, 17. Juni. (DNB.) Wie schwer die Schläge der italienischen See- und Luftstreitkräfte gegen den vom Westen kommenden englischen Geleitzug waren, kann man, wie ein Frontberichterstatter der Agentur Stefani meldet, aus den zahllosen Trümmern und Ueberreften der in den Gewässern von Pantelleria vernichteten zahlreichen Einheiten ersehen. Hun­derte von Ueb erleb e nd en, die sich auf Flößen, Gummibooten oder Rettungsringen über Wasser hielten, wurden von italienischen Rettungs­dampfern und Wasserflugzeugen ausgenommen und gerettet. Einer der Ueberlebenden erzählte, die eng­lischen Schiffe feien stundenlang unter stän­digem Bombenhagel gefahren. Das Schiff, auf dem er sich befunden habe, fei von einem Tor­pedo getroffen und in zwei Stücke geriffen worden. In wenigen Minuten fei es abgefuckt.

Auch die ersten in Gibraltar eingetroffenen britischen Verwundeten berichten, wie Stefani aus Tanger meldet, wie die deutsch-italienischen Bomben­flugzeuge im Tiefflug auf die englischen Schiffe nieder stießen und aus geringer Höhe ihre Bomben auf die Schiffe warfen. Das englische Abwehrfeuer erwies sich im großen und ganzen als wirkungslos. Auch die fortgesetz­ten Einnebelungsversuche der britischen Kriegsschiffe hinderten in keiner Weise die in Wel­len aufeinanderfolgenden Bombenangriffe der deutsch-italienischen Flugzeuge. Ein verwundeter britischer Batteriechef eines englischen Kriegsschiffes erklärte, daß der Kommandant bet der Ausfahrt der Besatzung die Versicherung gab, die eigenen Flak­batterien würden mühelos alle feindlichen Luftan­griffe abwehren. Die Stimmung unter der Besatzung war jedoch bereits zu Beginn der Fahrt wenig hoff­nungsvoll. Die Wucht der deutsch-italienischen Luft­angriffe führte zu zeitweiliger völliger Verwirrung an Bord, fo daß die Flak nicht mehr wußte, wohin sie schießen sollte. Ununterbrochen fielen die Bomben.

Generalstäbler.

In derDeutschen Allgemeinen Zeitung* macht der PK.-Kriegsberichter Otmar B e st interessante Ausführungen über die weiten Kreisen unbekannte Arbeit unterer General- ftabsoffiziere. Wir entnehmen ihnen folgen­des:

Von der Generalstabsarbeit, die ähnlich an hun­dert Stellen der Fronten geleistet wird, wird wenig gesprochen. Noch immer ist der deutsche General-- stabsoffizier nach Lern Grundsatz von Mottke und Schlieffen erzogen:Mehr sein als scheinen" und Generalstabsoffiziere haben keinen Namen". Aber ihre Arbeit verdient schon heute, nicht erst in der späteren Kriegsgeschichte, einen Hinweis in der Öffentlichkeit. Die Arbeit der ®eneralftabsoffixere des Führers wird im Schatten geleistet. Sie find feit vielen Jahrzehnten die Verkörperung des Wor­tes: Deutsch sein, heißt, eine Sache um ihrer selbst willen tun.

In der militärischen Pyramide ist die erste Ein* heit, in der Generalstabsoffiziere Dienst tun, die Division. Es folgen Offiziere mit den karmesinroten Streifen bei den Armeekorps, den Armeen, den Heeresgruppen, im Generalftab des Heeres im OKH. und im Wehrmachtführungsftab, im Führer- haüptquartier. Diese Einteilung für die Führung der Operationen ist teils aus dem Weltkrieg über­nommen, teils ist sie wie vor allem der Wehr- machtführungsstab, der sich aus Offizieren aller drei Wehrmachtteile ergänzt, eine Neuschöpfung. Die Zahl der Einheiten, die zu einer höheren Einheit zusammengeschlossen find, ist beweglich: zu einem Korps können zwei oder mehr Divisionen gehören, zu einer Armee zwei oder mehr Korps. Das richtet sich nach dem strategischen Zweck, an der Ostfront auch nach den Möglichkeiten des Einsatzes der Ver­bündeten und Freiwilligen. Mehrere Heeresgruppen an der Ostfront sind erforderlich, weil, wie schon Clausewitz jagt, zu langgestteckte Fronten unüber­sichtlich und ungelenk werden. Heereskörper von mehreren Millionen Mann im Feindesland so zu führen, daß alles Notwendige rechtzeitig zur Stelle ist, daß weder Kräftemangel noch überflüssige An­häufung entsteht, für Zusammenarbeit mit der Luft­waffe und gegebenenfalls der Kriegsmarine zu sor­gen, ebenso für Nachschub an Munition, Treibstoff und Verpflegung und für Mamrschaftsersatz, den

Gungs Töchter.

Von unserem VS.-Berichterstatter.

(Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten.) Nanking, im Juni 1942.

Niemand hätte vor einem falben Jahrhundert voraussehen können, daß die drei Töchter des armen chinesischen Auswanderers Sung, der wie fo viele feiner zopfttagenden Landsleute in den Per- einigten Staaten sein Glück versuchen wollte, ein ft eine ausschlaggebende Rolle im Schicksal des 450- Millionen-Volkes der Chinesen spielen würden. Sung war ein - aufgeweckter junger Mann: er stammte aus Kanton und heuerte am Ende der siebenziger Jahre des vorigen Jahrhunderts als Matrose auf einem amerikanischen Schift an, um sich die Uederfahrt zu verdienen. Der Kapitän des Dampfer war lein whiskydurstiger Seebär, son­dern ein methodistischer Eiferer, der seine Aufgabe darin sah, Sung zum Christentum zu bekehren, der auch an ihm den Taufakt vollzog und ihm den Na­menJohn" gab. Aber nicht genug damit, nahm sich der Kapitän des jungen Chinesen an und stellte ihn drüben dem Haupt der Methodistengemeinde vor, der sich für Sung interessierte und ihm einen Freiplatz im vornehmen Trinity-College verschaffte. 1885 bestand Sung seine theologischen Examen mit Auszeichnung und erhielt auf besondere Empfehlung hin aus der Vanderbilt-Stistung reichliche Mittel, um in seine chinesische Heimat zurückzukehren. In Schanghai üb ertrug man ihm die Leitung der Methodisten-Mission, gleichzeitig verschaffte jnan ihm das Monopol für Druck und Vertrieb der Bibel in chinesischer Sprache. Es ist möglich, daß Sung ein aufrichtiger Christ geworden war, jedenfalls aber hatte ihm die Taufe große materielle Vorteile ge­bracht, denn der Vertrieb der Bibeln gab ihm den Grundstock zu seinem Reichtum.

Diese seltsame Mischung chinesischer, amerikani­scher und christlicher Elemente wiederholte sich bei feinen drei außergewöhnlich begabten Töchtern. Die älteste Ai-Ling heiratete den reichen, auch zum Christentum bekehrten chinesischen Finanzmann K u n g , der später das Finanzministerium unter Tschicmgkaischek übernahm, und der enge Verbin­dungen mit der Wallstreet und den Finanzgewalti­gen in London und Paris anfnüpfte. Die beiden jüngeren Schwestern Ching-Ling und Mei- Ling studierten am Wellesley-College in den Ver­einigten Staaten. Dort lernte Ching-Ling den spä­teren Reformator Chinas und Begründer der Kuomintang S u n y a t f e n kennen und heiratete ihn. Sie begleitete ihn in die Heimat und wurde, nachdem ihr Mann seine Machtstellung erreicht hatte, als emanzipierte chinesisch-amerikanftche Lady die Führerin der chinesischen weiblichen Jugend. Sie geriet jedoch bald stark unter sowjetischen Ein­fluß, so daß zwischen ihr und ihrer jüngeren^ßchwe- (ter Mei-Ling, die Marschall Tschiangkai^ s ch e k geheiratet hatte, ernste Gegensätze entstanden.

Die jüngste, hübscheste und bedeutendste der drei Schwestern, Mei-Ling, die den Anspruch auf den Titel einerersten Dame Chinas" erhob, be- mühte sich vor allem darum, eine Synthese zwischen chinesischem und amerikanischem Wesen auf der Grundlage des methodisttschen Glaubensbekennt­nisses zu schassen. Sie mischte sich aber auch in ihrer Eigenschaft als Frau des Marschalls und Präsi­denten der Kuomintang nach dem Vorbild von Frau Eleanor Roosevelt in die Politik ihres Mannes und übte auf ihn einen unverkennbaren Einfluß aus. Sie war es, die infolge ihrer gründlichen Kenntnisse der amerikanischen Methoden es verstand, den Mar­schall Tschiangkaischek. als Steigbügelhalter der rveft-

lichen Demokratien in Washington und London popu­lär zu machen. Sie interessierte besonders die Fi- nanzmagnaten Wallstreets für ihn und in ihrem Salon in Tfchungking versammelten sich die eng­lischen und amerikanischen Diplomaten und Mili­tärs. Mit der ganzen Kraft ihrer Persönlichkeit widersetzte sich Mrs. Mei-Ling Tschiangkaischek jeder Verständigung mit Japan. Sie hat sich bei ihrem Gatten immer dafür eingesetzt, denRat" amerikanischer Sachverständiger, so der Mister Lattimore und Curie, anzunehmen. Sie hat auch den prahlerischen Reden des amerikanischen Generals S t i l w e l l Glauben geschenkt, begleitete den Marschall auf seinen Reisen an die Front, sprach den Soldaten des Tschungking-Regimes Mut zu undftand auch auf der Jndienreise an der Seite ihres Gatten, um ihm dort bei Staatsmännern und Generalen Rückhalt zu schaffen.

Sie hat dann den Kelch der Bitternisse bis zum Grunde auskosten müssen, als die britischen und Tschungking-Truppen auf allen Fronten geschlagen wurden, die Engländer als verelendete Haufen über die Grenze Burmas zurückfluteten und auch die amerikanischen Generale in schmählicher Flucht ihre Soldaten im Stich ließen. Frau Tschiangkaischek hat ihrem bedrückten Herzen in einem offenen Brief Luft gemacht, den sie unlängst in der amerikanischen Presse veröffentlichen ließ. Amerikaner und Eng­länder, so erklärte sie darin u. a., .kapitulieren leicht vor den Japanern, während die Tfchungking-Sol­daten der Unehre den Tod vorzuziehen pflegen

Man hat oft behauptet, daß China heute weiter sein würde, wenn die drei Töch^ Sungs Män­ner geroefen wären. Diese Behauptung ift zwar geistreich, doch läßt sie sich weder bestätigen noch widerlegen. Die vitale Tätigkeit der Frau Mei- Ling hat zweifellos ihre Grundlage in einem ent­wurzelten Intellekt: Chinesin dem Blut nach, Ame­rikanerin durch ihxe Erziehung und durch ihre Sym­pathien, Christin, Demokratin, sehr reich von Hause aus, ist sie nach Tfchungking, an den Oberlauf des Jangtse versetzt und in ein Schicksal verwickelt worden, das für sie von besonderer Tragik ist. In ihrem Salon gibt sie sich als vornehme Dame, die die elegante Mode und kostbare Juwelen liebt. Auf ihren Fahrten an die Front erscheint sie im schlich­ten chinesischen Gewand. Sowohl die eine wie die andere Kleidung ist für sie Maskerade; der innere Zwiespalt in ihrem Wesen läßt sich nicht aus- gleichen. Sie lehnt die Lehren des Konfuzius ab, weil sie sich nicht mitdemokratischen Anschau­ungen" in Einklang bringen lassen. Aber die gro­ßen Demokratien, an die sie wie an das Evange­lium glaubte, haben Tschungking-China schmählich Im Stich gelassen, und auch die Methodisten kön­nen ihr nicht helfen.

Es ist eine sie frappierende Tatsache, daß überall dort, wo die japanischen Truppen chinesischen Boden betreten haben, die Verehrung der Lehren des Kon­fuzius wieder zum Staatskult erhoben wird, ohne daß der Assübung des chrifllichen Gottesdienstes oder dem Buddhismus die geringsten Hemmnisse in den Weg gelegt würden. Seitdem die Japaner immer tiefer in das Gebiet Tschungking-Chinas einbringen und die Waffenzufuhr für den Marschall gesperrt ist, wird das Schicksal, das diese bedeutende Frau und mit ihr Rumpfchina erwartet, immer unsicherer. So­lange sich Marschall Tschicmgkaischek noch von seiner Frau so restlos beeinflussen läßt, wie bisher, dürfte er sich kaum dazu entschließen, mit Japan Frieden zu machen