(92. Jahrgang Ur. 270
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Montag, (6. November (942
Metzener Anzeiger
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vrühlsch« Univer-tStrdrnckerei«. txay General-Anzeiger für Gberheffen
Großer Erfolg gegen die britisch-amerikanische Schiffahrt im westlichen Mtelmeer.
183000 DNT. vernichtet und zahlreiche Kriegsschiffe versenkt.
DNB. Aus dem Führerhauptquarlier. 15. 2lou. Das Oberkommando der Wehrmacht gibt bekannt:
In gemeinsamem Kampf der italienischen und deutschen Luftwaffe und der italienischen und deutschen Warme wurde in der Bekämpfung des feindlichen Geleitzuges gegen die nordafrikanifche Küste Im westlichen ANttelmeer folgender Erfolg erzielt:
Vernichtet oder beschädigt wurden insgesamt 89 Einheiten, und zwar: 14 Handelsund größere Transportschiffe mit insgesamt 102000 BRT. versenkt, ein großer Tanker (etwa 10 000 BRT.) wurde torpediert und in finkendem Zustand zurückgelassen, sieben Handels- und größere Transportschiffe mit insgesamt 71 000 BRT. wurden so schwer beschädigt, daß mit ihrem Verlust mit Sicherheit gerechnet werden kann.
Somit wurde eine Gesamtsumme von 183 000 VRT. wertvollsten feindlichen Fracht-, Tanker- und Transportraums vernichtet, hiervon sind bereits acht Schiffe mit 76 000 BRT. in der Sondermeldung vom 14.11. bekanntgegeben. Weitere 35 Handels- und Transportschiffe mit insgesamt 234 000 BRT. wurden beschädigt, teilweise so schwer, daß mit ihrem längeren Ausfall für Transportzwecke zu rechnen ist. Außerdem wurden ein Schlachtschiff beschädigt, drei Träger beschädigt, davon einer so schwer, daß mit seinem längeren Ausfall zu rechnen ist, drei Kreuzer versenkt, 14 Kreuzer und große Zerstörer beschädigt, vier Zerstörer und Bewacher versenkt, fieben Zerstörer und Bewacher vcschäbigi.
*
3n dem gemeinsamen Kampf der italienischen und deutschen Kriegsmarine und Luftwaffe gegen die britisch-amerikanischen Geleitzüge vor der marokkanischen und algerischen Küste wurde wieder hvertvoller feindlicher handelsschiffsraum vernichtet. Unsere Unterseeboote führten den Kampf ^hauptsächlich westlich von Gibraltar und im west- rilichen Mittelmeer. Der Schwerpunkt der Luftangriffe lag dagegen weiter ostwärts im Raum von Bougie. Besonders empfindlich traf den Feind die Versenkung des Transporters „Wa r w i ck Castle" nordwestlich von Gibraltar durch unsere U-Boote. Diese- über 20 000 BRT. große Schiff war vor dem Kriege als Fahrgastschiff auf der Afrika-Route 'ingesetzt und einer der größten und schnellsten
Transporter der Londoner Reederei. Union Castle Mail. Jetzt gehörte es ebenso wie der am gleichen Tage versenkte 6000 BRT. große Frachter zur Ber- sorgunasflotte der in Marokko gelandeten .feindlichen Kräfte. Durch Torpedotreffer auf drei weiteren Schlachtschiffen in den nordweftafrikanischen Küstengewässern wurden die schwer ersetzbaren Ausfälle der marokkanischen Landungstruppen noch erhöht. Auch die vor der algerischen Küste operierenden feindlichen Schiffsverbände wurden von unsren Unterseebooten angegriffen, hier wurde ein Frachter von etwa 10 000 BRT. durch Torpedos beschädigt.
Ostwärts davon flogen Tag und Nacht die deutschen und italienischen Luftwaffengeschwader ihre Angriffe in Richtung Algier und Bougie. Die in den Häfen liegenden britisch-amerikanischen Sch'.ffe, die Hafenanlagen selbst und die von feindlichen Kräften belegten Flugplätze waren die Ziele unserer Kampfflugzeuge. In der Nacht zum 14. 11. griffen sie erneut den Flugplatz Maison Blanche südlich der Bucht von Algier an, auf dem trotz heftigen Abwehrfeuers die Bomben genau zwischen den abgestellten Flugzeugen einschlugen. Am Nordwestrand des Platzes entstanden rasch um sich greifende Brände. T^nsüber wurd" die Bekämpfung der amerikanisch-britischen Boden- organifation durch Angriffe gegen den Flugplatz D j i d j e l l i an der Ostseite des Golfs von Bougie fortgesetzt, hier lagen die Bomben unserer Ju 88 vor allem in feindlichen Flakstellungen, von denen einige Batterien bereits nach dem ersten Angriff ihr Feuer einstellen mußten. e
Die stärksten Einsätze unserer Luftwaffe richteten sich am 14. November jedoch gegen die britisch- amerikanischen Schiffseinheiten im Hasen von Bougie. Vergeblich versuchte der Feind durch dichtes Sperrfeuer seiner Flakbatterien unsere Kampfflugzeuge abzuwehren. Während einige Staffeln die Hafenanlagen und Depots wirksam mit Bomben belegten, warfen andere Besatzungen mit mehreren Bomben ein großes Fahrgastschiff von etwa 15 000 BRT. aus geringer höhe in Brand. Dichte Qualmwolken hüllten schließlich das ganze schwerbeschädigte Schiff ein, so daß das weitere Schicksal des Dampfers nicht mehr beobachtet werden konnte Andere fu-88-Sturzkampfflugzeuge beschädigten ein weiteres großes Handelsschiff schwer. Zur Abwehr der Luftangriffe setzte der Feind außer seiner Flakartillerie auch zahlreiche Jagdflugzeuge ein. In heftigen Lüftkämpfen wurden die Curtis und Beaufighter von unseren Messerschmitt-Jägern und Zerstörern zurückgeworfen und dabei drei feindliche Flugzeuge abgeschossen.
Oie:
ehrmachtberichte.
Oer Wehrmachtbericht vom Gamstag.
DRV.Aus dem Führerhauptquarlier. 14. November. Das Oberkommando der Wehrmacht gibt bekannt:
Im Westteil des Kaukasus wurden bei örtlichen Angriffsunternehmungen beherrschende Berg- ' ellungen und zahlreiche Kampfanlagen erstürmt. Kampfflugzeuge bombardierten Stabt und Hafen Tuapse. Am T e r e k - Abschnitt wurden starke | Angriffe unter Vernichtung feindlicher Panzer ab- I gewiesen. Deutsche motorisierte Truppen vernich- lefen in der K a l m ü ck e n st e p p e einen feindlichen Stützpunkt und brachten Gefangene und Beute ein. Südlich Stalingrad blieben örtliche Angriffe iet Bolschewisten im Abwehrfeuer rumänischer ; Truppen liegen. In Stalingrad nahmen Stoßtrupps in harten Kämpfen weitere Häuserblocks. Feindliche Gegenangriffe wurden abgewiesen und Bereitstellungen durch zusammengefaßtes Artillerie- und Flakfeuer und durch Slurzkampfflieger zerschlagen, lln der Donfront wehrten deutsche und verbündete Truppen örtliche Angriffe des Feindes ab tnb warfen ihn im Gegenstoß auf feine Ausgangs- Hungen zurück. Deutsche und rumänische Luftslreit- tvaffe flogen bei Tag und Nacht Angriffe gegen feindliche Truppenansammlungen.
13m mittleren Frontabschnitt vernichteten Stoßtrupps eine Anzahl Sampfstände. Die Luft- öaffe fehle ihre schweren Angriffe gegen das ruck- wärttge Gebiet des Feindes fort. Angriffe des Feindes südostwärts des Ilmensees und am Wol- 6oro scheiterten. Die Sowjets verloren in der Zeit vom 1. bis 10. November 282 Flugzeuge, davon 218 in Luftkämpfen, 33 durch Flakartillerie der Luft- naffe und 11 durch Verbände des Heeres. Der Rest nurbe am Boden zerstört. Im gleichen Zeitraum gingen 18 eigene Flugzeuge verloren.
3n ber 2tt a r m a r i c * griff ber Feind am 13. November mit unverminderter Stärke in breiter Front en. Die deutich-italien'scheu Truppen haben nach Zerstörung aller militärischen Anlagen Tobruk ptanmäßia geräumt Kampfflugzeuge bombardierten britische Kolonnen auf dem Halfaya-Paß. |3n den Gewässern von Bougie versenkten Kampfflieger ein Handelsschiff von 6000 BRT. Zwei feindliche Kreuzer und fünf große Transporte wurden mehrfach getroffen. Die Vernichtung eines Kreuzers ist wahrscheinlich, ver'odeeinrichtun- sen und Ladehallen des Hafens Bougie wurden Zerstört
Wie bereits durch Sonbermelbung bekanntgegeben, haben deutsche Unterseeboote im Angriff gegen die amerikanisch-britischen Landungsstreitkräfte in Nordwestafrika und in der Atlantikschlacht den feindlichen Kriegs- und Tansportflotten erneut ungewöhnlich schwere Verluste zugefügt Sie versenkten im Eismeer, im Nordatlantik, vor der kanadischen Küste, in der Karibischen See, bei den Kap Verdischen Inseln, im Golf von Guinea und im Seegebiet östlich von Kapstadt aus gesicherten Geleitzügen und in Linzeljagd zwanzig Schiffe mit zusammen 119 000 BRT. sowie einen Zerstörer. Zwei weitere Schiffe wurden torpediert. Im westlichen Wittelmeer vernichteten sie aus der britisch-amerikanischen Transportflotte wieder zwei Transporter und einen Großtanker von zusammen 20 000 BRT., sowie einen Zerstörer, so daß sich die Erfolge ber U-Boote vor den Küsten von Algier und Warokko auf elf Transporter mit 99 000 BRT. erhöht haben. Seit ber Sonbermelbung vom 9. November hat die Unterseebootwaffe im Wittelmeer und auf bem atlantischen Kriegsschauplatz 31 hanbelsschiffe mit zusammen 218100 BRT. versenkt unb weitere sechs durch Torpedo treff er beschädigt Daneben wurden seit dem 9. November zwei britische Kreuzer und vier Zerstörer versenkt, ein Flugzeugträger, ein Zerstörer und eine Korvette beschädigt.
0er Wehrmachtberichi vom (Sonntag.
DNB. Aus dem Fuhrerhauptguartier, 15. Nvv. Das Oberkommando der Wehrmacht gibt bekannt:
Deutsche und rumänische Truppen schlugen am gestrigen Tage im Kaukasusgebiet heftige feindliche Angriffe ab. Im Stadtgebiet von Stalingrad wurden feindliche Gegenangriffe abgewiesen. Die Luftwaffe unterstühte die Kämpfe wirk- sam durch Angriffe auf Artilleriestellungen und Flugplätze ber Sowjets ostwärts ber Wolga. Felbsiel- lungen und Ansammlungen des Feindes am unteren Don wurden im Sturz- unb Tiefflug angegriffen. An ber übrigen Front würben burch Stoß- truppunternehmen Bunker und Kampfstänbe bes Feinbes gesprengt. Gefangene unb Bente eingebrannt Oerttiche Angriffe ber Sowjets im Gebiet bes Ilmensees unb Wolchow scheiterten an ber deutschen Abwehr. Durch Kampf- unb Sturz- kampfgeschwaber würben Bahnhofe und Züge des Feindes bei Tag und Nacht schwer getroffen.
3n ber Lyrenaika leisteten die bentsch-italie- uischen Truppen gegenüber dem gleichbleibenden
feindlichen Druck zähen Widerstand. Sie setzten sich unter verlustreichen Kämpfen weiter nach Westen ab.
Im Kampf gegen bie amerikanisch-britischen Lanbungsstreitkräfte in Norb- afrifa versenkten deutsche Unterseeboote den Transporter „Warwick Easlle" mit 20107 BRT. sowie einen Frachter von 6000 BRT. Außerdem erhielten vier große Transporter Torpedotreffer. Im Gebiet um Bougie wurden ein Flugplatz sowie der Hafen wirksam angegriffen, vor Bougie zwei große vollbeladene Transporter durch Bombenwurf beschädigt. Lin feindliches Unterseeboot wurde durch Bomben vernichtet. Deutsche Jagd- und Zerstörerflugzeuge schossen vor der tunesischen Küste drei feindliche Flugzeuge ab.
Das Eichenlaub für G-neralmajar Namcke.
Berlin, 15. Koo. (©KB.) Der Führer Hal Generalmajor Ramcke, ber sich in ben gegenwärtigen schweren Kämpfen in Norbafrlka mit feinem Berbanbe wieber besonders ausgezeichnet hat, als 145. Soldaten der deutschen Wehrmacht das Eichenlaub zum Ritterkreuz des Eisernen Kreuzes verliehen.
*
Generalmajor Ramcke, 1889 in Schleswig geboren, zeichnete sich schon im Weltkrieg 1914/18 bei den Kämpfen in Flandern aus, erhielt das Goldene Militar-Derdienstkreuz — die höchste Kriegsauszeichnung für Unteroffiziere und Mannschaften — und wurde wegen besonderer Tapferkeit vor dem Feind zum Leutnant befördert. Nach dem Weltkrieg hat er 15 Jahre hindurch als Kompaniechef und Bataillonskommandeur in einer ostpreußischen Grenzgarnison wertvolle Arbeit zur Wehrertüchtigung der Grenzlandjugend geleistet. Mit kampfbegeistertem Herzen zog er als Fünfziojähriger in den Polenfeldzug, wo er sich als Oberst wieder durch persönliche Tapferkeit auszeichnete. Mit 51 Jahren meldete er sich zu den Fallschirmjägern. Bei dem Kampf um Kreta ist er selbst mitgesprungen und erhielt für Einnahme des Flugplatzes Male- mes das Ritterkreuz. Seit Monaten kämpft er immer in vorderster Linie auf dem nordafrikam- schen Kriegsschauplatz. Ein deutscher Verband unter seiner Führung, der vorübergehend abgeschnitten war, hat dem Feinde in dreitägigem Kampf schwere Verluste zugefügt, eine größere Anzahl von Kraftfahrzeugen erbeutet, sich mit ihrer Hilfe beweglich gemacht und den Anschluß an die Hauptkräfte wieder gewonnen.
Oer wirtschaftliche Sieg im Osten.
Die nachstehenden, von maßgeblicher Seite verfaßten Ausführungen geben einen klaren Ueberblick über die wirtschaftliche Situation in den besetzten Ostgebieten und über das Ausmaß der Erfolge, die der deutsche Soldat und der ihm folgende Fachmann in wirtschaftlicher Hinsicht errang.
I.
Die anglo-amerikanische Welt war bestrebt, die Abhängigkeit des europäischen Raumes in wirtschaftlicher und politischer Beziehung zu verewigen. Als dies in den Jahren nach 1933 offensichtlich unmöglich wurde, trieb sie zum Kriege. Für das Deutsche Reich war der Kampf, der 1939 begann, somit von vornherein ein Kampf für die wirtschaftliche und politische Unabhängigkeit Europas. Der Feldzug im Osten, an dem bald Freiwilligenverbände aus ganz Europa teilnahmen, hat dem „Neuen Europa" nunmehr den europäischen Ost° raum wieder erschlossen. Auf dem Wege, diesen europäischen Ostraum an den Wirtschaftsraum Europa anzugliedern, sind bereits die ersten großen Erfolge zu verzeichnen.
Wir stehen mitten im Kriege, und für die Dauer der militärischen Auseinandersetzung haben kriegswirtschaftliche Notwendigkeiten den Vorrang in allen wirtschaftlichen Dingen. Das Ziel der neuen europäischen Ordnung aber ist es, alle Wirtschaftskräfte, Rohstoffe und Energien des Kontinents zu mobilisieren und sie zum Wohle Europas einzusetzen. Die wirtschaftliche Zersplitterung Europas soll ein Ende haben, an ihre Stelle soll eine vernünftige Arbeitsteilung treten, in der jeder das Seine und nicht jeder alles tut.
Der europäische Ostraum war in der vorbolschewistischen Zeit überwiegend auf eine landwirtschaftliche Erzeugung eingestellt. Auch heute noch leben in den von uns vom Bolschewismus befreiten Gebieten mehr als zwei Drittel der Bevölkerung auf dem Lande. Darin liegt die hauptsächlichste Aufgabe diesex Gebiete begründet. Schon jetzt wird sie in einem Umfange erfüllt, durch den die Blockade nunmehr endgülttg zur Unwirksamkeit verurteilt wird.
Demgegenüber hatte die sowjetische Wirtschaftspolitik ihr Hauptaugenmerk auf die Jndustria- sisierung gerichtet, was ja ihren polittschen Zielen entsprach. Dies hat sich insbesondere i n der Ukraine ausgewirkt, wo eine für den Ostraum auffallende Bevölkerungsdichte auf der einen und reiche Lagerstätten sowie große Energiereser-
Oie Krisis -es Parlamentarismus.
Von unserem Dr. L.-Korrespondenten.
iv.
Lösung oder Auflösung?
Stockholm, November 1942.
Obwohl die Krise des englischen Parlamentarismus heute auch in England klar erkannt wird, sind die Bemühungen um eine Lösung noch nicht sehr weit gediehen. Diejenigen Beobachter, die schon immer verlangten, daß die Regierung bereits heute praktische Vorarbeiten für die Lösung der Nachkriegsprobleme treffe, haben gerade hinsichtlich der Parlamentsreform gute Gründe vorgebracht. Das jetzige Unterhaus ist seit langem überaltert. 1940 hätten im Frieden Neuwahlen stattgefunden. Wenn man weiter berücksichtigt, daß das jetzige Unterhaus, das eine erdrückende konservative Mehrheit besitzt, im Jahre 1935 auf Grund der Baldwin-Völkerbundspolitik gewählt wurde, so gewinnt die Behauptung der Linken, es entspreche in keiner Weise mehr der Meinung des Volkes, allerdings an Wahrscheinlichkeit. Aus diesen Gründen ist es sicher, daß bei einer Neuwahl viele der jetzigen Abgeordneten nicht mehr nach Westminster zurückkehren würden. Der Unwille der Oeffentlichkeit über die jetzige Zusammensetzung des Unterhauses macht eine Neuwahl sehr bald nach Kriegsende wahrscheinlich. Diese Neuwahl muß aber, wenn nicht vorher ein neues Wahlsystem ausgearbeitet worden ist, auf Grund des überlieferten Systems mit allen seinen plutotrati« schen Schwächen erfolgen, so daß das Ergebnis der Wahl wahrscheinlich ein verjüngtes und verändertes Unterhaus sein würde, aber noch immer keine echte Volksvertretung in dem Sinne, daß die herrschende Meinung des ganzen Volkes in Westminster angemessener präsentiert würde. Trotzdem wird dieser Fall wahrscheinlich eintreten, da die Erfolge des englischen Parlamentarismus während des Krieges an der Schwerfälligkeit der parlamentarischen Maschine selbst scheitern müssen.
Vorausgesetzt, daß keine gewaltsamen Veränderungen eintreten — nur unter dieser Voraussetzung ist die vorliegende Betrachtung überhaupt möglich , wird daher die Lösung des Problems in zwei Teile zerfallen, deren erster die Wahl eines neuen Unterhauses mit immerhin einigen jüngeren und modernen Köpfen fein würde, das dann einerseits die Aufgabe gestellt bekäme, die große Parlamentsreform des 20. Jahrhunderts vorzubereiten. Ob dies gelingen kann, ist heute nicht zu beurteilen. Dies ist auch nicht unsere Aufgabe. Es handelt sich vielmehr, zu zeigen, welche Gedanken dieser Art bisher in England selbst aufgetaucht sind. Viele Gedanken sind es nicht, und auch nicht sehr ttare. Da die beiden Wurzeln der Krise die Plutokratie und die fortschreitende Unfähigkeit der überlieferten Parteien sind, müssen auch aus diesen beiden Richtungen die Reformvorschläge kommen.
Einmal soll die Tätigkeit des Unterhausabgeordneten vom persönlichen Wohlstand unabhängig gemacht werden. Die gewichtigste politische Zeitschrift „Round Tadle" machte unlängst den Vorschlag, der Staat solle die Gesamtkosten des Wahlkampfes tra- gen. Von dort bis zur vollständigen Besoldung der
Abgeordneten durch beträchtliche Erhöhung ihrer Diäten ist nur noch ein Schritt. Vorläufig aber haben alle diese Vorschläge den Fehler, daß sie das Vorhandensein lebenskräftiger politischer Parteien voraussetzen und damit die zweite Ursache der Krise als nicht vorhanden oder aber als leicht lösbar betrachten. Tatsächlich dürfte aber die politische Ursache der Krise, die im Verfall der Parteien liegt, schwerer wiegen, als die sozialen Mißstände der Plutokratie.
Es wurde schon früher gezeigt, daß alle Versuche zu Neugründungen von Parteien bisher gescheitert sind. Die Labour-Party wird vielfach von ihren eigenen Anhängern aufgegeben, so daß bestenfalls die konservative als politische Partei im überlieferten Sinn übrigbleibt. Das Einparteiensystem verträgt sich aber nicht mit dem Parlamentarismus englischer Prägung. Selbst wenn sich innerhalb der konservativen Partei genügend fortschrittliche junge Talente finden sollten, um der Partei das Fortbestehen zu ermöglichen, so müßte dieser Versuch an dem Mangel eines Gegenspielers scheitern. Diese Entwicklung ist bisher in England nur ganz vereinzelt erkannt worden. Noch hat niemand an hervorragender Stelle auszusprechen gewagt, daß der politische Parlamentarismus wahrscheinlich zum Tode verurteilt ist, und daß eine fortschrittliche parlamentarische Reformation höchstens auf dem Boden einer berufsständischen Verfassung möglich wäre.
Im vorigen Winter beschäftigte sich der „Daily Herold", das Organ der Labour-Party, einmal 'tüchtig mit dieser Frage, als das Blatt die Reform des Oberhauses forderte, das aus einer geburtsständischen in eine berufsständische Vertretung umgewandelt werden sollte. Diese Gedanken waren ausdrücklich eher aus einer überlieferten Abneigung gegen Privilegien als aus vorausschauender Erkenntnis geboren worden. Daher beschränkte sich der Vorschlag auch auf das Oberhaus, ohne das Unterhaus mit einzubeziehen. Außerdem ging der Vorschlag damals in den sehr viel dringlicheren Sorgen um die Verteidigung des brittschen Empire unter. Schließlich würde jeder ernsthafte Polittker, der sich aeqenroärtig für die Vorbereituna einer berussständi schen oder korporativen Verfassung einsetzen würde, den Vorwurf zu hören bekommen, er wolle die Methoden der doch so verdammenswürdigen Faschisten, zu deren Bekämpfung man in diesen Krieg gezogen sei, in England einführen und damit der Demokratie das Grab graben. Die Entgegnung, daß England öfter im Laitt der Geschichte die Errungenschaft lonttnen- taler Mächte übernommen und nachher als britische Erfindung ausgegeben hat, würde dem Verfechter des korporativen Gedankens im Augenblick wenig nützen. Erst die harten Tatsachen der Nachkriegswelt werden England zwingen, eine Entwicklung zu vollenden, die heute in ihren Anfängen als Krise des Parlamentarismus erscheint, in Wahrheit jedoch eine so vollständige Erschütterung und Veränderung des gesamten sozialen und polittschen Lebens bedeutet, wie England sie seit der Reformation nicht erlebt hat.


