Hr-109 Zweites Blatt
Giehener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)
Dienstag, (2. Mai 1942
Sicherstellung der Obst- und Gemüseversorgvng.
Eine Anordnung des Landesernährungsamtes Hessen.
Aus der Stadt Gießen.
Blumenfreuden.
Line Fülle und Mannigfaltigkeit in Farbe und Form ist für unsere Gärten nicht nur durch die Neueinführung von schönen Gewächsen aus allen Ländern der Erde gewonnen worden, auch die vorhandenen sind durch die Äunft der Züchter reicher und prächtiger als die Stammformen je erwarten ließen. Zn dieser Schar gibt es heute aber keine, die sich einer besonderen Beliebtheit bei allen Gartenfreunden erfreute; alle die Großen im Blumenreich haben ihre Anhänger, keine hat eine unbedingte Borherrschaft. Das war in früheren Zeiten anders; da gab es immer wieder einzelne Blumen, die alle anderen aus dem Felde schlugen, und es hat einen eigenen Reiz, diesen Wandel in der Blumenfreude durch die Jahrhunderte zu verfolgen.
Im Altertum ist die eigentliche Lieblingsblume die Rose. Sie ist zugleich Symbol der Liebe und des Todes, kündet von bacchantischem Lebensgenuß und der ernsten Melancholie der Gräber. Die Antike hat auch in ihrer Blütezeit züchterische Arbeit an den Blumen noch nicht gekannt. Die alten Dichter fingen und schwärmen neben der Königin Rose von der unschuldig edlen Lilie, von Krokus, Veilchen, Iris, Hyazinthen und von der Wunderblume Narzisse, bei deren Anblick nach dem Hymnus der Demeter Götter und Menschen staunen, deren Dust Himmel, Meer und Erde erfreut. Auch der römische Garten zeigt keinen reichen Blumenflor; er ist zu einer phantastischen Wildnis umgestaltet, und nur das be- scheidene Veilchen oder Lilien 'finben in ihm Platz. Erst die Ausschweifung der römischen Kaiserzeit ließ einen Blumenwahnsinn losbrechen, der an Uep- pigkeit nie mehr erreicht worden ist. Seit Kaiser Tiberius das erste Glashaus anlegen ließ, allerdings um das ganze Jahr hindurch seine geliebten Gurken auf der Tafel zu haben, wurden Rosen zu jeder Jahreszeit gezüchtet. Die ausgeartete Zeit wühlte und schwelgte in den wenigen Blumen, die sie besaß. Schwerer Blumenduft mußte alle Gemächer durchziehen, man erfand sogar eine neue Art Bett, das ganz von einem feinen Netz umgeben war, das mit Rosenblättern ausgestopft und mit Lilienblättern bedeckt war. Bei Tisch versank man in Polster von Rosen und Lilien.
Das Mittelalter hat den Blumenflor der Alten nicht bereichert. Die heimischen wildgewachsenen Blumen standen im Klostergarten Karls des Großen neben Rose und Lilie. Bis in das Zeitalter der Entdeckungen blieb der Blumenbestand unverändert; erst mit der Erschließung neuer Welten wurde auch eine neue Blumenschönheit dem Abendlande zugänglich. Besonders haben die Türken als große Blumenfreunde bei ihren Eroberungszügen neue Arten mitgeb rächt. Der Levantehandel vermittelte die Bekanntschaft mit vielen Gewächsen, und Reisende brachten aus Persien und Indien Proben herrlicher Blutenpflanzen mit. Bald entstanden dann auch geschickte Gärtner, die mit Sarnen und Blumenzwiebeln Handel trieben. Die erste Blume, die das Abendland in der Renaissancezeit vollständig eroberte, mar die Nelke, die um die Mitte des 15, Jahrhunderts von Italien aus verbreitet wurde, ohne daß man weiß, woher sie damgls kam. Noch lange hatte sie iim Norden den Zauber der Seltenheit, und sie wurde zum Symbol junger Liebe, so daß wir uns in dem altersgrauen, runzligen „Mann mit der Nelke" von Jan van Eyck einen Brautwerber vorstellen müssen. Die berühmteste Blume, die die Türken brachten und die eine Zeit lang die Vorherrschaft errang, war die Tulpe. Der große Botaniker des 16. Jahrhunderts, Conrad Geßner, sah die erste Tulpe im Jahre 1559 im Garten eines reichen Patriziers; im Jahre 1565 blühten die Tulpen schon 'im Garten der mächtigen Fugger. Bald war die Blume über ganz Europa verbreitet. Den Holländern verwirrten ihre mannigfachen Spielarten und ihre Schönheit geradezu den Kopf, eine „Tuli- pomanie" brach aus, bei der mit seltenen Tulpenzwiebeln ein wildes Börsengeschäft getrieben wurde. Neu gezüchtete Exemplare von Tulpen wurden auf Zeit gehandelt, und Gewinn oder Verlust wurden nach der Differenz zwischen dem vereinbarten und dem am Verfallstage notierten Preis berechnet; das ganze Treiben endete mit einem schlimmen Börsenkrach. In diesem überwiegenden Maße hat später kein Gartengewächs mehr das Feld beherrscht.
C. K.
verdunkelllngszeil:
12. Mai von 22.06 bis 5.00 Uhr.
NSG. Die Hauptoereinigung der deutschen Gar- lenbauwirtschaft hat kürzlich eine Anordnung über den unmittelbaren Verkauf von Spargel und Erdbeeren vom Erzeuger an Verbraucher erlassen. Danach ist der Verkauf von Spargel und Erdbeeren vom Erzeuger an Verbraucher nur auf Wochenmärkten sowie an solche Verbraucher gestattet, die in derselben Gemeinde wie der Erzeuger ansässig sind. Uebcr die Anordnung der Hauptvereinigung der deutschen Gartenbauwirtschaft wurde ausführlich bereits an anderer Stelle berichtet.
Nunmehr hat das Landesernährungsamt Hessen auch für andere Obst- und Gemüsearten die unmittelbare Abgabe vom Erzeuger an nicht ortsansässige Verbraucher grundsätzlich verboten.
Die Maßnahme bezweckt, die Versorgung der Verbraucher mit Obst und Gemüse sicherzustellen. Die Sicherstellung der Obst- und Gemüseversorgung ist aber nicht möglich, wenn, wie bisher, die Verbraucher die Möglichkeit haben, unmittelbar vorn Erzeuger Obst und Gemüse zu beziehen. Ein großer Teil der geernteten Erzeugnisse kommt dann nur solchen Verbrauchern zugute, die über entsprechende Beziehungen zum Land verfügen oder genügend Zeit haben, um aufs Land hinauszufahren und dort Obst und Gemüse zu Hamstern. Das Nachsehen hat vor allem die werktätige Bevölkerung in den Städten, die vielfach weder über die entsprechenden Beziehungen, noch über die notwendige Zeit verfügt.
Die Folge des unkontrollierten Bezuges von Obst und Gemüse durch Verbraucher unmittelbar beim Erzeuger ist, daß nicht genügend Obst und Gemüse an die Bezirksabgabestellen ab geliefert wird, die die Ausgabe haben, das Obst und Gemüse in den Anbaugebieten zu erfassen, um damit die Händler zu beliefern. Infolgedessen können, wie im letzten Jahr beobachtet wurde, die Ladengeschäfte nur in unzureichendem Maße mit Gemüse versorgt werden. Das Nachsehen hat die Hausfrau.
Um diesem Uebelftanb abzuhelfen, bestimmt die neue Anordnung des Landesernährungsamtes, daß bestimmte Obst- und Gemüsearten von den Erzeugern grundsätzlich den Bezirksabgabe- st e l l e n b z w. S a in m e l st e l l e n zur Ablieferung zu bringen sind.
Nur diejenigen Mengen, die im eigenen Haushalt ober Betrieb des Erzeugers verbraucht werden,' brauchen nicht abgeliefert zu werden. Klein- und Schrebergärtner sowie Hausgartenbesitzer fallen deshalb grundsätzlich nicht unter die Bestimmungen der Anordnung. Ernten sie allerdings mehr Obst und Gemüse, als sie im eigenen Haushalt verbrauchen, und verkaufen sie die überschüssigen Mengen, so habrn sie diese Mengen ebenfalls den Bezirksabgabestellen anzuliefern.
Die Abgabe von Obst und Gemüse durch Erzeuger unmittelbar an Verbraucher, Verteiler (Händler) und Verarbeitungsbetriebe ist verboten. Zu den
Weiße Blüten am Bahndamm.
NSG. Der Gausachbearbeiter der Reichsarbeitsgemeinschaft für Heilpflanzenkunde und Heilpflanzenbeschaffung teilt mit:
Als mehr ober minder großer Strauch, ja kleiner, Baum, zeigt in den Monaten April und Mai ein Verwandter von Zwetsche und Kirsche, meist bevor sich noch das Laub entfaltet, seine weißen Blüten. In dieser Jahreszeit bildet der anspruchslose Strauch, der mit jedem Oed land vorlieb nimmt, einen Schmuck der Bahndämme und verzaubert nanchen Feldweg, den er in dichten Hecken umsäumt, in einen Blütenpfad. Schon immer waren die Blüten dieses unter dem Namen Schlehdorn oder Schwarzdorn bekannten Strauches ein beliebtes, volkstümliches Heilmittel, das mild abführend wirkt und vielfach als Bestandteil sog. Blut- reinigungstees, daneben auch als schweißtreibendes Mittel in Grippetees Verwendung findet. Man muß aber bei der Ernte dieser Blüten darauf Rücksicht nehmen, daß die Schlehenhecken beliebte und häufige Nistgelegenheiten für Vögel sind und daher nur mit Vorsicht, d. h. unter Rücksichtnahme auf diese Vogelnester gesammelt werden darf. Man sam- melt die Blüten bei trockenem Wetter bzw. nach dem Abtrocknen des Taues. Man streift sie zu mehreren von den Zweigen ab, auch wenn, was unvermeidlich ist, Knospen, Knospenschuppen und
Verbrauchern zählen auch die sogenannten Großverbraucher, nämlich Gaststätten, Werkküchen, Krankenhäuser, Heime und sonstige Anstalten, Gemeinschaftslager, Formationen (wie Wehn'nacht, Reichsarbeitsdienst usw.).
Von dem Verbot der unmittelbaren Abgabe vorn Erzeuger an Verbraucher gibt es lediglich folgende A u s n.a h rn e n :
An ortsansässige Verbraucher darf der Erzeuger Obst und Gemüse zumVerbrauch im eigenen Haushalt abgeben. Es wird besonders darauf hingewiesen, daß nur die Abgabe zum Verbrauch im eigenen Haushalt gestattet ist. Erwirbt der Verbraucher unmittelbar vom Erzeuger mehr, als er im eigenen Haushalt benötigt, und gibt das erworbene Obst und Gemüse ganz ober teilweise an andere weiter, so liegt kein Verbrauch im eigenen Haushalt vor. Der Verbraucher verstößt also in diesem Fall gegen das Verbot des unmittelbaren Bezuges vom Erzeuger.
Als ortsansässig gelten Verbraucher, die in derselben Gemeinde wie der Erzeuger ansässig sind, wobei jedoch eingemeindete Vororte mit ländlichem Charakter (z. B. Frankfurt a. M.-Oberrad, Wiesbaden-Schierstem, Darmstadt-Arheilgen, Mainz-Gonsenheim, Mainz-Mombach, Offenbach- Rumpenheim usw.) als s e l b st ä n d i g e G e m e i n- d e n gelten. Ein im Stadtkern wohnender Verbraucher ckann also nicht von einem in einem eingemein- deten Vorort wohnenden Erzeuger Obst und Gemüse beziehen, auch nicht zum eigenen Verbrauch.
Der Verkauf von Obst und Gemüse durch Erzeuger auf den Wochenmärkten ist nach wie vor gestattet. Auch an benachbarte Ladengeschäfte können Erzeuger, wenn eine schriftliche Genehmigung des Gartenbauwirtschaftsverbandes vorliegt, Obst und Gemüse abgeben.
Abgesehen von Spargel und Erdbeeren, für die bereits die obenerwähnte Anordnung der Hauptvereinigung der deutschen Gartenbauwirtschaft den Verkauf vom Erzeuger an nicht ortsansässige Verbraucher verboten hat, gilt die Anordnung des Landesernährungsamtes nur für bestimmte Obst- und Gemüsearten. Es wird jeweils durch eine Bekanntmachung des Gartenbauwirtschaftsverbandes in der Presse rechtzeitig veröffentlicht werden, welche Obst- und Gemüsearten'außer Spargel und Erdbeeren unter die Anordnung des Landesernährungsamtes dessen fallen und daher von nicht ortsansässigen Verbrauchern unmittelbar vom Erzeuger nicht bezogen werden dürfen.
Es sei besonders darauf .hingewiesen, daß bei Verstößen gegen das Verbot des unmittelbaren Bezuges vom Erzeuger sich nicht nur der Erzeuger, sondern auch der Verbraucher strafbar macht. Nach den Vorschriften der Verbrauchsregelungs-Strafverordnung können bei Zuwiderhandlungen Geld- und Gefängnisstrafen verhängt werden.
einzelne junge Blättchen mit in das Sammelgut gelangen. Es gibt Schlehdorn, der durchaus nicht sehr dornig ist, so daß man sich nicht bei dieser Arbeit zu verletzen braucht. Trocknet man sorgfältig die in Körben oder Kästen gesammelten Blüten in sehr dünner Schicht, erhält man eine elfenbeinfarbig aussehende Droge, die das ganze Jahr über zur Verfügung steht und auch nicht nachträglich braun wird, wenn sie vollständig getrocknet ist. Auskunft und Rat erteilen die Kreissachbearbeiter der Reichsarbeitsgemeinschaft für Heilpflanzenkunde und Heilpflanzenbeschaffung.
Neues Rentenzahlverfahren für die Angestelltenversicherung.
Die Kriegsverhältnisse haben die Arbeitsleistungen der Reichspost derart stark vermehrt, daß es nicht mehr möglich ist, die Renten der Angestelltenversicherung in die Wohnung der Empfänger zuzustellen. Der Reichsarbeitsminister hat sich 'deshalb damit einverstanden erklärt, daß das Zustellverfahren bis auf weiteres durch das in der Invalidenversicherung bereits feit Jahrzehnten übliche Abholverfah- ren am Postschalter ersetzt wird. Als Ausweis bei den monatlichen Auszahlungen dient eine Rentenausweiskarte, die den Empfängern vom Zahlpostamt zugestellt werden wird. Ferner wird ein Rentenempfangsschein eingeführt. Die Zahltage werden in
den Schalterräumen bekanntgegeben. Die Umstellung der Renten erfolgt nach und nach und beginnt am 1. Juni. In Ausnahmefällen wird auf Antrag dis Rente auch weiterhin zugestellt.
Kür Tapferkeit vor dem Keinöe.
Der Gefreite Willi Rau aus Trohe wurde für Tapferkeit vor dem Feinde mit dem Eisernen Kreuz II. Klasse ausgezeichnet.
Gloria-Palast: »Die Sache mit Styx"
Die Sache mit Styx, nach einem Roman von Georg M ü h l e n - S ch n l t e, Drehbuch von Curt I. B r a u n , ist eine Sache, an der Intellekt und Gefühl gleicherweise beteiligt sind: es handelt sich um die Abenteuer des jungen Rittmeisters Styx, der als Militärattache in einem fremden Lande mit einer sehr delikaten diplomatischen Mission betraut und dabei unversehens in eine Liebesgeschichte und einen Kriminalfall verwickelt wird. Er löst seine mit allerlei Ueberraschungen gespickte Aufgabe auf eine Weise, die ihm zu guter Letzt die Beförderung zum Major ein trägt, ganz zu schweigen von den persönlichen Erfolgen, welche er dabei erntet. Der Spielleiter Karl Anton hat bereits de» öfteren bewiesen, daß er dergleichen Affären mit sicherem Instinkt für Wirkungen und Möglichkeiten eines roa manhaften Stoffes in Szene zu setzen versteht; er teilt den Vorgängen einen Hauch von Phantastik und ein leichtes Aroma milder Ironie mit, die der Sache eine angenehme Würze verleihen; die Szene des von Tanzbildern mehrfach überblendeten Zwei« fampfes, in welchem Styx schließlich ermartungsx gemäß die Oberhand behält, war aber doch schon allzu oft in ähnlichen Filmen zu sehen und ist allzu! geflissentlich auf die 1 grob sinnlichen Spannungs- effette hin arrangiert. Gespielt wird auf der ganzen Linie vorzüglich. Vor allem Viktor de Kowa, den man seit längerer Zeit nicht mehr gesehen hat, gibt der Figur des Rittmeisters einen sehr amüsanten Umriß: er spielt ihn mit einer offenen Natürlict^eit und einem leichten, trocknen Humor, daß er bis zum glorreichen Ende aller Sympathien gewiß fein darf. Die beiden Frauengeftalten — Laura Solari und Margit Symo — stehen zueinander in pikantem Kontrast. Hans L e i b e l t spielt mit geschmeidiger* Eleganz einen wurmstichigen Konsul mit fatalen Geschäftsverbindungen, Harald Paulsen in einer interessanten Sherlock-Holmes-Maske den Kriminalrat Dr. Bonnett. Auch Will Dohm, ein feister und drolliger Offiziersbursche, und Theodor Loos in der des öfteren in seinem Repertoire auftauchenden Figur eines geheimnisvoll verdächtigen Herrn seien nicht vergessen. — Man unterhält sich, auch ohne den Roman zu kennen, anderthalb Stunden lang recht angeregt. (Tobis.) Hans Thyriot.
Speck und Schmalz auch auf die Llrlauberkarte.
Die neuen Reichskarten für Urlauber enthalten nicht mehr die Fett-Abschnitte in der bisher bekannten Form. Vielmehr haben sie jetzt für ein bis drei Tage nur noch Abschnitte über Butter und für vier bis sieben Tage Abschnitte über Butter und Margarine. Zur Aufklärung van Zweifelsfragen wird jedoch bekanntgegeben, daß selbstverständlich auch auf Urlauberkarten Schmalz ober Speck verabfolgt werden darf. Die Regelung ist so getroffen, daß die Margarine-Abschnitte zum Bezüge von Speck, Schlachtfett oder Schmalz berechtigen. Speck und Rückenfett wird zum vollen Nennwert 6er_ Margarinemarken ausgegeben, während bei Schweineschmalz, genau wie bisher, das Verhältnis von 5:4 gilt, so daß für je 5 Gramm Margarine je 4 Gramm Schweineschmalz abzugeben sind.
*
** Den Eierbezug bei Hü h verhalte r n betrifft eine Bekanntmachung des Ernäh-
. Der Erfolg
unserer Aufklärungs-Werbung
Seit Kriegsbeginn hat Chlorodont In Anzeigen, Plakaten und Filmen umfangreiche Aufklärung über die Wichtigkeit der Zahngesundheit und der richtigen Zahnpflege gegeben. In großer Anzahl wurde die Broschüre ..Gesundheit ist kein Zufall" angefordert und versandt. Der Erfolg zeigt sich in der wachsendenErkenntnis für richtige Zahnpflege in breitesten Volkskreisen. Erhöhte Nachfrage nach Chloro« dont ist ebenfalls eine Folge unserer Aufklärungsarbeit«1 Die Erzeugung von Chlorodont wird nach den zeitbedingten Möglichkeiten noch gesteigert. Wir bitten um Ihr Verstand« nis, wenn Sie Chlorodont in Ihrem Stammgeschäft nicht immer erhalten können. -—
Warnung aus Stendal
Roman von A. Lothar Philipp
27. Fortsetzung. (Nachdruck verboten.)
Sie klappte die Augendeckel herunter, seufzte, schlug dann den Blick nach oben, als wolle sie den Himmel anklagen und flüsterte endlich:
„Ich bin doch die Wirtin!"
„Ah, interessant. Wessen Wirtin sind Sie denn?" „Nun, von Lanos, den sie wegen des Mordes suchen."
„Ach nee! Sehen Sie mal an. Was war das denn für ein Mann?"
Sie machte mit der linken Hand eine abwehrende Bewegung.
„Ich hab es gleich gewußt, daß mit dem was nicht in Ordnung war. Wissen Sie, der Mann machte mir immer einen unheimlichen Eindruck, und wenn er mich ansah — er hatte ganz schwarze Augen, wie der Teufel — dann mußte ich mich setzen und einen Kümmel nehmen, solch ein Herzklopfen bekam ich immer. Was soll ich Ihnen sagen, hat der doch versucht, in mein Schlafzimmer einzudringen? Horen Sie, ich bin bald umgekommen vor Angst. Ich schlafe und plötzlich höre ich ein Schleichen und die Dielen knistern, dann streicht einer über meine Tür. Ich fahre auf und denke, der Schlag soll mich rühren. Ich raus und an die Tür. Da höre ich, wie einer draußen umherschleicht und etwa murmelt und meine Klinke sucht. Ich will das Licht anknipsen, es brennt nicht. Nun brülle ich laut »Hilfe! Hilfe st und, sehen Sie, das war richtig, das hat ihn gestört. Denn er pochte und fragte: ,Was ist denn, Frau Hauckwitz, was schreien Sie berm?‘ Ich rufe zurück: ,Was machen Sie denn da draußen, .wenn Sie hereinkommen, brülle ich zum Fenster hinaus/ Und dann sagte er — es war natürlich alles geschwindelt —, er hätte in die Küche gehen wollen, um ein Glas Wasser zu trinken, weil ich ihm feine Karaffe nicht gefüllt hätte, und da sei das Licht nicht gegangen und er hätte sich so weitergetastet. Dabei lasse ich mich fressen: er hat die Sicherungen rausgedreht. Am Morgen zeigte er
mir dann, daß die eine Sicherung durchgebrannt war und was meinen Sie, was der freche Kerl behauptete: Er sagte ganz frech, ich hätte mal wieder gebügelt und an der Schnur gerissen und da sei Kurzschluß gekommen. — Wissen Sie, was ich aus- gestanden habe, das kann ich gar keinem Menschen erzählen. Mit einem Mörder Tür an Tür zu schlafen, das soll mir einer erst mal nachmachen."
Endlich war sie zur Ruhe gekommen. Dann lehnte sie sich an die Banklehne zurück, keuchte vor Aufregung und hielt sich die rechte Hand an ihren Busen gepreßt.
Jetzt öffnete sich die Tür zum Vorzimmer und Kriminalsekretär Krähe trat heraus.
„Ist Herr Hanke noch nicht da?" fragte er.
Dies war für Frau Hauckwitz ein willkommener Anlaß, ihre Stimme ertönen zu lassen.
„Hanke? Hanke?" rief sie, „das ist doch unser Portier. Was soll denn der hier? Der kann Ihnen doch nichts sagen, der hat doch keine Ahnung und redet immer bloß dämlich —"
„Nun, Herr Willis, dann kommen Sie mal rein." „Erlauben Sie", protestierte Frau Hauckwitz, „ich war eher da als der Herr, immer der Reihe nach —"
„Nee", lachte Krähe, „liebe Frau, hier sind wir nicht beim Friseur, hier kommen die Leute außer der Reihe dran. Sie müssen noch warten. Bitte, Herr Willis."
Willis wurde eingelassen. Frau Hauckwitz blieb fassungslos zurück.
„Hat man sowas schon erlebt?" stöhnte sie, „ich sitze hier wie ein Affe, und andere Leute kommen vor mir dran. Nun, ich werde mich beschweren, ich gehe zur Poli —", dann schwieg sie, weil sie daran dachte, daß sie ja bereits bei der Polizei sei und sich nicht gut hei der Polizei über die Polizei beschweren könne.
Es war ihr ein Trost, daß jetzt Hanke, der Portier, austauchte.
„Nun guck mal einer an, Frau Hauckwitz", sagte er freundlich, „was machen Sie denn hier?"
„Sie haben mir bloß noch gefehlt zu meinem Glück", fauchte sie ihn an, „ich mochte wissen, was Sie hier wollen. Sie wissen doch gar nichts. Sie haben wohl zu Hause nichts zu tun, was? Pasten
Sie lieber auf, daß der Hof sauber gehalten wird, aber der sieht immer aus wie ein Schweinestall, und das Fenster im Flur schließt auch nicht richtig, da zieht es wie Hechtsuppe —"
In diesem Augenblick trat Krähe heraus.
„Sind Sie Herr Hanke?" fragte er.
„Jawoll, der bin ich. Wilhelm Hanke —"
„Kommen Sie herein, Herr Hanke. Und Sie, Frau Hauckwitz, wenn Sie wieder mit anderen Zeugen über die Geschichte sprechen, werden wir Sie wegen Verdunkelungsgefahr einsperren, verstanden? Sie haben hier zu warten und ruhig zu sein."
Krähe und der Portier verschwanden im Zimmer, und Frau Hauckwitz sah sich unwillkürlich nach einer mitfühlenden Seele um, der sie ihr Herz ausschütten konnte. Bis sie sich überlegte, daß sie nicht einmal das dürfte, daß sie still sitzen und den Mund halten mußte, was das Schwerste war, was man ihr zumuten konnte.
Drinnen saß der Kriminalrat hinter feinem Schreibtisch, rauchte eine große Zigarre und schlug mit der flachen Hand auf die Schreibtischplatte.
„Das ist ja ein Stück aus dem Tollhaus", rief er lächelnd, „nun, die gute Frau Hauckwitz werden wir uns mal vorknoppen. Wie sind Sie denn darauf gekommen, mit dem Portier zu sprechen, Herr Willis?"
„Ich tat es Fräulein Perlings wegen. Es sind da die tollsten Gerüchte im Umlauf. Es heißt, sie stecke mit Lanos unter einer Decke, sie sei die Ursache der Mordtat und habe mit Lanos zusammen in der Kurfürstenstraße gewohnt. Nun ist Fräulein Perling ein anständiger, ordentlicher Mensch, eine gute Artistin, die ich von früher her kenne. Ich hielt mich deshalb für verpflichtet, einmal der i Hache auf den Grund zu gehen. Und deshalb bin
ich zu dem Portier gegangen."
„Gerüchte sind im Umlauf?" fragte Wenig, „das ist doch sonderbar. Wer konnte denn ein Interesse daran haben, Fräulein Perling schlecht zu machen? Haben Sie darüber schon einmal nachgedacht? Schließlich hat doch jedes Gerücht einen Urheber. I Wir haben doch nur Sie und Ihre beiden Partner, Fräulein Perling und Fräulein Norodna vernom-i
men, andere wissen doch nur das, was in der Zeitung steht, und da steht nichts von Fräulein Perling. Also muß es doch eine von diesen fünf Personen sein."
„Ja", pflichtete ihm Willis bei, „baran dachte ich auch schon. Ich habe einen Gedanken, der so ungeheuerlich ist, daß ich ihn nicht aussprechen mochte."
„Auch mir gegenüber nicht?" Wenig stieß dichte Rauchwolken hervor und warf ihm einen Blick zu.
„Vielleicht sprechen Sie erst einmal mit dem Portier."
„Gut, das will ich tun. Krähe, lesen Sie das Protokoll einmal vor."
Der Kriminalsekretär zog das Protokoll aus der Maschine, nahm die Kohleblätter heraus und las vor:
„Berlin, am 8. September 1939.
Es erscheint der Artist Eberhard Willis, wohnhaft Berlin W 62, Imperial-Hotel, und erklärt: Am Donnerstag, dem 7. September 1939, sprach ich mit dem Portier Wilhelm Hanke des Hauses Kurfürstenstraße 143. Ich fragte ihn nach Herrn Lanos und äußerte beiläufig, daß Lanos doch eine Braut gehabt habe, die bei ihm wohne, wo die denn geblieben fei. Herr Hanke sagte, die sei seit dem Mordtage nicht mehr erschienen. Sie habe auch nicht oben gewohnt, sondern fei nur hin und wieder gekommen. Sie habe auch den Schlüsiel zur Wohnung und zum Hause gehabt, und er, Hanke, habe deshalb schon mehrfach mit Frau Hauckwitz gesprochen, weil dies unzulässig sei. Am Mordabend sei sie gegen 20.30 Uhr heruntergekommen, gefolgt von Herrn Lanos. Ich fragte ihn, ob das die hübsche Blonde gewesen sei, worauf Herr Hanke sagte, nein, die Dome habe schwarzes Haar gehabt, habe sehr ausländisch ausgesehen und sei stets sehr elegant gekleidet gewesen. Sie habe auch mit einem ausländischen Akzent gesprochen. Ihren Namen habe er nicht gewußt.
Vorgelesen, genehmigt und unterschrieben:
F.d.R.:
Kriminalsekretär:'" (Fortsetzung folgt.)


