Nr.84 Zweiter Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gderheffen)Y./I2. April (942
Lm Eissturm auf der Lokomotive.
Von Karl Brammer.
Schon viele Tage und Nächte pfeift der Eissturm aus dem Osten über die Felder, die Moore und die tiefdunklen Wälder. Angestrengt späht der Lokomotivführer auf seiner Maschine nach vorn, um die Geleise und die Signale zu beobachten. Biele Stunden sind die Männer der Reichsbahn mit diesem Zuge schon unterwegs, aber noch ist keine Ablösung möglich, denn das Ziel ist noch weit, und zahlreiche Hindernisse können noch eintreten, die überwunden werden müssen.
Wer wissen will, was die Männer der Reichsbahn in diesem Winter im Osten geleistet haben, der hätte einmal eine solche Fahrt miterleben müssen. Gewiß standen der Lok-Führer und sein Heizer vor dem Feuer, aber drei Schritte zurück war schon blankes Eis, und es ist eine Anstrengung ungeheurer Art, zwischen dem offenen Feuerloch und der bitteren Kälte den Dienst zu versehen, von dem für die Front so unendlich viel abhängt. War eine Möglichkeit zum Kohlennehmen und zum Wasserfüllen gegeben, dann bedeutete das keine Ruhepause, sondern vermehrte Arbeit. Die Lokomotive sieht aus wie ein Eisungeheuer aus grauer Vorzeit und muß zum Teil erst aufgetaut werden. Geht es bann wieder Stunden um Stunden in endlosen Wintertagen und Winternächten der Front entgegen, so fordert jede Minute die letzte Aufmerksamkeit, denn es muß immerhin damit gerechnet werden, daß Bolschewisten in verbrecherischer Absicht die Geleise gesprengt ober gelockert haben, ja, es muß mit Partisanenangriffen selbst gerechnet werben, denen es rechtzeitig mit der Waffe zu begegnen gilt. Und wenn es hart auf hart kommt, dann kann der Lokomotivführer auch damit rechnen, daß die So w j e t f l i e g e r einen Angriff auf seinen Zug versuchen. Dieser Zug aber birgt das Wichtigste für die Front: Munition, Waffen, Lebensmittel, Kleidung und alles, was es überhaupt ermöglichte, diesen Winter im Osten zu bestehen.
Das deutsche Volk hat durch die Kriegsberichter ein Bild vom Heldentum deutscher Soldaten erhalten. Es ist aber auch nötig, einmal vom stillen Heldentum der Reichsbahner zu sprechen, die hier im Osten unter den allerschwierigsten Umständen ihre Pflicht tun. Sie haben mit verhindert, daß unseren Truppen das napoleonische Schicksal zuteil wurde, das die Sowjets ihnen zuaedacht hatten, denn die Reichsbahn hat dafür gesorgt, daß die Front auch bei den höchsten Kältegraden kampffähig blieb. Erst nach dem Kriege wird sich in vollem Umfange Herausstellen, was die Eisenbahner im Osten geleistet haben, ganz gleich, ob es sich um feldgraue ober um blaue Eisenbahner gehandelt hat.
Nachdem unsere Soldaten die Angriffsabsichten des Gegners zunichte gemacht hatten und dieser zu- rückgeworfen rpar, folgten sofort endlose Reihen von Lastkraftwagen mit Munition und Nachschub aller Art. Je weiter aber der deutsche Vormarsch nach Osten ging, desto notwendiger wurde es, so schnell als möglich einen leistungsfähigen Bahnverkehr einzurichten, denn bei den schlechten Wegen waren die Lastkraftwagen überhaupt nicht in Der Loge, den ganzen notwendigen Nachschub allein an die Front zu schaffen. Es wurde deshalb ein kombiniertes System eingerichtet, das den Bahnverkehr und die Lastwagen zu einer Art Arbeitsgemeinschaft vereinigte. Soweit es möglich war, brachten die Eisenbahnen den Nachschub nach vorn, und ebenso wurden Verwundete und erbeutete Vorräte auch vom Lastkraftwagen auf die Bahn verladen und zu- rückgebracht. Ehe das aber möglich war, mußten die technischen Eisenbahntruppen die wichtigsten Strecken wiederherstellen, und das geschah dadurch, daß in erster Linie umgeregelt wurde, d. h. daß die deutsche Regelspur bis zu den Auslabepunkten eingerichtet würbe. In vielen Fällen mußten die Eisenbahnpioniere zerstörte Brücken wieder Herstellen. Aber auch damit allein war es nicht getan, ebenso wenig wie mit der Umregelung, sondern um einen ordnungsgemäßen Betrieb aufnehmen zu können, brauchten die Eisenbahner Kohlenlager und Wasserstellen, brauchten sie weiter Ausbesserungsstätten, um kleine notwen
dige Reparaturen vornehmen zu können. Cs mußten Umspanngeleise geschaffen werden, und schließlich mußte das Fernmeldenetz neu in Ordnung gebracht werden, weil sonst eine Verständigung über die Zugfolge überhaupt nicht möglich gewesen wäre.
Die Sowjets haben zerstört, was sie nur zerstören konnten, aber in denkbar kürzester Zeit haben die deutschen Eisenbahner im Osten ein Verkehrsnetz wieder geschaffen, das schließlich leistungsfähiger geworben ist, als es vorbern das sowjetische Eisenbahnnetz gewesen war. Bei dieser Arbeit gab es keine Pause, denn es kam darauf an, so schnell wie möglich das Verkehrswesen wieder in Ordnung zu bringen. Es mußten Unterkünfte für die Eisenbahner geschaffen werden, es muhten Proviantämter eingerichtet werden, und es mußte eine Organisation auf die Beine gestellt werben, die die größten Leistungen herausholen konnte. Heute liegen die Dinge so, daß in den Gebieten unmittelbar hinter der Front die feldgrauen Eisenbahner der Frontbetriebsdirektionen dem Feldtransportchef unterstehen, während die blauen Reichsbahner der Hauptbetriebsdirektion wie bisher dem Reichsverkehrsminister verantwortlich sind. Das Reichsverkehrsministerium hat in Warschau für den Betrieb in den neubesetzten Ostgebieten eine besondere Zweigstelle geschaffen.
Bis zum frühen Einbruch des Winters wurde für die Wiederaufnahme des Betriebs geleistet, was nur geleistet werden konnte. Mit dem Einsatz des Frostwetters machten sich bann aber Schwierigkeiten verschiedenster Art bemerkbar, und zwar nicht zuletzt deshalb, weil der Betrieb ja weitaus größer wurde, als er jemals zu sowjetischen Zeiten gewesen war. Die Kältegrade von 45 und mehr Grad Celsius bewirkten die stärkste Beanspruchung des Materials und der Maschinen, Betriebsstoffe wie Kohle mußten zum größten Teil aus der Heimat selbst herange- schafft werden, Ueberlaftungen und Reibungen konnten nicht ausblekben. Nichtsdestoweniger wurden auch die schwierigsten Frostschäden überwunden, bis ein einigermaßen glatter Betrieb erreicht wurde. Ohne die deutschen Eisenbahner wäre das Problem der Nachschubversorgung der Front nicht zu lösen gewesen, denn die der Vereisung besonders ausgesetzten Slraftmagen hätten den Verkehr auf den schneeverwehten Straßen nicht immer aufrecht erhalten können.
Wenn Betriebsleistungen erreicht wurden, die man vordem nicht für möglich hielt, so ist das in erster Linie der Pflichttreue des deutschen Eisenbahners zu banken, bann aber auch ber Güte bes Materials, bas in beutschen Werkstätten hergestellt worben ist. Es ist oft vorgekommen, baß Lokomotivführer und Heizer mit leeren Mägen auf ihrer Maschine stauben, benn bie Ausbleibezeiten können nicht immer richtig berechnet werben; da es im Anfang keine festen Fahrpläne gab. Die Verpflegungsstützpunkte lagen manchmal weit auseinander, und es hat Ausbleibezeiten von 80 bis 200 Stunden gegeben. Die Uebernachtungsmöglichkeiten waren im Anfang keineswegs besser als an der Front, und mancher Reichsbahner hat manche Nacht in einem Erbloch zubringen müssen. Am Anfang waren die Fahrgeschwinbigkeiten naturgemäß gering, sie finb aber nach und nach soweit es nur möglich war, gesteigert worben. Im ganzen jedoch haben aber auch die Reichsbahner dank ihrer Gesundheit und ihrer guten Ausbildung den Winter glücklich überstanden. Freilich Opfer haben auch die Männer ber Deutschen Reichsbahn bringen müssen. Mit Stolz blicken bie Kameraden unb bas deutsche Volk auf die deutschen Reichsbahner, die ihr Leben infolge von' Partisanenangriffen verloren haben, ober die ein Opfer sowjetischer Fliegerangriffe würben.
In ber Heimat selbst hat man den Reichsbahnern geholfen, soweit bas möglich war. Schneeschleudern unb Schneeräumer würben in bie Ostgebiete entsandt, um hier bie verwehten Schienenstränge vom Schnee zu befreien. Oft mußten neben ben Solbaten, ben Eisenbahnern auch ganze Scharen von Landeseinwohnern die Schneeschaufel in die Hand nehmen, um die riesigen Schneeverwehungen
zu beseitigen. Wo es möglich war, wurde l a n d e s -- eigenes Betriebspersonal mit herangezogen, aber die tägliche Arbeit und die Verantwortung ruhte immer auf ber Reichsbahn selbst.
Es würbe schon barauf hingewiesen, daß bei diesem Ostwinter ohnegleichen ber Verschleiß ber Fahrzeuge sehr groß war. Man muß zubem ja bebenfen, daß die Reichsbahn ein Gebiet dem Verkehr wieder erschlossen hat, das größer ist als das Deutsche Reich. Daneben dürfen aber auch die Arbeiten nicht vergessen werden, die die Deutsche Reichsbahn in der Heimat zu erledigen hatte, um die Kriegsindustrie mit Kohlen, die Bevölkerung mit Hausbrand zu versorgen unb um bie Lebensmittelversorgung sicherzustellen. Jetzt, nachbem ber Winter sich nun bem Enbe zuneigt, gibt es auch für
bie Deutsche Reichsbahn keine Pause, fonbern jetzt gilt es in verstärktem Maße bie Arbeit für bie Ereignisse des kommenden Sommers in Angriff zu nehmen. Die Anforderungen in dieser Zeit an bie Deutsche Reichsbahn werben nicht geringer, fonbern größer sein. Die Erkenntnis, baß bie Reichsbahn heute zu ben wichtigsten Mitteln der Kriegführung gehört, wirb bie Volksgenossen ohne weiteres zu ber Ueberlegung führen, baß überflüssige Reisen zu unterbleiben haben. Es kommt nicht nur barauf an, Betriebsstoffe unb Betriebsmittel zu sparen, fonbern vor allem sollen bie Männer ber Deutschen Reichsbahn, ob sie nun die feldgraue ober bie blaue Uniform tragen, auch in ber Lage sein, mit allen ihren Kräften am Werk bes Sieges zu schaffen.
Aus der Giadi Gießen.
Liebe Zimmergäste.
Seit die Nachmittagssonne die Fensterscheiben bestrahlt, sind die kleinen Winterschläfer in ben Fugen unb Ecken des Gebälks, von deren Anwesenheit niemand etwas ahnte, aus ihrer Erstarrung erwacht unb tummeln sich mit behenden Beinen in dem warmen Glanz. Voll sichtlichem Behagen lassen sie sich übersprühen, um die Lebenskräfte ihrer verkühlten Körper wieder zu rascherem Kreislauf anzufeuern. Es ist eine Lust für sie, mit allen Gliedmaßen sich wieder des Daseins zu freuen, und es bereitet ein wahres Vergnügen, ihrem liebermut zuzuschauen.
Die kleinen Marienkäfer sind erstaunliche Schnell- und Dauerläufer. Welche Strecken legen sie in unermüdlichem Hin und Her, in steilen Auf- und Abstiegen auf dem glatten Glas zurück. Auch ein gelegentlicher Sturz in die Tiefe kann ihren Eifer nicht abschwächen. Zuweilen öffnen sie die Flügel, um einen Gegenstand in der Nähe kennenzulernen. Kaum gelandet, beginnen sie in rasenden Eilmärschen seine Kanten unb Linien abzumessen. Das weiße Feld eines Papierbogens haben sie in wenigen Sekunden überquert.
Verglichen mit ihnen benehmen sich die zierlichen Florfliegen trage unb langweilig. Als ob sie zu früh geweckt worben seien unb noch nicht ausge- schlafen hätten. Der zarte wurmähnliche Körper wird fast ganz von ben großen Florslügeln überberft, unb nur die langen bünnen Fühler, die spielerisch umhertasten, verraten das erwachte Leben. Wie winzige Segelboote ruhen bie Tierchen auf ber schim- mernben Flut ber einstrahleNben Sonne. Erst wenn sie bie Berührung meiner Finger.aufstört, entfalten sie die Flügel zu einem kleinen Luftsprung aus der vermeintlichen Gefahrzone. Aber beim Lampenlicht unb nach Verbunkelung ber Fenster beginnen sie ihre anmutigen Flüge um bie lockende Helle. Dichter unb bichter zirken sie ihre Kreise um bie gläsernen Birnen, bie leise aufklingen, wenn bie raschen Flügelschläge wie furrenbe Propeller sie treffen. Bewunbernvert ist ihre Ausbauer und die motorische Kraft, die in ihren Bewegungen schwingt. Aber schließlich tritt boch ein Erschöpfungszustanb ein. Mit leisem Aufprall lanben sie auf bem Tisch ober einer Wanbfläche, reglos verharrenb, bis sie sich wieder erholt haben unb zu neuen Flugtänzen emvorflattern.
Zu ihnen gesellen sich bie ausgelasseneren Marien« käfer, bie wie kleine Tollpatsche ständig anstoßen unb nicht hastig genug ihre Erkunbungen durchführen können. Aber lichtsüchtig finb beibe, denn beiden blüht ber Frühling im Blute. Unb beide sind die treuesten Freunbe aller Blumenliebhaber, benn ihre Larven räumen als berüchtigte Blattlauslöwen verheerend unter bem lästigen Ungeziefer auf, unter bem besonders unsere Rosenlieblinge so viel zu leiben haben. Darum verdienen bie kleinen Zimmergäste unsere zärtliche Schonung. P. B.
GieSen-Klein-Linden.
Der Maurer Anton Wagner, wohnhaft in Klein-Linden, Frankfurter Straße 119, begeht am heutigen Samstag sein 50jähriges Arbeitsjubiläum bei ber Baufirma Georg Becker, Inhaber August Niebling, Gießen, Goethestraße 19. Vor 50 Jahren trat der Arbeitsjubilar bei ber Firma, bie damals ihren Wohnsitz in Wetzlar hatte, in den Dienst; später verlegte die Firma ihren Sitz nach Gießen.
Täglich legte ber Jubilar, ber von Groß-Rechtenbach gebürtig ist, fast zwei Stunben Fußweg zurück, um zu seiner Arbeitsstelle Wetzlar, bzw. Gießen zu gelangen. Nach seiner Verheiratung verzog er nach Klein-Linden. Wir wünschen dem rüstigen Arbeitsjubilar, der heute noch täglich seinem Beruf nachgeht, alles Gute für seinen Lebensabend.
6in schöner Zufall.
In Grüningen war in diesen Tagen bie Freude groß. Soldaten der Ostftont bedankten sich für die schönen warmen Sachen aus der Nähstube bei der Wollsammlung, unb ausgerechnet Grüninger haben als Soldaten einen Teil ber Sachen bekommen. Gerade in diesem Frontabschnitt stand ber Mann einer Amtswalterin der NS.-Frauenschaft, die besonders eifrig mitgenäht hatte, mit mehreren Kameraden des Ortes. Wie freudig haben die Soldaten bie Sachen in Empfang genommen und sich über diesen Gruß aus der Heimat gefreut. Gewiß haben die Männer die liebenbe Fürsorge ber Frauen zu Hause gespürt unb so recht empfunden, wie wohl solche Liebe tut. Unb die Frauen zu Hause? Sind sie nun nicht doppelt und dreifach belohnt für ihre Mühe? Immer wieder sagte die eine Amtswalterin, wenn sie bis tief in die Nacht hinein genäht hatte: „Ich tue es ja gern für alle Soldaten, aber wenn doch nur mein Mann und unsere Soldaten von hier etwas von den schönen Dingen bekommen würden, bie wir jetzt nähen." Nun gehen frohe Grüße von draußen nach Hause und ebenso von zu Hause nach draußen, und ber ganze Ort freut sich mit.
-r-
** Gießener Vortragsring. Der bekannte Dichter Siegsrieb von Vegesack wirb im Rahmen bes Gießener Vortragsringes (Goethe-Bund, Kulturelle Vereinigung unb Volksbilbungsstätte Gießen ber NS.-Gemeinschaft „Kraft burch Freube") am morgigen Sonntag, 12. April, in ber Aula ber Universität einen Lichtbildervortrag über bas Thema „Bei ben deutschen Kolonisten in SüdUnerika" halten.
*♦ Neuinszenierung „Wo die Lerche singt" i m T h e a t e r. In ber morgen stattfinden- ben Neuinszenierung der Lehär-Operette „Wo bie Lerche singt" wirken folgende Mitglieder bes Theaters der Universitätsstadt Gießen mit: Aenne Elys, Gabriele Possinke, Lisel Schröter-Beckers; Heinrich Appel, Ludwig Druschel, Hugo Hellmers-- Hallwegh, Gerd Fritz Ludwig und Ottmar Mayr. Die musikalische Leitung hat Gerhard Hergert, die Inszenierung Franz Payer, Tanzleitung Andreas Volpert, Bühnenbilder Karl Löffler. — In der Neuinszenierung übernimmt Intendant Hans Walter Klein nach der Einberufung von Eberhard Kratz zur Wehrmacht bie Partie bes Török Pal.
Vermeide Doppelbelichfung.eP zwei Aufnahmen übereinander sind auch auf einem ADOX Film nicht schön.
Das rote Halstuch.
Erzählung von Werner Schumann.
Als die Männer, die den Deutschen das Feuer gebracht hatten und das Schwert, noch leibhaftig, über das holprige Pflaster Weimars wandelten, brachte die tägliche Postkutsche manche Berühmtheit in die bescheidene Residenz. Für die Weimarer Hausfrauen unb Köchinnen gab es immer etwas zu sehen und zu beklatschen. Die Jungfer aber, die an einem warmen Septemberabenb am Markte etwas unsicher aus der Kutsche kletterte unb mit ihrer altertümlichen Reisetasche unb allerlei Schachteln sich zu dem Herrn Hofprediger Herder durchzu- fragen begann, zog nur spöttische Blicke auf sich wegen ihres ländlichen Aufzugs. Grell geblümte Kleider waren doch längst unmodern; und wer trug hier einen so komisch wippenden Hut? Das Dirn- chen hatte indessen bald hingesunden zu dem stattlichen Hause des allbekannten Präsidenten und zog klopfenden Herzens an der großen Glocke. Wild wirbelten ihr bie Gebauten durch den Kopf, wenn sie des Auftrags der Mutter gedachte unb bes hochgelehrten Herrn Hofprebigers, auf ben bie Leute in Mohrungen so stolz waren.
Wie sie in der Diele schnell noch bie Frisur ein wenig orbnen wollte, war ber Hausherr, ber durch einen Brief vorbereitet war, auch schon heraus- getreten im langen Schlafrock unb mit einer Tonpfeife im Munde, hatte bie ängstliche Besucherin herzlich an den Händen gefaßt und mit „Ei, ei, Jüngferchen, das ist aber eine rechte Freude!" in fein Studierzimmer gezogen. Hier pflegte sonst der Generalsuperintendent zwischen hohen Bücherbrettern, schwereichenen Schränken unb Geräten auf unb nieber zu penbeln, wenn er seine Predigt an ber Stabtkirche überbuchte. Die Dinge hier waren vollgesogen von Tabaksqualm, und die einst weißen Gardinen längst. gelb geworben. Doch Anna, die nichts von „Cib" wußte unb nichts von den „Aeltesten Urkunden des Menschengeschlechts", nichts von den bahnbrechenden Ideen, die von dieser stillen Gelehrtenklause aus ihren Weg durch die deutschsprechende Welt genommen und die große Bewegung- des deutschen Geistes vorwärtsgetragen hatten, Anna aus dem ostpreußischen Städtchen Mohrungen hatte jetzt nur Augen für bas großflächige, ablernafige Altersgesicht bes berühmten „Onkel Herber", für dessen seidig-graues, über, den Ohren sorgfältig aufgerolltes Haar und die schönen.
tiefdunklen Brauen, unter denen bie immer ent- zünbeten Augen sie liebevoll anblinzten.
„Erzähle mir nun, Anna", drängte er mit mil- ber, tiefer Stimme, als sie zusammen ben Kaffee nahmen, „erzähl mir von ber alten Heimat unb von deinen lieben Eltern." Sie berichtete ohne Zagen, wie ihr ber Mund gewachsen, zunächst von ben Grüßen ber Mutter, von ber üblen Trunksucht bes gewalttätigen Vaters unb wie ber einmal in einem bösen Anfall bie Medaille bes kleinen Johann Gottfrieb, bie bie Mutter über bem Bette wie ein Heiligtum gehütet hatte, unter lästerlichen Reben zertrümmerte. Jnbem bas Mäbchen so aufgeräumt brauflosplauberte, gewahrte Herder mit wachsendem Erstaunen, daß ja bie Tochter ganz bas Ebenbilb ber einst geliebten Mutter sei. Röschen, bie treue Freunbin seiner Mohrunger Jugendjahre, lebte in ihrem Kinde weiter, unb bies zarte unb mwerborbene Geschöpf saß ba wie hingezaubert vor ihm, um seine ach so mißmutige unb zerrissene Seele zurückzurufen auf bie holden Wiesen ber Kinbheit, aerobe jetzt, ba er sich mit ber ganzen Weimarer Gesellschaft, Goethe nicht ausgenommen, so grünblid) überworfen.
Plötzlich nestelte Anna an ihrer Reisetasche, um ein großes, rotes Tuch verschämt lächelnb herauszuziehen unb vor bem verwunberten Alten auszubreiten. „Dieses Halstuch", erklärte Anna, „schickt Ihnen bie Mutter. Sie möchten es bewahren, solange Mohrungen noch in Ihrem Herzen lebt. Viele Jghre lag es neben Mutters Brautschleier in ber Truhe. Nur an ihrem Geburtstag zeigte sie es stolz ben Gästen unb banb es sich wohl auch um. Dann hieß es immer: „Deutschlanb hätte keinen Herber, wenn es uns einst nicht bas Leben gerettet!"
So sprach stockenb unb errötend das Mädchen, und bas Oval seines frischen Gesichtchens wendete sich mit anmutiger Neugier zu bem ergriffenen Manne empor, in besten kranke Augen unversehens Tränen ber Beschämung getreten waren. Sinnenb hielt er bas rote Tuch in ber Hanb. Ein Jugend- erlebnis, unter einem halben Jahrhundert olympischen Daseins begraben, gewann langsam Leben und Macht in ihm, beschwor wieder Röschens liebliches Bild. Unb als wäre Anna nicht bie Tochter, fonbern Röschen selbst unb ihm sinnlich nah, führte er sie mit bebachtsam-schwärmerischen Worten zurück in bie eigene Kinbheit unb mitten hinein in ein benfwürbiges Geschehen. Die Schrecken bes Siebenjährigen Krieges ließ er wieber lebenbig
werden und den Einbruch der Russen in das friedliche Ostpreußen, wo bie Barbaren Stäbte unb Dörfer branbschatzten. Es war unweit des Mohrunger Walbes — er selbst las in einem Buche, unb das Mädchen flocht Kränze für ihren Lockenkopf — als ein Kosak wie aus dem Boden gestampft mit gefällter Lanze geradewegs auf bie ahnungslosen Kinder zusprengte. Da sie nun in blinber Angst davonstürzten, geschah es, daß Röschens rotes Halstuch sich im Winde löste unb vor ben Augen bes Kosakenpferbes flatternb in die Luft flieg. Das Tier scheute, machte einen jähen Seitensprung, warf seinen Reiter in eine Ackerfurche unb jagte bann in langen Sätzen über bie abgemähten Felder.
So erreichten bie flüchtenden, zu Tobe erschrockenen Kinber endlich ben bergenben Walb. Röschen will ihre Mäbchenangst weinenb erlösen, aber ber kleine Gottfrieb tröstete sie, so gut es ging. „Still, Röschen, still! Sonst härt dich ber Kosak. Siehst du, wie er unseren Spuren folgt? Er wütet, weil ihm sein Pferd burchgegangen ist." Unb ber Knabe, ber Beschützer, nahm seine kleine Freunbin entschlossen an bie Hand und eilte mit ihr zu einer hohlen Linde, bie beibe bem Verfolger verbarg. Sie hörten ben Kosaken noch aus bem Dickicht hervorbrechen unb an ber ßinbe vorüberpoltern — bann war ber Spuk vorbei, unb als bie Dämmerung sich senkte, führte Gottfrieb Herber, bes Mohrunger Kantors Sohn, Röschen in bie Stabt zurück, wo eine Kofaken-Dorhut bie Bürger schon völlig durch- einanbergebracht hatte.
„Liebe Mutter", sagte Anna leise, benn nie zuvor hatte man ihr bie Schicksale jenes roten Wundertuches so anschaulich geschildert. Unwillkürlich faltete sie die Hände.
„Gott selbst hatte den Knoten gelöst — sonst wären wir verloren gewesen", sann der ergraute Hofprediger, indem er Annas hübschen Kopf milde in seine Hände nahm, dem erregenden Vorfall nach. In diesem Augenblick fühlte ber ergriffene Mann, ben bie wahrhaft schöpferischen Stunben immer mehr mehr mieben, bie Aeolsharse wieder in sich tönen unb sich langsam zum Gebichte runben, was aus Erinnerung und neu erwachter Liebe fein stockenbes Blut bewegte.
Anfangs gedachte Anna nur einen Tag unb allenfalls noch eine Nacht zu bleiben unb bann weiterzureisen nach Apolba, wo sie Verwandte besuchen wollte. Aber es würbe auf Herbers Bitten unb Drängen boch eine runbe Woche daraus: ein
schmerzlich-seliger Zuftanb für den Alternben, in dessen verbitterte Zurückgezogenheit ein Strahl lange entbehrten Lichts fiel. Herder wünschte dem Ebenbild zu schenken, was er an dem Urbild so unendlich lange Jahre versäumt glaubte. Soviel Herrlichkeiten er auch in den Regionen des Geistes erfahren — seiner müden Seele war die Nähe bes Naturkindes ein köstlicherer Balsam. , Die guten Weimarer verwunberten sich nicht wenig, ihren geistlichen Einsiebler, mit bem längst nicht mehr gut Kirschen essen mar, glücklich lächelnb am Arm jenes unbekannten Landmädchens selbst in ber Loge bes Hoftheaters zu sehen, wo Anna lauter lachte, ausbauernder klatschte und vernehmlicher schluchzte als bie gesittete Gesellschaft, unb „Onkel Herber" ihr zuguterletzt fest versprechen mußte, persönlich nach Mohrungen zu kommen, wenn sie einmal Hochzeit machen würbe.
Friedrich Freksa 60 Jahre alt.
Der auch ben Lesern bes Gießener Anzeigers aus zahlreichen Beiträgen bekannte Schriftsteller Frieb- rich F r e k s a ist in biefen Tagen 60 Jahre alt geworben. Er ist geborener Berliner, zählt aber als Schriftsteller zu ben Münchnern, benn hier hatte er seine ersten Erfolge als Mitarbeiter an „Jugend", „Simplizissimus" unb ben Sübbeutschen Monatsheften unb mit 25 Jahren feine erste Uraufführung mit „Ninon be l'Enclos" am Resibenztheater in München. Doch Berlin gewann ihn für die Zukunft zurück als Theaterbirektor bes Deutschen Theaters mit ber Pantomime „Sumurun". Am Weltkriege nahm Freksa als Freiwilliger teil. Am Ende des Krieges kämpfte er durch feine Kampfzeitschrift „Phosphor" gegen ben Kommunismus unb schrieb ben Roman „Der Wanberer ins Nichts". Die politischen Mißstänbe ber Zeit geißelte er in ber Komäbie „Cäsars Stunbe", in ber die Römer in modernen Gewändern auftraten. Ein besonderes Gebiet Frek- sas waren historische Romane, wie „Freiheit", „Ein Mädchen reift ins Glück". Vor allem aber wirkte er in Berlin mit seinem Buche „Äaufmannsfinber", in dem bie Zeit von 1895 bis 1925 geschildert wirb. 1936 gelang Freksa bie Uraufführung feines Lustspiels „Fiete" in Göttingen. 1940 kam bas Lebens- bilb „Garibalbis" heraus, 1941 eine Biographie von „Ohm Krüger" unb 1942 der Roman „Von gestern bis morgen". Freksa ist jetzt beschäftigt mit ber „Ge^ schichte der Technischen Nothilfe".


