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Nr. 58 Zweiter Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Vberheffen)

Dienstag,(0. Marz M2

(Nachdruck verboten.)

85. Fortsetzung.

Verdunkelungszett:

10. März von 20.16 bis 7.17 Uhr.

Aus der Stadt Gießen.

Oie Postkarte und der Krieg.

Hunderttausende jion Briefen und Karten beför­dert die deutsche Feldpost täglich zwischen Front und Heimat und Front. Mit einer Selbstverständ­lichkeit, wie oft gegenüber gewaltigen Leistungen, nehmen wir es hin, daß trotz des Krieges und aller dadurch bedingten Schwierigkeiten diese in einer Woche in die Millionen gehenden Postsendungen prompt bestellt werden. Wohl die wenigsten von uns werden schon einmal darüber nachgedacht haben, welche ungeheure Organisation und wieviel Kräfte erforderlich sind, um dies uns selbstverftand- kich Erscheinende möglich zu machen. Wir werfen einfach den Brief oder die Karte in den nächsten Briefkasten in der Gewißheit, daß alles andere für uns die Post erledigt.

Und doch ist es erst genau 175 Jahre her, daß Berlin seinen ersten Briefkasten bekam. Im Jahre 1766 ließ ihn der Alte Fritz auf dem Flur des Ber­liner Posthauses aufstellen,zur Gemächlichkeit der Korrespondenten und Fazilitierung deren Korre- spondence", wie es in der damaligen Behörden­sprache hieß. DieKorrespondenzkarte", unsere heu-

Die Schwester der NSV

6itt schöner Beruf unserer jungen Mädchen.

Brüderlein sein."

(Sin Bavaria-Zilm im Gloria-Palast

Der feurige Gfen

Roman von Hans von Hülsen

für dich. Sieh, Marion", setzte er gedämpfter hinzu, den Kopf über das Marmortischchen gegen sie neigend,ich dränge dich nicht. Alles muß dein freier Entschluß sein. Sonst ist es wertlos. So wertlos- wie der unvergeßliche Dresdener Abend sein müßte, wenn du die Wahrheit sprächest, daß du dich damals für mein Stillschweigen verkauft hast. Das ist nicht die Wahrheit, ich glaube das nie und nimmermehr! Ich werde nach einiger Zeit wie­der anfragen ..."

Marion, deren Wangen und Stirn unter dem Pelzbarett glühten vor Zorn? vor Scham?, wollte etwas erwidern: aber Abbeg winkte, schon herrisch den verschlafenen Kellner heran und zahlte.

Nebeneinander gingen sie schweigend durch die Drehtür in den Sturm hinaus.

Wer kam in den ersten Apriltagen für eine Woche nach Lappersdorf? Jenny Metz, genannt Fips. Der alte Fabian stellte bei sich fest, einen solchen Gast habe das Schloß noch nie gesehen.

Dieser Besuch war in Berlin verabredet worden, am Tage, da Jenny Metz durch die Anwesenheit ihrer kleinen, weißblonden Person vor dem Stan­desbeamten die Eheschließung zwischen Fehr und Marion besiegelt hatte. Von Marion war der Vor­schlag ausgegangen, wie natürlich, in der frohen Laune des Hochzeitdiners, und Christian Fehr hatte, obgleich innerlich abwehrend, mit weltmännischer Höflichkeit zugestimmt und, um seine junge Frau zu erfreuen, eine förmliche Einladung daraus ge­macht' für Anfang April, .wenn das Münchener Engagement zu Ende wäre. (Nicht das Engagement am Hidigigei", den er kannte Fips unterhielt seit langem das Publikum einer anderen Schwa- binqer Kleinkunstbühne, namensAllotria", als An­sagerin durch ihre Schüttelreime und grotesken Em- ^Den ganzen Abend vor der Ankunft erzählte Ma- rion begeistert von ihren Schnurren.Jetzt kommt Leben in die Bude!" sagte sie noch, während sie schon mit Fehr zur Bahn fuhr, um die Freundin qbzuholen.

anders gab, sobald sie und Marion allein waren. Dann fiel die komische Maske von ihr ab, dann waren sie Kameradinnen, wie einst, und teilten alles miteinander, wie in der Münchener Zeit. Fips hatte einen schier unerschöpflichen Vorrat von Theater­neuigkeiten, nicht nur aus München, mitgebracht, Klatsch und Wahrheit durcheinander,.wie in einem großen Lumpensack: den schüttete sie in solchen, Stunden vor Marion hin, die begierig darin wühlte und'kramte. Sie saßen stundenlang droben in Ma­rions Zimmer und plauschten, auch Marion hatte ja allerlei erzählen, zu berichten: Berlin und Wer­nigerode, Peterbaude und Dresden ... und das Neueste, das am meisten verwirrte, die Begegnung mit Abbeg in der Stadt.

Die Freundin drohte ihr lächelnd mit dem Fin­ger:Sehr gewagtes Spiel, Marion! Bist du blöd, daß du solch ein Risiko läufst! Das Leben ist nichts, eine Binsenwahrheit, nicht wahr? Aber das Wohl­leben ist etwas ... ist viel ... Und das willst du riskieren?"

Großer Gott, was soll ich denn tun? Er hat mich ja in der Hand. Er weiß ja alles und noch erwas! Er kann mich ja zerdrücken! Ich muß ja am Ende doch tun, was er verlangt, und hier wird das das Ende fein, ich sehe es klar voraus, obwohl ich mich wehre bis zuletzt. Und das Schlimmste dabei ist: id) weiß nicht einmal genau, ob ich ihn nicht doch irgendwie liebe. Weißt du, den ersten wird man innerlich nie ganz los! Und dann, seine Kälte ... diese forsche Männerkälte, die nur an den Ver­stand glaubt, hat für mich etwas Großartigesund Imponierendes, ich kann es nicht leugnen ...

Verstehe ich nicht. Böhmische Wälder für mein Kindergemüt. Aber selbst wenn es so ist, leugne es immerhin! Man muß so vieles vor sich selber leug­nen! Du paßt viel besser in dies Schloß als zu einem forschen Hüttendirektor. Ich sage dir, Marion, es nützt nichts, auf die Dauer nützt es nichts, dein Mann merkt es doch eines Tages, das ist immer so. Für dich wär' es am besten nein, das sag ich

I yicht, das klingt zu totll" (Sortierung Jolgtj

digkeit, schnelle und knappe Mitteilungen vom Feld in die Heimat ober umgekehrt zu befördern. Der Weltkrieg brachte dieselbe Erkenntnis und Damit einen erneuten Aufschwung für die Post­karte.

Auch im jetzigen gewaltigen Ringen haben un­sere Soldaten bei ihrem unaufhaltsamen Vormarsch nur allzu häufig keine Zeit, lange Briefe nach Hause zu schreiben. Sie benutzen darum auch heute mit Vorliebe die seinerzeit von dem späteren Generalpostmeister Stephan erdachte Postkarte, um mit einem kurzen Gruß ihren Lieben daheim mtt- zuteilen, daß es ihnen gut geht. Und für unsere Frauen ist es heute genau so wie in derguten alten Zeit", da jeder Brief ein Ereignis war. Wenn die Postkutfche mit hellem Trara und damp­fenden Pferden angefahren kam, dann ging ein erwartungsvoller Schauer durch die Herzen jener, die Briefe erwarteten» Heute ist an die Stelle der Postkutsche der Briefträger ober die Brief­trägerin getreten, und der Brief wird in vielen tausend Fällen täglich durch die Feldpvstkarte von der Front ersetzt.

Kür Tapferkeit Var öem Keinöe.

Der Obergefreite Heinrich Schuchmann aus Groß-Eichen wurde für Tapferkeit vor dem Femde bei den schweren Kämpfen im Osten mit dem Eiser­nen Kreuz II. Klasse ausgezeichnet._________________

,Hier hört uns niemand, unbesorgt, diese Kapelle übertönt selbst die Posaunen des Jüngsten Gerichts! Und du kannst es spielend so einrichten, daß dich niemand sieht, wenn du kommst. Verstehst dich ,a darauf, hast dich ja damals darauf verstanden! Marion, alle Ironie beiseite: ich will gern vor der Welt und besonders vor dem Herrn Gemahl das Theater weiterspielen, dir zuliebe. Aber Zwischen uns beiden muß Klarheit fein da hilft nichts.

Klarheit", sagte Marion, und ihre Augen funkelten döse:Das nennen Sie Klarheit, Abbeg? Eine traurige Klarheit ...Ich dachte, ich hätte da­mals in Dresden Klarheit für immer geschaffen, ich hätte mir Ihre Rücksicht erkauft! Und nur weil ich es so auffaßte ... und mich darauf verließ, daß auch Sie es so auffatzten ..nur darum ließ ich Sie in mein Haus kommen ..."

Dein Haus, Marion!" Abbeg stieß die Luft ge­ringschätzig durch die Nase.Wie schön das Hingt! Ein durchaus neuer Ton in unseren alten Be­ziehungen! Sag doch lieber: dein Schloß! Ich will dir offen sagen, Marion, ich glaube viel eher, du hast dir das Schloß erkauft ung deinen eigenen Ausdruck zu gebrauchen. Was, meinst du, liegt nur daran, dein Haus zu betreten? Gar nichts! Daß ich es überhaupt tue, gehört nur zu besagtem Theater. Ich will dich! Denn du gehörst zu mir, du gehörst mir viel länger als sonst jemand, von deinem Mann ganz zu schweigen! Und ich bin, glaub' ich, wirklich sehr großzügig, wenn ich mich damit abfinde, daß du dir den Schloßherrn sozusagen zur linken Hand angetraust hast. Meinetwegen? Aber du du mußt wissen, wohin du gehörst von Anbeginn. In Dres- de wußtest du es. Vergiß es nie, es wäre nicht gut

Lebensmittel-Zusah- und Zulagetarten bei Arbeitsunterbrechung.

Die Zulage- und Zusatzkarten für Lebensmittel, die im Zusammenhang mit dem Arbeitsplatz ge* währt werden, sind zurückzugeben ober einzuziehen, wenn die Voraussetzungen weggefallen sind. Da von den einzelnen Ernährungsämtern die hierzu er­gangenen Vorschriften bisher unterschiedlich gehand­habt wurden, hat der Reichsernährungsminister jetzt bestimmt, daß nach folgenden Gesichtspunkten einheitlich im ganzen Reichsgebiet zu verfahren ist: Bei einer Arbeitsunterbrechung bis zu sieben Ar­beitstagen sind die Zulage- und Zusatzkarten weder einzuziehen noch zurückzugeben. Bei Arbeitsunter­brechung von mehr als sieben Arbeitstagen gilt folgendes: 1. Für die Woche, in der die ztrbeits- Unterbrechung eintritt, sind die Karten weder ein« zuziehen noch zurückzugeben, und zwar auch dann nicht, wenn die Arbeitsunterbrechung bereits am Montag der betreffenden Woche eintritt. 2. Für eins Woche, auf die kein abgeleisteter Arbeitstag entfällt, sind die Karten einzubehalten, es sei denn, daß sie gemäß Ziffer 1 zu belassen sind. 3. Für die Woche, in der die Arbeit wieder angetreten wird, sind die Kqrten dann auszuhändigen, wenn auf die Woche, in der die Arbeitsunterbrechung eintrat, und auf die Woche, in der die Arbeit wieder angetreten wird, zusammen wenigstens sechs abgeleistete Arbeitstage entfallen. Etwaige gebietliche Sonderregelungen die­ser Materie sind mit sofortiger Wirkung aufzuheben. Anträge auf Bewilligung von Ausnahmeregelungen sind aussichtslos.

Kneger-Kameradfchast 1874.

Die Kriegskameradschaft 1874 hielt am Samstag­nachmittag imBurghof" ihren Jahreshauptappell ab. Kameradschaftsführer Döhn gedachte zunächst alles für Großdeutschland Gefallenen und der im letzten Jahr verstorbenen Kameraden; sein Gruß galt dem Führer und seinen tapferen Soldaten. Aus dem vom Schriftführer Kam. Saum er­statteten Jahresbericht war zu entnehmen, daß die Kameradschaft auch im Berichtsjahre einsatzfreudig ihre Pflicht erfüllte. AmTag der Wehrmacht trug sie durch ein sehr gutes Sammelergebms zum z Gelingen bet. Den Kameraden im Felde wurden Päckchen gesandt. Im Fechtwesen war sie sehr rührig. Kameradschaftspfleaer Trümpert machte auf die Haushaltsschule des Reichskriegerbundes aufmerksam und berichtete über die Kinderheime. Der Schießwart Kam. Merlau gab die Ergebnisse des Schießwesens bekannt. Erfreulich war die rege Beteiligung der Kameraden über -70 Jahre. Im Wettkampfschießen errang die 2. Gruppe der Kame­radschaft den B.-Wanderpreis. Zahlreiche Kame­raden wurden für besondere Schießleistllngen mit Auszeichnungen bedacht. In seiner Eigenschaft als stellvertretenden Kreisschießwart erstattete Kam. Merlau Bericht über die jüngste Tagung der Kreis- schießwarte, in der die Bedingungen für die Schieß­übungen 1942 bekanntgegeben wurden. Das Kreis- Wettkampffchießen findet am 13. Juli, der Ausschei» dungskampf am 3. August statt. Nachdem der Rech­ner Kam. Hugo Hartmann den Kassenbericht erstattet und über das Fechtwesen gesprochen hatte, dankte Kameradschaftsführer D ö h n allen Mitarbei­tern und erteilte ihnen Entlastung. Eine Reihe verdienter Mitarbeiter wurde durch die lieber» reichung von Auszeichnungen geehrt. Der stellv. Kameradschaftsführer Wagner nahm die Ehrung der Schützen vor und dankte Kamerad Döhn für seine Mühewaltung. Zum Abschluß wurde ein Film von der Kriegsmarine vorgeführt. \

Roivieh-Absahveranstaltung in Gießen

Eine der erfolgreichsten Absatzveranstaltungsn von, Rotviehtieren fand am 6. März in Gießen statt. Der 1 Auftrieb betrug 46 Bullen und 13 tragende Färsen aus den Rotviehzuchtverbänden Hessen-Nassaus und

Kurhessens. Auf der Sonderkörung wurden 39 Bul­len gekört, während 8 nicht gekört bzw. zurückge- 1 stellt wurden. Die Einteilung in Zuchtwertklassen ergab für die Kl. II 7, Kl. III 24 und Kl. IV 8 Bul- ! len. Von den weiblichen Tieren wurden 7 der Wert» ' klasse II und 6 der Wertklasse III ^geteilt

In der II. Bullenklasse standen 3 hervorragende > Spitzentiere, Züchter Wilh. Müller Wwe., Gr.-Rech- tenbach (Kr. Wetzlar), Karl Weishaupt, Bromskir» t chen (Kr. Frankenberg) und Versuchsgut Selgenhof i (Oberhessen) Hum Verkauf. Diese hochgezüchteten I Rotviehbullen gingen zu den höchsten Tagespreisen sämtlich an den Bullenhaltungsverband des Kreises

Wetzlar über, der damit wiederum, wie schon oft, das Spitzenmaterial der Ausstellung erwarb. Die

tige Postkarte, wurde noch viel spätererfunden". Als der Geheime Postrat Stephan anno 1865 an feinem Schreibtisch saß und mit einem Gemisch von Wut und gelinder Verzweiflung auf einen Berg von Briefen sah, grübelte er darüber nach, wie man es den Leuten beibringen könnte, sich kurz zu fassen. Dabei kam ihm der erleuchtende Gedanke, daß man an die Sparsamkeit der eifrigen Briesschreiber appellieren müsse. Man müßte so grübelte der erfinderische Geheime Postrat weiter- auf eine kleine Karte bei ermäßigtem Porto eine kurze, durch den zur Verfügung stehenden Raum zwangsläufig und im Umfang begrenzte Nachricht schreiben kön­nen. Womit die erste Postkarteerfunden" war! Immerhin bauerte- es noch bis zum 25. Juni 1870, bis in Berlin die ersten Postkarten ausgegeben werden konnten. Die Berliner waren aber auch damals schonimmer vorneweg" und kauften gleich am ersten Tag der Ausgabe über 45.000 Stück!

Doch man lebte damals noch in den Ausklängen der Biedermeierzeit und legte Wert auf einen schönen Brief mit hübschen Redewendungen und allem möglichen Beiwerk. Man hatte eine Vorliebe für Äußerlichkeiten und langschweifige Ausführun­gen, ja, es galt nicht alsgesellschaftlich vornehm und anständig", jemandem auf einem offenen Blatt Papier etwas mitzuteilen. Die Postkarte wäre darum trotz des ermäßigten Portos wahrscheinlich noch lange nicht allgemein in Gebrauch gekommen, wenn nicht und das ist für unsere heutige Zett gerade besonders interessant ein äußerer Um­stand ihren ungeheuren Wert Har hätte in Erschei­nung treten lassen. Dieser Umstand war der Krieg von 1870/71 und die durch ihn bedingte Notwen-

"Uebrigens prallten sie, als sie t^s Bahnhofsge­bäude betraten, mit Ulla zusammen. Fehr stutzte einen Augenblick, bann nahm er ben Hut ab. Ulla nickte mit dem Kopf und ging vorüber, hinaus, zu ihrem Wagen ... Das Ganze verlief so blitzschnell, baß Marion, einen Schritt vor Fehr, es gar nicht bemerkte.

Und wirklich, Fips erfüllte von nun an bas weit­räumige Schloß mit einer lauten Fröhlichkeit. So­viel war hier feit langem nicht gelacht worden! Selbst Christian Fehr, der gute Laune ein wenig vortäuschen mußte, weil die Begegnung mit ferner Tochter noch schmerzhaft in ihm nach klang, lachte immer wieder hell auf, wenn die Kleine ihr Feuer­werk abbrannte. Er hatte so einen akrobatisch ver­anlagten'Kopf noch nie erlebt höchstens einmal, von fern, minutenlang auf der Bühne eines Kaba­retts verwundert betrachtet, aber noch nie in der Alltagsnähe' erlebt. Ihn amüsierte diese Fähigkeit zum- geistigen Purzelbaumschießen, zum Spiel der Worte. Er kam sich am ersten Abend vor, als wären nicht die Einfälle und Worte, als wäre er selbst es, der umhergewirbelt würde von diesem behenden Köpfchen, wenn eine neue Petarde des dauernden Feuerwerks explodierte. Eine Boheme- Natur durch und durch, die von Anfang an nicht eine Sekunde verhehlte, daß der Lappersdorfer Lebensstil und Marion inmitten dieses Lebens­stils sie nur zur Parodie reizte. Und wahrhaftig, wie sie beim ersten Mittagessen am runden Tisch saß, das Mundtuch über die Knie breitete, sich von Fabian die- Speisen reichen, von Fehr den Wein einschenken- ließ und zu alledem mit ein wenig hoch­mütig geschürzter Lippe sprach, das war Parodie, über die beide, Marion und ihr Mann, herzlich lachen mußten. Auch als sie nachher im Gartensalon den schwarzen Kaffee tranken, hatte sie eine Art, ehrfürchtig und zugleich kokett-verliebt zu ben Ahnenbildern aufzuschauen, die unwiderstehlich ko­misch war. Fehr lachte wie ein Junge.

Er wußte nicht, daß alles dies ein wenig auf ihn berechnet und zugefchnitten war, daß Fips sich ganz

Kinderpflege und die nachgehende Fürsoras, b. h. die Betreuung der Säuglinge innerhalb der Familie im Rahmen der NSV.-Arbeit. Jedes junge Mädchen, das ben Schwesternberuf ergreift, findet also ein weites Feld, auf dem sie ganz ihren Fähigkeiten und Neigungen entsprechend tätig sein kann.

Das Mindestalter für ben Beginn ber eigentlichen Berussausbilbung ist 18 Jahre. Was tut nun die angehende Schwesternschülerin, um die Zeit'bis da­hin zu überbrücken, wenn sie mit 15 ober 16 Jahren aus der Schule entlassen wird? Auch bafür hat die NSV. in vorbildlicher Weise gesorgt. Als Dor- schülerin der NSV. wird ihr Gelegenheit geboten, diese Jahre nutzbringend auszufüllen und sich gleich­zeitig umfassende Kenntnisse in ber Haushaltspflege und Kinderbetreuung anzueignen, was ihr für ihren künftigen Beruf zustatten kommt. Denn auch eine Operationsschwester ober gar Oberin muß wissen, wie man einen Fußboden scheuert, und vor allem, wie man ein schmackhaftes und bekömmliches Essen zubereitet. Dabei erhält die Vorschülerin schon ein Taschengeld von 5 bis 20 RM. monatlich, je nach Alter und Vorbildung.

So wird aus dem eben schulentlassenen jungen Mädchen allmählich die gefestigte Persönlichkeit, als die wir die Schwester der NSV. kennen. Stolz trägt sie ihr braunes oder blaues Kleid und ist immer bereit, sich einzusetzen, wo immer ihr Ein» satz im Interesse des Ganzen gefordert wird.

Mädel aus dem Gau Hessen-Nassau, die am Schwesterndienst Interesse haben, wenden sich an das Amt für Dolkswohlfahrt ber Gauleitung Hessen-Nassau, Darmstabt, Steubenplatz 17, wo sie nähere Auskunft erhalten.

NSG. Es gibt wohl kaum einen Beruf, für ein junges Mädchen, ber so vollkommen befriedigt, so tief beglückt, wie der Berus einer Schwester der NSV. Enthält er doch alles, was den natürlichen Fähigkeiten einer Frau entspricht. An keinem an­deren Platz vermag sie so restlos ihr ganzes Frauen­tum zu entfalten, zu helfen, zu tröffen und zu lindern. Und wer zeigte sich auch dankbarer, emp­fänglicher für ben kleinsten Dienst als die kinder­reiche Mutter, die Frau auf dem Lande, die Kranke?

Freilich, es ist ein Beruf, ber ben ganzen Men­schen verlangt, und bei dem es auch manchmal gilt, das eigene Ich zurückzustellen. Wer warum leuch­ten trotzdem die Augen der Schwester, klingt ihr Lachen so fröhlich, hat sie zu jeder Zeit ein auf» munterndes Wort auf den Lippen? Aus ihr spricht 'eben die tiefe Liebe zum gewählten Beruf.

Schwester, kommen Sie!"Schwester, helfen Sie!" Schwester! Unendlich viel Vertrauen liegt in diesem Wort. Es ist, als schwände im Augen­blick, da die Schwester an das Krankenlager tritt, schon ein Teil ber Not. Es wäre aber verfehlt, zu glauben, daß sich die Arbeit einer Schwester der NSV. in der Pflege von Kranken erschöpft. Nein! Es gibt kein Gebiet des völkifchen Lebens, bas die NSV. nicht sorgend umfaßt. Und überall, wo die NSV. eingreift, ha trifft man auch die Schwestern der NSV., die Braune sowohl wie die Blaue. Die NSV. hat nämlich zwei Schwesternorganisationen, die NS.-Schwesternschaft und ben Reichsbund ber Freien Schwestern und Pflegerinnen. Während die Ersteren, die sogenanntenbraunen" Schwestern, hauptsächlich in der Gemeindepflege eingesetzt wer­den, ist bas Gebiet der Letzteren, ber Blauen Schwestern, die eigenttiche Kranken-, Säuglings- und

Ferdinand Raimund, eigentlich Raimann, als Sohn eines Drechslermeisters 1790 in Wien geboren, entläuft als junger Mensch, von unbezwinglichem Drang zum Theaterspielen getrieben, ber Zucker­bäckerlehre, versucht sich als Schauspieler an allerlei kleinen Bühnen, hat in seiner Vaterstadt den ersten Erfolg, wird als Komiker und Volksstückschreiber bald fo etwas wie ber Wiener Moliere und endet chon 1836, nach tagelangem, qualvollem Leiden, durch einen Schuß von eigener Hand: ein hochbegab­ter, dichterischer Mensch, Schöpfer des altösterreichi- chen, volkstümlichen, märchenhaften Zauber- und Feenstücks; aber in unglücklicher Ehe lebend, emp- indlich und ganz dem Wiener Vorstadtpublikum ausgeliefert, dem er benWurstl" machen muß, während sein Ehrgeiz (obwohl von Grillparzer ge­warnt, ber seine eigentümliche und unnachahmliche Begabung richtig einschätzte) anfangs auf das große", hochdeutsche, womöglich tragische Drama zielt. So gibt auch Raimunds Dichten und Trachten ein Beispiel für jene oft berufene Disproportion des künstlerischen Menschen zum Leben; Wilhelm Schä- . er erzählt in seinemWendekreis neuer Anekdoten" von ihm die feine, kleine GeschichteDer falsche Patient", worin das lebenslängliche Mißverhältnis Raimunds und die heillose Melancholie feines Wesens auf eine menschlich wie dichterisch unwider­legliche Weise gedeutet werden.

Die Geschichte dieses Mannes in einem breiteren Rahmen darzustellen, müßte freilich die Aufgabe eines einfühlenden Romanciers sein; immerhin darf von dem Wien-Film ber Bavaria, zu dem Otto Emmerich Groh und ber Spielleiter Hans Th i - m i g das Buch schrieben, gesagt werden, baß er sich wenigstens nicht ausschließlich dem in derartigen (nicht seltenen) Fällen beliebten Rezept ,Drei Frauen um Raimund" überließ, sondern sich be­strebte, etwas von ber Umwelt des biedermeierlichen Wien, auch von Raimunds schwermütig beschattetem Wesen empfinden zu lassen. Daß die unglücklichen Liebesgeschichten (mit dem Skandal um die da­mals hochberühmte Therese Kranes im Mittelpunkt) dennoch ben breitesten Raum einnehmen, liegt in der Natur der Sache wie im traditionellen Stil der Filme dieses Stosskreises; baß bie Kamera dem eigentlichen Thema Raimund nur andeutungsweise nahekommen konyte, wird der einsichtige Beschauer

selbst empfinden und immerhin für die knappen Szenen dankbar fein, in welchen Phantasie und Stimme des Dichters selbst am unmittelbarsten und persönlichsten zu uns sprechen: in jener vor allem, bie, auch musikalisch, das Leitmotiv und den Namen für bas Ganze hergab, wo die Krones alsJugend" dasBrüderlein fein" aus demBauer als Millio­när" singt. Das nicht minder bekannte und beliebte Hobellied aus dem,/Verschwender" bildet beziehungs- voll ben Abgesang. Im übrigen wirkt ber Schluß des Films ein wenig unvermittelt und unentschieden, auch wenn er mit gutem Grunde darauf verzichtet, dem Besucher bas traurige und disharmonische Ende Raimunds in Erinnerung zu rufen; nur ein ein­ziges Heines Bild wirkt wie eine vorweggenom­mene Anspielung.

*

Hans Thimig, bas jüngste Mitglied ber bekann- ten Schauspielerfamilie, inszenierte den Film mit empfindlichem Gefühl für das spezifisch Oester- reichische, bas eigentlich Komödiantische ber Fabel unb ein wenig auch für bie besondere Wesens­mischung Raimunds. Der ältere Bruder Hermann gibt mit schöner Wärme den guten, verläßlichen Freund und Kollegen des Dichters, Ignaz Schuster. Raimund selbst ist Hans Holt, in einer bestechen­den Maske und auch sonst in Wort und Gebärde so, wie man ihn sich in einer flüchtigen Bilderfolge (das Wesentliche aus eigener Phantasie und Er­innerung ergänzend) oorftellen mag. Marte H a - r e II als Therese Krones, bie in einem früheren Film von Martha Eggert gesungen würbe, gibt den zarten Umriß einer sehr umworbenen, lungenkrank vergehenden Theaterschönheit; dasBrüderlein fein", eine der stimmungsreichsten Szenen, singt sie reizend. Winnie Markus spielt bie rührende Fi­gur der Toni Wagner, Jane Tilden mit wiene­risch zwitschernder Beweglichkeit bie leichtfertige Luise- Gleich. Sehr fein und verständnisvoll macht Hörbiger denHerrn von Grillparzer". Fred L i e w e h r als Jaroszinsky unb Wilhelm Heim als ber alte Gleich. Alexander Steinbrecher schrieb bie Musik; an der Kamera stand Hans Schneeberger. Die schönste Wirkung des Films: wenn er den Besucher, über den flüchtigen Bild- und Gehörseinbruck hinaus, bazu anregte, die vermutlich ohnehin nur lockere Bekanntschaft mit Raimund selbst zu erneuern. Hans Thyriot