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Oie Kapitulation von Java.

Tokio, 9. März. (DNB.) Die japanischen Streit­kräfte, die gegen die Hauptmacht des Feindes in der Umgebung von Surabana und Bandung operierten, zwangen die feindlichen Streitkräfte, die 93 000 Mann holländischer und 5000 Mann australischer, britischer und amerika­nischer Truppen umfassen, am 9. März um 15 Uhr (8 Uhr MEZ.) zur bedingungslosen Kapi­tulation.

Die Kapitulation erfolgte innerhalb von neun Tagen seit der Landung japanischer Truppen. In den frühesten Morgenstunden des 1. März waren stärkere japanische Einheiten im Gebiet der Ban­tam-Bucht, nordwestlich von Batavia und bei Kap Jndramaju, etwa 150 Kilometer von Batavia gelandet. Im Osten Javas gelang es ja­panischen Streitkräften, im Angesicht des Feindes bei R e m b a n g , nordwestlich von Suvabayü, an Land zu gehen. Schon am 2. März eroberten die Japaner den Flugplatz Kalidjkai südwestlich von Batavia. Don diesem Zeitpunkt an übten die Japaner über dem gesamten Gebiet von West-Java die fast uneingeschränkte Luftherrschaft aus. Gleich­zeitig zogen die japanischen Truppen in der dor­tigen Gegend, unterstützt von Panzerabteilungen und Luftwaffe/den Einkreisungsring immer enger. Die Folge war die am 7. März, abends, vom Geg­ner angebotene Uebergabe. Zur gleichen Zeit wurde auch bei Surabaya der Gegner systematisch ein- gekcsselt. Schließlich stand er der Gefahr einer völligen Vernichtung gegenüber. Deshalb zogen es auch im Abschnitt Surabaya die niederländischen

Nach Australien geflüchtet.

Schanghais.März. (Europapveß.) Nach Mel­dungen aus Australien ist der stellvertretende Gou­verneur von Niederländisch-Indien, van M o o k, mit 14 Angehörigen seiner 'Regierung aus Bandung ^flüchtet und im Flugzeug in der südaustralischen Stadt Adelaide eingetroffen. Van Mook erklärte bei seiner Ankunft, unter der holländischen Bevöl­kerung von Java herrsche B i t t e r k e i t u n d Ent­täuschung darüber, daß die USA. und Groß­britannien den kämpfenden Holländern keine wertvolle Hilfe gegeben haben. Die Hollän- der hätten mehr Hilfe erwartet als ankam. Diese Hilfe sei zu gering gewesen und sei zu spät ge­kommen.

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Der eigentliche Generalgouverneur in Batavia war nicht van Mook, sondern Jonkheer Tjarda van Starkenborgh-Stachouwer, der von der Exkönigin Wilhelmine nur deshalb zum Gouverneur gemacht wurde, weil er durch seine Frau wertvolle Beziehungen zu Roosevelt hatte, denn seine Frau ist eine geborene Marburg aus Boston, deren Vater einst USA.-Gesandter in Brüssel war. Dr. van Mook, der 1894 in Samarong auf Java geboren wurde, hat seinen letzten Schliff auf der Stanford University in Kalifornien er­halten- 1918 wurde er von linksliberalen Elementen in den Volksraad von Jnfulinde gewählt, nachdem er Ueberwacher des Sultans .von Dokiakarta ge­wesen war, bald wurde er eine der einflußreichsten Persönlichkeiten Niederländisch Jnsulindes. Er brachte schon im Jahre 1940 die Verhandlungen mit dem japanischen Handelsminister Jchizo Katayashi zum Scheitern. Japan schickte, um alle friedlichen Möglichkeiten zu erschöpfen, im Vorjahre den Bot-

Sorgenvolle Betrachtungen in London.

Streitkräfte vor, dem japanischen Oberkommando die Uebergabe anzubieten.

Ueber den Rundfunksender Kalidjati gab der nie­derländisch-indische Gouverneur von Starken- bourgh-Stachouw^er nach Beendigung der Kapitulationsverhandlungen am Montagmorgen den Befehl än die gesamten auf Java kämpfenden alli­ierten Truppen, den Widerstand am Montagmorgen um 10 Uhr einzustellen. Nach dem Angebot der niederländisch-indischen Truppen in Bandung, die Feindseligkeiten einstellen zu wollen, war der Ober­befehlshaber der japanischen Streitkräfte auf Java, Generalleutnant Hitoshi Jmamura, mit dem niederländisch-indischen Generalgouoerneur von Starkenbourgh-Stachouw-^r zusammen­getroffen und hatte ihm erklärt, daß lediglich eine bedingungslose Kapitulation der alliierten Truppen in Frage käme. Nachdem Starkenbourgh-Stachouwer zunächst für die im Bandung-Abschnitt kämpfenden Truppen annehmen wollte, entschloß er sich, nach einem Hinweis des japanischen Befehlshabers, daß der Kampf weitergehen würde, falls nicht die ge­samten auf Java kämpfenden alliierten Streitkräfte die Waffen streckten, zur Annahme der Kapitulation für Montag vormittag um 10 Uhr. Generalleutnant Hitoshi Jmamura, der Sieger von Java, ist 55 Jahre alt und war früher im Gene^alstab tätig, dann stellvertretender Stabschef der Kwantung- armee. Er brachte auch längere Zeit in England und Indien zu. Als militärischer Oberbefehlshaber wird er gleichzeitig die Rechte des Generalgouver- neurs ausüben.

schafter Poshizawa zu van Mook, aber auch diese Verhandlungen blieben ergebnislos.

van Mook suchte nun Hilfe in Washington und London, im Januar 1942 war er selbst nach Wa­shington geflogen, um Roosevelts Unterstützung zu erbitten, nachdem er bereits die Truppen seines Kolonialreiches trotz aller japanischen Warnungen in den Kampf geführt und die in Niederländisch- Jnsulinde stationierten Kriegsschiffe und U-Boote am Kampf gegen die Japaner hatte teilnehmen lassen. Roosevelt, unter dem Eindruck der Nieder­lage bei Pearl Harbour und des Verlustes der Philippinen, gab hinhaltende Redensarten, und nur Australien erklärte, während Churchill sich aus- schwieg, es sei bereit,Niederländisch-Jndien als seine Schlachtfront anzusehen." Trotzdem sagte noch am 5. März van Mook in Bandung, wohin er sich bereits damals von Batavia aus geflüchtet hatte: Es ist Nicht wahr, daß uns unsere Alliierten ver­lassen haben. Es befinden sich amerikanische, austra­lische und britische Truppen in unserem Land, die genau so tapfer kämpfen wie unsere eigenen Leute. Unsere Haüptstellungen wurden zwar vom Nor­den au£ angegriffen, im Osten ist Surabaya be­droht, aber der Endsieg wird auf unserer Seite sein. Jeder Tag, den wir durchhalten, bringt uns näher zum Sieg." Es war Schwindel. Die Engländer hatten Java aufgegeben, Roosevelt konnte nicht hel­fen. Die Truppen, die van Mook zur Verfügung stayden, wurden so schnell geschlagen, daß jählings alle seine Hoffnungen zusammenbrachen. Er flüch- tete, aber die Geschichte wird einst über ihn urtei­len, daß er in beispielloser Verkennung der Dinge Niederländisch-Jndien für das holländische Volk ver­spielt hat. ,

Loslösungsprozeß der Niederlande aus dem gemein-1 deutschen Bereich verschärfte sich. Der Westfälische Friede von Münster und Osnavrück besiegelte mit der Anerkennung der niederländischen Unabhängig­keit und Souveränität diese schicksalhafte Entwick­lung.

Die Niä)erländer waren damals die reichste Na­tion Europas. Der Dreißigjährige Krieg hatte alle freien Gelder, deren Besitzer um ihre Sicherheit bangten, nach den Niederlanden getrieben. Sie suchten dort Anlage um jeden Preis. Der Uebersee- handel erfuhr die gewaltigsten Auftriebe. In dieser Atmosphäre entwickelte sich die berüchtigteTulpen­spekulation", die kurz vor dem Ende des Dreißig­jährigen Krieges in denTulpenkrach" auslief. Tul­pen waren Spekulationsobjekte geworden. Einzelne Tulpenzwiebeln hatten Preise von 10 000 und 15 000 Gulden erreicht.

Aber ein anderes größeres Ereignis beendete die vorherrschende Stellung Hollands auf den Welt­meeren. Aus den Wirren der ersten englischen Re­volution erhob sich die große Gestalt des Lordpro­tektors Oliver Cromwell. Mit der Navigations­akte von 1651 traf er den holländischen Zwischen­handel und damit die wirtschaftliche Machtstellung Hollands schwer. Kurz darauf brach der erste eng­lisch-holländische Krieg um die Seegewalt aus. Die holländischen Flotten unter T r o m p und d e Ruyter fochten glorreich und siegten über eine englische Flotte im Unterlauf der Themse knapp unterhalb von London. Aber ... Holland verlor den Krieg. Cromwell war ein staatspolitisches Genie: zu gleicher Zeit hatten die holländischen Kaufleute (gegenüber den mehr militärisch und staatlich den­kenden Oraniern) die Herrschaft an sich gerissen, die unter dem StichwortKrämerpolitik" berüchtigt wurde.

Es war ein Glück für Holland, daß Cromwell bald danach starb. Aehnlich wie Holland war das aufkommende England selbst eine See- und Han­delsmacht und hatte nicht viel Lust zu Landkriegen. England und Holland hatten außerdem erst Spa­nien, dann das unter Ludwig XIV. mächtig auf­kommende Frankreich zu sehr gefährlichen Gegnern. So kam es, daß beide Mächtezusammenlegten". Inzwischen waren in Holland die Dränier wieder zur Herrschaft gelangt. Wilhelm IIL, von 1672 bis 1702 Statthalter der Niederlande, bestieg nach der zweiten englischen Revolution den englischen Königs­thron. Der Kampf gegen das Frankreich des Son­nenkönigs stand auf seinem Höhepunkt. Wil­helm III. legte den Grund für die englisch-hollän­dische Zusammenarbeit. Sie dauerte mit Unter­brechungen, in denen sich England Südafrikas, und Ceylons bemächtigte, bis ... auf unseren heu­tigen Tag.

Alle Menschen und alle Völker erleben es, daß ihre eigene Vergangenheit eine dauernde Gewalt wird, daß sie sich verselbständigt, daß sie zu einer gefährlichen Windung wird, daß die Vergangenheit die Gegenwart beherrscht und wenn man will mißhandelt. Nur große Menschen können über diesen Konflikt zwischen der Gegenwart und der Vergangen­heit hinwegkommen: nur Menschen, die die Kraft haben, über den eigenen Schatten zu springen. Die letzte holländische Königin aus dem Haufe Dränten, Wilhelmine, hatte den Ruhm, die reichste Fürstin unserer Zeit auf dieser Erde zu fein, aber ihr Reichtum wurde zur goldenen Kette, die sie an London und Washington band, zum verhängnis­vollen Schleier, der ihren Blick blind für die Gegen­wart und die Zukunft machte. Sie gehört in das Kapitel der Krämerpolitik, die einen Tromp und de Ruyter scheitern ließ. An dem holländischen Volk hat sich eine Tragödie erfüllt. Der Eigentums­zusammenbruch, den Holland heute erlebt, hat sein Gegenstück in der deutschen Inflation. Aber das ist nicht das Wichtigste. Solange die Kraft zu einem tätigen Leben nicht geschwunden ist, kann noch am Grabe des Reichtums das Fähnlein der Hoffnung aufgezogen werden, kann geschwundener Reichtum Kraft werden. Die Holländer sind eine tüchtige Rasse. Die Krämerpolitik ist nicht das letzte Wort. In dem Augenblick, in dem sie mit lautem Krachen zusammenbricht, erhebt sich schon die Seele des hol­ländischen Volkes.

Nur eins ist notwendig: daß die Vergangenheit Vergangenheit ist, daß das Gestorbene als tot empfunden wird. Dann hat die Gegenwart ihr Recht, dann bleibt für die Hoffnung auf die Zu­kunft der Raum, den das Leben verlangt. Dr. Ho.

Stockholm, 9. März. (Europapreh.) Ueber die Gefahren, die der alliierten Schiffahrt jetzt drohen, berichtet der Korrespondent derTimes", der aus Siügapur nach Java und von dort nach Australien flüchten mußte. Er schreibt, die Gewässer zwischen Java und Australien seien jetzt ebenso gefährdet wie der Atlantik feit Anfang des Krieges. Von Singapur f^ien nur 65 Kilometer bis nach holländischem Gebiet zurückzulegen ge­wesen. Aber von Java nach Australien seien es *1300 Kilometer über offenes Meer, auf dem japanische Kriegsschiffe nahezu ungehindert tätig seien. Am Abend vor feiner Abreise aus Java sei ein englisches Schiff von Java abgegangen und in 150 Kilometer- Entfernung vom Land t o r p e b i e-r t

worden. Weiter sei ein amerikanischer Flugzeug­träger, der wichtige Flugzeugverstärkungen von Australien nach Java bringen sollte, in den gleichen Gewässern von den Japanern torpediert worden.

Daily-Expreß" schreibt, nun beginnt die Schlacht der sieben Weltmeere. Die Schläge, die von den Japanern gegen britische Be­sitzungen in Uebersee, gegen holländisches und ame­rikanisches Gebiet ausgeteilt wurden, werden in je­dem englischen Hause gespürt, als wäre Batavia Birmingham und Port Darwin Aberdeen. Wir dürfen uns nicht mit dem Gedanken trösten, daß es uns heute schlecht, morgen aber dafür guigehen wird. Wir müssen jetzt planen, angreifen und sie­gen. Wir können aber gegen die Japaner keinen

TKrieg führen,wenn wir keine großen Schieß und Flugzeugträger haben, da uns die Stützpunkte fehlen, um sie mit Flugzeugen anzuareifen. Großadmiral Lord Chatfield fragte vor kurzem im Oberhaus, was aus den sieben Schlachtschiffen und 5 Flugzeugträgern geworden sei, deren Kiellegung vor 3Vr Jahren stattfand. W o sind die anderen Schlachtschiffe, die im Jahre 1939 in Auftrag gegeben wurden? Ob es uns paßt oder nicht, wir müssen den Tatsachen ins Ge­sicht sehen, da die japanischen Eroberungen durch eine Flotte von Schlachtschiffen ermöglicht wurde, die wir nie gesehen haben und von der wir wenig wissen. Wir können nichts gegen sie unternehmen, bevor unsere eigene Flotte und die der Vereinigten Staaten fertig sind.

Im Londoner Nachrichtendienst sagte Robert Johnston:Was die Japaner in kurzen 13 Wochen erreicht haben, ist genau so erstaunlich wie verwir­rend. In weniger als 100 Tagen hat Japan tatsäch­lich e i n E m p i r e erobert. Diese Tatsachen sind unerfreulich. Die Lage ist zweifellos kritisch. Wir müssen die Tatsache anerkennen, daß die vereinigten Nationen einen schweren Rückschlag erlitten haben und daß in unsere Defensive eine Bresche geschlagen wurde. Wir erkennen, daß das Geheimnis von Japans Erfolg in seiner See­macht liegt. Die Geschwindigkeit des japanischen Angriffs verschaffte den Japanern eine Seeüber­legenheit, welche sie in jeder Weise ausnutzten.

Nun bereitet das indischeProblem den Re­gierungskreisen in London die größten Sorgen. Die Hauptschwierigkeit der Verteidigung Indiens ist nach Ansicht britischer militärischer Kreise die Pro­duktion von Rüstungsmaterial in Indien für den Fall einer Blockierung der Zufahrtswege durch den Indischen Dzean durch die japanische Flotte. Da­neben die Lösung des durch die großen Entfer­nungen' der indischen Häfen gegebenen Transportprobleme s. Indien soll trotz aller Bemühungen eine eigene Rüstungsindustrie im Lande selbst zu organisieren, nahezu völlig auf Einfuhr von schweren Waffen insbesondere Flug­zeuge, Tanks und schwerer Artillerie, angewiesen fein. Die Haupthäfen Kalkutta, Madras und Bom­bay sind ebenso weit voneinander entfernt, wie London, Berlin und Smolensk. Die Verbindungs­bahnen verlaufen längs der Küste und sind deshalb erheblich gefährdet. Auch die politische Entwicklung in Indien macht den Engländern Kopfzerbrechen. Während des Wochenendes waren in London un­aufhörlich Beratungen Churchills mit feinen Mi­nistern im Gange. Auch Lordkanzler Sir John Simon, der in den zwanziger Jahren die Vorbe­reitungen für die Konferenz am runden Tisch ge­troffen hatte, wurde zugezogen. Außenminister Eden, der in seinem Wahlkreis reden sollte, wurde in London zurückgehalten, um an den Beratungen teilzunehmen. Man weiß anscheinend nicht, wo die politischen Hauptschwierigkeiten zu suchen sind. Von englischer Seite werden sie mit Meinungsverschie­denheiten zwischen den verschiedenen Gruppen in Indien hemäntelt, während sie tatsächlich auf Diffe­renzen zwischen den führenden Politikern in Eng­land selbst zurückzuführep sind.

Australien erwartet den japanischen Angriff.

Schanghai, 9.März. (Europapreh.) Für den Fall einer japanischen Invasion in Australien haben die Militärbehörden die Vollmacht, überall wo es ihnen nötig erscheint die völlige Zerstörung der Straßen. Eisenbahnanlagen, Kanäle, Wasser­werke, Flugplätze, Docks und Werften durchzuführen. Dieser Befehl, der nun herausgegeben wurde, hat in der Bevölkerung Erregung hervorgerufen, da man aus dieser Anordnung liest, daß die australi­schen Militärbehörden die japanische Invasion als unmittelbar bevorstehend erachten.

Umbesetzungen in der LlSA.-Kriegsmarine.

Stockholm, 10. März. (DNB. Funkspruch.) Admiral Stark wurde zum Befehlshaber der USA.-Seestreitkräfte in den europäischen Gewässern ernannt, Admiral King, der Ober» befehlshaber der USA.-Flotte, wird gleichzeitig die Aufgaben des Chefs der Flott enopera- t i o n en übernehmen, die bisher Admiral Start oblagen. Letzterer wird sich demnächst nach Lon­don begeben, um Vizeadmiral G h o r m l e y abzu­lösen, der gegenwärtig der rangättefte USA.-Ma- rineoffizier in Großbritannien ist. Ghormley wird einen Posten auf See übernehmen.

Tigerjagd auf der Malayen-Halbinsel.

Erzählt von Friedrich Schnack.

Unser Freund, der Botaniker, der die Malayen- Halbinsel und ihre Urwälder durchquert hatte, um unbekannten Pflanzen nachzuspüren, war nicht nur ein gewiegter Forscher, sondern auch ein treffsicherer Jäger, er kam zuweilen in Umstände, in denen er sich mehr auf sein Jagdgewehr als auf sein wissen­schaftliches Gerät verlassen mußte. Dennoch waren ihm seltene Moose lieber als Krokodile und Tiger.

Die Eingeborenen eines Dorfes im Busch, er- zählte er, hatten durch die schönen, großen Katzen sehr zu leiden. Als eines Tages einer aus ihrer Mitte dem Tiger zum Opfer gefallen war, kamen die Männer, denen es von der Regierung verboten war, mit Schußwaffen umzugehen, und baten mich inständig, sie von ihrem Peiniger zu befreien. Ich sollte den Tiger töten. Da ich zu arbeiten hatte, wollte ich mich nicht dazu herbeilassen. Die Männer aber ließen mit ihrer Bitte nicht ab, so gab ich endlich nach. Bald hatte ich erkundet, wo der Tiger seinen Wechsel hatte, seinen gewöhnlichen Jagdpfad. An jedem Abend trat er zur selben Zeit an der gleichen Stelle aus dem Busch und ging auf dem gleichen Weg später wieder zu seinem Lager zurück. Nachdem ich die Fährte gefunden hatte, errichtete ich auf einem Baurn ungefähr acht Meter über dem Wechsel einen Hochsitz. Von ihm aus, mutmaßte ich, wurde die Jagd nicht weiter gefährlich sein.

Mehrere Abende wartete ich auf fein Erscheinen vergeblich. Ich wollte es schon aufgeben, da er­schien am fünften Abend der Tiger. Es war kurz vor Einbruch der Nacht. Aus dem Geäst meines alten Urwaldbaumes vermochte ich ihn gerade noch zu erkennen, wie er gleich einem geheimnisvollen Schatten zwischen den Blättern der Büsche hin- huschte. Grünlich flimmerten seine Lichter, die nacht- durchdringenden Katzenaugen. Flink und geräuschlos legte ich an und feuerte: wie mir vorkam, brach er auf den Schlag zusammen. Da ich Patronen sparen wollte, schoß ich nicht ein zweites Mal. Ich hatte jedoch kaum den Karabiner abgesetzt, als der ver­meintlich Getroffene aufschnellte und in einer (Ent­fernung von ungefähr dreißig Schritten im Dickicht verschwand. Dann war es auch schon völlig dunkel

und vom Tiger nichts mehr zu sehen. Doch um so deutlicher hörte ich ihn: unbändig fauchte und wütete er gegen mich, dessen Nähe er bei dem leise ihm zu­wehenden Nachtwind zu wittern schien. So war er also angeschossen. Daß er sich rächen wollte, konnte mir nicht zweifelhaft sein. Doch blieb er liegen. Er wollte mich gewiß erwarten. Dadurch kam ich in eine unbehagliche Lage, wohl oder übel mußte ich die Nacht auf dem Baum verbringen. Diese Aus­sicht mochte mir wenig gefallen. Ich dachte an mein gemütliches Zimmer, das ich bei einem Pflanzer gefunden hatte, auch an meine gesammelten Pflan­zen und Präparate daheim auf dem Tisch. Die vielen Stechmücken, die mich umschwirrten, ließen mich noch sehnsüchtiger werden. Sie begannen mir die Sache zu verleiden. Immerhin waren sie noch zu ertragen. Ich hatte mich bereits an diese Quäl­geister gewöhnt, und wahrscheinlich wäre ich wäh­rend der ganzen Nacht auf dem Anstand geblieben, um in der Morgendämmerung dem Tiger den Gnadenschuß zu geben, wenn nicht eine neue Plage hinzugekommen wäre, die teuflischen roten Feuer- unreifen. Sie sind groß und gefährlich. Wahrschein­lich hatten sie auf dem Baum ihre Nester. Beim Bau des Hochsitzes hatte ich nicht aufgepaht und ihre Bauten in den Zweigen nicht beachtet, so mußte ich für meine Unachtsamkeit büßen. Diese Höllenbrut, durch den Schuß und noch mehr durch den sie störenden Pulverdampf wach und wild ge­worden, siel mich von allen Seiten an.Im Ameis- h auf en wimmelt es!" heißt es bei Wilhelm Busch. Hier aber wimmelte und biß, stach urtb brannte es. Der Biß der Feuerameise schmerzt wie ein Wespen­stich. Obendrein spritzt sie einem ihre Ameisensäure, ein gefährliches Gift, in die Wunde. Ich zweifelte nicht daran, als ich den ersten Stich weghatte, daß ich tot vom Baume fiele, sobald erst eine Hundert­schaft dieser Krieger mich verwundet haben würde. Schon nach wenigen Augenblicken hatte ich eine ganze Anzahl von Bissen empfangen ich schüttelte mich und versuchte, die roten Teufel wegzuschnicken, doch kamen beständig neue herbei und erprobten ihre Waffen an mir. Wohl oder wehe! Ich mußte das Feld räumen, den Baum verlassen. Unter aber fauchte noch immer der Tiger. Keinem Helden des klassischen Altertums, ^.der sich zwischen Schlangen und Löwen schweben sah, konnte behaglicher zu­mute fein als mir. Mich befiel eine Höllenangst. Alles aber konnte mich nicht mehr aufhalten, ich

mußte, koste es, was auch immer, von dem schreck­lichen Baum hinuntersteigen. Vorsichtig, sehr behut­sam, sichernd und horchend, kletterte ich am Stamm in die Tiefe. Kaum am Boden angekommen, ließ ick mich in die Knie nieder, und das Gewehr im Anschlag, erwartete ich den Ansprung des Tigers.

Eine kleine Oellampe, mit Docht und Kokosnußöl versehen, hatte ich angebrannt und am Gürtel. Sie leuchtete matt. In dieser Stellung verblieb ich un­gefähr zehn Minuten. Zu meiner Ueberraschung nahm mich jedoch der Tiger nicht an. Hielt ihn das Licht zurück? Nicht das Geringste von ihm war mehr zu vernehmen. Mich behutsam (aufrichtend und vorsichtig rückwärts gehend, entfernte ich mich langsam von dem Ameisenbaum. Hatte mein Schuß so gut getroffen, daß die große Katze doch verendet war?

Als ich an die sechzig Schritte vom Baum weg war, drehte ich mich um, in der Absicht, nun schleu­nigst die Beine in die Hand zu nehmen und in das Dorf zurückzueilen. Wie erschrak ich aber, als ich im gleichen Augenblick hinter mir ein leises Ge­räusch, das von einem zerbrechenden Zweig her- rührte, zu hören glaubte. Blitzschnell wandte ich mich um, drückte den Karabiner unter den rechten 'Arm, krümmte den Zeigefinger am Abzug und leuchtete mit der Laterne in der linken Hand. Im Schimmer des Lichtes stand in der Waldesfinsternis, acht Schritte vor mir, die mächtige Katze. Erschreckender, dämonischer Anblick! Zum genauen Zielen reichte die Zeit nicht, der Tiger zog sich bereits wie zum Sprung zusammen ... Wie willenlos handelnd drückte ich ab. Im selben Augenblick erlosch, wie vom Knall des Schusses erschreckt, die Lampe, und die tiefe Finsternis überfiel mich. Rasch sprang ich mit einem riesigen Satz zur Seite und verfeuerte meine letzten Patronen gegen die Stelle, wo ich den Tiger vermutete. Hierauf versuchte ich schnell ein neues Patronenlager in den Karabiner zu schieben. In der Aufregung und Hast entfiel der Rahmen jedoch meiner Hand, ich konnte ihn in ber stock­finsteren Nacht nicht wiederfinden. Fürchterliche, Angst durchzuckte mich. Der Tiger? Hatte ich ge­troffen? Kam er? Warum kam er nicht? Näherte er sich nicht schon auf leisen Katzensohlen? Das Blut brauste in meinen Obren ich glaubte ihn heranschleichen zu hören. Wie versteint stand ich, völlig ratlos und betäubt. Dann ermannte ich mich, suchte in den Taschen nach Streichhölzern, fand sie

und entzündete wieder die Oelfunzel. Ihr kleiner Schein verscheuchte sofort alle Furcht und Täuschung ich sah: genau vor mir lag der Tiger hingestreckt tot. Vor Freude wußte ich mich kaum zu fassen.

Dann verließ ich den Wald und begab mich zu den Leuten des Dorfes, um ihnen den Abschuß zu verkünden. Sie hatten meine Schüsse gehört, sich aber nicht in den Wald getraut, weil ich nicht nach dem ersten Schuß zurückgekommen war. Ich führte sie zu meiner Jagdstrecke und überließ ihnen die Beute bis auf die Decke, es war ein prachtvolles, schöngezeichnetes Fell, der Königsmantel des Herrn im Dschungel, der mir so schreckliche Augenblicke zugefügt hatte, eine abenteuerliche Erinnerung an den Malayenwald, den Ameisenbaum und die pech­schwarze Nacht der Gefahr, der wilden Natur und des Jägerglücks.

Zeitschriften.

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