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Auf den Schlachtfeldern von Sewastopol.

Oer Krim entgegen.

Berlin, 7. Juli. (DNB.) In aller Frühe^ erhebt sich unsere su 52, die uns an die Küste des Schwar­zen Meeres, zum Brennpunkt der letzten siegreichen Kämpfe auf der Krim führen soll. Bald haben wir die Reichsgrenze hinter uns. Die Hauser werden niedriger, die Schienenstränge und Straßen sel­tener. Ueber große, brachliegende Ländereien glei­tet der Schatten unseres Flugzeuges. Ueber Ruinen üon zerschossenen und verbrannten Dörfern geht es hinweg. In der Ferne glänzt silbern die riesige Wasserfläche des D n j e p r - D e l t a s. Ueber rie­sige wogende Schilfwälder geht es hinweg. Der Panzergraben von P e r e k o p , der unseren Ein­bruch in die Krim nicht aufzuhalten vermochte, wird überflogen. Unter uns liegt jetzt die Krim. Mei­lenweit zieht sich die Steppe hin. Rechts m der Ferne schimmert tiefblau das Schwarze Meer-. Und dann rollen die Räder der leicht aufsetzenden Ma­schine über den Flugplatz von Simferopol.

Jm Kampfgebiet.

Im Kraftwagen geht es dem Kampsgebiet ent­gegen. Durch den weißen Staub der Krimstraßen mahlen sich die Räder oft mühsam ihren Weg. Kurzer Aufenthalt im Kampfgelände. Ein hochgc- reckler Offizier, von der Krimsonne tief gebräunt, kommt aus seinem Befehlsstand uns entgegen. Er ist der Sieger von Sewastopol, Gcneral- seldmarschall von Man sie in. Mit kräftigem Händedruck begrüßt er die Presse. Bald ist die K a m y s ch l y - S ch l u ch t, der Ausgangspunkt der Kämpfe, erreicht. Durch ein Tal, das die alten deut­schen Winterstellungen von den sowjetischen Befesti­gungen trennte, führt der Weg. Bunte Blumen blühen unter den Obstbäumen einer großen Plan­tage. die sich zwischen den Stellungen dahinzieht. Papptafeln mit der AufschriftVorsicht Minen!" stören jäh das friedliche Bild. Es ist ein Tal des Todes, das wir passieren. In der Nähe des Forts Maxim Gorki, das den südlichen Zugang von Sewastopol verriegeln sollte, muß der Wagen hal­ten. Auf der von schweren Granaten und Stuka­bomben zerwühlten Straße ist kein Weiterkommen mchr. Steil führt ein schmaler Pfad nach oben.Im­mer gut Vordermann nehmen, hier ist noch alles dicht vermint!" mahnt ein Pionieroffizier. An Gra­nat- und Bombentrichtern, in denen gut ein mehr­stöckiges Haus Platz haben würde, geht es vorbei. Die Erde ist zerfetzt und aufgewühlt. Kein Gras­halm ist mehr zu erblicken. Die ganze Bergkuppe hat eine neue Form bekommen. Eisenbahnschienen sind auf der Plattform des Forts durch die Gewalt der Explosionen verbogen, als hätten Riesenfäuste mit dünnen Drähten gespielt.

3m Fort Maxim Gorki.

Die gewaltigen Panzerkuppeln der beiden Türme, die je zwei 30,5-cm-Langrohrgeschütze tragen, sind von Pionieren gesprengt worden, nachdem man vor­her durch Beschuß mit schwersten Spezialgeschützen die Kuppeln so verklemmt hatte, daß sie sich nicht mehr drehen konnten. Im Innern der Panzertürme führen Wendeltreppen hinein in die Tiefe des meh­rere Stockwerke tief ausgebauten Forts. Von der Gewalt der Sprengung ist ein Teil der Treppe fort­gerissen. Neben den untersten Stufen stecken in einer Nische noch bolschewistische Broschüren. Etwa 500 Mann stark war die Besatzung des Forts, die sich nach der Erstürmung in das Innere des Berges zurückzog. Tagelang muß sie sich noch in der Tiefe gehalten haben. Eine deutsche Sprengung beant­wortete sie mit einer Gegensprengung, und dann wurde es still in den Stockwerken des 47 Meter tiefen Festungsberges, als schwere Brände im In­nern zu wüten begannen.

Das geschlagene Heer.

Aus Serpentinenstraßen geht es Sewastopol ent­gegen. Tausende und aber Tausende von G e - fange neu kommen uns entgegen. Da wanken sie heran, die früheren Elite-Regimenter Moskaus. Die Uniformen' sind zerrissen und die Schuhe zerfetzt. Viele vermögen sich kaum noch auf den Beinen zu halten und versuchen, auf Stöcke oder Lattenenden gestützt, ihrem Vordermann zu folgen. Die Augen liegen tief in den Höhlen. In ihnen spiegelt sich das Entsetzen der letzten Tgge. 60jährige Männer und kaum den Kinderschuhen entwachsene Burschen sind darunter. Am Rand eines Sumpfes, in dem einige Pferdekadaver ihre Beine steif nach oben strecken,

Von Sonderberichterstatter Werner Mühe, liegen die Sowjetarmisten zu Dutzenden am Ufer und schlürfen das gelbe, stinkige Wasser.

Der Interman-Höhenzug, ein gewal­tiger Felsrücken, die letzten Sperre vor Sewastopol, ist erreicht. Hier hatten die Sowjets die zahlreichen Felshöhlen, die durch ihre oft 50 Meter dicken Decken unangreifbar schienen, zu ungeheuren Festungen ausgebaut. Heute sieht man von den Felshöhlen nicht mehr viel. Durch Tausende schwer­ster Bomben und Granaten, die Steinblöcke in der Größe eines mehrstöckigen Hauses von den Fels­wänden absprengten, wurden die Eingänge ver­schüttet. In der Mitte des Höhenzuges, neben der Gebirgsstraße nach Sewastopol, befanden sich ge­waltige Lagerhallen einer Sektfabrik, die von den Sowjets als Munitionslager besonders für Seeminen benutzt wurden. In diese unterirdische Höhlenstadt flüchteten sich neben Verwundeten auch über tausend Frauen und Kinder. Als ein Stoßtrupp der deut­schen Pioniere herangekommen war, sprengte der Kommissar das Munitionslager.Der 300 Meter lange, 200 Meter breite und 50 Meter hohe Berg, so berichtet ein Augenzeuge,hob sich nach furchtbarem Getöse etwa 10'Meter hoch, um bann, jedes Lebe­wesen unter sich begrabend, zusammenzubrechen." Heute erinnern nur die gewaltigen Steintrümmer und der Leichengeruch an dieses furchtbare Verbre­chen eines Sowjetkommissars.

Stumm liegen die Ruinen Sewastopols vor uns. Der Himmels hat darüber ein azurblaues

Als Ergänzung zum Wehrmachlbe- richt vom 3. Juli 1942 gibt das Oberkommando der Wehrmacht über den Fall der Festung Lewa- f( o p o l nunmehr folgendes bekannt:

Im Verlaufeder Kämpfe, die vom 7. Juni bis zum 4. Juli mit einer ungewöhnlichen Härte sich abspielten, wurden

97000 Gefangene, darunter der stellvertre- -tende Armeeführer, General Nowikow, eingebracht,

467 Geschütze,

26 Panzer,

824 Maschinengewehre,

758 Gra na t werfer,

86 Panzerabwehrkanonen und

69 Flak wurden erbeutet ober vernichtet. Die Beute an schweren und leichten Infanterie­waffen ist noch nicht vollkommen erfaßt. Die blu­tigen Verluste des Feindes sind gewaltig und müssen mit 30 000 bis 40 000 Mann angenommen werden.

3597 Bunker und Vefestigungsan- lagen aller Art, darunter die beiden modernsten und stärksten Kampfwerke, Maxim Gorkij I und II, mit je vier 30,5-cm-Kanonen wurden genommen sowie rund

1 37 000 Minen ausgebaut.

Entkommen sind nur, wie durch Gefangenenaus­sagen bestätigt wurde, einige höhere Offiziere und Kommissare sowie in den ersten Tagen des Angriffs einige Verwundetentransporte.

Niedersächsische, brandenburgische, schlesische, sächsische, fränkische, sude- tendeutsche und rheinische Divisionen, sowie heerestruppen aller Volks st ämme zu­sammen mit rumänischen Infanterie - und Gebirgsdivisionen sind an diesem Erfolg in gleicher Weise beteiligt.

Die Gesamtverlufte der deutschen Truppen betragen 872 Offiziere und 23 239 Unteroffiziere und Mannschaften, von denen 190 Offiziere und 4147 Unteroffiziere und Mannschaften gefallen, 11 Offiziere und 1580 Unter­offiziere und Mannschaften vermißt, die übrigen verwundet sind.

Die Truppen des Heeres waren durch das deutsche Nahkampf-Fliegerkorps vorbildlich unterstützt, das in pausenlosen Tag- und Nachtangriffen wirksam in den Kampf gegen Erd- und Seeziele eingriff.

In der Zeit vom 2. Juni bis 4. Juli wurden 23751 Angriffsflüge durch Kampfmafchinen

Zelt gespannt. Unb wenn die Blicke von den riesigen Granattrichtern über bas wächserne Gesicht der wei­ßen Stadt schweifen, bann könnte man meinen, sich auf einer Mondlandschaft zu befinden. Eine seine Dunstschicht von Staub und Rauch liegt noch immer über den Straßen. Ausgebrannte Ruinen erheben sich kahl aus den schwelenden Schutthalden. Gewal- tiqe Ouadersteine haben viele Straßen unpassierbar gemacht. An windschiefen, rauchgeschwärzten Mau­ern, die jeden Augenblick zusammenzubrechen droyen, fährt der Wagen vorüber. Bald liegt die ötabt der Zerstörung und des Grauens hinter uns Eher- sones, die Halbinsel des letzten verzweifelten Wi­derstandes, ist unser Ziel. Oede und kahl wird die Landschaft. Die Straße ist kaum noch befahrbar. Ausgebrannte Panzerwagen, umgesturzte Gefchutze, zerschossene Autos unb von Maschinengewehrgarbeu hingemähte Bolschewisten bedecken das ^chlacht- felb. In der Feme brandet das Meer an die Spitze der sich weit in die Fluten streckenden Landzunge. An der äußersten Steilküste knattern noch verein­zelt Maschinengewehre und krachen dumpfe Explo­sionen. Die letzten Bunker in den Felsen der See­seite werden ausgeräumt. Schnell bricht die Däm­merung herein, lieber bas Schlachtfeld von Cher­sones finkt blutigrot die Sonne. Von den Wegrän­dern grüßen frische deutsche Soldatengräber zu uns herüber. In langen Reihen stehen die schlichten Kreuze. Stumme Mahner an die Schwere des Kampfes,

aller Art burchgeführt, 123 feindliche Flug­zeuge abgefchoffen unb 18amBobenzer- stört.

Zahlreiche feinbliche Panzer, Bunker, Batterien, Kasernen, Munitions- unb Oellager würben ver­nichtet, vier Zerstörer, ein Unterseeboot, brei Schnell­boote, sechs Küstenfahrzeuge unb vier Frachter ver­senkt. 31 eigene Flugzeuge gingen verloren.

Deutsche unb italienische Seestreitkräfte bekämpf­ten die feinblichen Schiffsbewegungen vor Sewasto­pol. Es gelang ihnen, bcn feinblichen Nachschub unb ben Abtransport zu unterbinben, brei sowjetische U-Boote, zwei Dampfer von je 10 000 BRT., einen Transporter von 5000 BRT. unb zwei mit Trup­pen besetzte kleine Einheiten zu versenken unb ba- burch wesentlich zum Erfolg bes Angriffes beizu­tragen.

Der Feldzug auf ber Krim ist abge­schlossen. Lr begann mit bem Durchbruch durch die Lanbbrücke von Perekop am 21. September 1941 unb enbete mit ber Erstürmung ber stärksten See- unb Landfestung Sewastopol am 4. Juli 1942.

Er kostete bem Feinb ben Verlust von 430 000 Mann an Gefangenen, 1198 Panzern unb 2102 Ge­schützen unb wirb nicht als ein Sieg ber Bolsche­wisten, wie es die feinbliche Propaganba versucht, sonbern als ein Ruhmesblatt ber beutschen unb ru­mänischen Wehrmacht in bk Geschichte eingehen.

Zwei 10 000-Tonner westlich von Wight bombardiert.

Berlin, 7. Juli. (DNB.) Leichte deutsche Kampf­flugzeuge hatten in den frühen Morgenstunden des 7. Juli im Westen der Insel Wight eine Ansamm­lung mehrerer Schiffe davon zwei große Damp­fer von je 10 000 BRT. gesichtet. Zur Abwehr waren von den Schiffen zahlreiche Sperrballone hochgelassen worden. Um 6.10 Uhr erfolgten schlag­artig Tiefangriffe der deutschen Kampfflugzeuge gleichzeitig gegen die beiden Schiffe von 10 000 BRT. Der eine der ankernden Dampfer wurde durch eine Bombe schweren Kalibers mittschiffs getroffen. Explosionen zerrissen die Bordwand und richteten auch an Deck nachhaltige Zerstörungen an. Als zwei Bomben schweren Kalibers am Heck des anderen Schiffes betonierten, ' igann dieses so­fort zu sinken. Der Angriff ka> i so überraschend, daß die deutschen Flugzeuge e r st i in A b f l u>g von der Bordflak der umliegenden Schiffe und von Flakbatterien am Lande beschossen wurden.

Cripps bestätigt das Geheim­abkommen mit den Sowjets.

Berlin, 7. Juli. (DNB.) Cripps hat der schwe­dischen WochenzeitungVecko Journalen" ein In­terview gegeben, in dem das Bestehen eines gehei­men Abkommens zum englisch-sowjetischen Bünd­nisvertrag bestätigt wird. Während der öffentlich bekanntgegebene Vertragstext die Formulierung ge­braucht, daß Großbritannien und die Sowjetunion in diesem Kriege keine territorialen Vergrößerungen suchen, teilt Cripps mit, daß die Sowjetregierung in Nordeuropa st rategischeGrenzen be­anspruche, die mit den bolschewistischen Eroberungen vom Winter 1939/40 identisch sind. Mit anderen Worten also, die Finnen sollen Hangoe wieder her- aeben, beide Teile Kareliens und die Seenkette zwi­schen dem Finnischen Meerbusen und dem Ladoga­see sowie Wiborg räumen. Damit.ist also den Bol­schewisten britischerseits ein Einfallstor nach Skan­dinavien zugestanden worden. Auch die Befestigung des Sundes und damit die Herrschaft über die Aus- gänge der Ostsee in das Weltmeer als Inhalt der Geheimklauseln gibt Cripps zu. Wenn Cripps in diesem Zusammenhang von der Rolle einer skandi­navischen Föderation oder gar Dänemarks am Sunde spricht, so kann er nur damit gemeint haben, daß Dänemark der Portier der Sowjetunion an dessen Ausgang zum Weltmeer werden soll. Däne­mark würde dann am Sunde genau so souverän fein, wie Aegypten am Suezkanal. Für diese Hin­weise kann Skandinavien Herrn Cripps nur dank­bar sein. Deutlicher hätte er das Bestehen des eng­lisch-sowjetischen Geheimoertrags nicht zugeben kön­nen.

Oie Neutralität Argentiniens.

Eine Rede Castillos.

Buenos Aires, 7. Juli. (Europapreß.) Der neue argentinische Staatspräsident Ramon C a» st i l l o nahm an einem von über 2500 Offizieren besuchten Kameradschaftsessen desCirculo Mili­tär" teil, welches dieser einflußreiche Klub alljähr- lichlich aus Anlaß des argentinischen Nationalfeier­tages veranstaltet. Hierbei hielt Castillo eine Rede. Die Kriegstreiber, so sagte er, haben die Freiheit, sich an die wirklichen Fronten des Kampfes zu be­geben, anstatt hier unnütz zu agitieren. Ich möchte erstmalig als Präsident der Nation sprechend, gleich zu Anfang feststellen, daß ich nicht dulden werde, daß irgendjemand der Regierung zuvorkommt und Reaktionen beschleunigt. Aus unserer Tradition heraus haben mir immer den Frieden geliebt. Aber wir wünschen nicht, an irgendeiner Ausein­andersetzung teilzunehmen, die durch keinen ver­nünftigen Grund gerechtfertigt ist. Wenn wir dies täten, würden wir eine glorreiche Tradition zer­stören. Der Panamerikanismus wurde als Frie­densdoktrin geschaffen, um die Brüderlichkeit unter ben Völkern des Kontinents zu fördern. Er ist weder eine Kriegsdoktrin gewesen, noch war er bestimmt, unsere Länder von den übrigen Nationen zu iso­lieren ..."

Der Vorsitzende desCirculo Militär", der frühere Kriegsminister General Pertine, erklärte: Wir Soldaten haben Vertrauen in die Haltung, die der Präsident Castillo in diesem schwierigen Augenblick eingenommen hat, mit kluger Energie in Uebereinftimmung mit den Interessen der argen­tinischen Republik die Geschicke lenkend." Auf diese Weise ist die Politik der Neutralität, die der Pa­triotismus des Präsidenten aufrechthält, der kate­gorische Ausdruck unserer nationalen Souveränität. Er entspricht dem höchsten Interesse unseres Lan­des, die überwältigende Mehrheit der Argentinier stimmt ihr zu."

Verknappung der Lebensmittel­und Rohstoffversorgung in den LlSA.

Lissabon, 7. Juli. (Europapreß.) Auf der in Mexiko tagenden interamerikanischen Landwirt- schaftskonserenz hielt der Landwirtschaftsminister der Vereinigten Staaten, Claude Wickard, eine Rede, die in den USA. erhebliches Aufsehen erregte. Wickard kündigte eine weitgehende Verknappung der Lebensmittel- und Rohstoffversorgung ber Ver­einigten Staaten für Ende dieses Jahres an und forderte die Vertreter der mittel- und süd- amerikanischen Länder auf, ihre Rohstofferzeugung und die Ausfuhr von landwirtschaftlichen Er- zeuanissen zu steigern,um der Bevölkerung der USA. die Opfer zu erleichtern, die sie für den Sieg bringen müssen". Man wird in den USA. immer

Der Abschlußbericht des Oberkommandos.

Hannibal.

Eine Geschichte von Walther Reubach.

Als eines Tages Hannibal im Hause 38 der Gartenstraße ankam, trug er einen anderen Namen, ber, ftammbaummäßig begründet, in den Begleit­papieren angegeben war. Wahrscheinlich war es einer von jenen Hundenamen, die so häufig sind wie Schmidt und Müller in Deutschland. Allein der Käufer des Hundes, der Gymnasialprofessor Kuno Bendrokat, hatte mit dem schwarzen Wollknäuel etwas Außergewöhnliches vor, und alsHannibal" begann er sein Neufundländerleben im Hause Gar­tenstraße 38.

Der kleine Bursche lebte so, wie es im Kindesalter junger Hunde üblich ist. Er hatte weder Respekt vor ben gestickten Pantoffeln seines Herrn noch wußte er die echten Perserteppiche zu würdigen, die Kuno Bendrokats verstorbene Frau ins Haus gebracht hatte. Der Obhut der alten Haushälterin Barbara anvertraut, genoß er eine Freiheit, die andere Hunde seines Alters ergiebiger ausgenutzt hätten, als es Hannibal tat. Hannibal besaß bereits in seinen Flegeljahren ein erstaunliches Beharrungs­vermögen. stundenlang konnte er, den dicken Kopf auf den Pfoten, auf ben Steinfliesen der Veranda liegen und fein zottiges Fell von der Frühjahrs­sonne bestrahlen lassen, und weder Schmetterlinge noch die Lockrufe benachbarter Hunde konnten ihn verleiten, sich den neckischen Spielen des Tollens und Bellens hinzugeben.

Oft stand Bendrokat vor seinem Schützling und schüttelte den Kopf, nicht nur über den Mangel an jugendlichem Uebermut, sondern auch über feine Voreiligkeit, den Namen des von ihm hochverehrten panischen Feldherrn an eine Hundeseele verschenkt zu haben. Dennoch freute sich Bendrokat, wenn die Lateinftunde zu Ende war und er sich bem Hause in der Gartenstraße näherte, und gelassen kam bann Hannibal feinem Herrn entgegen und bekundete in der ihm eigenen ruhigen Weise seine Freude. An Hannibals Treue war nicht zu zweifeln, auch feine schweigsame Natur nahm Bendrokat mit in Kauf, da er aus ber Geschichte wußte, daß auch ber Punier

kein Schwätzer gewesen war. Allein feine Bemühun­gen, in Hannibal einen heldischen Sinn zu ent­decken, blieben gänzlich ergebnislos. Wenn bann Bendrokat immer wieder Worte des Staunens vor sich hinmurmelte, pflegte Hannibal sich bedächtig zu erheben und wie zum Protest feinen Kopf auf feines Herrn Knie zu legen, wie wenn er mit Faust jagen wollte: Name ist Schall und Rauch.

Ja, es konnte nicht unterbleiben, daß sich Pro­fessor Bendrokat vor seinen Mitmenschen Hannibals zu schämen begann. Auf einem Schulausflug an eine mit römischen Spuren bedeckte historische Stätte kam es zu einem Begebnis, das in seiner Seele einen tiefen Riß hinterlieh. Die Parallelklasse hatte an dem Ausflug teilgenommen, geführt von Doktor Gärtner, dem Klassenlehrer, unb es war etwas Selbstverständliches, daß auch Hannibal und Lizzie, Doktor Gärtners Iagdhündin, mit dabei waren. Und hierbei geschah das Unfaßbare: gerade hatte Ben­drokat einen Vortrag über Drusus und Germaniens beendet, als sich mehrere Hunde, die man nur als Dorfköter bezeichnen konnte, der klassischen Stätte näherten. Es dauerte ein paar Sekunden, und Lizzie war in eine Beißerei verwickelt, aus ber bald nicht einmal mehr die Zahl ber Hunde zu erkennen war.

Hannibal!" ertönte der Ruf Bendrokats, der glaubte, daß schon das Erscheinen des großen Neu­fundländers genügen würde, die Raufbolde in das Dorf zurückzujagen. Allein Hannibal rührte sich nicht. Dem Schlachtfeld den Rücken zuwendend, stand er träumerisch in ber Wiese und kaute bedächtig eine Staude des als Waldgeihbart bekannten aruncus Silvester.

Als auf bem Heimwege Kuno Bendrokat ein Schüler von Hasdrubal, Hannibals Bruder, zu spre­chen anfing und die Frage stellte, ob es damals in ber Schlacht am Flusse Meiaurus für Hannibal nicht möglich gewesen sei, seinem Bruder zu Hilfe zu kommen, glaubte Bendrokat einen versteckten Spott in dieser Frage zu hören und gab eine kurze Ant­wort, wie man es bei ihm nicht gewohnt war. Ja, als sich Hannibal in ber Folgezeit sichtlich mit Aenne, dem dreijährigen Töchterchen ber Nachbarin, anfreunbete, stellte er mit einem gewissen Grimme zum ersten Male fest, daß in Hinblick auf die sprich­

wörtliche panische Untreue doch der Name Hannibal am Platze sei; denn Frau Lehner, die Mutter ber kleinen Aenne, stand wegen eines beschädigten Gartenzaunes mit Kuno Bendrokat sehr auf dem Kriegsfüße. Allein diese Gartenzaunseindschaft hielt Hannibal nicht davon zurück, stundenlang mit seiner kleinen Freundin im Grase zu liegen und dabei im Spiel ein Temperament an den Tag zu legen, das sonst an ihm nicht festzustellen war. Daß er ausge­rechnet das Streitobjekt, die Lücke im besagten Gar­tenzaun, als Eintrittspforte in fein neues Paradies benutzte, erhöhte noch die gereizte Stimmung gegen die Nachbarin.

Und auf diesem feindseligen Boden sollte eines lages die große Wandlung in Hannibals Leben erfolgen. An einem Spätsommerabenb stand auf einmal das Haus Gartenstraße 36 in Flammen. Frau Lehner war zum Einholen ausgegangen. Die Feuerwehrmänner bes Städtchens waren auf den Feldern und in ben Gärten, bie Wasserleitung hatte durch eine schon lange währende Trockenheit keinen Druck, so daß, als endlich die Menschen zu Hilfe kamen, bereits das Dachgeschoß zusammenstürzte. Es wußte auch keiner, ob jemand von ber Familie Lehner im Hause war, und erst, als bie arme Frau jammernd herbeigeeilt kam, erfuhr man, daß sie die kleine Menne in einem Zimmer neben der Küche aum Schlafen hingelegt hatte. Die Balken brachen funkensprühend zusammen und durchschlugen die dünne Decke der Wohnräume; aus ben Fenstern unb Türen wälzte sich ein Qualm, ber es unmöalich machte, in bie Räume einzubringen; schon leckten die Flammen an ber Treppe unb ben Innentüren, als mit Getöse die Giebelmauer herabstürzte und ein Stück der Wand des Zimmers mitriß, in dem sich das Kind befand. Wiederum versuchten ein paar beherzte Männer, sich durch die Rauchschwaden einen Weg zu bahnen, aber sie. kamen mit geschwärzten Gesichtern und brennenden Kleidern zurück.

Hannibal stand neben seinem Herrn, der das Kommando über bie ratlosen Menjchen übernom­men hatte und gerade versuchen wollte, von rück­wärts in das brennende Haus einzudringen, und wie auf eine höhere Eingebung hin beugte sich auf einmal Kuno Bendrokat zu dem Hunde unb sagte

ganz leise:Such' die Aenne, Hannibal! Such' schön, braver Hund!"

Hannibal hob die schwarze Schnauze unb trollte weg. Bedächtig, wie es seine Art war, schlängelte er sich durch die Menschen und verschwand in einem Spalt des brennenden Hauses, gerade als neue her­abstürzende Balken den Eingang weiter versperrten. Ganz stille war's auf einmal geworden; man hörte nur die Stöße ber Pumpen, bas Prasseln des Hol­zes und bas Zischen ber Wasserstrahlen, unb Frau Lehner preßte die Hand auf den schreienden Mund unb starrte hinüber zu «Kuno Benbrokat, ber mit seinen Gebauten in bem brennenden Hause war, bei seinem Hannibal. Die Sekunden und Minuten kamen ben Menschen wie eine kleine Ewigkeit vor. Da krachte unb splitterte es wieder in den Trüm­mern, man hörte ein kurzes Jaulen, unb bann kam irgendwo in einem Spalt zwischen glühenden Bal­ken und Steinen Hannibals Kopf zum Vorschein, und hinter sich her zerrte er das schreiende Kind.

Ein tüchtiger Kerl, Ihr Hund, Herr Professor", sagte ber Wirt vomSchwarzen Hirsch" zu Kuno Benbrokat,so tüchtig wie Knuppe. Wissen Sie noch, Knuppe, der junge Lehrer, damals vor fünf­zehn Jahren, wie das Haus von Kaufmann Römer abbrannte und Knuppe bie alte Frau Römer aus dem Feuer holte. Wie Knuppe, Ihr Hund, Herr Professor."

Der eine sprach's aus, ber andere sagte es weiter, denn alle dachten auf einmal wieder daran, unb die jungen hatten es zehnmal von ben Vätern unb Müttern erzählt bekommen. Ja, Knuppe, der junge Lehrer, bas war ein Kerl gewesen. Aber ber Hund von Professor Bendrokat war genau so brav. Hanni­bal hieß auf einmal Knuppe, und für Knuppe wur­den Knochen unb Fleischabfälle nach der ©arten- ftrafje 38 gebracht, auch bann noch, als bas versengte Fell wieder verheilt war. Nur fein Herr nannte ihn weiter Hannibal, nach bem tapferen Felbherrn Karthagos. Jetzt erst recht. Aber er war mit bem Zweiten Namen auch zufrieben, benn wer Knuppe war wußten sie alle im Stäbtchen, bie Alten und die Jungen. Knuppe war ihr Helb, und die vor chm auf ben Schulbänken gesessen hatten, waren besonders stolz darauf.