Nr. no Zweites Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)___________Dienstag,?. AprilM2
Aus der Stadt Gießen.
Frühlmg in der Manteltasche.
einem Hause schoß der kleine Kerl heraus, so daß die Milchkanne an seinem Arm klirrend gegen die Haustür schlug', zum Glück war sie aus Aluminium und offenßchtlich solche Schicksalstritte gewöhnt, wie die Beulen an ihrem stumpfglänzenden Körper bewiesen. Am Gehsteigranü war sie dann schon wieder ins Gleichgewicht zurückgependeit, ebenso wie der kleine Träger selbst. Er äugte, rechts und links, straßauf und straßab, bis ihm die Luft rein erschien; sie war es. Jetzt mußten die Beinchen über die Fahrbahn hinweg wieder Sprünge tun, und die Milchkanne tat sie lustig mit. Am jenseitiger „Ufer" angelangt, spähte der Gerettete noch einmal zurück: Mutters Gebot war wieder einmal richtig befolgt. Es saß schon ganz hübsch im Kopf drin, nachdem es innerlich und äußerlich in der letzten Zeit an den gehörigen Platz gehämmert war.
Da schien die Sonne so verführerisch aus dem jungen Frühlingshimmel und warmer Wind wehte, und schön war die Welt. Alles war in diesem Augenblick für den Buben da, der blinzelnd ein paar Häuser entlangschlenderte und in vollen Zügeü so viel des herrlichen Daseins schlürfte, daß er den Mantel aufknöpfen mußte. Das tat gut! Fast wäre der Genießer gegen einen Ziegelhaufen gestoßen, hätte die etwas vorwärtsgehaltene Milchkanne ihn nicht noch rechtzeitig mit ihrem unlustig gegebenen Gonggetön gewarnt. Doch hinter der Ziegelfülle pries sich gar schon der Sommer; ein Haufen weißlichen, trockenen Sandes lag da, zum Spiel verlockend wie eh und je. Der Junge stieß den einen, den anderen Fuß in das erschrocken rieselnde Zeug. Da ihm die Schaufel fehlte, war nun nicht viel anzufangen, aber der rettende Einfall kam. Wieder wurde das Näslein in alle Himmelsrichtungen gesteckt, die Luft blieb rein. Dann los! Hastig angelte die Rechte nach dem Sand und stopfte in die Manteltasche, was hineinqehen wollte. Das war nicht so leicht, aber allmählich bauchte sich die Tasche gehörig aus. Aufatmend und mit glücklichen Augen verschwand der Junge im Milchladen.
Ob sich die Mutter später über dieses Spielzeug, als es in der Stube seinen Platz gefunden hatte, sehr gefreut hat? wr.
Kür Tapferkeit vor öem Kemöe.
Dem Kanonier Alwin K r e n g e l aus Gießen, der als Artilleriefunker im Osten kämpft, wurde für Tapferkeit vor dem Feinde das Eiserne Kreuz II. Kl. verliehen.
Der Gefreite Erich Port aus Ruppertsburg wurde für Tapferkeit vor dem Feinde bei den Kämpfen im Osten mit dem Eisernen Kreuz II. Klasse ausgezeichnet.
Professor Or. Gtandfuß 60 Jahre alt.
Am Sonntag, 5. April, vollendete der Ordinarius für tierärztliche Nahrungsmittelkunde und. Fleischbeschau und Direktor des Staatlichen Veterinär- Untersuchungsamtes Gießen, Dekan der Veterinärmedizinischen Fakultät unserer Ludwigs-Universität, Dr. Richard Stand fuß, sein 60. Lebensjahr. Professor Dr. Standfuß, der aus Breslau stammt, studierte an der Universität Berlin, wo er im Jahre 1905 die tierärztliche Approbation erlangte, und promovierte 1908 in Gießen. Dann war er als praktischer Tierarzt u. a. in Schlesien tätig, hierauf von 1913 bis 1916 wissenschaftlicher Hilfsarbeiter am Kaiser-Wilhelm-Jnstitut in Bromberg. Er machte den ersten Weltkrieg mit und wurde nach dem Kriege nach vorübergehender Tätigkeit in der Privatwirtschaft im Jahre 1921 Leiter des neuerrichteten Veterinär-Untersuchungsamtes in Potsdam. Am 1. April 1935 wurde er jn sein Amt in Gießen berufen. Bis vor wenigen"Tagen stand er als Oberstabsveterinär der Wehrmacht im Felde, von wo er jetzt zurückgekehrt ist, um sein Gießener Amt in nächster Zeit wieder zu übernehmen. Aus seiner Feder stammen zahlreiche Arbeiten aus seinem Fachgebiet der bakteriologischen Fleischbeschau, der Seuchenkunde, Nahrungsmittel- und Milchkunde. Dem Jubilar bringen auch wir nachträglich unseren herzlichen Glückwunsch dar.
Leder Groschen Hilst siegen.
Wie in jedem Jahr tritt auch in diesem Frühling die Deutsche Arbeitsfront zur letzten großen Straßensammlung an. Am 11. und 12. April werden auf allen Straßen und Plätzen die Sammelbüchsen klappern. Betriebsführer und Gefolgschaft, die Männer der DAF.-Orts-, Kreis- und Gauwaltungen, alle Gruppen der NS.-Gemeinfchaft „Kraft durch Freude", kurz alle Schaffenden dienen in diesen Tagen dem einen Ziel: „Heilen und Helsen"! Sie werden nicht vergebens an die Gebefreudigkeit der Schaffenden appellieren und die kleinen Heilkräuter anbieten. Viele Groschen werden wieder die Büchsen füllen. Mancher, der sein Geld hineinsteckt, wird vielleicht fragen: „Was geschieht eigentlich damit?" Wer genau wissen will, wo sein Geld bleibt, der braucht nur einmal bei einer NSV.-Stelle vorzu- stagen, die erzählt ihm:
Frau N. arbeitet in einem Rüstungsbetrieb. Damit sie ihrer Arbeit ohne Sorgen um die Kinder nachgehen kann, bringt sie sie jeden Morgen in einen Kindergarten, wo sie bestens aufgehoben sind. 23 000 NSV.-Kindergärten bestehen heute im Reich, die mit Mitteln aus dem WHW. unterhalten werden. Aus den ersten rund 1000 Dauerkindertagesstätten sind heute über 11500 geworden, zu denen sich noch über 4000 im Kriege errichtete Hilfs- Lindertagesstätten gesellten, die nur für ländliche Verhältnisse geltenden 7000 bis 8000 Hrntekrippen und -kindergärten nicht mitgerechnet. In diesen über 15 500 ständig geöffneten Krippen, Kindergärten und Horten betreuen fast 32 000 Fach- und Hilfskräfte der NSV. annähernd 700 000 Jungen und Mädel von deutschen Frauen, die, von geringen Ausnahmen abgesehen, die Doppelbelastuna einer berufstätigen Mutter auf sich nehmen. Niemals würden diese Mütter die notwendige innere Ruhe für ihre
Berufsarbeit aufbringen können, wenn ihnen nicht durch die Einrichtungen der NSV. die Gewähr gegeben wäre, daß ihre Kinder tagsüber in guter Obhut find.
Frau K. hat drei kleine Kinder. Da sie in einer Stadt wohnt, die häufig vom Feinde angegriffen wird, sind sie und die Minder durch die oft gestörte Nachtruhe erholungsbedürftig geworden. Sie wurden darum alle vier aufs Land geschickt, wo sie neue Kräfte sammeln. Gleich ihnen konnten im vergangenen Jahre über 300 000 Mütter mit rund 400 000 Säuglingen und Kleinkindern verschickt werden. Die Mittel dazu brachte die Volksgemeinschaft durch das WHW. auf.
Früher litten auch bei uns viele Kinder an der sog. Englischen Krankheit, einmal, wejl die allgemeine Ernährungslage dank des Versailler Diktats schlecht war, zum großen Teil aber auch deshalb, weil die Mütter nicht richtig beraten wurden. Heute ist in den Hilfs- und Beratungsstellen des Hilfswerkes „Mutter und Kind" bereits 17 Millionen Müttern Rat und Hilfe erteilt worden. Wo sich bei einem Kinde Anzeichen von Rachitis bemerkbar machen, erhalten sie Vigantolöl und anderes mehr, wofür das WHW. die Mittel stellt.
Die Reihe der in Zusammenarbeit mit der Deutschen Arbeitsfront vom WHW. Betreuten ließe sich bis ins Unendliche fortsetzen. Aber schon aus diesen Beispielen kann jeder sehen, daß alle Groschen, die dem WHW. gegeben werden, der Volksgemeinschaft und im weiteren Sinne nicht zuletzt der deutschen' Kriegswirtschaft zugute kommen, denn das WHW. dient der biologischen Stärkung unseres Volkes, einmal weil es bereits vorhandene Schäden und Nöte behebt, zum anderen, weil es jeder Krankheit Vorbeugen will.
1. Chorkonzert der Hitler-Lugend.
Zu den Zielen der Hitler-Jugend gehört u. a. auch die Pflege guter Musik. So ist es sehr erfreulich, festzustellen, wie überall fn der Hitler-Jugend eifrig daran gearbeitet wird, beste deutsche Musik in Lied und Orchester zu pflegen und zum Besitz der jungen Generation zu machen.
Auch im Bann Gießen (116) haben sich einige Gruppen Jugendlicher zu diesem Zwecke zusammengeschlossen. Da ihnen in ihren freiwilligen Leitern und Dirigenten erfahrene und berufene Mitarbeiter tatkräftig zur Seite stehen, und die interessierte Jugend eifrig an der Sache mitarbeitet,,kann der Erfolg nicht ausbleiben, wie dies beim ersten Chor- und Orchesterkonzert der Hitler-Jugend am Ostersonntag in der Aula der Universität unter Beweis gestellt wurde.
Die Vortragsfolge brachte als Eröffnung den gemeinsamen Chor der Jungen und Mädel mit Orchesterbegleitung „Eure Herzen sollen leuchten" von Napiersky. Schon mit dieser guten Leistung eroberte sich die Jugend den stärksten Beifall der Besucher. Knaben- und Mädchenchor brachten dann abwechselnd Lieder alter und neuer Meister, die sämtlich von gründlichster Durcharbeitung zeugten, und den Vortragenden und ihren Dirigenten, für die Mädels Frau Elli F l ö r k e, für die Knaben Musiklehrer Heinrich Dietrich, Chormeister im Hessischen bzw. Deutschen Sängerbund, alle Ehre machten.
Die Chöre einzeln aufzuführen, ist an dieser Stelle nicht möglich. Doch einzelne Vorträge verdienen besondere Erwähnung. Der Knabenchor „All meine Gedanken", eine Melodie aus dem Lochheimer Liederbuch vom Jahre 1452, eine der innigsten Melodien, die uns aus alter Zeit überliefert ist (Satz von E. A. Voelkel), wurde mit einer Weichheit und Innigkeit dargeboten, die man von den jugendlichen Sängern kaum erwartet haben dürste. Ebenso dankbare Aufnahme fand der Knabenchor „Verstohlen geht der Mond auf" aus „Brahms deutsche Volkslieder", von Brahms selbst als altdeutsches Minnelied bezeichnet. Brahms hat diese Melodie zweimal benutzt, zunächst 1853 in seinem Erstlingswerk und später noch einmal in seinem Werk „Deutsche Volkslieder". Der Chor „Der Liebesbote: Es saß ein schneeweiß Vögelein" stammt ebenfalls aus „Brahms deutsche Volkslieder", vermutlich ein altes Volkslied
> vom Niederrhein. _______________-
Der Mädelchor brachte zunächst dankbare Weisen aus dem 16. Jahrhundert, die alle recht beschwingt dargeboten wurden und wie die Chöre der HI. stärksten Beifall ernteten. Die Lieder sind bestes deutsches Liedgut, und besonders sei es anerkannt, daß gerade diese ausgewählt wurden. Eine besonderes Lob gebührt der Darbietung des Chors „Wenn ich ein Vöglein mär", Satz von Walter Rein. Dieses Lied, den Text und Inhalt nach uraltes deutsches Volksgut, erschien zuerst 1778 in Herders Volksliedern und wurde später in „Des Knaben Wunderhorn" ausgenommen. Goethe schreibt über das Lied: „Einzig schön und wahr." Der Text dieses Liedes, das bis heute noch auf dem Land als wirkliches Volkslied erhalten ist, ist von über 70 Komponisten bearbeitet worden, u. a. von Beethoven 1816, von Weber 1818, von Schumann 1840 u. a. m. Sehr großen Anklang fand' auch dex Mädelchor mit Flötenbegleitung „Es geht eine helle Flöte", Worte und Weise von Baumann, Satz von W. Twittenhosf.
Die gemeinsam gesungenen Chöre mit Klavier-, bzw. Orchesterbegleitung zeugten von eisernem Fleiß der Darbietenden. Erwähnt zu werden verdient noch der Umstand, daß sämtliche Texte auswendig vorgetragen wurden und dadurch die Aufmerksamkeit der Sänger und Sängerinnen nicht abgelenkt werden konnten.
Das Orchester brachte Kompositionen von Joseph Haydn: „Menuett", ferner „Allegro und Menuett", beide aus den Weinzierler Trois und „Sinfonie in G-dur" von Ehr. Willibald Gluck. Es wurde unter geschickter Leitung von Fritz Braun seiner Aufgabe völlig gerecht und trug durch sehr schönen Vortrag wesentlich zum guten Gelingen der Feierstunde bei. Die Klavierbegleitung zum Orchester lag in Händen von Hans Joachim H a b e n i ch t, der sich mit Hingabe und Geschick seiner Aufgabe widmete. Die Begleitung des Knabenchors auf dem Klavier hatte Gustav Geisse übernommen, auch er löste seine Aufgabe mit Aufmerksamkeit und Geschick. Den Flügel hatte das Pianohaus Schönau zur Verfügung gestellt. ' Hermann Rau.
Verdunkelungszeit:
7 April von 21.06 bis 6.12 Uhr.
Arthur Pfeiffer, Wetzlar, 75 Jahre alt.
Am heutigen Dienstag, 7. April, kann der weit über seine Wahlheimat Wetzlar hinaus bekannte Fabrikant Arthur Pfeiffer. Gründer und Inhaber der Firma gleichen Namens in Wetzlar, in bester Frische seinen 75. Geburtstag begehen. Arthur Pfeiffer stammt aus Dresden, wo er als Sohn eines Kaufmanns geboren wurde. Nach dem Schulbesuch erlernte er das Feinmechamkerhandwerk, dann trat er in die Gewerbeschule seiner Vaterstadt über. Später war er u. a. in Berlin, Leipzig und Jena tätig, schließlich machte er sich im Jahre 1890 in Wetzlar mit einer Fabrik feinmechanischer Apparate und Geräte selbständig, die er durch rastlosen Fleiß, guten: Kaufmannsgeist und fachlichen Weitblick im Laufe der Jahrzehnte zu einem Werk entwickelte, das hohes internationales Ansehen genießt. In Verbiw- dung mit dem Stammhaus wurde von ihm im Jahre 1920 die Tochtergesellschaft „Physikalische Werke Wetzlar G.m.b.H." und im Jahre 1940 die Tochtergesellschaft „Pfeiffer Apparatebau G.m.b.H. gegründet. Heute noch ist der Jubilar unermüdlich Tag für Tag an der Spitze seines Lebenswerkes tätig.
In weiten Kreisen unserer engeren Heimat, abe? auch darüber hinaus im Reich ist Arthur Pfeiffer^ neben seinem beruflichen Wirken, als Turnerführer bekannt geworden. Viele Jahre lang war er 1. Kreis» Vertreter des 9. Kreises (Mittelrhein) der früheren Deutschen Turnerschaft und 1. Gauvertreter des Gaues Hessen der DT. Allezeit hatte das deutsche Turnen in ihm nicht nur einen begeisterten Awhänger und warmherzigen Freund, sondern auch einen unermüdlichen Förderer, dessen bleibende Verdienste um die Deutsche Turnerschaft vielfache An» erkennung fanden. U. a. wurde er von den beiden Gießener Turnvereinen, Turnverein von 1846 Gießen und Männerturnverein Gießen, anläßlich seines 60. Geburtstages am 7. April 1927 zum Ehrenmitglied ernannt. Mit den Gießener und den hessischen Turnern verbindet ihn seit Jahrzehnten eine gute und vorbildliche Turnkameradschaft.
- Zahlreiche Ehrenämter sind auch heute noch ui seiner Hand vereinigt. Enge Beziehungen verbinden ihn u. a. mit der Ludwigs-Universität Gießen, der er stets ein warmherziger Freund und tatkräftiger Förderer war und heute noch ist. Seit vielen Jahren gehört er auch der Gießener Hochschulgesellschaft an, die ihm vor einigen Jahren das Amt des Vorsitzenden ihres Verwaltungsrates übertrug. Die Ludwigs* Universität ehrte Arthur Pfeiffer in dankbarer Anerkennung seiner Verdienste am 20. Mai 1940 durch die Ernennung zum Ehrensenator unserer Ludo- viciana.
Dem Jubilar gelten am heutigen Tage auch unsere herzlichen Wünsche zu seinem 75. Geburtstage und für einen weiteren schönen Lebensabend.
Für unsere Verwundeten.
Einige Jungen und Mädels des hiesigen Kinder- hartes der NSV. besuchten unter Führung von Frl. B o e ck eiy Lazarett. Ein Osterspiel und Frühlingslieder, begleitet von Frl, Koch, erfreuten die Verwundeten, die selbstgebastelte Ostergaben erhielten. In einem Lazarett fand ein fröhlicher Kaffee- nachmittag statt. Die Betreuerinnen der Frauenschaft hatten die Tische gedeckt und mit Blumen geschmückt. Der Lazarettbetreuer 'der NSKOV. G r a v e l i u s begrüßte die' Verwundeten und überbrachte die Grüße des Kreisleiters, Pg. Backhaus, und NSV.-Kreisamtsleiters Hortig. Von der Ortsfrauenschaft Dillingen waren die Kuchen gespendet worden. Eine BDM.-Jungmädelgruppe unterhielt unter Leitung ihrer Führerin Kühne mit Liedern und Lesung. Sehr erfreute die Osterspende der NSV. in Gestalt von Zigaretten, Gebäck und Drops. Der Chefarzt des Lazarettes, Oberstabsarzt Dr. Neu* mann-Spengel, dankte im Namen der Verwundeten und gedachte des Führers. Der Nachmittag wird den Verwundeten in bester Erinnerung bleiben. — Im Laufe der Woche wurden durch die Betreuerinnen der Frauenschaft die Osterspenden der NSV.-Kreisamtsleitung Wetterau in Gestalt von
Der feurige Ofen
Boman von Hans von Hülfen
57. Fortsetzung. (Nachdtuck verboten.)
Ollendahl verabschiedete sich.
„Ja, gehen wir auch, Kind —", sagte Fehr zu Marion: „Zu helfen ist hier nichts — leider. Das brennt bis auf die Grundmauern nieder. Ist kein sehr erfreulicher Anblick für mich ..."
Fontana erklärte, noch bleiben zu wollen.
„Wenn Sie erlauben, Baron ..., sollte sich noch irgend etwas Besonderes ereignen, dann spreche ich auf der Rückfahrt noch einmal im Schlosse vor ..."
„Tun Sie's auf jeden Fall in den nächsten Tagen, Herr Fontana", sagte Fehr freundlich, indem er ihm die Hand hinstreckte: „Meine Frau wird gern wieder ihre Musik haben, als Trost in allen Schrecknissen, nicht, Marion?" — Und auch über das Jagdhaus reden wir noch einmal
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Das war an diesem letzten April-Donnerstag ein ziemlich wortkarges Mittagsmahl im roten Speisezimmer von Schloß Lappersdorf!
Fehr redete wenig, er schien in sich gekehrt, gleichsam in seine Einsamkeit eingekapselt; und Marion mochte ihn nicht stören, so gern sie ausgesprochen hätte, was ihr ganz das Herz erfüllte: die unendliche, zehrende Freude darüber, daß das Schreckliche nun nicht mehr drohte .., daß es zum mindesten vertagt war!
Sie werden ihm nicht erlauben, sich mit Jan zu schießen, dachte sie unablässig: Der Landrat hat es selber gesagt . Und gewiß ergibt die Untersuchung seine Schuld — und da wird er in Haft genommen — und wenn er verurteilt wird, dann ist es überhaupt mit ihm zu Ende! Dann kann er nach Holland gehen der arme Papa - ic empfand etwas wie Triumph, als sie das.dachte
Fehrs Gedanken waren ganz andere, während er schweigsam mit ihr speiste. Er dachte dankbar, wie gut und gnädig das Schicksal ihn doch geführt, als es ihm feinen liebsten Wunsch versagte. Wäre es ihm gelungen, die Wiedereinstellung der alten treuen
Meister bei Abbeg durchzusetzen — sie lägen jetzt allesamt auf der Totenbahre, und Not und Elend wären doppelt groß ... Er,war vor Tische noch kurz im Dorf gewesen, wo alles aufgeregt durcheinanderschrie, nachdem der entflohene Arbeiter die Kunde von dem schrecklichen Unglück auf der Sophienau gebracht hatte. Schnell hatte das Gerücht alles übertrieben und vergrößert, aber das war kaum nötig, der Jammer war auch so laut genug. Acht von den kleinen Häusern an der lindenbestandenen Dorfstraße waren mit einem Schlage zur Totenkammer geworden!
Nach Tisch versuchte ex zu schlafen, wie alle Tage. Aber heute wollte der Schlummer nicht kommen. Vor feinen Augen standen immer die Bilder der Zerstörung und des Grauens. Immer wieder dachte er, daß Abbeg doch mindestens fahrlässig gehandelt haben mußte,' und daß die Verantwortung letzten Endes niemanden traf als ihn. Die Untersuchung konnte nach menschlichem Ermessen -nichts anderes ergeben . Um fünf Uhr wollte der Landrat — so hatte er ins Schloß -telephoniert — mit den Herren von der Polizei kommen. Natürlich hatte Fehr sich heftig gefträubt, der Kommission als Sachverständiger anzugehören, aber Ollendahl hatte feine Bedenken beiseite 'geschoben: „Ob. Sie Differenzen mit Abbeg haben oder nicht, ist hier ganz aleichgültig, Baron. Sie werden selbstverständlich nach bestem Wissen und Gewissen und eventuell sogar unter Eid Ihr Votum abgeben .. .*
Gegen vier Uhr erhob er sich wieder. Er konnte doch nicht schlafen. Und-um wach zu liegen, war er viel zu unruhig. Es trieb ihn hinaus, er wollte noch einmal zur Hütte, um zu sehen, wie dort alles stand. Die Feuerwehr hatte er klingelnd abrucken hören, also war das Feuer entweder gelöscht — ! ober es gab nichts mehr zu löschen. .
Er ging barhäuptig den Waldweg entlang. Zwl- fd)en den Zweigen hing noch Brandgeruch.
Plö;lich fiel ein Schuß, gleich darauf ein zweiter, dritter nieder: Päng — päng — päng — pang! — (Fr hemmte den Schritt, erschrocken und angemibert:
Das war Abbeg, der sich wieder auf Krähen ! einschoß"! — Hatte der jetzt Zeit und Ruhe, an jo etwas zu denken? Kühl bis ans Herz hinan ...! Das Feuer war gelöscht, die Verletzten waren verbunden, die Toten waren tot — nun stand er auf seinem Balkon und ballerte in die Getzend hinaus
und wunderte sich wahrscheinlich, daß noch immer kein Kartellträger kam. „Vielleicht denkt er gar, ich kneife? — Na, pfui, Spinne!"
Da klappte noch ein Schuß nach. Der klang anders als die früheren ... „liebt sich offenbar mit zwei Pistolen!" dachte Fehr. Und kehrte um und ging nach Haufe.
Im Schlöffe fand er Ulla bei Marion sitzend. Sie war gekommen, um ihm Einzelheiten von dem Unglück zu bringen, dessen Umfang — wenigstens soweit er die Belegschaft betraf — sie am besten übersah. Ja, es gab acht Tote. Und würde wahrscheinlich noch einen neunten geben, einen von den kleinen, kaum dem Kindesalter entwachsenen Lehrlingen, die auf hölzerner Gabel die heißen Gläser in den Kühlofen trugen: er lag, wie alle, im Kreiskrankenhaus, Wulflam selbst hatte sie dorthin begleitet und bald darauf telephoniert, daß der Junge wohl kaum mit dem Leben davonkommen werde. Für die übrigen bestand größtenteils keine Gefahr. Aber das ganze Dorf brenne- in Aufruhr, feit man die Toten gebracht und in der Schule aufgebahrt habe, und schreckliche Szenen hätten sich abgespielt, der Gemeindevorsteher sei schon um einen Landjäger vorstellig, geworden — Ollendahl, sagte sie noch, habe vor der Schleife einen außerordentlich heftigen Wortwechsel mit Abbeg gehabt.
„$at auf Abbeg offenbar keinen großen Eindruck gemacht", spottete Fehr: „Habt ihr nicht gehört, wie er vorhin seine Schießübungen auf Krähen fortsetzte? — Beneide ihn nicht um seine Seelenhaut ..."
Marion fragte dazwischen, welche Strafe Abbeg etwa zu erwarten habe. Drei, vier Jahre Gefängnis doch wohl mindestens ...?
Fehr begriff sofort, daß der Gedanke an den Vater sie beschäftigte, den Abbeg einst kalten Herzens dem Richter überlieferte, — daß sie im Herzen nach Vergeltung lechzte.
„Wenn sich seine Schuld klar erweisen läßt —", sagte er, „wxnn sich wirklich herausstellt, daß er minderwertige Mineralien eingekauft hat, bloß um zu sparen, und daß er die Reinheit der Mischung nicht genügend überwacht hat — dann wird er so billig nicht wegkommen. Sind immerhin acht oder vielleicht gar neun Tote, die ihn anklagen. — Aber wichtiger ist, in welchem Grade die Ueberlebenden ihn belasten. Denn die Toten sind stumm."
Fabian ging ab und zu, den Teetisch zu richten.
Kurz vor fünf Uhr ließ sich plötzlich Dr. Wulflam melden.
„Er ist tot —", sagte er, einigermaßen außer Atem, indem er Fehr die Hand drückte.
„Also doch —" Ulla stand neben ihm, strich ihm die Locke aus der feuchten Stirn. „Die arme Mutter! Er war das einzige Kind der Witwe Liebig, die am Teich wohnt —"
Heftig schüttelte Wulflam den Kopf:
t nicht von dem Jungen — Abbeg ist
„Was denn?! Abbeg?!" Fehr fprang auf — er sah, wie Marion jählings erblaßte und mit zitternder Hand die Tasse niedersetzte —
„Ja. — Sein Diener fand ihn auf dem Balkon, eine Kugel im Kopf. Er rief mich gleich an. Aber da war nichts mehr zu helfen."
„Er hat sich also — seinem Richter entzogen?" Marions Stimme klang ganz anders als sonst, leise und wie verängstigt.
„Nicht doch, Frau Baronin. Kein Selbstmord. Abbeg ist erschossen worden."
„Erschossen?" — Mit groß aufaerissenen Augen starrte Marion zu ihrem'Manne hinüber. Ein unheimliches Schweigen war im Raum. Mit einem Ruck stand sie, von schrecklichem Frösteln überlaufen, auf und verließ den Wintergarten.
„Was ist denn?" fragte Wulflam besorgt.
Fehr entschuldigte sie, kopfschüttelnd:
„Das ist alles offenbar viel zu viel für ihrs Nerven", sagte er, schon die Türklinke in der Hand.
Er ging ihr nach und fand sie in ihrem Zimmer droben, über die buntgetünchte Couch geworfen, jammervoll schluchzend. Leise und liebevoll strich er ihr übers Haar. Da fuhr sie herum und griff hilfeflehend nach seiner Hand:
„Jan, Jan! Sage mir — glaubst du, daß Papa ihn erschossen hat?"
„Papa? — Kind, keine Spur!" Er zog sein Taschentuch und trocknete ihr bas tränennaffe Gesicht. „Mit was für Einbildungen plagst du dich? Gibt es nicht schon genug wirkliche Schrecken? — Dein Papa ist weit vom Schuß — ja, wirklich, vom Schuß ...! Der denkt bestimmt nur daran, gute Geschäfte zu machen."
(Schluß folgt.)


