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Nr.56 Zweiter Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gderheffen)

7./8.Mrzltz42

Deutsche Lt-Boote aus Feindfahrt in der Polarnacht.

Von Kriegsberichter Dr. Horst Gotthard Ost.

von langer Feindfahrt aus den polargewässern zurückgekehrt, gibt in der nachfolgenden Schilderung ein deutscher Kriegsberichter erstmalig einen Ein­blick in den entbehrungsvollen Dienst deutscher U- Boot-Männer in der ewigen Nacht des Eismeeres.

I. Eismeersturm.

Zwote Seewache sich klarmachen Anzug, Badehose, Regenschirm" tönt es durch den Laut­sprecher. Wir'wissen, was diese scherzhafte Ankün­digung bedeutet. Es ist heute der 25. Dezember, 1. Weihnachtstaa. Draußen weht der Wind mit Stärke acht aus West bis Nordwest. Wir be­finden uns in nördlich st en Breiten, in denen unseres Wissens noch nie Seekrieg geführt wurde, in denen die Seefahrt an sich schon härte­sten Kampf bedeutet zu dieser Jahreszeit.

Hastig schlucken wir den letzten Bissen hinunter, steigen in unsere Lederkombinationen, würgen uns die Gummistiefel an die Füße, drehen uns dicke Schals um den Hals. Das Boot rollt wie betrunken von einer Seite auf die andere. Unter diesen Um­ständen ist dasSichklarmachen" allein schon eine körperliche Anstrengung. Alle Naselang muß man das Hosenbein oder den Stiefel fahren lassen und sich festhalten, wenn der Raum, in dem wir uns befinden, sich um 45 Grad schräg stellt. Außerdem ist uns nicht ganz wohl. Es drängt uns, a n d i e frische Luft zu kommen. Im Kopf verspüren wir einen dumpfen Druck, und der Magen zeigt das Bestreben, sich selbständig zu machen.

Jetzt kommen auch noch die Männer der zweiten Wache aus dem Bugraum. Jedesmal, wenn einer vorbeigeht, muß ich mein Anziehen unterbrechen. In dem schmalen Gang von der Breite eines mittelstarken Mannes spielt sich der ganze Verkehr innerhalb des Bootes ab. Endlich bin ich fertig. Ich taumele nach achtern, stoße bald rechts, bald links gegen die Wand.

In der Zentrale liegt das olivfarbene, blanke Gummizeug bereit. Wir zerren die widerstrebenden Gummihosen über die Seestiefel, ziehen uns Gummi­jacken über däs Lederzeug. Den Abschluß bildet ein Kopfschutz aus grauem Gummistoff, der eng an­liegt, nur Augen, Mund und Nase freiläßt und nach unten in ein kurzes Cape ausgeht, das eben über die Schultern fällt. Er schützt Hals und Nacken vor dem Eindringen von Seewaffer.

Ein Kamerad legt uns einen der handbreiten Anschnallgurte um und zieht das Schloß zu. An der Seite baumelt ein Stropp aus dickem Stahldraht mit einem schweren Karabinerhaken daran, lieber die Wollhandschuhe quälen wir uns ein paar gelbe Gummifäustlinge, die wir über die Jackenärmel her- aufMen. Um den Hals hängt das gute Zeiß-Glas. Jetzt sind wir fertig und stehen da, schwer und un­beweglich wie die Taucher.

Nun aber hinauf! Es wird höchste Zeit. Die Luft in der Zentrale, aus Oel-, Gummi-, Essens­und Menschengeruch gemicht, ist kaum noch zu er­tragen.

Sscht platsch, rauscht es den Niedergang zum Turmluk herunter. Wasser stürzt herab, eimerweis, tonnenweis, läuft über die Platten, versickert in der Bilge. Platsch ein zweiter Guß, und ein dritter! Da scheint ja oben allerlei los zu sein.

So, nun sind die drei Seen vorüber! jetzt schnell hinauf! Kaum passen wir noch durchs Turmluk in unsererTaucher-Ausrüstung". Oben ist pechschwarze Nächt. Wir können zunächst nichts erkennen.Fest­balten!" schreit der Wachoffizier der ersten Seewache. Wir klammern uns an. Schwer holt das Boot über. Eine See rauscht über uns hinweg. Wasser stürzt uns über Gesicht und Schultern, benimmt uns für Augenblicke den Atem, füllt die Brücke bis zur halben Höhe des Brückenkleides, steigt zwischen Hosenbeinen und Stiefelschaft empor und dringt in die Seestiefel' ein.

Nun wissen wir, was los ist!

Wir löfert die erste Wache ab, baten die Karabiner­haken unserer Gurte in die Griffstangen an der Innenseite der Brückenverkleidung, so daß wir etwas Bewegungsfreiheit haben.

Und so ein Wetter wagen Sie, uns anzu­bieten!!?" sagt der ablösende Wachoffzier zu sei­nem Kameraden. Der ist dafür berüchtigt, daß er schlechtes Wettermacht". Er steht sich mit Neptun nicht gut und kann ihn anscheinend auch durch ge­legentlicheOpfer" nicht milder stimmen. Jedenfalls brist es auf seiner Wache immer gewaltig auf, wie die zwote Seewache behauptet.

Na, wollen mal sehen, was sich machen läßt", läßt sich der Zwo W. O. (Zweite Wachoffizier) gönnerhaft vernehmen, als ob er mit Neptun auf dem Duzfuß stände. Er kennt ihn gut von seiner langen Seefahrtszeit bei der Handelsmarine.

*

Das Boot benimmt sich wunderbar in dem schweren Seegang. Es klettert fast über alle Seen hinweg. Seine Bewegungen sind weich und ausge­glichen. Hinter dem Brückenkleid, das an der Ober­kante eine besonders konstruierte Winddüse trägt, merken wir fast nichts von dem Sturm, der über uns hinwegbraust.

Wenn der Mond ab und zu durch die Wolken blickt, sehen wir um uns eine Wasserlandschaft von grausig-wilder Schönheit. Unser Boot strebt durch ein Dünenmeer, dessen Kämme wohl sechs bis acht Meter hoch sind. Wenn wir uns in -einem Tal be­finden, steigen rings um uns schwarze Hänge empor, die auf ihren Kämmen weiße Gischthäupter tragen. Oft steigen sie so^nahe an die Turmwand, daß wir uns mit einer Tasse Wasser daraus schöp­fen könnten, während wir bei ruhiger See nor­malerweise fünf Meter über dem Wasserspiegel stehen. Ueber uns sehen wir ein Stückchen Himmel. Dann krängt das Boot hart bis zu 45, ja 50 Grad, klettert in dieser Lage den nächsten Hang empor und richtet sich oben langsam auf.

Dort bietet sich uns für Sekunden ein wunder­bares Bild. Ringsum rollende, schwarze Wasser­berge, auf denen das Mondlicht glitzert. Ueber den Himmel fliegen zerfetzte Wolken. In diesen Sekun­den suchen wir mit unseren Gläsern die Kimm ab. Wir stehen ja hier, um feindliche Schiffe zu sehen; um zu sehen, fahren wir durch diese tobende Wasser- wüste, statt gemütlich auf Tiefe zu gehen, wo uns der Seegang nichts anhaben kann. Dann senkt sich der Bug. Es geht wieder abwärts.

Die nächste See hat es in sich. Ein weißer Gischt­kamm krönt ihr Haupt. Der Brecher donnert gegen die Turmwand mit dem Geräusch eines schweren O-Zuges, der über eine Brücke rast. Die Spritzer peitschen uns ins Gesicht, als wenn man uns eine bandvoll Gartenkies dagegen würfe. Unsere Augen sind für Minuten geblendet. Das Salzwasier brennt.

Das nächste Mal passen wir besser auf. Wenn Neptun unten gegen den Turm klopft, machen wir ihm oben sofort eine tiefe Verbeugung. Das lernt sich schnell, und das erforderliche Tempo hat man bald heraus.

*

Allmählich spüren wir die Kälte. Die Brücke überzieht sich wie eine Torte mit blanfem Zucker­guß. Das Geschütz auf dem Verdeck ist schon längst zu einem bizarren Monstrum aus der Waffen­kammer einer Feenkönigin ober Eisprinzessin ge­worden. Von den Netzabweisern hängen lange Eis­fahnen schräg nach Lee. Heber die Stirn baumeln uns kleine Eiszapfen,-die die Sicht behindern. In Augenbrauen und Schnurrbart siedeln sich Eis- brocken an.

Plötzlich wird es ganz dunkel. Der Mond ver­schwindet. Eine Schneebö zieht heran. Flocken wir­beln um uns. Die Seen werden merklich schwerer und höher. Das Rauschen und Singen des Sturms um den Turm steigt um einen Ton höher. Sicht ist überhaupt nicht mehr. Wir haben das Gefühl, in einer Luftschaukel zu sitzen, so rasch steigt und fallt das Boot. Der Turm beschreibt wilde Pendelkreise nach rechts und links. Die Bewegungen werden härter, stoßweiser.

In den Böen Stärke 910!" schreit mir der W. O. ins Ohr. *

Eben rast ein Brecher gegen uns an. Die Brücke füllt sich halb mit Wasser. Rasch wirft der W. O. das Turmluk zu, damit die drinnen nicht abfaufen.

Eben sind wir über den Berg weg und wollen schon ins nächste Tal steigen, da stürmt der zweite gegen uns an. Das Boot, in einer Abwärtsbe­wegung begriffen, kann nicht so schnell hochkommen. Viele Tonnen Wasser drücken aufs Vor- und Achter­schiff. Die See rollt über uns weg. Die dritte folgt gleich hinterher. Für kurze Zeit steht die Oberkante Turm gleich mit der Wasseroberfläche. Wir stehen bis an die Brust im Wasser. Vom Boot ist nichts mehr zu sehen außer dem Stückchen Brückenver­kleidung, an das wir uns anklammern. Es sieht aus, als ob das Boot unter uns wegsinkt. Ein ver­dammtes Gefühl, wenn man oben angeschlossen auf der Brücke hängt und schon anderthalb Meter Wysser über dem Turmluk stehen.

Ich klettere auf ein Trittbrett an der Innenseite des Brückenkleides und spähe, ob vom Vor- und Achterschiff noch etwas zu sehen ist. Nichts mehr! Da, voraus springt eine weiße Fahne von Wasser­staub senkrecht aus der See. Dort muß der Bug fein. Wenige Sekunden darauf steigt er aus dem Wasser. Langsam, langsam taucht das Boot auf. Das Wasser auf der Brücke verläuft sich. Die Lenz­pumpen drücken das eingedrungene Wasser aus dem Boot. Wir stellen fest: Dank unsererTaucher- Ausrüstung" sind wir vollkommen trocken geblieben am Leibe. Nur in den Stiefeln schwappt das Wasser.

*

Trotzdem ist uns in der frischen Luft viel wohker, als denen unten im Boot. Aus dem Turm und der Zentrale dringt das Röcheln und Brechen der See­kranken. Aber eifern stehen sie auf ihren Posten. Der Dienst dort unten, wo es zwar warm und trocken ist, ist in der Boots- und Maschinenluft

mindestens ebenso schwer wie oben auf der Brücke.

Auch wir merken allmählich die wüste Schaukelei in den Knochen. Eine dumpfe Müdigkeit legt sich auf den Kops.Schlafen, nur schlafen" denkt man. Die nächste See, die uns ins Gesicht klatscht,er­frischt" wieder für ein paar Minuten.

Die Glieder werden allmählich steif und gefühl­los. Mechanisch heben wir das Glas an die Augen und suchen die Kimm ab, wenn wir auf einem Wasserberg sind. Das alte Rheuma in der Schulter macht sich bemerkbar. Wir treten von einem Fuß auf den anderen, aber davon werden sie auch nicht wärmer.

Auch die längste Wache nimmt einmal ein Ende. Mit steifen Fingern haken wir die Karabinerhaken aus. Die See ist etwas ruhiger geworden. Die Zwote Wache hat mal wieder ihre Schuldigkeit getan. Schwer und unbeholfen klettern wir durch das Turmluk.

In der Zentrale blendet uns das Helle Licht. Hilf­reiche Kameraden ziehen uns das Gummizeug vom Leibe. Wir sind zu steif gefroren, um uns selber davon zu befreien. Die Finger versagen den Diönst. Dicke Eisschalen platzen von unserem Zeug. Zu­nächst sagen wir nicht viel. In den Augenbrauen und den Bartha»ren taut das Eis. Um Mund, Nase und Augen haben mir dicke Salzkrusten. Ah, wie warm, trocken und hell es im Boot ist. Wir fühlen uns geborgen.

Was gibt's denn zu essen?" Die Lebensgeister erwachen. Wir klettern nach vorn, waschen uns das Salz aus den Augen, ziehen uns die Seestiefel von den Füßen und wärmen Finger und Zehen am elektrischen Ofen.

Aus der Stadt Gießen.

Kinderspiele im Frühling.

Bald tauchen sie wieder auf, die lieben alten Spiele, die auch wir als Kinder gespielt haben. Aber nicht nur wir haben sie gespielt, nicht nur unsere Eltern und Großeltern, viel weiter reicht ihr Ursprung zurück.

Als Erster erscheint auf der Bildfläche im Früh­ling wohl der lustige Kreisel, je bunter, desto besser. Er heißt in HessenDopsch", ist in Bayern als Trandl". in Franken alsSchnorrer", in der Ober­pfalz alsTanzbär" bekannt« in Berlin wird er Triesel" genannt, in SchwabenTänzer", im BreisgauTanzknopf" in ThüringenDorle", im Lippifchen heißt erKlappgons", in Niederdeutsch­landKüsel" und in BraunschweigSteinsetzer". Von den Dichtern des Mittelalters aber wurde er Topf" genannt.

Fast ebenso beliebt, wie dasdoppche", ist bei den Kindern das Reifspiel, das schon den Griechen und Römern bekannt war. ImNördlinger Spiel­gesetz" von 1426 werden folgende Spiele als erlaubt aufgezählt:Paarlaufen, Kegeln, Radtreiben, Rücken und Schneide, Hafenschlagen, Topfspiel und Schnell­kügelchen". Geiler von Kaisersberg (1445 bis 1510) schildert:Als die fint, die die reif treiben, die schlagen für vnd off den reif mit einem stecken", und Veit Schwarz schreibt im Jahr 1550:So war diß mein Freud, wenn ich aus der Schul kam oder hinter die Schul ging mit ... kluckern ... raiff= treiben und dergleichen Freud mehr." In einem alten Druck' desNenner" aber steht zu lesen:

. mit böpfen und auch mit klickern ..."

Der gleichen Beliebtheit, wie das Kreisel- und das Reifenspiel erfreut sich allüberall im deutschen Vater­land bei Buben und bei Mädeln das schon oben im Nördlinger Spielgesetz erwähnte Spiel mit den Schnellkügelchen" . (mittelhochdeutschtribfugeln"), denKluckern" (siehe auch oben bei Veit Schwarz), Schußkugeln",Murmeln",Marmeln",Schus­sern",Klickern",Schnellern",Steinerten",Hul­lern",Käulchen",Stinnerten",Steinles",Bal­laden",Rugele",Märbein",Schucken",Löpern", Klinkern",Klitschen",Knippkugeln",Schnell­käulchen", und wie sie sonst noch heißen mögen, die kleinen Stein- ober Glaskugeln, die die kindlichen Leidenschaften viel stärker zu erregen vermögen als die zwei früher genannten Spiele. Kann doch Verlust und Gewinn ein ganz erheblicher sein, und mancher, der stolz mit prall gefülltem Klickersäckchen auszog, kehrt abeyds heim: ,2lrm am Beutel, krank am Herzen." Die Mannigfaltigkeit der Namen, mit der die verschiedenen Mundarten das vergnügliche Spiel benennen, beweist, wie weit verbreitet es ist.________

Viel und gern geübt wird auch das Ballspiel, von dem es eine Menge Abarten gibt Im Fangballspiel entwickeln die Jüngeren manchmal eine erstaunliche Geschicklichkeit, im Schlagball, Kreisball, Prellball, Lochball, Fußball, Wanderball und anderen Ball­spielen mehr, toben sich die Aelteren aus.

Das Spiel mit dem Ball ist ebenfalls sehr alt, wir finden es dargestellt ebenso auf Denkmälern ägyptischer Kunst, wie auf chinesischen Bildern. Bei Homer spielt Nausikaa, das liebliche Köniastöchter- lein, mit den Gefährtinnen Ball, als Odysseus, ans Gestade verschlagen wird, und auch sonst fehlt es nicht an Belegen, daß die Griechen sich gern am Ballspiel ergötzten.

Gern spielen unsere Kleinen auch Hüvfspiele: auf allen Wegen begegnet der Erwachsene den mit dem Absatz gezogenen ober mit Kreibe gezeichneten Figu­ren, bie zu verwischen er sich sehr hüten muß. Denn in ihnen geht dasHickeln" oberHeckeln" vor sich, bas mit vielen Abweichungen gespielt wirb (so gibt esNamen-",Voael-",Blumen-" unb gar ^lie» gerheckeln"), unb cllerbanb Namen trägt; so kenne ich:Himmel und Hölle",Paradies-" undHimmel­hupfen", in der Ostmark heißt das SpielTemnel- hupen", in SchlesienHicke" unb in Südwestbeutsch- landHüpfelbrei".

Wie es scheint, hat das SeilGrinaen, sei es att"N ober zu mehreren', etw"s an Belebtheit eingebaut; früher wurde es von kleinen Mädchen gern gei,fit und ist auch heut keineswegs verschwunden. L. B.

Tag her Verpflichtung der Zuaend.

Die Verpflichtung der Jugend, die alljährlich Hs festliches Ereignis die Gesamtheit des deutschen Volkes angeht, findet in diesem Jahre für ave v-er Ortsgruppen in Gießen am 2 2. März in der Aula der Universität statt. Am Samstag, 21. März, wird eine musikalische Feierstunde den Tag der Verpflich­tung würdevoll einleiten. An dem Ehrentage der deutschen Jugend, die damit in das Leben tritt, soll auch der Schule und der Lehrerschaft, die unsere Jungen und Mädels bisher geleitet haben. In ge­bührender Weise gedacht werden.

Wenn Augen versagen Magnus-Brillen tragen!

Ein großer Sohn Gießens.

Zum 100. Geburtstage von Georg Friedrich Knapp.

Am 7. März 1942 jährt sich zum 100. Male der Geburtstag des bekannten Nationalökonomen Georg Friedrich Knapp, geboren zu Gießen am 7. März 1842 als' Sohn bes gleichfalls, als Che­miker, berühmt geworbenen Friebrich Lubwig Knapp, bamals feit 1838 Privatbozent, feit 1841 oußerorbentlicher Professor an ber Gießener Uni­versität. Das bescheidene Miethaus dürftiger Bau­art, in dem der spätere große Gelehrte, zusammen mit einer Zwillingsschwester, das Licht Gießens er­blickte, lag nach feiner eigenen Beschreibung in der Die neuen Bäue" genannten, nach Osten führenden Straße der inneren Stadt, schräg, gegenüber dem Geburtshause des Romanisten Diez, und besaß bleigefaßte Fensterscheiben, wie damals noch häu­fig, Wände, die einen im Wohnzimmer eingeschla- genen Spiegelkloben an der Außenseite zum Vor­schein kommen ließen, Treppen von gefährlicher Steilheit und einen kleinen, sonnigen, von einem Floßgraben" nach hinten begrenzten Hof. Hier, und nach einem Umzüge 1847 in ein völlig frei­stehendes, von Gemüsegärten unb Blumenrabatten umgebenes Haus am Sübende ber Stabt, auf bem Seltersberg, verlebt^ Knapp seine Kinbheit, bis sein Vater 1853 als Leiter ber Nymphenburger Por­zellanfabrik unb Professor an ber Universität nach München berufen wurde. Der junge Knapp ver­lebte sie mit Geschwistern und Spielkameraden, dar­unter die Kinder Liebigs, der die damals kleine Universität zum Mittelpunkt des chemischen Stu­diums der gesamten Kulturwelt machte, und dessen Schüler und späterer Schwager Friedrich Lubwig Knapv war. Aus bieser Frühzeit gibt es allerhanb interessante unb köstliche Erinnerungen, z. B. an einen bamals nur vonchemischen Eltern" als Ueberraschung zu bietenben Christbaum mit fünf­facher Flamme an ber Spitze, gespeist aus einem kleinen Gasometer in ber Zimmerecke, an die Schild.- bürgerei des Thum- unb Taxisschen Personen- unb Briefpostwagens, ber nach Eröffnung ber Main- Weserbahn von Gießen nach Frankfurt, mangels

Einigung mit ber Bahnverwaltung, zum Gelächter aller noch am Hause vorbeifuhr, an Geschehnisse, Truppenburchmärsche, Versammlungen 1848/49, bie komisch wirkenbe Einexerzierung der Professoren in der Bürgerwehr, an das Begräbnis des" Groß­vaters Knapp, Geheimen Staatsrates in Darmstadt, an Ernst und Lust des Schullebens unb Besuche unb ^Säuberungen in Gießens Umgebung.

Auch späterhin blieb Knapp seiner Geburtsstabt, Gießener Bekannten- unb Verwanbtenkreisen wie Darrnstabt durch mancherlei Beziehungen persönlich verbunden. So von München aus, wo er, nach län­gerem Zwischenaufenthalte in Darmstadt, Latein­schule unb Gymnasium besuchte, unb währenb ber folgenden Studienjahre in München, von wo er weiter nach Berlin, Göttingen unb Leipzig um- siebelte..Neben Vorlesungen aus Gebieten ber Na­turwissenschaften, ber Mathematik, ber Geschichte, der Philosophie unb schöngeistigen Wissenschaften . hörte er solche über Nationalökonomie unb Statistik. Bezeichnen!) für seine spätere Lebensarbeit unb Leistung als Vertreter ber historischen Richtung ber Nationalökonomie, praktischer Wirtschafts- und So­zialpolitik unb ber Statistik ist es, baß schon ber junge Stubent in München von Herrmanns klassisch- dogmatiichen Vorlesungen, wenn er sie auch ihres ihm völlig neuen Stoffes unb ihrer bogmatischen Behonblung halber gern hörte, als solche empfand, die fast gar keinen historischen Stoff darboten, son­dern nur Begriffe entwickelten. Als er in Göt­ti gen 1865 mit einer Dissertation über Wechsel­beziehungen zwischen Volksvermehrung unb Hohe des Arbeitslohnes zum Doktor promoviert worben war, schien ihm bie bogmatische liberale National­ökonomie ganz wertlos.Das virtuose Hm- und Herdrehen einiger weniger Sätze schien mir ganz unergiebig, eine bloße Gnmnastik, ohne alle wissen­schaftliche Bedeutung, ohne allen Wert für die Pöhmg von Fragen: eine Disziplin, rote sie sich an Glaubenssätzen entwickelt, aber keine untersuchende Disziplin mit der man weiterkommt. Noch wußte er nicht' recht, was an Neuem unb Lebenbigem binjufomtnen mußte, bald fand er es aber im Stu­dium und in der Pfl-g- ber um durch

Engel'in Berlin emporgehobenen Statistik. Engel dessen Persönlichkeit Knapp später in ber Schrift Grundherrschaft und Rittergut schilderte,hatte

Blick für Sachen und Personen, sogar mehr, als ich bisher je in diesen Fächern beobachtet hatte." Das Studium der. in wirklichem Geschehen fußenden und urteilenden Statistik, Mitarbeit an der Volkszäh­lung im Engelschen Seminar unb feine Anstellung 1867 als Direktor des neuerrichteten Statistischen Büros der Stadt Leipzig in Verbindung mit einer 1869 hinzutretenden außerordentlichen Professur für Nationalökonomie und Statistik an der Universität schufen ihm die Grundlage seiner weiteren bedeu­tungsvollen wissenschaftlichen Arbeit und Lehrtätig­keit, bis -1874 in Leipzig, von '1874 bis 1919 als ordentlicher Professor für die gleichen Fächer an der Universität Straßburg. Als Straßburg aufgehort hatte, eine deutsche Universität zu sein, siedelte er im Herbst 1919 nach Darmstadt über, wo er am 20. Februar 1926 starb.

Zu einer Schilderung der nationalökonomischen Theorien Knapps, seiner wirtschaftshistorischen, agrar- unb sozialpolitischen Werke unb statistischen Schriften ist hier nicht ber Platz.' Von allgemeinem, über die Fachwissenschaft hinausreichenbem Interesse ist es aber, baß seine statistischen unb wirtschafts­wissenschaftlichen Arbeiten über Sterblichkeit unb Bevölkerungswechsel, über bie Bauernbefreiung unb ben Ursprung ber ßanbarbeiter, über bie Lanb- arbeiter in Knechtschaft unb Freiheit, über Grunb- herrschaft unb Rittergut unb anbere Hauptgebiete ber Nationalökonomie, wie vor ihm schon bie Werke Friebrich Lists, bie deutsche Volkswirtschaftslehre aus dem ihr zum Teil noch bis zum Umbruch 1933 anhaftenden Einfluß des dogmatischen englischen Liberalismus lösen halfen und in ihren Auswir­kungen bis in die Gegenwart hereinstrahlen. Wie­der näher gerückt ist uns Knapp aber heute be­sonders durch sein 1905 erschienes seinerzeit viel umstrittenes Hauptwerk:Die staatliche Theorie des Gelbes", bie ben Weg einer vom Gold als« Deckung gelösten, im Gegensatz zurmetallistischen"nomi­nalistischen", auf Krebit und Arbeit, gefunbe staat­liche Finanzwirtschaft und Devisenpolitik gestützten Wirtschafts- und Währungspolitik betritt, ein Vor­bote in gewissem Sinne bereits ber heute, allen früheren metallistischen Theorien zum Trotze, ins Werk gesetzten Neuordnung.

| Dr. P. L. Heubner.

Bhchertisch.

DerHüter der Schwelle. Don Weisheit und Liebe in ber Geisteswelt des Novalis. Aus­gewählt und eingeleitet von Waldemar Bonsels. 140 Seiten. Geb. 3,50 RM. Münchener Buchverlag, München. (115) Bonsels, durch seine Bücher bekannter als durch seine Tätigkeit als Herausgeber, hat in diesem Buche eine Blütenlese zusammen- getragen, die gleichsam einen Extrakt aus dem ro­mantischen Dichten und Denken des Novalis bar- stellt. Die Themenkreise, nach denen die Auswahl sich gliedert, sind überschrieben: Mann und Weid Das Reich der Natur unb ber Seele Menschen untereinander Staat unb Gesellschaft Kunst und Künstler Zeitgenosse^ unb Vorläufer Liebe zu Weisheit unb Wissenschaft Gott, Welt, Religion. Mancher wirb vielleicht von biesen kurzen, übersichtlich dargebotenen Leseproben her am leichte» ften ben Zugang zu der im Gesamtwerte beschlosse­nen Welt ber Novalis gewinnen. Bonsels hat feiner Auslese eine knappe Studie über Novalis vorange­stellt. Ein zweiter Band, der da§ schönste aus seiner lyrischen und epischen Dichtung auswählend vereini- gen will, ist geplant; ihm soll auch ein Lebensauf- riß des Dichters beigegeben werden. Hans Thyriot.

_ D i e Feier des Lebens. Ein Buch ber Freundschaft für Heinrich Zerkaulen. Herausgegeben von Heinz Grothe, 170 Seiten. Edmund Huyke Verlag in Leipzig. (14) Zur Feier von Hein­rich Zerkaulens 50. Geburtstage, der mit der Gieße­ner Aufführung feines SchauspielsDer Reiter" im voraus festlich begangen wurde, haben sich in iue,em Buche die Stimmen der Freunde unb Kameraden im Geiste zu einem volltönenden Chor zusammen- gefunden. Der Herausgeber Heinz Grothe macht mit einer liebevoll eingehenden Würdigung von Zerkaulens Lebensweg unb Werk ben Anfang, und in ben glückwünfchenden Stimmen berer, bie ihm folgen wir finben unter ihnen z. B- Hans Bran­denburg, Emil Dovifat, Hans Fr?"ck'Fntz Helke, Hans Christoph Ka^rgel, Felix Lutzkenvvrf, Gustav Schröer, Gerhard Schumann, Fritz Wachtler, So.ef Magnus Wehner und Edmund Huyke, der Zerkau- lens Gesamtwerk verlegerisch betreut sich

die Persönlichkeit des Dichters auf die verschieben- artigste Weife. Hans Thyriot