Nr 103 Zweites Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)Dienstag,5.MaiW2
Aus dem Reiche der Krau.
Gründlicher- einweichen!
Im Kriege hat sich gar manches gewandelt; auch beim Waschen der Weiß- und Buntwäsche gelten andere Regeln als früher. Wir wissen, daß man bei Verwendung der Einheitswaschmittel das Hauptgewicht beim Waschen auf das richtige Einweichen der Wäsche legen muß, weil die Waschkraft des Einheitswaschpulvers sonst zur vollständigen Reinigung der Wäsche nicht ausreicht. Mit langem Kochen, mit Reiben und Bürsten ist eine große, Wäsche nicht mehr sauber zu bringen, weil die zugeteilte Menge an Waschpulver viel zu gering ist. Viel mehr muß der größte Teil des anhaftenden Schmutzes aus der Wäsche bereits g e l ö st sein, bevor sie überhaupt in den Waschkessel kommt. Und das kann nur durch gutes und langes Einweichen geschehen.
Am besten ist es, über Nacht, also ungefähr zwölf Stunden, einzuweichen. Genügt das noch nicht, um den hauptsächlichen Schmuß wirklich herauszuweichen, so muß mein noch länger einweichen. Besonders bann, wenn die Wäsche sehr schmutzig ist, was immer dann der Fall sein wird, wenn es sich etwa .um Berufswäsche handelt, oder etwa um schmutzige Handtücher, Schürzen und ähnliches, dann ist es ratsam, die Wäsche zweimal einzuweichen. Man nimmt aud) das zweite Mal wieder eine ganz frische Einweichlösung. An der Trübung der Einweichlauge kann man dann erkennen, wieviel Schmutz sich das zweitemal noch gelöst hat.
Zum richtigen Einweichen der Wäsche gehört aber nicht nur, daß man länger als früher einwescht und daß man, wo es nötig ist, zweimal einweicht, sondern man muß auch gründlicher einweichen, als man es seither gewohnt war. Man muß der Wäsche helfen, sich in der Einweichlauge vom Schmutz zu lösen, man muß die Wäsche zu diesem Zweck bewegen. Entweder dadurch, daß man die Wäscht öfters in gewissen Zeitabschnitten mit einem Wäschestampfer tüchtig durch stampft, oder aber im Bottich hin- und herbewegt, damit der aufgewichte Schmutz sich ganz ablösen kann. Der Schmutz in der Wäsche besteht einesteils aus Staub und Ruß, andernfalls aus Fett- und Eiweißflecken. Staub und Ruß sind ein nur lose an der Oberfläche des Gewebes anhaftender Schmutz, der durch gründliches Einweichen vollkommen herausgearbeitet werden kann. Dazu genügen Wasser und Soda. Fett und Eiweiß dagegen enthalten Klebstoffe, sitzen also fester im Gewebe und können nur durch die Einwirkung der Seife, d. h. der Fettsäure, aufgelöst und herausgespült werden. Bei jeder normalen An- schmutzunq in unserer Wäsche werden aber die Bestandteile an Staub und Ruß immer bei weitem überwiegen; nur ein geringerer Teil des Schmutzes wird aus Fett- und Eiweißteilen bestehen, die von der Aussonderung der Haut und Speiseresten herrühren. Es wird also sehr wohl möglich sein, den weitaus größten Teil des Schmutzes durch richtiges Einweichen aus der Wäsche zu entfernen. Zum verbleibenden Rest genügt bann bas zur Verfügung stehende Waschpulver, das beim Kochen der Wäsche im Waschkessel seine Waschwirkung entfaltet.
Wesentlich kann die Hausfrau die Wirkung des Einweichens noch dadurch erhöhen, daß sie die' gründlich eingeweichte Wasche nochmals in klarem enthärtetem Wasser durch - spült, bevor sie sie in den Waschkessel gibt. Hierdurch wird vermieden, daß noch lose anhaftender Schmutz mit in den Waschkessel kommt. Allerdings ist es wichtig, daß das Spülwasser enthärtet w'rd, damit fein kalkhaltiges Wasser mit in den Kessel kommt. Regenwasser und Schneewasser sind weich; Leitungs- und Brunnenwasser sind hart. Regen und Schnee fallen vom Himmel, können also keinen Kalk enthalten, während das Leitungswasser, das aus dem Boden kommt, während seines Laufes durch die Erde Mineralien, vor allem Salze und Kalk, ausgenommen hat. Für unser Trinkwasser sind diese mineralischen Bestandteile sehr wertvoll, denn sie machen das Wasser fdvmrf= haft und gesund; dagegen ist kalkhaltiges Wasser zum Waschen der Wäsche nicht zu aebrauchen. denn der Kalk frißt Seife. In hartem kolkhaltiaen Wasser wird die Reinigunaskraft her Seife bzw. des Waschpulvers weitgehend zerstört. In einem Waschkessel mit 100 Liter Fassungsvermögen werden durch den Kalk bei 15 Grad Härte des Wassers 240 Gramm Seife vernichtet. Das ist also gerade so viel, als einer Person pro Monat an Waschpulver zusteht. Dabei muß aber noch berücksichtigt werden, daß ein Paket
Waschpulver ja keine 250 Gramm Seife enthält, sondern nur einen kleinen Prozentsatz Seife bzw. Fettsäure, während alles übrige Soda und Füllmittel sind. Hieraus kann man erkennen, wie unendlich wichtig es ist, weiches Wasser beim Waschen zu haben. Nun steht ja nicht jeder Hausfrau Regenwasser zur Verfügung; da muß sie sich mit Enthärten des Wassers helfen. Soda, Bleichsoda, Kristallsoda und andere Enthärtungsmittel machen das Wasser weich. Aber mindestens eine halbe Stunde braucht es, bis die Mittel gewirkt haben und das Wasser weich geworden ist. Deshalb ist es zweckmäßig, schon am Abend vor dem Wasck)tag eine größere Menge Wasser zu enthärten.
Frisches Brot ist ungesund.
NSK. Manche Menschen essen gern frisches Brot und behaupten, es bekomme ihnen ausgezeichnet. Aber wie wirkt zu frisch genossenes Brot auf den Organismus? Der Magen muß ununterbrochen gegen das zu Klümpchen geballte Brot angehen, d. h. er ist ■ ständig belastet. Auch können die im Brot enthaltenen Nährstoffe nicht genügend ausgenutzt
werden, da die Verdauungssäfte von Magen und Darm diesen dicken Speisedrei nur schwer durchdringen. So geht ein Teil der Nährstoffe verloren und verläßt ungenutzt den Körper. Hinzukommt, daß frisches Brot im allgemeinen schlecht gekaut wird. Dann ist die Ausnutzung burd) mangelnde Zerkleinerung noch geringer. Wer einmal im Röntgenbild gesehen hat, welche Riesenhappen schlecht gekaut in den Magen wandern, wird sich gewundert haben, daß so große Bissen überhaupt hinuntergeschluckt werden können. Es ist für die Gesunderhaltung des Körpers unbedingt notwendig, daß das Brot nicht zu frisch gegessen und gut gekaut wird. Das setzt allerdings voraus, baß man bas Brot rechtzeitig ein kauft, bamit es noch etwas liegen kann. Wie wirb Brot am besten aufbewahrt? Sehr frisches Brot läßt man erst etwas trocknen, ehe es in einen Brotkasten oder Steintopf gelegt wird, den man mit einem Deckel gut abschließt. Wichtig ist es, das Gefäß mindestens alle zwei Wochen mit heißem Wasser auszu- waschen und an der Luft gut trocknen zu lassen, ehe das Brot wieder hineingelegt wird.
PRAKTISCHE VORSCHLÄGE UNSERES MODEZEICHNERS
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E i n praktisches Jackenkleid, das für viele Zwecke im Frühjahr wie im Sommer feine Verwendung finden wird, zeigen wir oben. Es besteht aus einem dunkelblauen Woll-Faltenrock (zu dem ein anknöpfbares Miederteil mit Trägern getragen werden kann), aus einer fchottifchkarierten Jacke in blau-grau-roten Farbtönen und aus einer Hemdbluse aus hellgrauer Waschseide.
Die Jacke hat ein stark blusig gehaltenes Oberteil zu einem (durch Abnäher) eng auf Figur gearbeiteten Unterteil, das vorn durch 5 Stoffknöpfe und (in der Taille) durch einen schmalen Stoffgürtel zusammengehalten wird.
Die großen, aufgesetzten Taschen und die Aermel- aufschlüge sind schräg genommen. H.
Buttermilch in mancherlei Gestalt.
Wie alle Dinge im Leben hat auch die Buttermilch ihre Freunde und — wenn auch das Wort „Feinde* hier übertrieben wäre — so finden sich doch immer* hin Menschen, die nichts weiter damit anzufangm wissen, wie nur das eine, daß im Sommer ein Glas kühle Buttermilch ganz gut schmeckt, aber es gibt auch mancherlei Verwendungsmöglichkeiten für bitt Buttermilch, die wohl des Probierens wert sind, unt bann das eine oder andere in den „eisernen Be« stand" des Küchenzettels auch ausgenommen zu wer« den. Beginnen wir einmal damit:
Buttermilchkartoffeln. 1 kg Kartoffeln, Vi Liter Buttermilch, 10 bis 15 g Speck, 2 bis 3 Zwiebeln oder Lauck), Gewürzkräuter je nach des Jahreszeit.- Die Kartoffeln werden geschält, iit Würfel zerschnitten und in wenig Wasser gargebün« stet. Den Speck läßt man zergehen und bräunt bitf feingehackten Zwiebeln darin. Die Buttermilch gießt man über die garen Kartoffeln, läßt alles gut heiß werden, gibt zum Schluß Speck und Zwiebeln dazu und streut nad) dem Anrichten die feingewiegtenl Kräuter darüber.
Buttermilchsalattunke. Buttermild) mit Zitronensaft (oder Essig), Salz, Prise Zucker und Kräuter vermischen und über den Salat geben.
B u tte r m i l ch sp)e i s e. 1 Liter Buttermilch» 80 g Zucker, abgeriebene Schale einer Zitrone und etwas Zitronensaft, 80 g Stärkemehl. Das Stärke« mehl wird mit der Buttermilch verquirlt, imtetf Rühren zum Kochen gebrack)t.-Man läßt einige Mals aufkochen, gibt die anderen Zutaten dazu, schmeckt gut ab und füllt die Speise in eine Schüssel.
Buttermilchsuppe. 1 Liter Buttermild), 40 g Bindemittel (Mehl, Kartoffel- oder Stärke« mehl), Zucker, Salz nach Geschmack, Zitrone oder Vanillezucker. Alle Zutaten werden mit der Buttermilch bis zum Kochen geschlagen. Man richtet sie auf Brot- ober Zwiebackwürfel an.
Buttermilchkartoffelsuppe. Salzkar« toffeln kochen, durch die Maschine oder ein Sieb geben, unter ständigem Rühren die gut verquirlte Buttermilch daruntergeben, bis zum Kochen kommen lassen und abschmecken.
Auch die Kämme brauchen pflege!
Leider werden unsere Kämme oft reckst ftiefmütter« lich behandelt. Da es aber heute nicht leicht ist, den richtigen Ersatz sofort zu beschaffen, heißt es, achtsam damit umzugehen. Man strenge die Kämme nicht zu sehr an, um das Ausfallen der Zähne zu vermeiden, denn ging erst ein Zahn verloren, dann ist es bald mit der ganzen Herrlichkeit des Kammes vorbei. Wird das Haar jedoch erst gut durchgebürstet, bann wird weder Kamm noch Haar zu sehr ange« strengt. Vor allem aber ist das Reinigen wichtig, das sich nad) der Beschaffenheit des einzelnen Kammes zu richten hat. Hartgummikä mm e wäscht man in lauwarmem Seifenwasser. Dagegen säubert man die empfindlichen Zelluloidkämme mit einem Wattebausch, den man in Salmiak tränkt. Mit weichem trockenen Tuch wird dann nachge« rieben. Mit den Hornkämmen heißt es beson« ders sorgsam umzugehen. Diese müssen täglich be« sonders gründlich von Haarresten befreit werden, da die Fettsäure des Haares den Rohstoff zerfrißt. Außerdem ist hier eine wöchentliche Reinigung mit Seifenwaffer angebracht. Im allgemeinen begnügt man sich mit dem Reinigen der Kämme anläßlich der Kopfwäsche, dabei sollte man dann auch nicht den Taschenkamm aus der Handtasche sowie die Einsteckkämme vergessen. Zum Waschen der Kämme darf keinesfalls zu heißes Wasser benutzt werden, ein tüchtiges Nachspülen in klarem lauwarmem Wasser ist unerläßlich. H. v. L.
Rezepte.
Schroteintopf mit Gemüse: Etwa IVa Liter Gemüse- oder Knochenbrühe, 20 Gramm Fett, 125 Gramm Weizen- oder Roggenschrot, 1 bis IVs kg Gemüse je nach der Jahreszeit, 500 Gramm Kartoffeln, Zwiebeln oder Lauch, Salz und Kräuter. — Zu den in Fett gedünsteten Zwiebeln gibt man bas Schrot und füllt mit der heißen Brühe auf. Die geputzten, zerkleinerten Gemüse werden mit den Kartoffelstucken und Salz darin gargekocht und mit gehackten Kräutern abgeschmeckt.
teilt werden", war ihm auch nichts geholfen, denn eine solche Antwort ließ alle Vermutungen offen und diente nicht dazu, die Perling gegen Verdächtigungen zu schützen.
„Ich glaube nicht", sagte er nach reiflichem Ueber- legen, „daß Fräulein Perling mit der Sache irgend etwas zu tun hat."
„Na schön", meinte Petersen, „wenn Sie das sagen, glaube ich's natürlich. Trotzdem ist es doch komisch, daß sie gerade am Tage nach dem Morde in Berlin austauchte und später so tat, als wüßte sie nichts von der Geschichte. Sie müssen mich recht verstehen", fügte er hinzu, „nicht, daß ich Elisabeth irgendwie verdächtigen will, ich möchte nur Klarheit haben, das ist es."
„Rede doch keinen Unsinn, Peter", warf Willis ein, „Elisabeth hat nichts damit zu tun. Es ist bedauerlich genug, daß du sie mit in die Sache hineinbringst —"
„Aber die Norodna hat doch auch gesagt — wollte sich Petersen verteidigen.
Willis wars einen Blick auf Welt, der in seiner Wut eine große Puderquaste ergriff und sie Petersen an den Kopf warf.
„Es ist gut, daß Sie mich daran erinnern , ergriff Wenig jetzt wieder das Wort, „Fräulein Norodna muß ich auch noch sprechen. Wo ist sie?"
„Ich werde sie holen", sagte Welt.
„Bemühen Sie sich nicht, ich gehe schon zu ihr."
Als Wenig an der Tür stand, sagte Willis:
„Die zweite Tür links."
„Danke Ihnen sehr, meine Herren. Guten Abend!" Kaum war er hinausgegangen, als Willis auf Petersen zutrat und wütend sagte:
„Am liebsten würde ich dir jetzt ein paar hinter die Ohren geben, du altes Schwatzmaul. Der hatte die Norodna schon so gut wie vergessen, da kommst du und erinnerst ihn wieder daran. Mein Gott, mit einem solchen Idioten zu arbeiten ist wirklich eine Strase —"
„Wenn es dir nicht paßt, kann ich ja gehen", jagte Petersen patzi
Warnung aus Stendal
Roman von A. Lothar Philipp
21. Fortsetzung. (Nachdruck verboten.)
„Oh", erwiderte Petersen lachend, „und ich hielt Sie für den Agenten, der uns das neue Engagement vermitteln wollte."
„Sie erwähnten eben die Norodna , sagte Wenig, „ist sie denn bei Ihnen? Und ist das dieselbe, die seinerzeit mit Lanos wegging?"
3a."
"Hm." Wenig dachte daran, daß er unbedingt die' Norodna noch vernehmen müsse.
Sie wollten wissen, was für em Mensch Lanos war", begann jetzt wieder Willis in dem Bestreben, den Kriminalrat von der Norodna abzulenken, „fa, wissen Sie, das ist schwer zu sagen. Em tüchtiger Artist, mit guten, neuen Ideen, ein erstklassiger Musiker, im Verkehr freundlich, aber bei dem Training und bei den Proben oftmals recht grob und unangenehm —"
'$as3°iftnlgar kein^Ausdruck", warf Petersen ein, „einmal trat er nach mir, darauf bin ich mit einem Messer auf ihn losgegangen —" .
„Das genügt. Ich habe nun em Bild über den Mann, das sich durchaus mit dem ergänzt, das ich ^Äch^r^s Petersen, „hat die Perling mit Ihnen gesprochen? Wie interessant! Sagen .Sie Herr Kriminalrat, ganz unter uns, hat eigentlich d e Perling mit der Sache zu tun? Ist sie wirklich die Ursache der Mordtat gewesen-' .
So, dachte Wenig, nun sitze ich der Tmte Er konnte nicht gut leugnen daß die Perling bei ibm aewesen war, denn sie konnte es den W.llis j^rAhlen und bann wäre jedes Vertrauen zu ihm
sich, mit der übttchen Phraje ^iiber laufende Verfahren kann keine Uuvkunft «-
„Natürlich, du kannst Edith helfen, die Nummer über die Bühne zu tragen —"
„Aber warum sollte er denn nicht mit der Norodna sprechen?" verteidigte sich Petersen, „das ist doch ganz in der Ordnung."
„Nein", brüllte Welt, „du kennst doch ihre Schandschnauze, die sagt stets mehr als sie verantworten kann. Und bei ihrer Gehässigkeit gegen Elisabeth bringt sie es fertig, Elisabeth zu verdächtigen und sie mit in die Sache hineinzuziehen."
Kriminalrat Wenig wußte aus alter Erfahrung, daß solche Unterhaltungen nach seinem Weggang immer besonders aufschlußreich waren. Er brauchte sich gar nicht einmal Mühe zu geben, zu lauschen, denn die da drinnen brüllten so laut, daß er jedes Wort verstand.
Nun bin ich informiert, dachte er, die Norodna ist eine Schandschnauze und haßt die Perling. Und Fräulein Perling hat anscheinend an den drei Willis einige gute Beschützer.
Er pochte an der Garderobe der Norodna.
„Wer ist da?" kam von drinnen die Frage.
„Oh", sagte Wenig lachend, „ich möchte nur ein Autogramm haben." Und dann trat er ein und sah sich der halbangezogenen Norodna gegenüber, die ihn mit einem koketten Lächeln begrüßte.
Sie beobachtete ihn durch den Spiegel.
Ein freundlicher, etwas behäbiger Herr in mittleren Jahren, nicht zu jung, um gefährlich zu werden, auch nicht zu alt, ein Mann, der ein Abenteuer sucht und es sich gern etwas kosten läßt. Einer von den Männern, die Irene ganz besonders schätzte.
„Aber mein Herr", sagte sie, „Sie kommen einfach herein, ich bin ja noch nicht einmal angezogen."
„Das macht fast gar nichts , sagte der Kriminal- rat freundlich, „auf der Bühne haben Sie noch weniger an. Ich habe Sie bewundert."
„Wirklich?" Sie zeigte eine Reihe prachtvoller weißer Zähne.
,^Ia. Wie sicher Sie sind, wenn Sie so wenig an haben. Ich glaube, die meisten Frauen werden unsicher. wenn sie ungenügend bekleidet sind, weil sie
nie wissen, ob man nicht, irgendeinen Fehler an ihnen entdecken könnte —"
„Haben Sie an mir einen Fehler entdeckt?" fragte sie.
„Nun, so von weitem kann man das schwer. Daraufhin müßte ich Sie mir erst einmal genauer an- sehen —"
Sie drehte sich um und schüttelte den Kopf.
„Nun, Sie gehen aber ordentlich ins Zeug. Womöglich stellen Sie an mich noch das Ansinnen, mich vor Ihnen zu entkleiden —"
„Oh, bitte nicht", rief Wenig, dem etwas schwül wurde, „ich habe ein schwaches Herz, es würde mich zu sehr aufregen. Ich wollte ja auch nur ein Autogramm von Ihnen."
Sie holte aus der Schublade ihres Toilettentisches einige Photographien heraus.
„Bitte", sagte sie, „suchen Sie sich heraus, was Sie haben wollen. Aber nur eine, mehr gibt es nicht."
„Schade!"
Wenig trat hinzu und wählte eine gute Photographie, auf der sie im Straßenanzug mit Mantel und Hut zu sehen war. Die war für feine Zwecke am besten geeignet, zumal auch das Gesicht sehr deutlich zu sehen war.
„Die — die möchte ich gern haben."
Sie blickte überrascht auf.
„Die?" rief sie langgezogen, „aber ha bin ich doch — ich meine, — aus euch Männern wird man niemals klug. Ich hätte gewettet, daß Sie diese hier gewählt hätten." Sie zeigte eine neue Aufnahme, die sie in ihrem Bühnenkostüm darbot. „Oder die hier, die ist ganz neu und sehr raffiniert." Das war ein Kostüm, in dem sie als Kunstschützin auftreten wollte. Sie trug darauf bis zur Wade gehende braune Stiefel, ein kurzes Lederröckchen, ein grünes Iägerhütchen und eine Iägerblufe, die vorn spitz ausgeschnitten war und den Rücken bloß ließ.
(Fortsetzung folgt.)


