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Nr. 79 Zweites blatt

Gietzener Anzeiger (General-Anzeiger für Oderhesten)

4./5. April 1942

Fröhliche Ostern.

Von Walther von Hollander.

Als wir Kinder waren, fing bei uns zu Haufe Ostern am Palmsonnabend an. Aus dem Walde mußten wir Weidenkätzchen, Haselruten und Birken- reifef* holen. Die Haselkätzchen, um sie im warmes Wasser zu stellen, damit sie bis Ostern ganz auf­blühen konnten, die Weidenkätzchen, um alle Bilder der Vorfahren zu schmücken. Die Birkenreiser aber, die wir von den Birken im Stemdruch gleich hinter dem Haus schnitten, wurden zu Ruten gebunden.

Abends gab es, solange wir noch klein waren, in der Waschküche das große Frühlingsschrubbern. Im Waschkessel brodelte das Wasser. Die Birken­kloben krachten. Dann wurde der Deckel vom Wasch­kessel genommen, und die Waschküche füllte sich mit dem heißen Nebel, der ein wenig nach Kamillen und Eukalyptus roch und so angenehm in die Lungen stach. Jula, die alte lettische Kinderfrau, die wir aus Riga mitgebracht hatten, kam dann mit den Birkenruten und jagte uns durch den Dampf. Sie sang dazu ein lettisches Osterlied, das wir nicht verstanden. Aber den RefrainHeia ... Heia .. sangen wir mit. Die Birkenruten pfiffen. Der Dampf wirbelte und -zum Schluß mußten wir in die hölzer­nen Waschfässer springen. Heißes und kaltes Was­ser wurde abwechselnd über uns gegossen, bis wir vor Schuddern, Schwitzen und Geschrei außer Rand und Band geraten waren.

Wenn wir dann später in den Betten lagen, kam die alte Jula und brachte heiße Eier, geschnitten, auf die Bitterkräuter gestreut waren und Butter­stückchen, die zerschmolzen. Und sie sagte in jedem Jahr das gleiche: die Schlechtigkeit des Winters sei aus uns herausgedampft und wir könnten nun fröhlich den Frühling und die heilige Osterwoche beginnen.

Am Gründonnerstag wurden im Garten die Tan- nenreiser von den Rosen genommen und für das Osterfeuer hinten im Hof geschichtet. Es wurden die Kräuter gepflückt, die ersten Blätter von Ane­monen, von Leberblümchen, die ersten Unkrauttriebe, die man im Frühling noch freundlich begrüßt. Sie wurden in einer Waschschüssel gesammelt für das Ostereierfärben. Leberblümchen.nämlich färben sich als hellblauer Stern auf den Eiern.

Was unsere alte Jula sonst noch um die Oster- zeit trieb, das mußte sie heimlich tun. Denn die Eltern warengegen jeden Aberglauben". Sie hiel­ten es für einen gefährlichen Unsinn, Menn man zwischen Gründonnerstag und Ostersonntag fastete (und die Jula tat es). Sie glaubten nicht daran, daß Wasser, bei Sonnenaufgang des Ostersonntages ge­schöpft, schön macht (denn obwohl Jula sich fünf, sechs Kannen von solchem Osterwasser holte und sich eifrig darin wusch, wurde sie nicht schön), und sie glaubten auch nicht daran, daß in der Dämmerung des Ostersonntags sich die Toten des vergangenen Jahres zeigen.

Ich selbst konnte übrigens diese Toten auch nicht sehen, obwohl ich hinter Jula einmal hergeschlichen bin und habe hinter dem nächsten Kreuz gesessen und ihr zugeschaut, wie sie mit einem Frühlings­strauß aus Leberblümchen, Schneeglöckchen und Kro­kus in der Linken und einer Kerze in der Rechten auf einem Grabe faß und sich mit den Toten unter­hielt, die seltsamerweise alle Lettisch verstanden, ob­wohl sie als brave Harzer gestorben waren.

Am Ostersonntag früh schlich sich dann Jula mit den Haselnuhkätzchen in unser Schlafzimmer und schüttelte sie über dem Gesicht der schlafenden Kin­der. Man mußte gelb vor Blütenstaub aufwachen, damit das kommende Jahr gut und die Gedanken fruchtbar wurden. Wir wachten gewöhnlich schon, aber wir hielten die Augen geschlossen, bis der feine Blütenstaüb auf das Gesicht gerieselt war und die Alte ihre Sprüche zu Ende gesprochen hatte.

Nachmittags mußten wir noch Eierkullern, weil jeder, der nicht mit Anstand Ostereier zu verlieren verstand, im kommenden Jahr sein Geld oder we­nigstens sein Haus einbüßte und obwohl wir weder Geld noch Haus hatten, ließen wir natürlich gerne die bunten Eier auf einer aus Brettern gebauten

Ostereier-Guchen an Bord.

Von Korvettenkapitän a. D.

G. G. Freiherr v. Forstner f»

.Wir waren wieder einmal die Dummen, die keinen Osterurlaub bekommen hatten und mußten am Ostersonntag auf S. M. S.Kaiser Karl der Große" auch noch eine hochnotpeinliche Musterung über uns ergehen lassen. Unser Kommandant war ein sehr gestrenger Herr, der jedes Stäubchen an den Uniformen der Matrosen entdeckte. Dann aber wehe dem armen Matrosen und uns Vorgesetzten. Wir wußten aber Rat. Langes schon hatten wir uns damit durchgeholfen, daß von jeder Korporal­schaft einige Leute 'beim Antreten zur Musterung Kleiderbürsten mitbringen mußten, dann spuckte sich der Korporalschaftssührer ordentlich in die Hand, strich mit den feuchten Händen die letzten Fusseln von den Monturen seiner Schutzbefohlenen ab und bürstete dann höchsteigenhändig auch das letzte Stäubchen mit den Worten fort:So, nun werde ich Euch mal endlich beibringen, wie Ihr als an­ständige europäische Seefahrer auszusehen habt."

Alles ging dann gottlob auch klar bis auf das restlose Verstecken der Bürsten vor den Augen des noch strengeren I. Offiziers. Mehrmals hatte fein scharfer Blick schon nach beendeter Musterung in den Wassergängen, in den Unterbauten von Pol­lern oder an anderen versteckten Plätzen vergessene Kleiderbürsten gefunden, deren Besitzer stets mit Leichtigkeit festzustellen waren, da im Holzrücken jeder Bürste der Name des Besitzers eingeschnitzt sein mußte. Strafen für diesen schwerenVerstoß gegen die Schisfsordnung" waren schon angedroht.

Der Herr Geschwaderpfarrer hatte uns nun am Ostersonntag wieder einmal ergreifend zu Herzen gesprochen, als ich als wachhabender Offizier auf dem Achterdeck wieder einige Kleiderbürsten fand. Es bedurfte keines langen Suchens, bis ich derer 37 Stück beisammen hatte. Dann ließ ich den Wacht­meister kommen. Dieser sah den Fall pflichtgemäß sofort sehr ernst an und meinte:Herr Oberleut­nant, da müssen wir endlich ein Exempel statuieren und alle Leute zum Rapport melden. Ich kann mich wegen die verfluchten Kerle und ihre Kleiderbürsten nicht immer weiter vom I. Offizier annegern lassen!" Ich war demgegenüber aber mehr in friedlicher Osterstimmung und wollte die armen Leute, die gleich mir nun schon auf den Osterurlaub hatten verzichten müssen, doch wenigstens vor Strafe be­wahren. Einen kleinen Denkzettel muhten sie aller- dkngs bekommen. Ich entschied also, daß niemand

und mit Decken versehenen Eierbahn hinunter­kullern. Und abends wurde die Osterkantate gespielt, wurde das Tannenreisig im Hof abgebrannt und danach kletterten wir auf den Boden und schauten zur Dachluke hinaus und sahen rings auf den Harz­höhen um die Stadt die Osterfeuer flammen und die jungen, Burschen mit Fackeln die Osterräder bren­nend zu Tal treiben.

Später, als die Jula gestorben war, gab es das alles nicht mehr. Wir waren auch größer geworden und ungeheuer gescheit, und wir wußten, daß die alten Bräuche und Ueberlieferungenheutzutage" nichts mehr zu sagen hatten und nichts mehr bedeu­teten. Und man mußte erst ein ganzes Teil älter werden und damit in Gedanken jünger bis man begriff, daß hinter dem geheimnisvollen Ge­habe, dem feierlichen Getue und den Altweiber­

sprüchen der Jula viel Weisheit steckte. Sicherlich gehen wir nicht. mehr auf Friedhöfe und warten, daß die Geister der Verstorbenen sich mit uns unterhalten. Aber wir spüren, daß um die Auf­erstehungszeit uns die Toten nahe sein sollen, daß wir ihnen in unserem Herzen begegnen sollen und mit ihnen begreifen die frohe Botschaft der ewigen Wiederkehr und der Unsterblichkeit alles Lebendigen.

Wir wissen wohl, daß nicht die Osternacht dem Wasser die Schönheitskräfte verleiht. Aber im Was­ser, das man aus dem Frühlingsbach schöpft, steckt eine geheimnisvolle Kraft, die auch die Haut frisch macht. Und wenn der Mensch in der Frühe des Ostertages vor Sonnenaufgang hinausgeht, wenn er sich überwindet, in der Morgendämmerung schnell in das fließende Wasser zu springen, so wird er zu­erst einen Peitschenschlag verspüren, dann aber den

zur Bestrafung gemeldet würde, gab dem Wacht­meister aber auf, daß er mit feinen Trabanten alle gefundenen Bürsten irgendwie auf dem Achertdeck verstecken sollte. Dann mußten die Bürstenbesitzer zu meiner Freude nach dem Mittagessen zumOster- eier-Suchen" antreten und wurden erst bei Vor­zügen ihrer Bürste wieder entlassen.

Dieses gab nun einen stundenlangen Spaß, denn die Wachtmeisters-Maate hatten gut gearbeitet und Verstecke in den Geschützrohren, hinter den Mün­dungspfropfen, in Kartuschbüchsen und bis oben in den Großmast und anderen Orten gewählt. Bald entwickelte sich ein lustiges Sportfest zum Gaudium aller nicht beteiligten Mannschaften.

Nach mehrstündigem Suchen waren fast alle Bürsten gefunden. Nur der Matrose Lewandowsky II. irrte noch immer hilflos auf dem Achterdeck umher. Sechsmal hatte er schon den Mast und alle Ge­schütze von innen und außen durchsucht, auch keine Angelschnur hing mehr aus. Ich wollte Lewan­dowsky auch endlich erlösen und ließ den Wacht­meister kommen, der auf meine Frage nach dem noch unbekannten Versteck der letzten Bürste aber nur verschmitzt antwortete:Der kann lange suchen, Herr Oberleutnant, der hat mich neulich schrper ge­ärgert, dieser Lewandowsky II., der ist es doch ge­wesen, der in meinem Zwischendeck vergangenen Sonntag nachPfeifen und Lunten aus" noch ge­raucht hat. Ich habe ihm das bloß nicht ganz genau nachweisen gekonnt, nun wollte ich ihm aber doch einen Denkzettel geben, und da habe ich feine Kleiderbürste bei mir in der Kammer eingeschlossen."

Ich hatte den armen Lewandowsky II. inzwischen zum Abendbrot wegtreten lassen, und befahl dem Wachtmeister, dann um 6.30 Uhr mit der Kleider­bürste wieder zu mir zu kommen und bestellte auch Lewandowsky II. zur selben Zeit. Dieser zeigte mir dann aber siegesstolz und grinsend bereits feine Kleiderbürste vor. Es war kein Zweifel, trotz der verdutzten Augen des Herrn Wachtmeisters stand fein säuberlich der eingeschnitzte Name:Lewan­dowsky II" auf der Bürste.

Lewandowsky II. war doch noch schlauer gewesen als der Wachtmeister. Ihm waren die Neckereien seiner Kameraden und die langen Suchereien zu dumm geworden, er hatte sich deshalb in der Kan­tine für 30 Pfennig schnell eine neue Bürste ge­kauft, und war nun glücklicher Besitzer von zwei Bürsten, mit denen er nun abhaute. Der be­trübte Wachtmeister schüttelte aber immer noch wei­ter mit dem Kopf und verließ den Platz mit den ernsten Worten:Ich hab? es doch immer schon ge­sagt, diesem Lewandowsky II. ist nicht zu trauen/

frischeren Kreislauf seines Blutes und seiner Ge­danken. Noch genauer freilich wird er diese Erneue­rung verspüren, wenn er alter Dolksweisheit ge­mäß die Tage vor Ostern fastet oder jene Reini­gungen anwendet, die die alte Jula uns Kindern verordnete. Im Dampfe umherspringen, sich mit Ruten schlagen, daß sich alle Poren der Haut öff­nen, so wenig wie möglich essen, oder doch nur das Frische und Neue, das die Jahreszeit bietet, ist be­stimmt gut für jeden Menschen.

Die Osterzeit will, daß der Mensch die Auf­erstehung alles Lebens in seinem eigenen Leben mit­feiert, indem er sich reinigt, erneuert, erfrischt, in­dem er mit neuen Kräften in ein neues Leben hin­eingeht. Alle Osterbräuche meinen dieses gleiche. Sie wollen, daß der Mensch sich besinnt. Sie wollen, daß er, der im Winter schwerblütig und schwer­

mütig wurde, wieder fröhlich wird, leichten Blutes und leichten Mutes.

Eine alte Weisheit der Kirchen war es, daß fi^ zu Ostern durch die Geistlichen von den Kanzeln so fröhliche Ostermärchen vorlesen ließen, daß die Zu­hörer in lautes Lachen, in das Ostergelächter aus­brachen. Auch dieses Ostergelächter, das den Men­schen bis in seine dunklen Wintertiefen erschüttern soll, soll ihn fruchtbar und lebendig machen. Die fröhliche Erschütterung, die mutige Erneuerung, die heftige Erfrischung ... das alles ist der Sinn des Osterfestes, und wenn wir diese Erschütterung und Erneuerung nicht nur als notwendig erkennen, wenn wir sie nicht nur als eine Schwingung der Natur erleben, wenn wie sie auch körperlich vollziehen^und mitmachen, dann feiern wir bestimmt das, was wir uns wünschen: Fröhliche Ostern!

Das Ofterhuhn.

Von Erich Paetzmann.

Es ist ein Tag wie tief im Mai. Die Gärten hinter den kleinen Vororthäusern stehen bjs in die Furchen ihrer Frühbeete hinein voll Licht und Sonne und Frühlingsherrlichkeit.

Für Fräulein Erna, die soeben mit weit hoch­gestreiften Aermeln in den Garten tritt, sieht die Welt nicht ganz so vergnüglich aus. Sie hat ein großes Küchenbeil in der Hand und in der Stirn eine tiefe Kummerfalte. Und an ihrem Herzen nagt der Auftrag ihres Brotherrn, ein Huhn zu schlachten.

Es ist das erste Huhn, das sie vom Leben zum Tode bringen soll.

Zunächst einmal lockt sie die ahnungslose Todes­kandidatin mit ein paar Semmelbröseln in den kleinen Holzschuppen hinter dem Hühnergarten, schließt die Tür und rückt sich den Hauklotz zurecht. Dann seufzt sie ein paarmal kurz auf. Das Opfer pickt indessen voller Seelenruhe in dem Bröselrest herum, als hätte es noch ungemein viel Zeit auf dieser Welt.

Da schellt es vorn an der Gartentür. Fräulein Erna streift aufatmend ihre Aermel herunter und geht öffnen. Es ist Herr Kromme, der Milchmann, der draußen steht und pfeift. Er hat nämlich die Gabe, zweistimmig zu pfeifen.

Ach bitte, Herr Kromme", sagt Fräulein Erna, während er ihr Tagesquantum abmiht,wissen Sie eigentlich, wie man Hühner schlachtet?"

Hühner? Ja, no mit nem Beil und so. Das ist doch ganz einfach."

Meinen Sie? Ach Gott, Herr Kromme, wenn Sie vielleicht so freundlich sein wollten und würden mir schnell mal eins schlachten."

Mach ich, Fräulein Erna. Für Sie schlachte ich sogar einen ganzen Ochsen!"

Ja haha! Sie gerade", lacht sie und ist bei aller Aufregung rasch ein bißchen kokett, um ihn ja bei guter Laune zu erhalten. Dann geht sie voran.

Dem Huhn muß wohl inzwischen eine dunkle Ah­nung seines Schicksals aufgedämmert fein, denn es fängt sofort bei Herrn Krommes Eintritt in den Holzschuppen ängstlich an zu flattern und umherzu­rennen. Eine Weile gelingt es ihm auch, seinen Ver­folgern zu entschlüpfen. Aber schließlich muß es sich doch der Uebermacht ergeben.

So, mein Hühnchen", sagt Herr Kromme begüti­gend und greift nach dem Beil,nur keine Angst, es ist gleich vorbei/' Aber das Huhn schreit und

Llnser Hase hat Krallen.

Von Felix Riemkasten.

Sein Name ist Ali, und von Berus ist er Kater. Aber wie es so viele Menschen gibt, die ihren Beruf nur schlecht ausfüllen, weil vielleicht auch der Beruf sie nur schlecht ausfüllt ... Nein, schweigen wir da­von. Halten wir uns lieber an diesen Herrn Ali, der bei mir im Hause Kater ist, und der jetzt Ostern als Ersatz für den Osterhasen dienen soll. Der Kinder wegen. Und die ganz kleinen Kinder lassen es sich sogar weismachen:Guck, da ist das Osterhäselein!" Und dann ift es gar nicht das liebe, sanfte Oster- häslein, sondern dieser grimmige alte Schuft und Katzenbursche, unser Herr Ali, wie er im Garten sitzt und ... Die Kinder meinen, er legte Ostereier.

Das ist ein kindlicher Gedanke, und bei denen, die unseren Herrn Ali und seine Gemütsverfassung kennen, kann hier wahrhaftig ein grimmiges stilles Lachen eintreten, denn von nichts wäre er weiter fern, dieser große Bursche als vom harmlosen Eier- legen. An Vögel denkt er!

Wir haben ihn bei uns zum Gartenbauinspektor ernannt, weil er von Staude zu Staude hopst, wütend über den Rasen wetzt, hinter dem Ginster lauert und plötzlich bei der Winterheide hervor­kommt und und den Vogel doch nicht hat, hähä!

Die Gartenbauinspektoren mögen noch so sehr inspizieren und sich strapazieren, aber erwischen tun sie immer nur die wenigsten. Trotz Diensteifer. Genau so ergeht es unserem Herrn Ali, wenn er im Garten ist. Auch insofern ist er ein Garten­inspektor und nur eben Inspektor, als er lediglich alles im Garten inspiziert. Gießen, Graben, Hacken, das tut er nicht. Nur Kratzen. Und bisweilen wälzt er sich auf dem jungen Rittersporn, und leider ist da kein stechender Sporn dran, an dem Rittersporn. Ach, es klingt nur der Name so ritterlich spornig und dornig, es ist weiter nichts als Poesie, während Herr Kater Ali die gemeinste Prosa ist, mehrere Pfund wiegt und jedes Pflanzenwachstum unter­drückt, inbem er es ganz buchstäblich unter drückt! Halunke!

Dieser Halunke sollietzt den Osterhasen markieren. Man sieht, wie die Welt dumm gemacht wird. Das Verlangen nach Poesie führt die» Menschen zuletzt mit dem Teufel zusammen, mindestens führt es bei uns hier Kater Ali mit den Kindern zusammen. Ein rotes Bändchen haben wir dem alten Schuft umtun müssen, und er nimmt sich damit aus wie ein un­rasierter Mörder, der gerade Besuch macht bei Groß­mütterchen, für die er an diesem einen Tage mal nett aussehen möchte, denn die alte Frau braucht nicht zu wissen, daß er im Hauptberuf Mörder ift.

So sieht nun unser Herr Kater Ali aus. Grüne, grausame Augen ohne Gemüt, die fest beharrlich auf Vogelmord aus sind: weiter, breiter silber- grauer Schnurrbart; harte, schlimme, lange Krallen, die er aber zur Zeit einzieht, denn es gäbe sonst Backpfeifen, und die liebt er nicht, und so in dieser Verkleidung mit rosenrotem Bändchen äußerlich und drückt, indem er es ganz buchstäblich unter- mit falscher, aufgezwungener Sanftmut innerlich, so wird er nun teils festgehalten, teils durch Daumen­druck genötigt, seinen unfruchtbaren Allerwertesten drei Sekunden lang herzuhalten, und bannTriumph, Triumph hat er ein goldenes großes schönes Osterei für die Kinder gelegt. Alle Kinder haben es genau gesehen. Er hat ein Osterei gelegt! Ich habe es natürlich nur nach mehreren Proben und nur mit Hilfe der großen Geschwindigkeit fertigbekom­men. Vorher hatte ich es unter der Jacke gehabt,^ das Ei.

Aber Kinder glauben ans Wunder. Für sie hat Herr Ali das Ei gelegt, er ist der liebe Osterhase, und alles wäre somit schön und gut und zu Ende, wenn nur nicht leider das kindliche Begehren nie ein Ende hätte, denn seitdem haben wir sie rudel­weise an der Tür, die lieben Kleinen von fern und nah, die verlangen:Ali, mal Ei legen! Mal vfterei, Osterhäschen, mal nochmal legen, liebes Osterhäschen!"

Wir haben es rundverbreiten müssen:Er ist jetzt krank, er k a n n jetzt nicht!" Und das ist nicht einmal Lüge, denn er kann tatsächlich nicht.

Öder dachten Sie, daß er könnte?

zetert und zappelt voll wilder Verzweiflung mit den Beinen.

Ach bitte, machen Sie bloß rasch, Herr Kromme!" ruft Fräulein Erna und hält sich die Öhren zu. Aber Herr Kromme hat Zeit.Ich muß doch erst mal sehen", sagt er langsam.Nanana, wer wird denn komm, so hübsch ruhig so"

Sind Sie fertig?" ruft Fräulein Erna da­zwischen.

Nee, noch nicht. Und bann überhaupt sagen Sie mal, Fräulein Erna, warum soll denn das schöne junge Huhn schon geschlachtet werden?"

Weil es nicht gut legt, sagt Herr Besselmann, deswegen."

Dann kann er es ja selber schlachten."

Das habe ich ihm auch gesagt. Aber da sagte er, bas wäre meine Arbeit und wenn ich es nicht täte, dann würde ich wegen Arbeitsverweigerung ent­lassen. Wenn er von seinem Spaziergang zurück­kommt, muß alles fertig fein."

So hm ja", brummt Herr Kromme nachbenklich.

Aber Herrgott, Sie lassen ja bas Huhn roieber los, Herr Kromme!"

Augenblick mal. Ich muß nämlich schnell mal was überlegen", antwortet er und schiebt seine Mütze in den Nacken, weil er so bequemer denken kann.Wissen Sie was, Fräulein (Erna? Wie wär's, wenn Sie zu mir kämen?"

Wie? Ins Geschäft?"

Na, ja oder überhaupt. Ich wollte immer schon so 'n kleines Lädchen aufmachen für Butter und Eier und so, und da dachte ich vielleicht, wenn Sie wollten bann könnten Sie doch, bann könnten wir doch vielleicht heiraten, bachte ich."

Was? Hei J--? Herr Kromme!"

Ja, warum benn nicht? Wenn Sie mich wollten, ich wollte Sie schon längst!"

Ja aber, Herr Kromme. Mein Gott, wir kennen uns doch gar nicht näher."

Na ja, morgen ist Ostern, da können wir bas ja nachholen. Also sagen Sie schon ja, Fräulein Erna. Sonst muß ich nämlich das Huhn doch noch schlachten."

Fräulein Erna aber sagt nichts, sondern geht kurz entschlossen zur Tür und öffnet sie ganz weit, damit das Huhn hinauskann.

Als Fräulein Erna etwas später die Betten aus dem Fenster legt, hört sie Herrn Kromme immer noch in der Ferne pfeifen. Und er pfeift heute ganz besonders schön, findet sie.

Genau wie die Buchfinken und die kleinen Meisem Hähnchen in den Apfelbäumen.

Ostern.

($6 war daheim aufunfecm Meeresdeich - Ich ließ den Blick am Horizonte gleiten, 3u mir herüber schall verheißungsreich Mit vollem fölang das Osterglockenläuten.

Wie brennend Silber funkelte das Meer, Die Inseln schwammen auf dem hohen Spiegel, Die Möwen schossen blendend hin und her, Eintauchend in die $lut die weißen Flügel.

Im tiefen föooge bis zum Deichesrand War sammetgrün die Miese aufgegangen) Der Frühling zog prophetisch über Land, Die Lerchen jauchzten und die Knospen sprangen. -

Entfesselt ist die urgewalt'ge Kraft, Die Erde quillt, die jungen Säfte tropfen, Und alles treibt, und alles webt und schafft, Des Lebens vollste Pulse hör' ich klopfen.

Der Flut entsteigt der frische Meeresdust) Dom Fimmel strömt die goldne Sonnenfülle) Der Frühlingswind geht klingend durch die Luft Und sprengt im Flug des Schlummers letzte knülle.

O wehe fort, bis jede Knospe bricht, Daß endlich uns ein ganzer Sommer werde) Entfalte dich, du gottgebornes Licht, Und wanke nicht, du feste Heimaterde!

k)ier stand ich oft, wenn in Hovembernacht Äufgor das Meer zu gischtbetäubten Hügeln, Menn in den Lüsten war der Sturm erwacht, Die Deiche peitschend mit den Oeierflügeln.

Und jauchzend ließ ich an der festen Mehr Den Mellenschlag die grimmenZähne reiben- Denn machtlos, zischen^schoß zurück das Meer Das Land ist unser, unser soll es bleiben!

Theodor Storm.