1-2. Jahrgang Nr. 127 Encheini täglich, außer Sonntags und feiertags
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Mittwoch, 3. Juni 1942
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Gießener Anzeiger
General-Anzeiger für Oberhessen
5ybniischeIlugzeugem2^Siundenabgeschoffen
Der Wehrmachiberichi.
DRB. Aus dem Führerhauptquarlier. 2. Juni. Das Oberkommando der Wehrmacht gibt bekannt:
Im Ost en nur örtliche Kampfhandlungen.
Bei Sturzkampfangriffen auf die Hafenanlagen von I o k o n g a und Murmansk erhielt ein Frachtschiff mittlerer Gröhe Io schwere Treffer, dah mit seiner Vernichtung zu rechnen ist.
In der Schlach um Charkow fand, wie inzwischen festgestellt, auch der Oberbefehlshaber der 6. Sowjetarmee, Generalmajor Gorodajansky den Tod.
In Rordafrika wurde beim Angriff deutscher und italienischer Truppen gegen eine festungsartig ausgebaute Stellung eine britische Kräftegruppe eingeschtossen und vernichtet. 3 0 0 0 Gefangene, darunter ein Vrigadegeneral, fielen in unsere Hand. Am 31.5. und 1.6. wurden 101 Panzer, 124 Geschütze, zahlreiche Kraftfahrzeuge und große Wengen an anderem Kriegsmaterial vernichtet oder erbeutet.
Bei einem Erkundungsflug über den feindlichen Linien wurde General der Panzertruppen Crü-
w e l l abgeschossen und geriet in britische Gefangenschaft.
Im Kampf gegen Grohbritannien führte die Luftwaffe in der letzten Nacht ohne eigene Verluste einen schweren Angriff gegen den Versorgungshafen Ipswich an der Südoftküsie Englands. Andere Kampfflugzeuge warfen abermals Bomben schweren Kalibers in das Stadtgebiet vonEanterbury.
Bei Vorstößen gemischter Verbände der britischem Luftwaffe zur Küste der besetzten Westgebiete wurden am gestrigen Tage 18, bei Einflügen einzelner bewaffneter Aufklärungsflugzeuge in den Raum um Köln ein britisches Flugzeug zum Absturz gebracht.
Britische Bomber griffen in der Nacht zum 2. Juni mehrere Orte in Westdeutschland an, vor allem die Wohnviertel in Duisburg und Oberhausen. Bei der Abwehr dieser, nur gegen die Zivilbevölkerung gerichteten Terrorangriffe, erzielten Nachtjäger und Flakartillerie 37, Marineartillerie drei Abschüsse. Damit hat die britische Luftwaffe bei ihren Einflügen in die besetzten Gebiete und in das Reichsgebiet am gestrigen Tage und in der letzten Nacht 5 9 Flugzeuge verloren.
Oberfeldwebel Strüning errang in der letzten Nacht seinen 15. und 16. N a ch t j a g d s i e g.
Erfolgreiche deutsche Abwehr.
Von unserer Berliner Schriftleitung.
Churchill hatte in der bisherigen Kriegszeit wenig Gelegenheit die britische Wehrmacht zu Erfolgen zu beglückwünschen. Der Terrorangriff auf Köln mußte ihm eine solche Gelegenheit geben. Die Amerikaner, die noch weniger Kriegsruhm ein» gesammelt haben, gebärden sich gar, als seinen sie die Helden dieser Nacht vom 30. auf den 31. Mai gewesen. Gegen diesen traurigen Kriegsruhm gibt es nur eine Medizin: den Abwehrerfolg in Gestalt abgeschossener Flugzeuge, denn beim Flug gegen Köln wurden nach eigener englischer Darstellung 44 Bomber und über dem Kanal noch 13 britische Jäger abgeschossen. Als bann, in der folgenden Nacht, Duisburg und Oberhausen angegriffen wurden, wurden insgesamt nicht weniger als 61 eng- llsche Flugzeuge abgeschossen. In knapp anderthalb Tagen haben die Engländer also allein im deutschen Westen 95 Flugzeuge eingebüßt. Es ist also nichts mit der Hoffnung, die deutsche Abwehr läge infolge der Kämpfe im Osten und Nordafrika still. Sie ist sehr wachsam, sie ist so auf dem Posten, daß nach dem Flug nach Köln sogar ein englischer Luftfahrt- sachverständiger von Rang, der Major Oliver Stuart, sich fragt, ob die Sache lohne. Er fragt nicht nach Moral öder Gesittung oder danach, ob es erlaubt oder unerlaubt sei. Für ihn ist'die ganze Angelegenheit ein Rechenexempel jenseits von Gut und Böse. Er stellt lediglich fest, daß die deutsche Abwehr in Köln gut gearbeitet habe und geschickt organisiert gewesen sei. Stuart fragt, ob Großbritannien, da die feindliche Abwehr die Zahl der verlorenen Flugzeuge sehr steigere, noch in der Lage sei, in naher Zukunft die Herstellung von Nachtbombern in dem gewünschten Umfang aufrecht zu erhalten. Der Major nimmt dabei einen Verlust von 44 Flugzeugen in jeder Nacht zur Grundlage und sagt: „Wenn 44 Flugzeuge in jeder Nacht verloren gehen, dann macht das im Monat 1320 Flugzeuge aus, eine Zahl, die sich allein auf das Nachtbomberkommando beziehen würde, das in England feinen Stützpunkt hat. In dieser Zahl sind also nicht einbegriffen die Verluste, die die verschiedenen Bomberkommandos auf anderen Kriegsschauplätzen erleiden. Es bedarf keiner Sonderinformation, um zu erkennen, daß England nicht schnell genug Flugzeuge Herstellen kann, um bei derartigen Verlusten den Ausbau seiner Luftwaffe fortzusetzen." Er schließt mit dem bezeichnenden Satz: „Es -hat bei den bisherigen Bombenangriffen Enttäuschungen gegeben und' der Angriff auf Köln vermindert, nicht die Notwendigkeit einer ordentlichen Versorgung unserer anderen Land- und Seestreitkräfte mit Flug-
,zeugen." Also! Churchills Strategie des Wahnwitzes läuft sich selbst tot — und England ist dabei Der Leidtragende.
Der Vergeliungsangriff auf Ipswich.
Berlin, 2. Juni. (DNB.) Als bei dem Luftangriff gegen Ipswich die erste Welle der deutschen Kampfflugzeuge sich dem Zielgebiet näherte, wurde sie wiederholt von britischen Nachtjägern angegriffen. Feindliche, von zahlreichen Scheinwerfern unterstützte Flakbatterien versuchten, den deutschen Flugzeugen den Weg zu verlegen. Trotz heftigsten Feuers durchbrachen deutsche Kampfflugzeuge den dichten Flaksperrgürtel .und warfen ihre Bo mb en auf Stadt und Hafen von Ipswich ab. Tausende von Brandbomben entfachten in vielen Teilen des Stadtgebietes ausgedehnte Brände, deren Feuerschein den nachfolgenden deutschen Kampfflugzeugen den Weg wiesen. Unzählige Bombeneinschläge, vor allem in den Hafenanlagen, wo schwere Explosionen hervorgerufen wurden, konnten beobachtet werden. Sämtliche eingesetzten Flugzeuge kehrten zu ihren Absprunghäfen zurück.
Ipswich — im südlichen Teil der englischen Ostküste — war schon vor dem Kriege ein größerer Umschlagplatz für Getreide. Seit Kriegsbeginn wird die Stadt vor allem als Ausweichhafen für London benutzt. Zahlreiche Mühlen und Fabriken der Eisen- und Rüstungsindustrie haben der 88 000 Einwohner zählenden Stadt besondere Bedeutung verliehen.
Wieder 16 Briten abgeschoffen.
Berlin, 2. Juni. (DNB.) Als Dienstag morgen ein Verband britischer Jagdflugzeuge die französische Küste anflog, wurde er sofort von deutschen Jägern zum Abdrehen gezwungen. Im Laufe eines Derfolgungsgefechtes schossen die deutschen Jagdflugzeuge über dem Kanal zwei Spitfire ab. Einige Stunden später stießen die deutschen Jagdstaffeln vor Kap Gris Nez auf einen zahlenmäßig überlegenen britischen Iagdfliegerverband. Die Messerschmitt- und Fokke-Wulf-Jäger nahmen sofort den Kampf auf und schossen in kurzer Zeit elf Spitfire ab. Mit einer bei Cherbourg zum Absturz gebrachten Spitfire und zwei vor der niederländischen Küste abgeschossenen Aufklärern erhöhte sich der britische Verlust am Dienstag auf 16 Flugzeuge.
Es fehlt an Schiffsraum.
Nach einer Berechnung der Korvettenkapitäns Dr. h. Ambrosius in feinem Buch „Die Schlacht im Atlantik" befaß England zu Beginn des Krieges an Ueberfeetonnage annähernd 17 Millionen BRT. Zusammen mit der beschlagnahmten gegnerischen und neutralen Tonnage, mit Ausschöpfung aller Reserven, mit Ankäufen und Prisen sowie mit der auf England noch fahrenden Tonnage standen am 30. April 1941, etwa 27 Millionen BRT. buchmäßig zur Verfügung. Davon muß man allerdings Abstriche machen. Die beschädigten Schiffe, die durch ihre Reparaturzeit der Fahrt entzogen sind, schätzt Ambrosius auf 1,5 Millionen BRT., die für rein militärische Zwecke eingesetzte Tonnage auf 3,5 Millionen BRT., was nach den Erfahrungen des Weltkrieges eher zu tief gegriffen erscheint. Es bleiben also 22 Millionen BRT. übrig, von denen die Totalverluste bis heute abzuziehen wären. Der hatte nach der Zusammenfassung des OKW.-Berichtes vom 4. 4. 1942 über 16 Millionen BRT. Schiffsraum verloren, wovon wir etwa 1 Million auf Kosten der USA. abrechnen wollen. Es bleiben danach 7 Millionen BRT. für England übrig. Rechnen wir etwa 3 Millionen BRT. an Neubauten auf englischen Werften für 1940/41 und etwa 1 Million BRT. inzwischen von USA. gelieferten Frachtschiffe hinzu, so erhalten wir einen geschätzten Bestand von 11 Millionen BRT. England heute dienstbaren Schiffsraumes. Das ist zU wenig für die Versorgung der Insel,
denn für den Frieden rechnete man 13 bis 14 Millionen BRT. als benötigten Frachtraum, der allerdings nicht so rationell ausgenutzt wurde, wie es heute geschieht. Der eigentliche Kriegsbedarf im Land wird mit mindestens 12 Millionen BRT. beziffert.
Die USA. befaßen nach Lloyds Register of Shipping 1939 eine Ueberfeetonnage (Schiffe von mindestens 2000 BRT.) von 1427 Schiffen mit 8,4 Millionen BRT. Nach den Verkäufen im ersten Kriegsjahr an alle befreundeten Staaten ging diese Flotte schnell zurück, England kaufte in ferner Not auch die ältesten Schiffe zu den höchsten Preisen. Daher wurden nach einer amtlichen amerikanischen Veröffentlichung Anfang 1941 nur noch 1251 Schiffe mit einem Raumgehalt von zusammen 7,5 Millionen BRT. gezählt. Darunter befanden sich Tankschiffe mit 2,64 Millionen BRT. Das Durchschnittsalter der verkauften Schiffe betrug 22 Jahre. Ne^i gebaut wurden in den USA. 1940 nur 53 Handelsschiffe mit 450 000 Tonnen, so daß der Rückgang der Handelsmarine verständlich, ist. Nach Angaben des Washingtoner Vertreters der „New York Times" Charles Hurd mar die Handelsflotte der USA. bis April 1941 auf 7,5 Millionen BRT. zurückgegangen.
Wenn man auch in Rechnung stellt, daß sich die USA.-Handelsflotte durch die Beschlagnahme der in nordamerikanischen Häfen liegenden deutschen, italienischen, dänischen, norwegischen und französischen Handelsschiffe einen gewissen Zuwachs oerfchasft
hat, so muß man auf der anderen Seite die außerordentlich hohen laufenden Schiffsverluste der Kriegs» monate berücksichtigen. Die deutschen und italienischen U-Boote im Atlantik und im Karibischen Meer und die japanischen Flugzeuge und Seestreitkräfte im Pazifik fügten durch ihre kühnen Operationen der nordamerikanischen Handelsflotte so schwere Verluste zu, daß sie für große zukünftige Kriegsaufgaben nicht mehr ausreicht.
Wie steht es nun mit den Neubauten der USA., auf die England so vertraute? Man soll einen Gegner keineswegs unterschätzen, aber auch nicht überschätzen. Sicherlich haben die Vereinigten Staaten eine leistungsfähige Werftindustrie, die jedoch nicht einheitlich organisiert ist. Dazu kommen Mangelerscheinungen, die mit der Kriegslage Zusammenhängen. Die Engpässe in der Wirtschaft beziehen sich vor allem auf Stahl, Werkzeugmaschinen, aber auch auf Gummi, Zinn, Oel und Elektri- zität. So sind den fantastischen Bauprogrammen, die Roosevelt in die Welt posaunt, natürliche Grenzen gesetzt. Bisher wurde nur ein Bruchteil der Neubauten hergestellt, die geplant waren. Nach einem Bericht des „American Bureau of Shipping" hatten die USA.-Werften 1941 bis zum 11. 12. 1941 nur 84 Handelsschiffe von zusammen 664 000 BRT. fertiggestellt, nachdem im Kalenderjahr 1940 nur 51 Schiffe mit 450 000 BRT. fertig geworden waren. Der unerledigte Auftragsrückstand auf den USA.-Werften ist nach der gleichen amtlichen Quelle von 693 000 BRT. bei Ausbruch des Krieges 1939 auf 6 781 0Ö0 BRT. beiip Kriegseintritt der USA., also fast auf das Zehnfache, ange- ftiegen!
Diese Zahlen sprechen allerdings eine andere Sprache als die Millionenziffern der amerikanischen Propaganda, die als Zukunftsmusik die Ohren der „freien Demokraten" in aller Welt betören sollen. Die Seekriegserfolge der Dreierpaktmächte nehmen weiter zu. Die Zeit arbeitet immer noch gegen England und die USA. DSW.
Der italienische Bericht.
Rom, 2. Juni. (DNB.) Der italienische Wehrmachtbericht vom Dienstag meldet u. a.: ,
Der hartnäckige Widerstand der in der M a r - mar ica im Gebiet von Got el Ualeb eingekreisten feindlichen Abtestungen wurde gestern von den vereinten Anstrengungen der italienischen und deutschen Truppen gebrochen. Wir machten über 2 000 Gefangene und erbeuteten 70 Panzer, 50 Geschütze und etwa 100 ß a ft« mag en.
Ein starker, von Panzerspähwagen unterstützter feindlicher Vorstoß wurde zurückgewiesen.
Eine weitere stark motorisierte Kolonne, die versuchte, unsere Verbindungslinien, anzugreifen, wurde von Flugzeugen der Achse heftig und wiederholt angegriffen, nachdem sie schwere Verluste erlitten hatte, zum Rückzug gezwungen.
Der Befreier Finnlands.
Zum 75. Geburtstage des Feldmarschalls Mannerheim.
Ganz Finnland verehrt in dem „weißen General", wie der Freiherr Carl Gustav a f Mannerheim genannt wird, den Befreier Finnlands und Wegbahner und Schöpfer des jungen selbständigen finnischen Staates. Als das dankbare Finnland ihm 1932 den Titel eines Generalfeldmarschalls verlieh, geschah das nach 100 Jahren zum erstenmal wieder. Heute steht der hochbetagte Feldherr wieder
Feldmarschall Mannerheim mit General Heinrichs in seinem Hauptguartier. — (Scherl-Bilderdienst-M.)
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an der Spitze der finnischen Truppen und führt sie von Sieg zu Sieg. Damit hat ein bewegtes Leben seine Krönung erfahren. Die fanatische Liebe und der letzte Einsatz für die Freiheit und Selbständigkeit des Vaterlandes ist Erbgut der Freiherren von Mannerheim, deren Schicksal eng verknüpft ist mit den Geschicken Finnlands.
Um die Mitte des 19. Jahrhunderts traten die Mannerheims zum erstenmal auf die politische Bühne Finnlands. Zar Alexander I. hatte einen Kriegszug gegen Schweden unternommen und forderte in einem Manifest die Bevölkerung Finnlands auf, Deputierte zu wählen und zu ihm zu
Oie „Botschaft Frankreichs".
Von unserem Dr. K.-Korrespondenten.
V i ch y , Mai 1942.
Die . Franzosen haben bis zum Sommer 1940 fest daran geglaubt, daß ihr Land der Pionier des Fortschritts und der Bewahrer aller großen Mensch- beitsideen sei, nun wurden sie plötzlich gewahr, daß sich in Europa eine ungeheure Wandlung vollzogen hatte — und ohne fiel Daß sie mit so großem Abstand hinter der Entwicklung zurückgeblieben sind, kränkt ihre Eigenliebe nicht wenig, und wenn sie bisher nur zögernd an die Gedanken einer europäischen Neuordnung herangegangen sind, so war nicht zuletzt diese enttäuschte Eigenliebe im Spiel. Nicht nur, weil sie inzwischen erkannt haben, daß ihre eigene politische und soziale Struktur von Grund auf erneuert werden muß, sondern auch um den Vorsprung der anderen einzuholen und an dem großen Entwicklungsprozeß der Gegenwart „aktiv teilzunehmen, versuchen sie nun, eine französische These zu entwickeln, die als Beitrag für den Neubau der Welt dienen konnte.
So hat man in den letzen Monaten manche Rede von maßgebender Stelle gehört, die, oft mit nicht geringer Prätention, diese „Botschaft Frankreichs" verkündete. Man räumt ein, daß ein Frankreich, das sich von Europa absondere, zu einer sterilen Zukunft verurteilt wäre, unterläßt aber nicht, hinzuzufügen, daß Europa ohne Frankreich auch nicht existieren könne, und liebt es, daraus mehr oder weniger deutlich zu schließen, was der ehemalige Innenminister P u ch e u Ende des vorigen Jahres in aufsehenerregenden Interviews erklärte, daß die Ideen aus Mitteleuropa nicht en bloc, in integro und auf Kommando übernommen werden könnten, sondern daß sich aus den zwei Hauptströmen französischer Tradition, dem rationalistisch-kartesianischen und dem katholisch- humanistischen, jener dem französischen Wesen eigentümliche <5inn für das Maß ergebe, der ein wesentliches Element für das künftige Europa fei.
Dies alles find Worte, die sich in Interviews und Festreden sehr gut ausnehmen, die aber dem französischen Volk zunächst einmal ziemlich gleichgültig sind: zuerst leben, dann philosophieren. Daher geht die „Botschaft Frankreichs" an den Forderungen einer sozialen und wirtschaftlichen Neuordnung nicht vorbei, und die Reden maßgebender Persönlichkeiten beweisen, daß man sich über die praktischen Notwendigkeiten der Zukunft seine Gedanken macht. In den Botschaften des Marschalls wird immer roieber als Hauptaufgabe die Auflösung der proletarischen Daseinsform in einer neuen Wirtschaftsordnung verkündet. Diele Forderung ist nicht neu in Europa: sie steht seit vielen Jahrzehnten auf der Tagesordnung, ohne daß es den wohlmeinenden Theoretikern der bürgerlichen Epoche gelungen wäre, irgendeine praktische Lösung zu finden, wie sie dem Nationalsozialismus in Deutschland gelungen ist. k
In Frankreich hat man nun ebenfalls ein Programm entwickelt, das in letzter Zeit häufig vari
iert wird. Vor einigen Wochen hot Paul M a - rion, der Staatssekretär für die Information, ein Programm zur Eingliederung des Proletariats in die staatliche und soziale Gemeinschaft verkündet, das im wesentlichen auf einer völligen Umorga» nifation der französischen Wirtschaft beruht. Die Industrie soll dezentralisiert, die Großunternehmungen in selbständige Werkstätten aufgelöst, das alte Verhältnis zwischen Unternehmer und Proletarier durch eine neue Beziehung zwischen Kunden und Lieferanten ersetzt werden. Aus der Industrie- arbeiterschaft mochte man ein neues selbständiges und qualifiziertes Handwerk entwickeln.
Auf den ersten Blick wirkt ein solches Programm, wenn man an die Gegebenheiten der Gegenwart, an die modernen Formen der Industrie und Technik denkt, fast lebensfern, romantisierend, als eine intellektuelle Konstruktion abseits der Wirklichkeit. Ihre Verfechter halten jedoch daran fest, daß sie nicht nur zu verwirklichen, sondern sogar als die wahre zeitgemäße Losung anzusehen sei. In einem umfangreichen Werk von A. L. C r o f e t „Frankreich, der Steuermann Europas" (La France, pilote de l'Europe), das von dem Zentrum für korporative Studien in Lyon herausgegeben wurde, wird die Möglichkeit einer Realisierung dieser Pläne untersucht. In Frankreich sei die Wirtschaft nicht so intensiv zentralisiert wie im übrigen Europa, das Land sei immer jeder Tendenz zur Vertrustung und zur Zentralisierung feindlich gewesen und habe eine soziale Struktur bewahrt, die am meisten geeignet erscheine, in der nun anhebenden Epoche des. Leicht- motors das neue Europa zu gestalten. In Frankreich arbeitet heute auf zehn Arbeiter einer im Großbetrieb, und neben 15 000 industriellen, landwirtschaftlichen und kommerziellen Gesellschaften gebe es fünf Millionen Familien- und Handwerks- betriebe. Die Wirtschaftsstruktur des französischen Volkes sei daher in ganz besonderer Weise auf die neue, durch den Leichtmotor bestimmte technische Epoche vorbereitet.
Forderungen, wie sie beispielsweise auf der Studienwoche von St. Colomban von Wirtschaftstheoretikern, Vertretern verschiedenster Berufe und hohen Funktionären erhoben wurden: Schaffung von Staatsbetrieben, Nationalisierung der Schlüsselindustrien, Ausdehnung der Korporative u. a., werden als „sozialisierende Reminiszenzen" abgelehnt. Von einer durch den zentralisierten Staat gelenkten Wirtschaft will man auf dieser Seite nichts wissen. Hier ist noch immer die starke Abneigung des Franzosen gegen den Staat zu erkennen. Der Individualismus aber hat sich als unfähig erwiesen, dieser Probleme Herr zu werden. Man hat gelegentlich auf den kleinbürgerlichen Zug hingewiesen, der sich durch die ganze französische Geschichte verfolgen läßt. Für die Generation, die heute den Staat trägt, mag dies zutreffen — was aber wird morgen fein? Dieses Volk ist sich eben erst des revolutionären Verwandlungsprozesses bewußt geworden, an dessen Anfang es steht.


