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Mittwoch, 3. Juni 1942

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Gießener Anzeiger

General-Anzeiger für Oberhessen

5ybniischeIlugzeugem2^Siundenabgeschoffen

Der Wehrmachiberichi.

DRB. Aus dem Führerhauptquarlier. 2. Juni. Das Oberkommando der Wehrmacht gibt bekannt:

Im Ost en nur örtliche Kampfhandlungen.

Bei Sturzkampfangriffen auf die Hafenanlagen von I o k o n g a und Murmansk erhielt ein Frachtschiff mittlerer Gröhe Io schwere Treffer, dah mit seiner Vernichtung zu rechnen ist.

In der Schlach um Charkow fand, wie in­zwischen festgestellt, auch der Oberbefehlshaber der 6. Sowjetarmee, Generalmajor Gorodajansky den Tod.

In Rordafrika wurde beim Angriff deut­scher und italienischer Truppen gegen eine festungs­artig ausgebaute Stellung eine britische Kräfte­gruppe eingeschtossen und vernichtet. 3 0 0 0 Ge­fangene, darunter ein Vrigadegeneral, fielen in unsere Hand. Am 31.5. und 1.6. wurden 101 Panzer, 124 Geschütze, zahlreiche Kraft­fahrzeuge und große Wengen an anderem Kriegs­material vernichtet oder erbeutet.

Bei einem Erkundungsflug über den feindlichen Linien wurde General der Panzertruppen Crü-

w e l l abgeschossen und geriet in britische Gefangen­schaft.

Im Kampf gegen Grohbritannien führte die Luftwaffe in der letzten Nacht ohne eigene Ver­luste einen schweren Angriff gegen den Versor­gungshafen Ipswich an der Südoftküsie Eng­lands. Andere Kampfflugzeuge warfen abermals Bomben schweren Kalibers in das Stadtgebiet vonEanterbury.

Bei Vorstößen gemischter Verbände der britischem Luftwaffe zur Küste der besetzten Westgebiete wur­den am gestrigen Tage 18, bei Einflügen einzelner bewaffneter Aufklärungsflugzeuge in den Raum um Köln ein britisches Flugzeug zum Absturz gebracht.

Britische Bomber griffen in der Nacht zum 2. Juni mehrere Orte in Westdeutschland an, vor allem die Wohnviertel in Duisburg und Ober­hausen. Bei der Abwehr dieser, nur gegen die Zivilbevölkerung gerichteten Terrorangriffe, er­zielten Nachtjäger und Flakartillerie 37, Marine­artillerie drei Abschüsse. Damit hat die britische Luftwaffe bei ihren Einflügen in die besetzten Ge­biete und in das Reichsgebiet am gestrigen Tage und in der letzten Nacht 5 9 Flugzeuge ver­loren.

Oberfeldwebel Strüning errang in der letzten Nacht seinen 15. und 16. N a ch t j a g d s i e g.

Erfolgreiche deutsche Abwehr.

Von unserer Berliner Schriftleitung.

Churchill hatte in der bisherigen Kriegszeit wenig Gelegenheit die britische Wehrmacht zu Erfolgen zu beglückwünschen. Der Terrorangriff auf Köln mußte ihm eine solche Gelegenheit geben. Die Amerikaner, die noch weniger Kriegsruhm ein» gesammelt haben, gebärden sich gar, als seinen sie die Helden dieser Nacht vom 30. auf den 31. Mai gewesen. Gegen diesen traurigen Kriegsruhm gibt es nur eine Medizin: den Abwehrerfolg in Gestalt abgeschossener Flugzeuge, denn beim Flug gegen Köln wurden nach eigener englischer Darstellung 44 Bomber und über dem Kanal noch 13 britische Jäger abgeschossen. Als bann, in der folgenden Nacht, Duisburg und Oberhausen angegriffen wur­den, wurden insgesamt nicht weniger als 61 eng- llsche Flugzeuge abgeschossen. In knapp anderthalb Tagen haben die Engländer also allein im deutschen Westen 95 Flugzeuge eingebüßt. Es ist also nichts mit der Hoffnung, die deutsche Abwehr läge infolge der Kämpfe im Osten und Nordafrika still. Sie ist sehr wachsam, sie ist so auf dem Posten, daß nach dem Flug nach Köln sogar ein englischer Luftfahrt- sachverständiger von Rang, der Major Oliver Stu­art, sich fragt, ob die Sache lohne. Er fragt nicht nach Moral öder Gesittung oder danach, ob es er­laubt oder unerlaubt sei. Für ihn ist'die ganze An­gelegenheit ein Rechenexempel jenseits von Gut und Böse. Er stellt lediglich fest, daß die deutsche Ab­wehr in Köln gut gearbeitet habe und geschickt or­ganisiert gewesen sei. Stuart fragt, ob Großbritan­nien, da die feindliche Abwehr die Zahl der verlore­nen Flugzeuge sehr steigere, noch in der Lage sei, in naher Zukunft die Herstellung von Nachtbom­bern in dem gewünschten Umfang aufrecht zu er­halten. Der Major nimmt dabei einen Verlust von 44 Flugzeugen in jeder Nacht zur Grundlage und sagt:Wenn 44 Flugzeuge in jeder Nacht verloren gehen, dann macht das im Monat 1320 Flugzeuge aus, eine Zahl, die sich allein auf das Nachtbom­berkommando beziehen würde, das in England fei­nen Stützpunkt hat. In dieser Zahl sind also nicht einbegriffen die Verluste, die die verschiedenen Bom­berkommandos auf anderen Kriegsschauplätzen erlei­den. Es bedarf keiner Sonderinformation, um zu erkennen, daß England nicht schnell genug Flug­zeuge Herstellen kann, um bei derartigen Verlusten den Ausbau seiner Luftwaffe fortzusetzen." Er schließt mit dem bezeichnenden Satz:Es -hat bei den bisherigen Bombenangriffen Enttäuschungen gegeben und' der Angriff auf Köln vermindert, nicht die Notwendigkeit einer ordentlichen Versorgung unserer anderen Land- und Seestreitkräfte mit Flug-

,zeugen." Also! Churchills Strategie des Wahnwitzes läuft sich selbst tot und England ist dabei Der Leidtragende.

Der Vergeliungsangriff auf Ipswich.

Berlin, 2. Juni. (DNB.) Als bei dem Luft­angriff gegen Ipswich die erste Welle der deutschen Kampfflugzeuge sich dem Zielgebiet näherte, wurde sie wiederholt von britischen Nachtjägern angegriffen. Feindliche, von zahlreichen Scheinwerfern unterstützte Flakbatterien ver­suchten, den deutschen Flugzeugen den Weg zu ver­legen. Trotz heftigsten Feuers durchbrachen deutsche Kampfflugzeuge den dichten Flaksperrgürtel .und warfen ihre Bo mb en auf Stadt und Hafen von Ipswich ab. Tausende von Brandbomben ent­fachten in vielen Teilen des Stadtgebietes ausge­dehnte Brände, deren Feuerschein den nachfolgen­den deutschen Kampfflugzeugen den Weg wiesen. Unzählige Bombeneinschläge, vor allem in den Hafenanlagen, wo schwere Explosionen hervorge­rufen wurden, konnten beobachtet werden. Sämt­liche eingesetzten Flugzeuge kehrten zu ihren Ab­sprunghäfen zurück.

Ipswich im südlichen Teil der englischen Ost­küste war schon vor dem Kriege ein größerer Umschlagplatz für Getreide. Seit Kriegsbeginn wird die Stadt vor allem als Ausweichhafen für London benutzt. Zahlreiche Mühlen und Fabri­ken der Eisen- und Rüstungsindustrie haben der 88 000 Einwohner zählenden Stadt besondere Be­deutung verliehen.

Wieder 16 Briten abgeschoffen.

Berlin, 2. Juni. (DNB.) Als Dienstag morgen ein Verband britischer Jagdflugzeuge die französische Küste anflog, wurde er sofort von deut­schen Jägern zum Abdrehen gezwungen. Im Laufe eines Derfolgungsgefechtes schossen die deutschen Jagdflugzeuge über dem Kanal zwei Spitfire ab. Einige Stunden später stießen die deutschen Jagd­staffeln vor Kap Gris Nez auf einen zahlenmäßig überlegenen britischen Iagdfliegerverband. Die Mes­serschmitt- und Fokke-Wulf-Jäger nahmen sofort den Kampf auf und schossen in kurzer Zeit elf Spitfire ab. Mit einer bei Cherbourg zum Absturz gebrach­ten Spitfire und zwei vor der niederländischen Küste abgeschossenen Aufklärern erhöhte sich der bri­tische Verlust am Dienstag auf 16 Flugzeuge.

Es fehlt an Schiffsraum.

Nach einer Berechnung der Korvettenkapitäns Dr. h. Ambrosius in feinem BuchDie Schlacht im Atlantik" befaß England zu Beginn des Krieges an Ueberfeetonnage annähernd 17 Millionen BRT. Zusammen mit der beschlagnahmten gegnerischen und neutralen Tonnage, mit Ausschöpfung aller Reserven, mit Ankäufen und Prisen sowie mit der auf England noch fahrenden Tonnage standen am 30. April 1941, etwa 27 Millionen BRT. buchmäßig zur Verfügung. Davon muß man allerdings Ab­striche machen. Die beschädigten Schiffe, die durch ihre Reparaturzeit der Fahrt entzogen sind, schätzt Ambrosius auf 1,5 Millionen BRT., die für rein militärische Zwecke eingesetzte Tonnage auf 3,5 Mil­lionen BRT., was nach den Erfahrungen des Welt­krieges eher zu tief gegriffen erscheint. Es bleiben also 22 Millionen BRT. übrig, von denen die Totalverluste bis heute abzuziehen wären. Der hatte nach der Zusammenfassung des OKW.-Be­richtes vom 4. 4. 1942 über 16 Millionen BRT. Schiffsraum verloren, wovon wir etwa 1 Million auf Kosten der USA. abrechnen wollen. Es bleiben danach 7 Millionen BRT. für England übrig. Rechnen wir etwa 3 Millionen BRT. an Neu­bauten auf englischen Werften für 1940/41 und etwa 1 Million BRT. inzwischen von USA. ge­lieferten Frachtschiffe hinzu, so erhalten wir einen geschätzten Bestand von 11 Millionen BRT. England heute dienstbaren Schiffsraumes. Das ist zU wenig für die Versorgung der Insel,

denn für den Frieden rechnete man 13 bis 14 Mil­lionen BRT. als benötigten Frachtraum, der aller­dings nicht so rationell ausgenutzt wurde, wie es heute geschieht. Der eigentliche Kriegsbedarf im Land wird mit mindestens 12 Millionen BRT. beziffert.

Die USA. befaßen nach Lloyds Register of Ship­ping 1939 eine Ueberfeetonnage (Schiffe von min­destens 2000 BRT.) von 1427 Schiffen mit 8,4 Mil­lionen BRT. Nach den Verkäufen im ersten Kriegs­jahr an alle befreundeten Staaten ging diese Flotte schnell zurück, England kaufte in ferner Not auch die ältesten Schiffe zu den höchsten Preisen. Daher wur­den nach einer amtlichen amerikanischen Veröffent­lichung Anfang 1941 nur noch 1251 Schiffe mit einem Raumgehalt von zusammen 7,5 Millionen BRT. gezählt. Darunter befanden sich Tankschiffe mit 2,64 Millionen BRT. Das Durchschnittsalter der verkauften Schiffe betrug 22 Jahre. Ne^i ge­baut wurden in den USA. 1940 nur 53 Handels­schiffe mit 450 000 Tonnen, so daß der Rückgang der Handelsmarine verständlich, ist. Nach Angaben des Washingtoner Vertreters derNew York Times" Charles Hurd mar die Handelsflotte der USA. bis April 1941 auf 7,5 Millionen BRT. zurückgegangen.

Wenn man auch in Rechnung stellt, daß sich die USA.-Handelsflotte durch die Beschlagnahme der in nordamerikanischen Häfen liegenden deutschen, ita­lienischen, dänischen, norwegischen und französischen Handelsschiffe einen gewissen Zuwachs oerfchasft

hat, so muß man auf der anderen Seite die außer­ordentlich hohen laufenden Schiffsverluste der Kriegs» monate berücksichtigen. Die deutschen und italieni­schen U-Boote im Atlantik und im Karibischen Meer und die japanischen Flugzeuge und Seestreitkräfte im Pazifik fügten durch ihre kühnen Operationen der nordamerikanischen Handelsflotte so schwere Verluste zu, daß sie für große zukünftige Kriegs­aufgaben nicht mehr ausreicht.

Wie steht es nun mit den Neubauten der USA., auf die England so vertraute? Man soll einen Gegner keineswegs unterschätzen, aber auch nicht überschätzen. Sicherlich haben die Vereinigten Staaten eine leistungsfähige Werftindustrie, die jedoch nicht einheitlich organisiert ist. Dazu kom­men Mangelerscheinungen, die mit der Kriegslage Zusammenhängen. Die Engpässe in der Wirtschaft beziehen sich vor allem auf Stahl, Werkzeugmaschi­nen, aber auch auf Gummi, Zinn, Oel und Elektri- zität. So sind den fantastischen Bauprogrammen, die Roosevelt in die Welt posaunt, natürliche Gren­zen gesetzt. Bisher wurde nur ein Bruchteil der Neubauten hergestellt, die geplant waren. Nach einem Bericht desAmerican Bureau of Shipping" hatten die USA.-Werften 1941 bis zum 11. 12. 1941 nur 84 Handelsschiffe von zusammen 664 000 BRT. fertiggestellt, nachdem im Kalender­jahr 1940 nur 51 Schiffe mit 450 000 BRT. fertig geworden waren. Der unerledigte Auftragsrückstand auf den USA.-Werften ist nach der gleichen amt­lichen Quelle von 693 000 BRT. bei Ausbruch des Krieges 1939 auf 6 781 0Ö0 BRT. beiip Kriegsein­tritt der USA., also fast auf das Zehnfache, ange- ftiegen!

Diese Zahlen sprechen allerdings eine andere Sprache als die Millionenziffern der amerikanischen Propaganda, die als Zukunftsmusik die Ohren der freien Demokraten" in aller Welt betören sollen. Die Seekriegserfolge der Dreierpaktmächte nehmen weiter zu. Die Zeit arbeitet immer noch gegen Eng­land und die USA. DSW.

Der italienische Bericht.

Rom, 2. Juni. (DNB.) Der italienische Wehr­machtbericht vom Dienstag meldet u. a.: ,

Der hartnäckige Widerstand der in der M a r - mar ica im Gebiet von Got el Ualeb ein­gekreisten feindlichen Abtestungen wurde gestern von den vereinten Anstrengungen der italienischen und deutschen Truppen gebrochen. Wir machten über 2 000 Gefangene und erbeuteten 70 Panzer, 50 Geschütze und etwa 100 ß a ft« mag en.

Ein starker, von Panzerspähwagen unterstützter feindlicher Vorstoß wurde zurückgewiesen.

Eine weitere stark motorisierte Kolonne, die versuchte, unsere Verbindungslinien, anzugrei­fen, wurde von Flugzeugen der Achse heftig und wiederholt angegriffen, nachdem sie schwere Ver­luste erlitten hatte, zum Rückzug gezwungen.

Der Befreier Finnlands.

Zum 75. Geburtstage des Feldmarschalls Mannerheim.

Ganz Finnland verehrt in demweißen Gene­ral", wie der Freiherr Carl Gustav a f Man­nerheim genannt wird, den Befreier Finnlands und Wegbahner und Schöpfer des jungen selbstän­digen finnischen Staates. Als das dankbare Finn­land ihm 1932 den Titel eines Generalfeldmarschalls verlieh, geschah das nach 100 Jahren zum erstenmal wieder. Heute steht der hochbetagte Feldherr wieder

Feldmarschall Mannerheim mit General Heinrichs in seinem Hauptguartier. (Scherl-Bilderdienst-M.)

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an der Spitze der finnischen Truppen und führt sie von Sieg zu Sieg. Damit hat ein bewegtes Leben seine Krönung erfahren. Die fanatische Liebe und der letzte Einsatz für die Freiheit und Selbständig­keit des Vaterlandes ist Erbgut der Freiherren von Mannerheim, deren Schicksal eng verknüpft ist mit den Geschicken Finnlands.

Um die Mitte des 19. Jahrhunderts traten die Mannerheims zum erstenmal auf die politische Bühne Finnlands. Zar Alexander I. hatte einen Kriegszug gegen Schweden unternommen und for­derte in einem Manifest die Bevölkerung Finn­lands auf, Deputierte zu wählen und zu ihm zu

OieBotschaft Frankreichs".

Von unserem Dr. K.-Korrespondenten.

V i ch y , Mai 1942.

Die . Franzosen haben bis zum Sommer 1940 fest daran geglaubt, daß ihr Land der Pionier des Fortschritts und der Bewahrer aller großen Mensch- beitsideen sei, nun wurden sie plötzlich gewahr, daß sich in Europa eine ungeheure Wandlung vollzogen hatte und ohne fiel Daß sie mit so großem Abstand hinter der Entwicklung zurückge­blieben sind, kränkt ihre Eigenliebe nicht wenig, und wenn sie bisher nur zögernd an die Gedanken einer europäischen Neuordnung herangegangen sind, so war nicht zuletzt diese enttäuschte Eigenliebe im Spiel. Nicht nur, weil sie inzwischen erkannt haben, daß ihre eigene politische und soziale Struktur von Grund auf erneuert werden muß, sondern auch um den Vorsprung der anderen einzuholen und an dem großen Entwicklungsprozeß der Gegenwartaktiv teilzunehmen, versuchen sie nun, eine französische These zu entwickeln, die als Beitrag für den Neu­bau der Welt dienen konnte.

So hat man in den letzen Monaten manche Rede von maßgebender Stelle gehört, die, oft mit nicht geringer Prätention, dieseBotschaft Frank­reichs" verkündete. Man räumt ein, daß ein Frankreich, das sich von Europa absondere, zu einer sterilen Zukunft verurteilt wäre, unterläßt aber nicht, hinzuzufügen, daß Europa ohne Frankreich auch nicht existieren könne, und liebt es, daraus mehr oder weniger deutlich zu schließen, was der ehemalige Innenminister P u ch e u Ende des vorigen Jahres in aufsehenerregenden Interviews erklärte, daß die Ideen aus Mitteleuropa nicht en bloc, in integro und auf Kommando über­nommen werden könnten, sondern daß sich aus den zwei Hauptströmen französischer Tradition, dem rationalistisch-kartesianischen und dem katholisch- humanistischen, jener dem französischen Wesen eigen­tümliche <5inn für das Maß ergebe, der ein wesent­liches Element für das künftige Europa fei.

Dies alles find Worte, die sich in Interviews und Festreden sehr gut ausnehmen, die aber dem fran­zösischen Volk zunächst einmal ziemlich gleichgültig sind: zuerst leben, dann philosophieren. Daher geht dieBotschaft Frankreichs" an den Forderun­gen einer sozialen und wirtschaftlichen Neuordnung nicht vorbei, und die Reden maßgebender Persön­lichkeiten beweisen, daß man sich über die prak­tischen Notwendigkeiten der Zukunft seine Gedanken macht. In den Botschaften des Marschalls wird immer roieber als Hauptaufgabe die Auflösung der proletarischen Daseinsform in einer neuen Wirt­schaftsordnung verkündet. Diele Forderung ist nicht neu in Europa: sie steht seit vielen Jahr­zehnten auf der Tagesordnung, ohne daß es den wohlmeinenden Theoretikern der bürgerlichen Epoche gelungen wäre, irgendeine praktische Lösung zu finden, wie sie dem Nationalsozialismus in Deutschland gelungen ist. k

In Frankreich hat man nun ebenfalls ein Pro­gramm entwickelt, das in letzter Zeit häufig vari­

iert wird. Vor einigen Wochen hot Paul M a - rion, der Staatssekretär für die Information, ein Programm zur Eingliederung des Proletariats in die staatliche und soziale Gemeinschaft verkündet, das im wesentlichen auf einer völligen Umorga» nifation der französischen Wirtschaft beruht. Die Industrie soll dezentralisiert, die Großunternehmun­gen in selbständige Werkstätten aufgelöst, das alte Verhältnis zwischen Unternehmer und Proletarier durch eine neue Beziehung zwischen Kunden und Lieferanten ersetzt werden. Aus der Industrie- arbeiterschaft mochte man ein neues selbständiges und qualifiziertes Handwerk entwickeln.

Auf den ersten Blick wirkt ein solches Programm, wenn man an die Gegebenheiten der Gegenwart, an die modernen Formen der Industrie und Technik denkt, fast lebensfern, romantisierend, als eine in­tellektuelle Konstruktion abseits der Wirklichkeit. Ihre Verfechter halten jedoch daran fest, daß sie nicht nur zu verwirklichen, sondern sogar als die wahre zeitgemäße Losung anzusehen sei. In einem umfangreichen Werk von A. L. C r o f e tFrank­reich, der Steuermann Europas" (La France, pilote de l'Europe), das von dem Zentrum für korpo­rative Studien in Lyon herausgegeben wurde, wird die Möglichkeit einer Realisierung dieser Pläne un­tersucht. In Frankreich sei die Wirtschaft nicht so intensiv zentralisiert wie im übrigen Europa, das Land sei immer jeder Tendenz zur Vertrustung und zur Zentralisierung feindlich gewesen und habe eine soziale Struktur bewahrt, die am meisten geeignet erscheine, in der nun anhebenden Epoche des. Leicht- motors das neue Europa zu gestalten. In Frank­reich arbeitet heute auf zehn Arbeiter einer im Großbetrieb, und neben 15 000 industriellen, land­wirtschaftlichen und kommerziellen Gesellschaften gebe es fünf Millionen Familien- und Handwerks- betriebe. Die Wirtschaftsstruktur des französischen Volkes sei daher in ganz besonderer Weise auf die neue, durch den Leichtmotor bestimmte technische Epoche vorbereitet.

Forderungen, wie sie beispielsweise auf der Stu­dienwoche von St. Colomban von Wirtschaftstheore­tikern, Vertretern verschiedenster Berufe und hohen Funktionären erhoben wurden: Schaffung von Staatsbetrieben, Nationalisierung der Schlüssel­industrien, Ausdehnung der Korporative u. a., wer­den alssozialisierende Reminiszenzen" abgelehnt. Von einer durch den zentralisierten Staat gelenkten Wirtschaft will man auf dieser Seite nichts wissen. Hier ist noch immer die starke Abneigung des Fran­zosen gegen den Staat zu erkennen. Der Individua­lismus aber hat sich als unfähig erwiesen, dieser Probleme Herr zu werden. Man hat gelegentlich auf den kleinbürgerlichen Zug hingewiesen, der sich durch die ganze französische Geschichte verfolgen läßt. Für die Generation, die heute den Staat trägt, mag dies zutreffen was aber wird morgen fein? Dieses Volk ist sich eben erst des revolutio­nären Verwandlungsprozesses bewußt geworden, an dessen Anfang es steht.