m. 2 Zweites Matt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberdeilen)
.V4.3anuart942
Aus dem Reich
Unsere Soldaten sollen nicht frieren müssen! Gib gern und freudig zur Wollsammlung!
Keine Steuererhöhungen 1942.
Staatssekretär Reinhardt vom Reichsfinanz- ministerium erklärt in der „Deutschen Allgemeinen Zeitung", die Summe der ordentlichen Reichseinnahmen wird im laufenden Rechnungsjahr 45 Mil« liarden erreichen. Das ist mehr als die Hälfte des gesamten Finanzbedarfs des Reiches, während im Weltkriege nur 13 o. H. des Finanzbedarfs durch ordentliche Einnahmen gedeckt waren. Von den Gesamteinnahmen entfallen mindestens 32 Milliarden auf die Steuern. Für 1942 wird das Steueraufkommen sogar auf 35 Milliarden geschätzt. Der durch Steuern gedeckte Teil des Finanzbcüarfs wird demgemäß von Jahr zu Jahr größer. Der Staatssekretär kündigt an, daß demnächst auch die Einkommensteuertabelle der Veranlag- ten durch Verengung der Stufen neugestaltet wird, um Härten bei der Veranlagung zu beseitigen. Die neue Tabelle wird erstmalig bei der Veranlagung für 1941 angewendet. Der Staatssekretär teilt weiter mit, daß für das Jahr 1942 Steuererhöhungen nicht in Aussicht genommen sind. Jedes Gerede von einer Erhöhung der Vermögenssteuer oder gar von einer allgemeinen Vermögensabgabe fei Unsinn. Ebenso denke niemand an eine Erhöhung der Erbschaftssteuer Mer an eine Beschlagnahme des Erbes von kinderlos Verheirateten. Die Verschuldung des Reiches habe zu Beginn des Krieges 37,2 Milliarden betragen. Sie werde Ende 1941 etwa 130 Milliarden erreichen. Dieser Schuldenstand gewähre, gemessen an der Leistungskraft der deutschen Volkswirtschaft, noch einen sehr erheblichen Spielraum für die Kriegsfi«
bei den Herstellern und Verteilern vorhandenen Bestände von einer bestimmten Mindestmenge ab erfaßt. Eine scharfe Zusammenlegung der Erzeugung und eine stark beschränkte Absatzlenkung ist nötig geworden. Insgesamt werden es 700 bis 900 Betriebe sein, denen die weitere Herstellung möglich sein wird. Von den kleineren Betrieben werden vor allem Fach- und Spezialbetriebe aufrechterhalten. Die Lieferungen von Fertigspirituosen werden zeitlich und gebietlich gesteuert. Die zeitliche Lenkung erstreckt sich vor allem auf die Wintermonate. Die gebietliche Lenkung ist vor allem in die Gebiete der Luftgefährdung und der Industrie vorgesehen. Für alle Betriebe entfällt die Aufrechterhaltung der alten Lieferbeziehungen. Die noch möglichen Zuteilungen werden über die Ernährungsämter gelenkt.
nanzierung. Die Verschuldung Englands betrage auf den Kopf der Bevölkerung mehr als das Dreifache.
Einschränkung der Trinkbranntweinerzeugung.
Da der Trinkbranntweinverbrauch noch mehr als bisher hinter dem kriegsbedingten A l k o h o l b e - darf für technische Zwecke zurückstehen muß, sind einschränkende Maßnahmen notwendig geworden. Ab 1. Januar ist die Herstellung von Trinkbranntwein und trinkbranntmeinähnlichen Erzeugnissen genehmigungspflichtig, zugleich werden die
Europa und das Reich
Von Professor Dr. Paul Ritterbusch, Berlin.
worden. Denn die Bildung des Reiches bedeutet zugleich eine Neuordnung Europas und diese wäre ohne die Bildung des Reiches nicht möglich. Darüber hinaus aber ist diese Neuordnung zugleich der Beginn einer neuen Weltordnung, die man als Ordnung der Lebensräume bezeichnen kann, und die bereits überall im Entstehen begriffen ist.
Der Leidtragende aber wird die zwischenkontinentale Ordnung des britischen Weltreiches sein. Für den Tieferblickenden ist das britische Weltreich keine in sich selbst ruhende und aus eigener Kraft lebende Einheit mehr. Das englische Mutterland ist nicht mehr die tragende Mitte und Herr des Schicksals seines Weltreiches. Auf sich allein angewiesen kann es, wie der Gang des Krieges bewiesen hat, das Weltreich nicht mehr halten. Dessen Schwergewicht liegt heute schon mehr in Washington als in London. Der nordamerikanische Kontinent aber kann bereits als der Nachfolger des britischen Weltreiches gelten. Die englische Insel ist dabei, ein Außenposten des amerikanischen Kontinents zu werden. England aber steht schon immer gegen Europa, gegen seine wirkliche Ordnung und gegen eine geschichtliche Schicksalsgemeinschaft feiner Völker. In aller Klarheit zeigt es sich als der Feind des europäischen Friedens, der es immer war.
Diese gewaltigen Geschehnisse sind Revolutionen unseres Geschichtsbildes und der bestehenden geschichtlichen und politischen Ordnungen von einem noch gar nicht erkennbaren Ausmaße. Sie sind zugleich ein Zusammenbruch der geistigen Ordnungen und der politisch-geschichtlichen Systeme, die sich in den letzten Jahrhunderten gebildet haben. Die Lehren und Gedankensysteme von Jahrhunderten finden ihre Revision, eine der größten geistigen Revolutionen der Weltgeschichte vollzieht sich in unseren Tagen.
Hier aber erhebt sich eine der gewaltigsten Aufgaben der deutschen Wissenschaft: Sie ist immer der erkenntnismäßige Ausdruck der Epochen unserer Geschichte gewesen. Sie muß es auch heute sein. Die Wissenschaft ist selbst aber ein wesentlicher Teil der politisch-schöpferischen Gestaltungskraft unserer Zeit. Wissenschaft und politisches Planen und bewußtes Gestalten sind nicht voneinander zu
trennen. Bewußte Gestaltung ist der Sinn und die Aufgabe der Politik wie der Wissenschaft. Darin sind sie in einem letzten Grunde eins. Das Reich und die Neuordnung Europas werden nicht sein, wenn sie nicht als geistige Ordnungen von der Wissenschaft mitgestaltet werden. So erwächst gerade der Wissenschaft bei der geistigen Gestaltung des Reiches und Europas ihre besondere geschichtliche Aufgabe. Das geschichtliche Gesetz zu erkennen und den geschichtlichen Irrtum zu bannen, ist die Forderung der Zeit und damit die Aufgabe in erster Linie gerade auch der Wissenschaft. Denn die Wissenschaft ist für jeden geschichtlichen Lebenskampf unentbehrlich. Ein Volk, das nicht zugleich diese Aufgaben seiner Wissenschaft erkennt, kann kein Volk sein, das Weltgeschichte gestaltet und geschichtliche Epochen bestimmt. Ein Volk, das seine Wissenschaft vernachlässigt, würde sich im Kampf der Völker auf die Dauer aller Siegesaussichten berauben.
Heute zeigt sich, daß der Krieg nicht nur ein Kampf der rein technisch-materiellen Waffen ist, sondern darüber hinaus ein geistigerKampf, ein Kampf der wissenschaftlichen Leistungsfähigkeit und der Forschungskraft der Völker. Die größte Pflege gerade auch der Geisteswissenschaften ist darum ein einfaches Gesetz der Selbsterhaltung des Volkes, seiner Wehr- und Kampfkraft. Neben dem Soldaten steht so ebenso notwendig der wissenschaftliche Forscher. Soldat und Wissenschaftler sind, wie dieser Krieg. zeigt, in allerengster Weise miteinander verbunden. Neben dem besten Soldaten der Welt muß der beste Wissenschaftler der Welt stehen. Der eine kann den andern im Krieg der Gegenwart nicht entbehren.
Aus dieser Erkenntnis heraus hat sich die deutsche Geisteswissenschaft zu einem besonderen Kriegseinsatz zusammengefunden. Die ersten Ergebnisse der Gemeinschaftsarbeit dieses „Kriegseinsatzes der deutschen Geisteswissenschaft" wurden in diesen Tagen anläßlich der ersten wissenschaftlichen „Buch- und Dokumentenschau" der Oeffentlichkeit übergeben. Wie schon das Leitwort dieser Ausstellung besagt, will die deutsche Wissenschaft nichts anderes leisten als einen Beitrag zum „Kampf um Reich und Lebensraum". Mahnend und fordernd und als Ausdruck der Gesinnung der deutschen Wissenschaft steht vor uns ein Dort des großen Philosophen Hegel: Halten wir uns daran, daß der Weltgeist das Kommando zu avancieren gegeben hat. Einem Kommando aber wird pariert!
Anläßlich der Buch- und Dokumentenschau „Deutsche Wissenschaft im Kampf um Reich und Lebensraum" m der Technischen Hochschule Berlin bringen wir folgende Ausführungen von Professor Dr. Paul Ritterbusch (Reichserziehungsministerium), dem Leiter des Krieaseinsatzes der deutschen Geistes- wissenschast.
Wenn man diesen Krieg in seiner geschichtlichen Bedeutung richtig verstehen will, so darf man ihn nicht nur als-einen Kampf des deutschen Volkes um seine gegenwärtige Existenz betrachten. Man muß ihn vielmehr von der Ganzheit unserer Geschichte her sehen und ihn in den Gesamtstrom unseres geschichtlichen Schicksals einordnen. So gesehen, ist er der Endkampf einer großen Reihe kriegerischer Auseinandersetzungen und geistiger Kämpfe und Bewegungen, die alle den Sinn hatten, diejenige Totalität unseres geschichtlich-politischen Lebens zu verwirklichen, die wir das Reich nennen. Die Verwirklichung des Reiches aber bedeutet die Revision einer geschichtlichen Entwicklung: nämlich die endgültige Ueberwindung des durch den Westfälischen Frieden von 1648 geschaffenen Zustandes einer politischen Pluralisierung und Zersplitterung des deutschen Volkstums. Das bedeutet die Erfüllung der jahrhundertealten Sehnsucht der besten Deutschen. Endlich findet das deutsche Volk und das deutsche Menschentum im Reich die wirkliche Einheit, die politische, geistige, sittliche und seelische Totalität.
Dieser Krieg aber hat. nicht nur die Bedeutung des Endkampfes des deutschen Volks- und Menschentums um sich und um seine geschichtlich-post- tische Totalität. Er hat darüber hinaus einen euro- väischen Aspekt. Mit geschichtlicher Notwendigkeit ist er zugleich ein Kampf um Europa und um europäische Ordnung. Kein Volkstum Europas ist mit feinem geschichtlichen Schicksal so eng verknüpft, wie das deutsche. Das geschichtliche und politische Schicksal des deutschen Volkes ist zugleich immer das Schicksal Europas gewesen. Die politische Pluralisierung des deutschen Volkskörpers durch den Westfälischen Frieden und die Aufhebung des Reiches bedeuteten zugleich die Aufhebung einer wirklichen Ordnung Europas und feine Zersplitterung in einen Pluralismus von .Staaten, deren wahrhaftes Gesetz, wie der Engländer Hobbes meinte, nicht das gemeinsame geschichtliche Schicksal, nicht die Idee einer wirklichen geschichtlichen Ordnung, d. h. nicht der Friede, sondern der Krieg war. Die Aufhebung der politischen Einheit des Reiches bedeutete die Au f h e b u n g jener geschichtlichen Ordnung Europas, die die germanisch- deutschen Stämme durch Jahrhunderte gestaltet hatten. Der westeuropäische französische Begriff des souveränen Staates als Grundbegriff des Westfälischen Friedens hob nicht nur die Idee der politischen Einheit des deutschen Volkes im Reich auf, sondern zerschmetterte zugleich die von diesem getragene Ordnung Europas in eine Vielheit gegensätzlicher Elemente. Europa als natürliche und geschichtlich-schicksalhafte Einheit und Ordnung seiner Völker wurde nicht mehr gedacht und nicht mehr gestaltet. Die „Souveränität" aber war nitchs anderes als das Freisein von einer gemeinsamen geschichtlichen Ordnung Europas und die Möglichkeit, gegen sie zu handeln. Europa als Idee und geschichtliche Ordnung galt geradezu als Feind der sogenannten Freiheit und Souveränität der Staaten.
Von neuem zeigt sich in unseren Tagen die enge Verbundenheit des deutschen und des europäischen Schicksals, denn in dem Augenblick, in dem das deutsche Volk seine geschichtlich-politische Totalität im Reich wiederfindet, erwächst mit diesem von neuem die Idee einer wirklichen Ordnung und Schicksalsgemeinschaft Europas empor. Nach Jahrhunderten eines ewigen Kriegszustandes der europäischen Völker erhebt sich der Gedanke ihrer geschichtlichen Einheit und damit eines wirklichen Friedens zum Gesetz der europäischen Geschichte. „Europa und das Reich" ist der Kampfruf und der eigentliche Sinn dieses Krieges ge-
Aus der Stadt Gießen.
Aus der Gesch chte des Kalenders.
Nun haben wir den neuen Abreißkalender an die Wand gehängt, und wenn nicht jeden Tag, so doch jede Woche erfreut uns, wenn wir wieder ein Blatt abreißen, ein neues Bild. Viele unter unseren Kalendern stehen auf einer hohen künstlerischen Stufe und zeigen in ihrem Bilderschmuck eine außerordentliche Vollendung. Es ist ein weiter Weg, den der Kalender von seinen bescheidenen Anfängen zurückgelegt hat. Wie einfach waren die mittelalten» lichen Kalendertafeln, die nur über die Zeitpunkte der beweglichen und der stehenden Feste unterrichten wollten und nach denen man die Daten der einzelnen Tage festlegte. Denn nach den Wachen- und Monatstagen zu rechnen, wie wir es tun, hat man erft zu Ende des 15. Jahrhunderts allgemeiner angefangen. Zu den unbehilflichen Monatsbildchen, die sich allmählich in köstliche Werke der gotischen Miniaturkunst wandelten, treten in bunter Mannigfaltigkeit Auskünfte aller Art astrologischer und praktischer Natur, in denen nicht nur aus den Gestirnen die Zukunft geweissagt wird, sondern man sich auch über alle Angelegenheiten des Feld- und Gartenbaues, der Viehzucht, über Heilmittel und Aderlaß unterrichten kann. Die alljährlichen und die „ewigen" Kalender verzeichnen die bekannten Bauernregeln.
Mit der Entwicklung der Buchdruckerkunst nahm auch das Kalenderwesen einen großen künstlerischen Aufschwung. In Mainz erschienen in den Jahren 1448—1457 die ersten gedruckten Wandkalender, von denen wir wissen. In Form von Wandtafeln der verschiedensten Größe, die auf einem 'Blatt den ganzen Text vereinigten, sowie von Heften, die mit Bildern geschmückt waren, wurden sie seit der Mitte des 15. Jahrhunderts die verbreitetsten Druckerzeugnisse, die in alle Schichten des Volkes drangen. Aus dem 15. Jahrhundert sind 1600 Kleindrücke bekannt aeworden, und von diesen sind 324 solche fliegenden Kalenderblätter, die zum Aufhängen und Ankleben bestimmt waren. Sie erzählten nicht nur vom Kreislauf des Jahres, sondern auch von allerlei seltsamen Ereignissen, von Krieg und Pestilenz, von Sonnen- und Mondfinsternissen und nahmen in aufgeregten Zeitläuften in Predigt oder Spott Partei für bestimmte Ideen und Persönlichkeiten. So boten sie auch dem Künstler mannigfache Gelegenheit zur Betätigung; Holzschneider und Kupferstecher zierten die Kalender mit würdigen Bildern ober frechen Karikaturen.
Kunstwerke höheren Ranges entstanden auf diese Weise, nachdem die prachtvolle Volkskunst der Gotik dahingegangen war, hauptsächlich in Frankreich und in Holland, wo der Kalenderzeichner ein geschmackvolles Publikum fand. In Deutschland wandte man dem Schmuck des Kalenders erst im 18. Jahrhundert allgemeine Aufmerksamkeit zu, als eine einzigartige und nie wieder erreichte Blütezeit des Almanachwesens anbrach. Der Kalender trat nun erst mit der Literatur in enge Beziehung; die Buchform verdrängte die Tafelform völlig, und seit 1720 etwa wird der Almanach ein wichtiger Teil des Schrifttums, ein ebenso vielseitiges wie aktuelles Buch, das besonders den Interessen der Damen durch Aufnahme von Gedichten und Modeberichten entgegenkommt. Welche Bedeutung der Kalender in der Geschichte unserer Literatur und besonders in der Entwicklung unserer klassischen Lyrik spielt, das beweist die Tatsache, daß sich jede neue poetische Richtung von nun an einen eigenen Kalender frfiuf, vom Göttinger Musenalmanach an über den Schiller schen und die romantischen Almanache bis zu den almanachähnlichen Sammlungen der Moderne. * Das Rokoko machte aus dem Kalender ein Buchkunstwerk, das den eigentümlichen Reiz dieses eleganten Stils bewahrt. So wurde der Damen- almanach zu einem Zierftück des Boudoirs, und feinen höchsten Reiz verlieh ihm die Kunst des Kupferstechers, die ihn mit feinen, auf kleinster
Wenn Augen versagen Magnus-Brillen fragen!
Der Mensch und die Zeit.
Von Sigismund von Radecki.
Ein ausländischer Professor hat statistisch ermittelt, daß das Jahr für ein Kind etwa die Dauer von achtzehn Monaten besitzt. Dagegen hat dieses selbe Jahr für den Menschen von über fünfzig nur noch die Dauer von zehn Monaten. Und vermutlich (könnte man hinzufetzen) dürfte ein solcher Unterschied im Zeiterleben bei einer Eintagsfliege und einem neunhundertjährigen Krokodil noch stärker ieroortreten. Doch immerhin, woher weiß der Pro- essor, daß es gerade achtzehn, gerade zehn Monate sind? Das ist ein kühner Versuch, die Qualität der Zeit durch die Quantität der Monate zu messen — wie man ja auch in USA. von einem Geizigen sagt: „Für den hät der Dollar den Wert von ungefähr 1 Dollar 75."
Leider hat die Feststellung des Professors einen Haken. Qualität und Quantität der Zeit gehen nämlich keineswegs Hand in Hand: je länger mir eine Zeit dauert, um so fader ist sie; doch je kurzweiliger mir eine Zeit oorkommt, um so mehr gewinnt sie an Qualität.
Aber auch hier muß man eine Korrektur anbringen. Während ich eine Zeit durchlebe, kommt mir in der Tat die kurzweilige kurz und die langweilige lang vor; nachher aber, in einem Abstand gesehen, schrumpft die langweilige Zeit zusammen, während sich die kurzweilige in derselben Erinnerung immer mehr ausdehnt. Da verdrängt die gute Zeit die schlechte: nachher sind's immer goldene Zeitalter. Wir hatten z. B. als Knaben je neun Monate Schule und drei Monate Ferien, doch diese drei kamen mir nachher unvergleichlich länger vor als die neun Schulmonate. Und heute zähle ich meine damaligen Jahre nach den Sommerferien, nicht nach den Schulwintern. Die Erinnerung hat für den Erlebniswert eine künstliche Länge und für den Erlebnisunwert eine künstliche Kürze eingesetzt: Die Erinnerung setzt (wie jener Professor) eine Ausdehnung als Symbol für die Intensität!
Je voller eine Zeit ist, um so kürzer ist sie also während ihres Erlebens — aber was heißt „kurz"? Ich spüre die Zeit nicht, weil meine Aufmerksamkeit in Anspruch genommen wird von dem Vielen, das in ihr passiert. Wenn viel passiert, ist die Zeit „nicht da". Sonderbar jedoch, daß es mit dem Raume genau umgekehrt ist: wenn du eine Wohnung mie« «st, kommen dir die leeren Zimmer stets kleiner vor.
Leere Zeit dehnt sich.aus, leerer Raum aber zieht sich zusammen! Stell'jedoch Möbel hinein, hänge Bilder an die Wand, und das Zimmer dehnt sich aus wie ein Ballon an der,Luftpumpe. Je weniger man sich in einem Zimmer bewegen kann, desto größer ist es. „Beschäftige" dich, und die Zeit schrumpft zusammen. Im Rückschauen aber wird die Zeit ver- räumlicht und funktioniert daher wie der Raum: je mehr in ihr passierte (... je mehr Möbel im Zimmer ...), um so länger wird sie.
Doch leider muß man auch hier eine Korrektur anbringen. Volle, kurzweilige Zeit muß nämlich keineswegs eine fein, in der viel postiert — fast könnte man sogar das Gegenteil behaupten. In Aufregung, in Spannung gerät man dann, wenn irgendein kommender Moment zum Zielmoment wird: dein Pferd galoppiert, du hast die Stoppuhr in- der Hand und wartest darauf, ob es mit dem Zerreißen des Zielfadens den Weltrekord brechen wird oder nicht. Diese Sekunden können sehr lange dauern, aber sie sind auf ein Ziel gerichtet, sind organisiert und darum erfüllt. Genau so, wie ein Gummiband zwar in die Länge gezogen, doch eben deshalb zum Zerreißen gefpannt ist. Aufregende, also jedenfalls auch „kurzweilige", Zeit ist jene, in der eine lange Leere auf eine Erfüllung hin gerichtet ist, und je länger diese Leere dauert, um so aufregender, mithin kurzweiliger ist sie? Innerhalb dieser Leere passiert nichts, doch zugleich unendlich viel — in der Phantasie. Die Phantasie aber besteht aus Erinnerung und Vorausahnung, und diese beiden Zwillingsschwestern sind es, welche die Zeit lebendig machen.
„Die Sekunden dehnen sich zu Ewigkeiten" — fühlt der Mann, der den Startschuß erwartet, da war die Zeit lang, aber gewiß nicht langweilig, sondern aufregend. „Die Sekunden dehnen sich zu Ewigkeiten" — fühlt der lebenslänglich Eingesperrte; da war die Zeit lang und langweilig. Kurz, man bemerkt die Zeit erst in den Extremen des intensivsten wie des unintenfioften Erlebens. Schwimmt mein Boot schneller als der Strom der Zeit —- eile ich mit der Phantasie voraus —so wirft es eine sichtbare Bugwelle; schwimmt es langsamer als der Strom der Zeit, so wirft dieser eine sichtbare Welle am Heck auf: beide Male „sehe" ich die Zeit. Lasse ich mich aber von ihr treiben, so vergesse ich sie. Drei Minuten find vergangen, drei Minuten — was? Todesangst oder Straßenbahn? — Einerlei, drei Minuten, sagt die Uhr.
Die Uhr lügt natürlich. Sie kann die Zeit nicht
abbilden, sondern nur, was in der Zeit passiert. Und das größte räumliche Ergebnis, das in der Zeit passiert, ist die Erdumdrehung: diese wird von der Uhr konterfeit. Doch die Zeit selber, die kann sie nicht einfangen.
Wir aber auch nicht. Wir teilen sie stolz ein in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, als ob das drei gleichartige Dimensionen seien, während doch in Wirklichkeit die Gegenwart überhaupt keine Dimension hat. Versuche einmal, die Gegenwart, das worin du lebst und webst, zu denken: es geht nicht. Dein Leben ist eine Luntenschnur, die zu einem Explosivkörper führt, welcher Tod heißt. Als du wurdest, wurde die Luntenschnur am anderen Ende entzündet. Die Vergangenheit ist Asche, die Zukunft unangebrannt, und die Gegenwart, die ist jenes Flammenpünktchen, das an der Schnur fortfressend entlanghuscht. Du willst es haschen, aber die Zeit ist flüchtig wie ein Traum (ist nur „eine Form unserer Anschauung", wie der philosophische Mythos dichtet). Und doch ist dieses unfaßbare Pünktchen Gegenwart das, worauf es ankommt — ständig das „Noch nicht" in das „Nicht mehr" verwandelnd, ist es der einzige Punkt, von dem aus man die Zukunft, und damit auch die Vergangenheit (zu der ja jede Zukunft wird) gestalten kann. Wie sonderbar — an die Vergangenheit kommt man praktisch nur über die Zukunft heran! Und umgekehrt: an die Zukunft nur über die Vergangenheit! Denn je weiter ich in die Zukunft denke, um so mehr Erfahrung brauche ich — Erfahrung aus der Vergangenheit.
Der Jüngling lebt in der Zukunft, der Mann in der Gegenwart, der Greis in der Vergangenheit — so durchläuft derselbe Mensch alle Beziehungen zur Zeit. Dem entsprechen drei Menschentypen, in deren jedem eine dieser Beziehungen zur dominierenden, zur lebenslänglichen wird: Zukunftsmenschen, Gegenwartsmenschen, Vergangenheitsmenschen. Die Zukunftsmenschen sind die ewigen Jünglinge, die Vergangenheitsmenschen die ewigen Greise; die einen leben vom „Noch", die anderen von „Schon". Es gibt Kinder, die sich bereits sehnsüchtig, ihrer Kindheit erinnern, und Greise, die bas Hoffen nicht lassen können. Diesen drei Menschentypen entsprechen drei Religionstypen, welche ein betontes Verhältnis zur Zeit haben: Ahnenreligion, Offenbarungsreligion und Erlösungsreligion. Dagegen ist in den Mythenreligionen die Zeit aufgesogen, z. B. in der griechischen: sie haben die ewigen Götter, die ewigen Ideen.
«Im Augenblick ist Ewigkeit", fagt Goethe. Das
heißt: die Gegenwart, dieses menschliche, flüchtige, unendlich kleine Epsilon, ist für die Gottheit bestehend, aHcigenroärtig, nicht eingeklemmt zwischen Vergangenheit und Zukunft, sondern mit gewaltigen Armen beide umspannend! Und das vermögen wir zu ahnen — im Augenblick
Büchertisch.
— Hans Friedrich Blunck: Spuk und Lügen. Glaubhafte und unglaubhafte Geschichten. 57 Seiten. Albert Langen / Georg Müller, München. — Mit guten Wünschen zum Weihnachtsfest und zum neuen Jahre wurde dem Betrachter dieses in der „Kleinen Bücherei" bei Langen und Müller erschienene, vom Dichter signierte Bändchen auf den Schreibtisch gelegt. Es sind darin eine Anzahl jener Schelmenmärchen vereinigt, von denen wir unseren Lesern manche Probe mitgeteilt haben, und in denen sich Bluncks dichterisch-heitere Phantasie auf das Liebenswürdigste offenbart. An den Geschichten vom Specht, vom Storch und den Unterirdischen, vom Däumling in der Rübe, von der Frau Holle und dem verwunschenen Müller, vom Fuchs, vom Uhu und den siebenundvierzig Fledermäusen, von Dod- depott, vom Riesen Grindel und vom Zahnweh, vom Weihnachtsbaum und vom Mädchen, bei der Wasserfrau werden junge und alte Leute ein herzliches Vergnügen finden. Hans Thyriot.
— Der Greif. Ein Jahrweiser des guten Buches. Kart. 2,80 RM. Druck und Verlag Poeschel & Trepte, Leipzig. — (112) — Wir haben die im vorigen Jahre erschienene Ausgabe dieses vortrefflichen Jahrweisers sehr begrüßt und sehen mit Vergnügen, daß er uns auch für 1942 beschieden ist. Friedrichs des Großen Wort „Bücher sind kein geringer Teil des Glücks" darf auch für die neue Ausgabe als Devise gelten; mancher mag gerade in Kriegszeiten erst recht an sich erfahren haben, einen wie wesentlichen und wertbeständigen Glücksanteil wir aus dem vertrauten Umgänge mit schönen und guten Büchern zu ziehen vermögen. Den Weg zu ihnen zu zeigen, die Freude am Buch und die Lust am Lesen zu wecken und zu vertiefen, ist das leidenschaftliche Anliegen des nobel und feinfühlig ausgestatteten „Greifen", der aus Neuem und Altem, Vertrautem wie Unbekannten mit vielen tadellos gedruckten Bildern eine Fülle von Anregungen über den Leser ergießt. Ein höchst liebenswerter Almanach für alle Literaturfreunde und solche, die
werden wollen. Pans Thyriot,


