Ausgabe 
31.12.1884
 
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der Innern Politik bildeten für Cisleilhanien die Neuwahlen zur Mehrzahl der Landtage, die indessen nur für den mährischen Landtag eine bemerkens-o-rthe Veränderung brachte, indem die czechische Minderheit desselben eine erhebliche Verstärkung erhielt. In Ungarn fanden Neuwahlen zum Reichstage statt, welche die Position Des Ministeriums Tisza entschieden befestigten. Der alte Natio- naliiätenhader ist in Oesterreich während Des vergangenen Jahres nur in sehr beschränktem Maße hervorgetreten, dagegen bereitet das Anwachsen der anarchi- stischen Strömung, welches aus dem Processe gegen Stellmacher und Genossen erhellte, der österreichischen Regierung ernste Besorgnisse und hat dieselbe des­halb die Weiterdauer der über Wien und Umgegend verhängten Ausnahme- maßregeln angeordnet. In commercieller Beziehung war für den Donau- Kaiserstaat die Eröffnung der Arlberg-Bahn ein wichtiges Ereigniß und wird durch den neuen Schienenweg der Handel und Verkehr Oestereichs besonders nach der Schweiz und Frankreich hin eine bedeutende Steigerung erfahren.

Die französische Republik hat eine recht unangenehme Erbschaft aus dem alten Jahre mit in das neue Jahr hinübergenommen: den Tong- kinghandel mit China. Trotz des Friedensschlusses von Tientsin ist die Tongkingsrage dis jetzt mit keinem Schritte ihrer Lösung näher gerückt, derselbe hat weitere Kämpfe zwischen den Franzosen und Chinesen in Tongking nicht verhindert und die begonnene Besetzung der Insel Formosa durch die Franzosen vermochte die chinesische Regierung nicht im Mindesten zur Nachgiebigkeit zu stimmen. Das französische Parlament hat indessen dem Ministerium Ferry die Mittel zu einer energischen Fortsetzung der Operationen in Ostasien bewilligt und so wird wohl endlich das Jahr 1885 die französisch-chinesische Affaire so oder so gelöst sehen. Nach Innen ist es dem Ministerium Ferry gelungen, die Senats-Wahlreform zu einem befriedigenden Abschlüsse zu bringen, dagegen ist ihm die Beseitigung der Arbeiternoth, namentlich in Paris und Lyon, noch immer nicht in dem wünschenswerthen Maße geglückt. Zahlreiche Opfer forderte das Auftreten der Cholera im Süden Frankreichs und bann auch in der Haupt­stadt selbst und darf unter den obwaltenden Umständen als eine glückliche Fügung betrachtet werden, daß nicht das ganze Land von dieser Calamität heimgesucht wurde.

Auch England hat, gleich Frankreich, auf dem Gebiete der auswärti­gen Politik eine unangenehme Hinterlassenschaft aus dem alten Jahre mit in das neue hinübergenommen die egyptische Frage. Es ist England bisher weder gelungen, in den egyptischm Finanzen und überhaupt in den inncrn Angelegenheiten des Pharaonenlandes Ordnung zu schaffen, noch auch den Auf­stand im Sudan niederzuwerfen, ja, es hat sich sogar genöthigt gesehen, eine Expedition zur Rettung des in Khartum von den Heerhaufen des Mahdi ein- geschloffenen General Gordon abzusenden, deren Ausgang noch völlig ungewiß erscheint. Eine zweite Expedition machte sich nach Südafrika nothwendig um den Boern, welche das von ihnen besetzte Betschuana-Land nicht herausgeben wollen, Respect vor dem englischen Leoparden beizubringen; doch ist auch hier der Erfolg der Engländer noch keineswegs ein verbürgter. Eine ziemlich kläg­liche Rolle spielte England in den Verhandlungen mit Deutschland wegen der deutschen Colonial-Erwerbungen in Westafrika, welche Verhandlungen gerade nicht dazu beigetragen haben, das Ansehen des Cabinets Gladstone bei dessen eigenen Landsleuten zu stärken. Einen wesentlichen Erfolg trug dagegen das englische Cabinet in feiner innern Politik durch die Durchführung der Reform des Oberhauses davon, worin das Ministerium die große Mehrh.it des engli­schen Volkes auf seiner Seite hat. In Irland harrt die Agrarfrage noch immer ihrer Lösung und sind daselbst auch im vergangenen Jahre eine Reihe von Agrar-Verbrechen vorgekommen.

Das Königreich Italien wurde auch im vergangenen Jahre von einer schweren Lanoes-Calamität in Gestalt Der Cholera heimgesucht, welche, von Frankreich in Piemont einbrechend, bald die ganze Halbinsel durchzog und beson­ders das schöne Neapel schwer heimsuchte. Gerade diese Tage und Wochen des Unglückes haben aber gezeigt, wie treu die italienische Nation zu ihrem Fürsten­hause steht und das muthvolle Auftreten des Königs Humbert in dieser schweren Zeit der Prüfung hat ihm auch außerhalb Italiens allgemeine Sympathie erworben. Im Uebrigen sind aus Italien keine bemerkenswerthe politische Er­eignisse zu berichten und dasselbe gilt auch bezüglich Rußlands. Dasselbe verhält sich in der auswärtigen Politik ziemlich reservirt, in Asien dagegen schreitet es langsam, aber sicher nach Südosten vor, wie die Annexion des Ge­bietes von Merw beweist. Die Nihilisten haben im vergangenen Jahre wenig von sich hören lassen und auch bei Dem Besuche des Czarenpaares in Polen, sowie den hieraus folgenden Kaisertagen von Skierniewice verhielten sie sich ruhig, was freilich keineswegs beweist, daß sie ihre dunkeln Pläne aufgegeben haben.

Was nun die europäischen Staaten zweiten und dritten Ranges anbe­langt, so ist zunächst bei Belgien der Sturz des liberalen Cabinets Frvre- Orban zu verzeichnen, welcher in Folge der Neuwahlen zur Deputirtenkammer erfolgte. Doch konnte sich auch das entschieden clericale Ministerium Malou nicht lange behaupten und mußte dasselbe wegen des ihm.ungünstigen Aus­falles der Gemeindewahlen dem gemäßigt clericalen Cabinet Baernaert weichen. Auch in Spanien fand Anfang dieses Jahres ein Minister wechsel statt, in­dem das liberale Ministerium Posada de Herrera dem clerical angehauchten Cabinet Canovas del Castillo Platz machte, doch scheint auch letzterem keine allzu große Lebensfähigkeit innezuwohnen. Aus den drei nordischen Königreichen ist lediglich der noch fortdauernde Kampf in Dänemark zwischen dem Ministerium Estrup und der radiealen Mehrheit der Volks­vertretung zu erwähnen, dessen Ausgang sich noch nicht absehen läßt. Auch von der Valkanhalbinsel, dem politischen Wetterwinkel Europas, ist nichts Sonderliches zu berichten und scheint es in der That, als ob in den Balkanstaaten solidere Verhältnisse Platz greifen und ihre buntgemischten Völker- ftämme sich allmälig vertragen lernen sollten.

In Nordamerika war das bedeutsamste politische Ereigniß des ver­flossenen Jahres die Präsidentenwahl, bei welcher der Demokrat Cleveland als Sieger hervorging und ist somit in der großen transatlantischen Republik die demokratische Partei zum ersten Male seit 20 Jahren zur Herrschaft gelangt. In Mexiko wurde der Präsident Gonzales durch den General Porsirio Diaz ohne jede Störung der öffentlichen Ordnung versetzt; in Süd-Amerika ist der chilenisch-peruanische Streithandel anscheinend noch immer nicht vollständig geschlichtet.

Unter den Reichen desschwarzen Continents" zieht Egypten noch immer die meiste Aufmerksamkeit auf sich, zur Zeit läßt sich aber nicht im

Lokales.

Mindesten beurtheilen, welches die nächste Zukunft des Pharaonenlandes sein wird.

w . 9J1 sien verhält sich das chinesische Riesenreich gegenüber Den Ansprüchen der Franzosen auf Tongking fortgesetzt äußerst feindlich, aber audi hier vermag Niemand zu sagen, ob schließlich Frankreich oder China in dem seltsamen Handel, den beide Staaten miteinander haben, Sieger bleiben wird.

In Australien endlich macht sich eine Bewegung der einzelnen Colomalregterungen gegen die deutschen Erwerbungen in der Südsee geltend Es ist noch nicht bekannt, wie man sich in London zu dieser Bewegung stellt keinesfalls wird dieselbe indessen Deutschland zur Wiederverzichtleistung auf die betreffenden Gebiete bewegen. a 1

Telegraphische Depeschen.

telegr. HorrrsporErL^Brrrea«.

2k D ^wbrr. Gegenüber einem A ttkel derDaily NtwS" über die < contincntalen Mächte, Insbesondere Deutschland, über ^nrhh1 9m« ?^A CÄ,?.0 * Ayprend sich bisher nickt geäußert Haden, sagt d'c AU?' 3'0- : Füc dl- conttnentalen Großmächte sei die Frage des Friedens T?kC8ct°Un ®,nürn?bmcn8 mit den continrntalen Nachbarmächten viel wichtiger °l%b(C Froge, «05 au? @mten wird. So lange eine Verständigung zwischen Ena^ -^nbH*rb Kl2ncfÄe $ ^ble' r°nne c8 wohl tm Inter.sse der britischen Regierung liegen Deutschland dafür zu gewinnen, daß es zuerst die Vorschläge annehme, um dann die französische Regterung unter die Pression des deutsch-englischen Einverständnisses »u bringen; aber das Interesse Deutschlands an seinem guten Einvernehmen m t Frank? retcb Jci ein zu großes, um wahrscheinlich zu machen, daß die deutsche Politik sich dazu hergedm werde, die englisch -egyptischen Kastanien auS dem französischen Feuer zu Ie"- c Uebereinstimmung der Besichten der Mächte, etnschlußl'ch England

0)6 Wege der schriftlichen Correspondenz erreicht werde, fei' UhPLn ?»renJ'?' ?drLc Conti-'entLlmacht werde die erste sein wollen,

Vorsi-lSg7vorz?e!ft?" Übd0en bur* hte ^nahme oder Ablehnung bet englischen .Ar General ' Direktor der directrn Steuern fm Finanzministerium, Burg- bort ist zum Wirklichen Geyeimen Rath mit dem PrädikateExcellenz" ernannt OOtvCP.

Paris, 29. December. Senat. Graf St. Ballier richtet eine Anfrage an die Legierung über bk Ackerbaukrise, beklagt, daß die Commission betreffs der Erhöhung ?rrtnMAL6hA3nh ^bw^^^de mit ihren Arbeiten so langsam vorwärts komme und W fc61 0 die Regierung beabsichtige, die von der Commission abgeschafften m! giLht-ri red,tt erhalten. Der Ackerbaumtn.stcr erwidert, die Regierung rbe be ^tz^lle aufreckt erhalten und bei Wiederzusammentritt der Kammern verlangen, baß die Ackerbaufrage auf die Tagesordnung gesetzt werde; die Regierung werde alles nur Mögliche thun, um die Lage der Ackerbau treibenden Bevölkerung zu verveff ^rn. ö 0

. Madrid, 28. December. Durch das ftattgehabte Erdbeben ist der größere Theil der Stadt Alhama zerstört worden, die Vorderseite der Kath-- drale von Granada hat sich etwas gesenkt, auch die Kathedralen von Sevilla und Giralda sind beschädigt. Von den Einwohnern der Ortschaft Albunueloö in der Provinz Granada hat eine große Anzahl das Leben eingebüßt.

Klagenfurt, 29. December. In Tarvis und Umgegend haben in der Nacht vom Samstag auf Sonntag heftige Erderschütterungen stattgefunden. Insbesondere wurden drei Stöße von großer Stärke wahrgenommen. In den Mauern vieler Häuser sind Sprünge und Riffe entstanden.

Wien, 29. Decbr. In der gestern von dem politischen VereinWahr­heit einberufenen allgemeinen Arbeiterversammlung sollte zufolge Ankündigung der Reichstags-Abgeordnete Liebknecht sprechen. Bei der Eröffnung der Ver- sammlung wurde jedoch von dem Obmann des Vereins ein Polizei-Erlaß ve. lesen, durch welchen die persönliche Theilnahme Liebknechts an der Versammlung untersagt wird, da demselben der Aufenthalt in Wien nach dem Gesetze vom 22. Juli 1871 nicht gestattet werden könne. Liebknecht war von dem Verbot in Kenntniß. gesetzt worden.

Paris, 29. December. Deputirtenkammer. Der von der Regierung verlangte Kredit von 1 Milliarde Frcs. zur Bestreitung Der Ausgaben für das 1. Quartal 1885 wurde mit 351 gegen 127 Stimmen genehmigt und sodann das Einnahmebudget nach den Beschlüssen des Senats ohne Debatte angenommen.

~ 30. Dec-mber. Die cm verflossenen Sonntag Nachmittag tm großen

Saale des (Safe Leib abgehaltene Generalversammlung des Vereins der deutschen freisinnigen Partei war, wie wir gestern schon kurz bemerkt n. ganz außerordentl ch zahlreich besucht- Herr L- Georgi eröffnete mit kurzen begrüßenden Wo'ten die Versammlung und erthrilts sodann dem Referenten Herrn Dr. Gutfletsch bad Wort zum Vortrag.

Den Inhalt desselben fassen wir tm Nachstehenden zusammen:

Redner begann mit dem Ausdruck feiner Freude über den freundlichen Empfang, den die Versammlung ihm bereitet habe. Dieser Empfang sei ihm ein Beweis, daß die herzlichen Beziehungen, die ihn mit seinen früheren Wählern zum Reichstage v r- banden, durch das Erlöschen seines Mandates n'cht geschwächt seien Hieran schloß Redner die wärmste Danksagung für die In der Zeit der Wahlagitation duses Herbstes von Stadt und Land bethätigte Anhänglichkeit an die von ihm vertretene liberale Sache. Der Dank gebühre in erster Linie dem unermüdlichen und aufopferungsvollen Vor­sitzenden des Wahlcomitss, Herrn Ludwig Georgi, sodann aber d-n zahlreichen übrigen Freunden in Stadt und Land, welche mtt unvergleichlicher Hingebung für die liberale Sache gewirkt hätten. Zumal auf dem Lande sei die Wahlthätigkeit der Freunde um so anerkennensmerther, als gerade da bei der letzten Wahl ganz besondere Schwierigkeiten entg?genftanben. Dies süh te den Redner auf das eigentliche Thema seines Vortrages, den Verlauf und die Ergebnisse der Lfcten Reichstagswahlen.

F0r den Verlaus der Wahlen bei uns in H ff en und spec'ell auch tm erstm Wahlkreise sei charakrenstisch und zumal auf dem Lande der liberalen Sache sehr nach- theisig gewesen die Beihilfe, welche unsere derzeitige als nationalliberal geltende Re­gierung der Coaliüon der Conseroativen und Nationalliberalen geleistet habe. Es stehe diese Beihilfe in einem unangenehm auffallenden Gegensätze zur Unparteilichkeit, mit der das frühere Ministerium die vorhergebenden RetchstagSwahlen bemäntelt habe und widerspreche in bedauerlicher Weise der Pflicht der Regierung, über den Parteien ZU stehen und die öffentliche Meinung durch freie und unbeeinflußte Abstimmung zum reinen und unverfälschten Ausdrucke gelangen zu lassen. Redner wolle sich für heute einer Beweisantretung in der Richtung enthalten, welcher posii've Einfluß der Regierung auf die Wahl geübt worden fei. Eine unleugbare Thatsache aber fei, daß in der Woche d-8 Beginns der Wahlagitation plötzlich ein Flüstern l urch die Schaar der Beamtrn, Bürgermeister und öffentlichen Diener bis zum Flurschützen gegangen sei, daß da« Ministerium keinen freisinnige, sondern einenftaalderbaltenben" natlonalllbtralerr Candidaten wünsch.'. Schon diese auf eizenthümlichen Wegen in Umlauf gebrachte und durch die Tbatsachen demnächst bestätigte Andeutung habe genügt, um die ganze Schaar der vom öffentlichen Dienste Abhängigen mst wen'gen löblichen Ausnahmen zum intensivsten Kampfe ge en die liberale bez. freisinnige Candidaiur zu eniflammen.

Mit dieser Thatsache theilweise zusammenhängend sei die weitere, daß diesmal die Geistlichkeit in ganz unerhörter Weise in die Arena deS Wahlkampfes zu Gunsten des nationalliberalen Candidaten herabgestiegen sei. Im Interesse der Freiheit der Wahl ebenso sehr als im Jntercffe der Religion sei dies zu bedauern. Der Geistliche gehöre in die Kirche und tn dem Maße, als er sich in das politische Getriebe hinein begebe, entfremde er sich den seinem Amte zustehenden Ausgaben, verliere an kirchlicher Wirksamkeit und schädige die religiösen Jntereffen auf daS Empfindlichste.

Auch die Judenhetze fei zur Schmach unterer Provinz weidlich von den Gegneru