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Mr. 1OO. Mittwoch den 30. April 1SS1
Kießmer Anzeiger
Amts- uud Anzeigeölatt für den Kreis Gießen.
Preis vierteljährlich 2 3Hart 20 Pf. mit Bringerlohn.
Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf.
Wt8k--rur Schulstraße 7.
Erscheint Läßlich mit Ausnahme des MontagK.
Amtlicher Höeil.
Betreffend: Die Deutsche Molkerei-Ausstellung in München im Oktober 1884.
Bekanntmachung.
Nachdem sich der Unterzeichnete auf Wunsch bereit erklärt hat, Ausstellungsgegenstände für die Deutsche Molkerei-Ausstellung in München aus der Provinz Oberhessen zu sammeln und an ihren Bestimmungsort weiter zu befördern, damit eine Collectiv-Ausstellung veranstaltet werden kann, ersuche ich alle Diejenigen, welche sich an diesem Unternehmen betheiligen wollen, mir alsbald zunächst nur anzugeben, daß sie die Ausstellung beschicken wollen. Ich werde den Betreffenden alsdann einen Formularbogen zuschicken, in welchem das weiter Nöthige zu bemerken ist.
Das Programm der Ausstellung findet sich in der landwirthschaftlichen Zeitschrift vom 1. März l. I. Nr. 9 abgedruckt.
Gießen, den 26. April 1884. Der Director des landwirthschaftlichen Bezirksvereins Gießen.
_________ Nover, Kreisassessor.
PvlitLsche «eberfichL.
Gießen, 29. April.
ES bestätigt sich, daß der Kaiser die Grundzüge der Wiedereinberufung des Staatsralhes genehmigt hat; die Arbeiten an den AussührungS- Bestimmungen haben bereits begonnen.
Der Reichskanzler ist seit einigen Tagen durch eine Erkältung an das Zimmer gefesselt und muß daher die Geschäfte vom Zimmer aus leiten. Überhaupt hat die ungünstige Witterung der letzten Zeit, wie die „Nordd. Allg. Zlg? meldet, ihre nachtheiligen Wirkungen besonders in Berliner Beamten- kreisen documentirt und scheint hiervon besonders das Auswärtige Amt betroffen worden zu sein. Denn auch der Staatssecretär des Auswärtigen Amtes, Graf Hatzfeldt, und der UnterstaatSsecretär Dr. Busch sind erkrankt, ja, selbst der Director des Auswärtigen Amtes, Herr v. Bojanowski, hat mit Krankheit zu kämpfen, was um so mehr zu bedauern ist, als gerade jetzt eine ungewöhnliche Geschästslast auf seinen Schultern ruht.
Der Reichstag hat nun seine erste Arbeitswoche nach der parlamentarischen Osterpause hinter sich und man muß gestehen, daß er in Anbetracht des zu bewältigenden Stoffes ziemlich fleißig gewesen ist. Es sind in dieser Zeit die zweite Lesung der Novelle zum Hülfskaffengesetz, die ersten Lesungen des Pensionsgesetzes, zu welchem die Novellen zum Militärpensions- und -zum Reichsbeamtengesetz vereinigt worden sind, und des Militär-Relictengesetzes, sowie mehrere Jnitiativ-Anträge erledigt worden. Die Novelle zum Hülsskaffengesetz, deren Berathung am Dienstag wegen der Beschlußunsähigkeit des Hauses abgebrochen werden mußte, wurde in der Reichstagssitzung vom Freitag meist nach den Commissions-Anträgen genehmigt. Den Antrag v. Hammerstein, wonach die Leiter der Kassen mit Geldstrafe bis zu 300 <X zu belegen sind, wenn sie nicht verhindern, daß in den Kassen-Bersammlungen öffentliche Angelegenheiten besprochen werden, lehnte das Haus mit 132 gegen 100 Stimmen ab. Das an demselben Tage zur ersten Lesung gelangte Gesetz, betr. die Fürsorge für die Hinterbliebenen von Angehörigen des Reichsheeres und der Marine, wurde an eine Commission von 21 Mitgliedern verwiesen. An dieselbe Commission gelangte am Tage vorher auch das Pensionsgesetz, nachdem daffelbe ein interessantes Nedetournier über die Frage der Communal-Besteuerung der Offiziere hervorgerufen hatte. Die Reichstagssitzung vom Samstag fiel aus.
Das preußische Abgeordnetenhaus beschäftigte sich am Donnerstag und auch zum Theil am Freitag mit der Wahl des Abg. Frhrn. w. Lyncker (5. Gumbinner Wahlkreis), deren Ungültigkeits-Erklärung wegen hierbei vorgekommener Unregelmäßigkeiten die Wahlprüfungs-Commission beantragt hatte. Zu letzterem Antrag hatte die freiconservative Fraction beantragt, die Wahl für ungültig zu erklären, strafrechtliche Ermittelungen über vermeintliche Wahlbeein- fluffungen des Regierungs-Präsidenten Steinmann anzustellen und gewisse Beamte zur Verantwortung zu ziehen; hierzu lag wiederum ein Amendement des Abg. Bachem vor, dem Hause über die bezüglich des letztgenannten Punktes getroffenen Maßnahmen Mittheilung zu machen. Die lang ausgedehnte Discussion, welche zum Kapitel der Wahlagitation und Wahl-Beeinflussungen manchen interessanten Beitrag lieferte, schloß damit, daß der freiconservative Antrag nebst dem Amendement Bachem mit großer Majorität angenommen wurde. Am Samstag beschäftigte sich das Abgeordnetenhaus mit der dritten Lesung der Jagdordnung.
Von^den zahlreichen Commissionen des Reichstages wird Line der wichtigsten derselben, die Socialistengesetz-Commission, ihre Thätigkeit in diesen Tagen beenden. In der Donnerstagssitzung der Commission kündigte Minister v. Puttkamer gegenüber den Windthorst'schen Abänderungs-Anträgen an, daß die Regierung längst mit einem Gesetzentwürfe, betr. Unterdrückungs- Maßregeln gegen die Anarchisten, beschäftigt sei, die Frage sei aber unabhängig von der Entscheidung über das Socialistengesetz, die er möglichst bald zu fällen bitte.
Die Verhandlungen unter den Großmächten über die bevor- stchende Conferenz zur Regelung der egyptischen Finanzfrage sind im vollen Gange. Namentlich die Pourparlers zwischen dem englischen und dem französischen Cabinet tragen einen recht lebhaften Charakter, was sich zur Genüge daraus erklärt, daß Frankreich neben England mehr als alle andern Mächte bei den egyptischen Angelegenheiten betheiligt ist. In dem englischen Rund- fchreiben, welches den Großmächten und der Türkei bezüglich des Conserenz- Vorschlages zugegangen ist, wird vor Allem die mißliche Lage der egyptischen
Finanzen hervorgehoben; Egypten müsse eine Anleihe von 8 Mill. Pfd. Sterl. contrahiren, sehe sich aber bei der Unmöglichkeit, ein Unterpfand für eine derartige Anleihe zu gewähren, außer Stande, dieselbe auszunehmen. Die Großmächte sollen also dem egyptischen Staatssäckel wieder aufhelfen, was zur Zeit allerdings als ein sehr schwieriges Unternehmen erscheint.
Das Dynamit-Attentat in Krakau beschäftigt die Wiener Regierungskreise begreiflicher Weise sehr lebhaft, da es wiederum den gefährlichen Charakter der Anarchisten-Bewegunq in Oesterreich enthüllt. Es ist Verdacht vorhanden, daß der Attentäter im Einverständniß mit Arbeitern handelte, welche ihre aus einem früheren Socialistenproceffe herrührenden Strafen im Krakauer Gesangenhause verbüßen, in Folge dessen sämmtliche Zellen der betr. Häftlinge einer genauen Durchsicht unterzogen wurden. Ferner fand eine Conferenz der Vertreter der politischen, sowie der Gerichts- und Polizeibehörde in Krakau statt, welche zunächst zur Verhaftung zahlreicher verdächtiger Individuen führte. — Das österreichische Abgeordnetenhaus hat am Freitag seine Arbeiten wieder ausgenommen.
In Italien verdrängt die am Samstag stattgefundene Eröffnung der nationalen Ausstellung zu Turin momentan das Interesse an den politischen Angelegenheiten des Landes. Die Eröffnungsfeier wurde du ch die Gegenwart des Königs und der Königin ausgezeichnet, welche, von der Bevölkerung enthusiastisch begrüßt, bereits am Freitag in Turin eingetroffen waren.
Am Sonntag haben die Neuwahlen zu den spanischen Cortes stattgesunden, von deren Ausfall der Weiterbestand des Cabinets Canovas del Castillo abhängt. Ob sie demselben die in Regierungskreisen zuversichtlich erhoffte starke Majorität gebracht haben, ist noch nicht bekannt.
Die Orientreise des ö st erreich: sch en Kronprinz en-Paares findet in diesen Tagen ihren Abschluß. Wie in Konstantinopel, so ist den hohen Reisenden bei ihrer Rückreise auch auf bulgarischem und rumänischem Boden ein glänzender und sympathischer Empfang bereitet worden. In Varna begrüßte Fürst Alexander, umgeben von seinen Ministern Zankoff, Balabanoff und Kaik- takuzenos, das kronprinzliche Paar. In Bukarest langte dasselbe Freitag Abend 7 Uhr 45 Min. an, begleitet vom König und der Königin, welche ihren Gästen bis Comana entgegengefahren waren; die rumänische Hauptstadt war glänzend illuminirt und jubelnd begrüßte die Bevölkerung ihr Herrscherpaar wie deren hohe Gäste.
Ksutschlaud.
Darmstadt, 28. April. Se. Kaiserl. Hoheit der Kronprinz des deutschen Reichs und von Preußen trifft mit feinem Zweitältesten Sohne, Dem Prinzen Heinrich von Preußen, heute Nachmittag 5 Uhr hier ein. J.J. K.K. H.H. der Prinz und die Prinzessin von Wales nebst ältestem Sohne und drei Prinzessinnen-Töchtern werden morgen Abend 10 Uhr erwartet. Se. Kgl. Hoheit der Prinz Wilhelm von Preußen hat seine Ankunft auf den 30. ds. früh festgesetzt. Die genannten Herrschaften nehmen sämmtlich im Großherzoglichen Schlosse Wohnung.
—I. Darmstadt, 27.. April ^Zweite Kammer der Landstände.j Der 4. Ausschuß hat über einen schon im Jahre 1881 von dem Abgeordneten Mölltnger gestellten Antrag, das Landftretcherunwesen betr., durch den Abgeordneten Baur Bericht erstattet. Der Antrag des Abgeordneten Mölltnger ging dahtn: Die Kammer wolle Großh. Regierung ersuchen, Mittel zu ergreifen, um dem Ueberhandnehmen der Land- stretcherrt und des Bettelns zu steuern. Zur Begründung des Antrags wurde im Wesentlichen angeführt, baß bi? Zunahme der Landstreicherei als Thatsache erscheine, dieselbe auch die Bevölkerung in kaum mehr erträglicher Weise belästige und im Wetteren zum sittlichen Verfall der m Betracht kommenden Vaganten führe. Die durch den ehemaligen Berichterstatter, Abg. Hanftetn, um ihre Meinungsäußerung ersuchte Großh. Regierung hat in ausführlicher Weise geantwortet und insbesondere angegeben, wie und auf welche Art sie gegen das Vagantenthum vorgeschritten sei und welche Resultate durch ihre Maßnahmen era eit wurden. Außerdem hat sie darzuthun gesucht, daß der Sitz des Uebels zu einem wesentlichen Thetle in wirthschaftlichen und socialen Verhältnissen begründet sei, deren Abstellung nicht in der Macht der Verwaltung eines der deutschen Emzelstaaten gelegen wäre.
Mit grotzer Befriedigung konnte indessen von der Regierung conftatirt werden, daß nach allen Berichten der Kretsverwaltungen ein entschiedener Rückgang deS VagantenthumS zu verzeichnen und daß hauptsächlich in den Gegenden, in welchen die Bevölkerung selbst kräftig gegen das Vagantsnthum einschreitet, den Bettlern namentlich nur Unterstützung gegen Arbetlsleistung verabreiche, das Landstreicherunwesen beinahe vollständig im Verschwinden sei.
Der in den Motiven rubr. Antrags vorgeschlagenen Einführung von Arbeitsbüchern konnte die Regierung deßwtllen nicht entsprechen, wett von Setten des Re.chs- tagS die obligatorische Einführung der Arbeitsbücher abgelehnt wurde. Die Großh-


