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<r» 201. Freitag den 29. August 1881

Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.

thltfeiu: Schulfiraße 7.

Erscheint tLglich mtt Abnahme des MsntagS.

PreiO vierteljährlich 2 Marl 20 Pf. mit Vringerlohn.

Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf.

Politische «eberficht.

Gießen, 28. August.

In dem diplomatischen CvrpS von Berlin ist durch das am 25. August erfolgte plötzliche Ableben des englischen Botschafters Lord Ampthill -eine empfinollche Lücke eingetreten. Derselbe ist einer Unterleibs-Entzündung nach verhältnißmäßig nur kurzem Krankenlager erlegen und hatten sich noch am Tage vor feinem Ableben die kaiserlichen Majestäten angelegentlichst nach feinem Befinden erkundigen lasten. Lord Ampthill (früher Lord Odo Russell) wurde am 20. Februar 1829 geboren und war 1854 der englischen Gesandtschaft in Konstantinopel attachirt, wo er bis nach dem Krimkriege verblieb. Später wurde er bei der englischen Gesandtschaft in Washington und am Hofe von Neapel beschäftigt ', 1870 erhielt Lord Ampthill seine Ernennung zum Unter* staatSsecretär des Auswärtigen und wurde als solcher mit einer Mission in dar deutsche Hauptquartier nach Versailles betraut, wo er bis zum März 1871 verblieb. Im October destelben Jahres wurde er zum englischen Botschafter in Berlin ernannt und vertrat als solcher seine Negierung auf dem Berliner Congreß im Jahre 1878. Lord Ampthill war beim Kaiser wie bei den fron- yrinzlichen Herrschaften persona gralissima und spielte überhaupt in den Ber­liner Hofkreisen eine hervorragende Nolle; sein Ableben wird daher in denselben allgemeine Teilnahme Hervorrufen.

Die angekündigten Veränderungen in den höheren Commando- stellen der preußischen Armee haben noch vor Beginn der Herbstmanöver ihren Ansang genommen. An Stelle des bisherigen commandirenden Generals des Garde-Corps, des Grafen von Brandenburg, welcher wegen feiner erfchütterten Gesundheit den Abschied genommen hat, ist General der Infanterie v. Pape, bisheriger Commandeur des 3. Armee-Corps, zum commandirenden General des Garde-Corps ernannt worden. Das Commando des 3. Armee-Corps ist dem Generallieutenant Grafen v. Wartensleben dem bisherigen Commandeur der d 7. Division, übertragen worden; gleichzeitig ist dem Generallieutenant v. Albedyll, General-Adjutant des Kaisers und Chef oes Militär-CabinetS, der Rang eines commandirenden Generals, unter der Belastung in feinen seitherigen Functionen, ettheilt worden.

Bezüglich der jüngsten Vorgänge an der westafrikanischen Küste liegen noch keine neuerlichen Mitthellungen vor, mit Ausnahme einer Meldung, welche das Gerücht dementirt, daß zwei süddeutsche Groß-Industrielle schon im vorigen Jahre südlich vom Congo Colonialbefitz erworben hätten. Es haben allerdings Verhandlungen zwischen den betr. Herren und einem Häuptling stattgesunden, dieselben betrafen aber nicht Gebiete am Congo, sondern ganz andere Theile Afrikas und zerschlugen sich, da dem Häuptling von ausländi­scher Seite ein höheres Gebot gemacht worden war, welches er natürlich an* nahm. Die CoroetteBismarck", 16 Geschütze, wird zum Schutze der deutschen Interessen an der westafrikanischen Küste zum 1. October d. Js. in Dienst gestellt.

Das Jntereffe an den nun begonnenen Feindseligkeiten zwischen Frankreich und China drängt begreiflicher Weise die andern noch schwebenden Fragen der hohen Politik einstweilen in den Hintergrund. Der noch in letzter Stunde gemachte Versuch, die kriegerische Lösung des Conflicts zu verhindern, muß nun als definitiv gescheitert betrachtet werden, denn am Sonntag Abend ist der chinesische Gesandte in Paris, Li-Fong-Pao, mit dem größten Theile des Pariser Gesandtschafts-Personals in Berlin eingetroffen. Nur der chinesische Legationssecretär, Oberst Tseng-Ki-Tong, ist mit zwei Attaches in Paris noch zurückgeblieben, aber nicht in officieller Eigenschaft, sondern als Privatmann, und erscheint sein Verbleiben in der französischen Hauptstadt als sehr zweifelhaft, da sich China mit Frankreich tatsächlich im Kriege befindet. Die Mittheilungen von dem ostasiatischen Kriegsschauplätze laufen wegen Kabel­störungen nur sehr spärlich ein; eine Depesche derTimes" vom 25. August meldet, daß die französischen Panzerschiffe vor Foutchou am Nachmittag des genannten Tages in die Mündung des Min-FlusseS eingelausen seien, daß sie aber von dem mit Krupp-Geschützen armirten Fort schon aus die Entfernung von drei Meilen beschossen worden wären und hätten sich die Panzerschiffe nach einstündiger Kanonade wieder zurückgezogen. Es würde dies nach der Zerstörung des Arsenals von Foutchou und der Vernichtung von sieben chinesischen Kanonen­booten eine kleine Schlappe für die Franzosen bedeuten. In Foutchou selbst haben die Chinesen auf das Bombardement der Stadt durch die Franzosen mit der Plünderung des französischen Consulats geantwortet. Was die beabsich­tigte Diversion der chinesischen Negierung gegen Tongking anbelangt, so scheint den Chinesen hiermit Ernst zu fein und ist General Chang Peitun mit dem Oberbefehle über die hierzu bestimmten chinesischen Truppen betraut worden. Große Lorbeern wird sich aber Chang Peitun in Tongking schwerlich holen.

Die Choleraberichte aus Italien lauten jetzt recht besorgniß- erregend. In Spezzia, dem großen italienischen Kriegshafen, südlich von Genua, ist die Cholera plötzlich in einer Weise ausgetreten, daß ein Militär-Sanitäts- Cordon utn die Stadt gezogen werden mußte und ist in der Person des Com- mandanten des Marine-Departements, Dimomale, ein eigener Sanitäts-Commiffar für Spezzia ernannt worden. Weiter ist in der Provinz Cuneo die Stadt Lusca zu einem Mittelpunkte der Seuche geworden, was gleichfalls die Ziehung eiines Militär -CordonS um die Stadt zur Folge hatte. Außerdem werden Cholerafälle aus räumlich weit auseinander liegenden Bevölkerungs-Centren, aus Mailand und Neapel, gemeldet. Die italienische Grenzabsperrungs-Taktik hat

sich demnach insofern sie darauf berechnet war das Land gegen eine Cholera-Invasion zu wahren, als gänzlich verfehlt erwiesen.

Die öffentliche Meinung Englands folgt den ostasiatischen Er­eignissen mit gespannter Aufmerksamkeit. ES erklärt sich dies aus dem ungemein lebhaften Hanvelsverkehr Englands mit China und schon die Möglichkeit einer Störung desselben durch die kriegerischen Actionen läßt die englische Presse gegen das Vorgehen der Franzosen eifern. Daß die Engländer in erster Linie daraus bedacht sind, ihren Handelsprofit in den chinesischen Gewässern nicht schädigen zu lassen, geht aus dem von einem Meeting Londoner Rheder und Handels- Firmen gefaßten Beschlüsse hervor, Lord Granville zu der Anfrage bei Frank­reich zu bestimmen, ob englische, mit Waffen und Kriegsmaterial beladene und nach China unterwegs befindliche Schiffe von den Franzosen in chinesische Häfen unbehelligt zugelaffen würden.

Die Ausdehnung der Cholera in Italien rote in dem süd­lichen Frankreich veranlaßt die verschiedenen Regierungen, ihr Augenmerk von Neuem der Choleragesahr zuzuwenden. Von der russischen Regierung ist die Anordnung getroffen worden, daß diejenigen Reisenden, welche aus Frank­reich und Italien kommen, nur dann die russische Grenze passiren dürfen, wenn sie eine Legitimation darüber besitzen/ daß sie aus feinem von der Cholera infi- cirten Orte sbgereist sind, oder einen solchen schon mindestens vor 3 Wochen verlassen haben. Auch der oberste österreichische Sanitätürath ist wieder einbe­rufen worden und hat die Nothwendigkeit anerkannt, eine Verschärfung der Neberwachungs-Maßregeln an den Eisenbahn-Grenzstationen und an der Landes­grenze Südösterreichs eintreten zu lassen, doch sand er keinen Anlaß vor, von den bezüglich der Grenzsperre gemachten Aussprüchen abzugehen.

Darmstadt, 27. Aug. Se. Könial. Hoheit der Großherzog wohnten heute Vormittag dem Exerciren der Infanterie- und Kavallerie-Regimenter auf dem Griesheimer Schießplatz bei.

Sr. Großh. Hoheit dem Prinzen Heinrich wurde unter Belassung in seiner bisherigen Stellung als Commandeur der Großh. (25.) Division der Rang eines commandirenden Generals verliehen.____________________________

Telegraphische Depeschen.

Wolff'S telegr. Toreespo«-errz-D«rea».

Stuttgart, 27. August. Se. K. K. Hoheit der Kronprinz wurde bei seiner gestrigen Ankunft von dem Obersthosmeister Frhrn. v. Thumb-Neuburg empfangen. Das Souper nahm der Kronprinz mit dem preußischen Gesandten und anderen hochgestellten Persönlichkeiten ein. Die heutige Truppenbesichtigung bei Ludwigsburg nahm einen glänzenden Verlaus. Das Wetter blieb bis gegen den Schluß der Besichtigung gut. Um IO-/2 Uhr kehrte der Kronprinz nach Stuttgart zurück, wo er von dem zahlreich anwesenden Publikum mit enthusia­stischen Kundgebungen empfangen wurde. Bald nach der Ankunft begab sich der Kronprinz zum Dejeuner zu dem commandirenden General v. Schacht- meyer. Nachmittags beabsichtigt Se. K. K. Hoheit die Rückreise nach Berlin anzutreten.

Die Generalversammlung des Verbandes deutscher Archllecten und Ingenieure hielt heute nach dreitägigen Verhandlungen ihre Schlußsitzung; am Nachmittag folgt sie einer Einladung Sr. Maj. des Königs nach dem Schlosse Bebenhausen, für morgen ist ein Ausflug nach Ulm zur Besichtigung des Mün­sters beabsichtigt. r

Potsdam, 27. August. Nach dem heute Mlltag ausgegebenen Bulletm hatte Ihre K. Hoheit die grau Prinzessin Wilhelm keine bessere Nacht und ist noch keine Abnahme der Krankheits-Erscheinung eingetreten.

Waldenburg i. Schl., 27. August. In der Fnedenshoffnungs- Grube bei Hermsdorf wurden durch schlagende Welter 4 Mann schwer, drei andere leichter verletzt; der Betrieb der Grube ist ungestört. .

Sambura, 27. Augusts DemHamb. Corr." wiro aus Madeira gemeldet daß sich auch die Küstenstrecke südlich des KamerunSgebtetes bis Batanga htu in deutschen Händen befände. Generalkonsul Nachttgal habe die deutsche Flagge in Malimba, Kletn-Batanga und Groß-Batanga aufgehtsst.

PariS, 27. August Ein Telegramm des Admirals Courbet aus Foutchou vom 24. d. M. lautet: Wir eröffneten am 23. d. M. ua, 2 Uhr Nachmittags das Feuer Um 6 Uhr waren 9 chinesische Kriegsschiffs und 12 Kriegs-Dschonken in den Grund gebohrt. Ein französisches Torpedoboot hatte einen großen chinesischen Kreuzer ver­nichtet. Das Feuer der oberhalb deS Arsenals befindlichen Krupp'schen Batterie war zum SLweigen gebracht. Zwei feindliche Schiffe, welche noch übrig geblieben waren, retteten sich stromaufwärts, wohin ihnen keines unserer Kanonenboote wegen der zu ge- ringen Wasserttefe folgen konnte. An der Action haben folgende Sch ffe thetlgenommen: Molta", auf welchem die Admiralitätsflagge aufgebisst war,Duguaytroutn ,Tttom- phante". »Villars",Estaing", .ASp'ce",V-p e t,Lynx" und von den Torpedo­booten Nr. 45 und 46. Wir hatten 6 Tobte und 27 Verwundete, von denen 14 nur leicht verwundet sind. Die Fahrzeuge Haden nur solchen Schaden erlitten, den ne mir ihren eigenen Mitteln beseitigen können. Der Kessel des Torpedoboots Nr 46 zer­sprang, da eine Kanonenkugel in denselben eingeschlagen war. Die iBetluUe bn Chinesen sind sehr bedeutend. Während der Nacht vom 23. jum 24. b. M. wurden wir durch Brander .und Böte mit Torpedos belästigt. Ich ?°^ "rtch heute aller dieser Fahrzeuge entledigen und alsdann daS Arsenal bombatbtren. ES ift nscht barauf zu rechnen, baß wir vor bem 29. ober 30. bS. Mis. auS dem Fluffr Min herauskommev werben. Officiere unb.Manuschastea siub sämmtlich von bem besten

Storni 27. August. (Choleraberichl.) Gestern sinb in Cologna (^ovinz Como) 2, in Aquila 2 ErkraukungSfälle, tnBergsmoö ^kranrungS. u^d^Tode fälle, tu Cawpobaffo 10 ErkrankungS* und S Todesfälle, in Cosenza 1 Errranrung-^