Die Colonie braucht sich gar nicht so übermäßig mehr ouözudehnen, um jene ihr offenbar vom Geschick vorgezeichnete Mission zu erfüllen; In Südafrika sind die Entfernungen lange nicht so groß wie in Nordamerika und darum sind die Cultur- vermittelungen auch leichter. Zwischen der Kelte der Unuma-Berge, wo Herr Lüderitz zunächst seine Minen anlegen wird, und der TranSvaal-Grenze mag die Entfernung etwa so viel betragen, wie von Parts bis Warschau, wobei eine künftige Eisenbahn ebenso wenig zu den Unmöglichkeiten gehört, wie zwischen Moskau und den Städten in Turkestan oder wie die geplante Eisenbahn durch Sibirien.
WaS der Colonisation enormen Vorschub leistet, das ist der Umstand, daß das englische Regiment bet dm Eingeborenen ebenso wie bet den Transvaalere^ttef verhaßt tft, wahrend die alten wie die neuen Colontsten gemeinsame germanische Empfindungen haben, sich in dem Klima zurechifinden können und an den Eingeborenen keine böswilligen Nachbarn haben. Letztere sind, wie man überall im nördlichen Cap» lande merkt, von der Cultur schon ein wenig beleckt und die Hetrathen der Boers mit ihnen find so bedeutend und zahlreich, daß dadurch ein ganz neuer halbculttvirter Mmschenschlag, der der Griquas, entstanden ist. welcher eben in dem noch freien Ge» biete zwischen dem Orange- und Molopo-Fluffe seinen Sitz hat.
Das ist daS Ziel der neuen Colonie, und daß die deutsche Regierung dies auch erkannt hat, beweist die mue Reise des Afrikaforschers August Etnwald, der eben wieder in Ueberetnstimmung mit der Regierung unterwegs ist, um von Port-Elisabeth aus durchs Copland nach dem Griqualande vorzudringen.
Wohl ist die nächste Umgebung von Angra-Pequea rauh und öde; die ganze Küste ist ein einförmiger sandiger Strich, den daS Meer durch Anschwemmungen gebildet hat und der immerfort von einer so fürchterlichen Meeresbrandung umtost wird, daß es wohl erklärlich wird, warum ihn btS sttzt Niemand hatte in Besitz nehmen mögen; daß man an einer solchen Stelle deutsche Thatkraft einsctzen würde, das ließen sich die Engländer gewiß nicht träumen.
Die Küste hat nur ein ausgetrocknetes Flußbett, in welchem zwar allerlei Gestein, aber kein Waffer zu finden ist; letzteres muß, bis einmal artesische Brunnen versucht sind, mit einem Schiffe von der Copftadt geholt werden, wodurch eg ziemlich theuer wird. Ob man nicht die vielen Niederschläge und die Kühle d r Nacht, so wie die Eingeborenen der Küste Südamerikas es ihun, wird zu Nutze machen können, daS ist noch nicht untersucht worden. W?gen des Wassermangels ist auch der Verkehr mit dem Innern schwer, denn man kann die nöthrgeu Ochsen nicht in der Colonie stationi- ren, sondern muß sie immer wieder von der landeinwärts gelegenen Mtssionsstation Bethanien kommen lassen und dann jeder Frachtfahrt auch Wasser mitgeben. Die Fahrten sind sehr mühsam und geschehen mit schweren Wagen, aus starken Bohlen gebaut und mit einem Dach versehen. Der Weg von dm zwei Gebäuden, die jetzt, Blockhäusern ähnlich, die Niederlassung von der Bucht bilden, biS Bethanien führt zu drei Vierteln durch eine wette wüste Streck- von Flugsand ohne jede Vegetation, welch' letztere erst mit dichtem Strauchwerk da beginnt, wo die Berge ihre ersten Hügelketten vorauSsenden- Diese ganze Gegend ist vorläufig unbewohnbar, da sie kein Waffer hat und selbst den Thteren zu unfreundlich ist. Nur Schakale, Spr'ngböcke und Schlangen finden sich manchmal, von Eingeborenen blos durchziehende Buschmannfamilien, oder erwerbslustige, intelligente Hottentotten, die man tm Caplande als Diener Überall gern hat und die sich, wie neuerdings berichtet wird, auch bet Angra-Pequena schon zahlreich einfinden, um den Fuhrmaunsdtenst zu übernehmen.
(Schluß folgt.)
Verwischte-.
Offenbach, 24. Juni. Ein hiesiger Bürger sch ckte gestern seine 17jährige Tochter nach einem benachbarten Ort, um Gelder einzukassiren. Das Mädchen, welches gegen Abend heim kam, brachte 10 Mark zu wenig, die es entweder unterwegs verloren oder zu wenig empfangen haben mußte. Der Vater schickte seine Tochter nochmals zurück, um sich zu vergewissern, woher die Differenz rühre und soll tum bis zu dieser Stunde vergeblich auf die Heimkehr seines Kmdes warten. Als dasselbe verffoffene Nacht um 12 Uhr noch nicht zurückgek-brt war, machten sich die Eltern, von Unruhe und Sorge getrieb n, auf den Weg, um den Aufenthalt ihrer Tochter zu erkunden, jedoch vergeblich. Da keine Strafandrohung seitens der Eltern vorlag, tfl das Verschwinden des Mädchens geradezu unerklärlich und liegt leider die Vermuthung eines Unglückes sehr nahe. Es soll uns tm Interesse der geängstigten Eltern aufrichtig freuen, wenn letzteres nicht der Fall ist.
Frankfurt, 25. Juni. Durch Anwendung des Wilcox'scken Pflanzenfaser- papierS bet den neuen Retchskassenscheinen hoffte die RetchSregterung jebtr Gefahr einer Fälschung vorzubeugen. Trotzdem haben sich die Fälscher auch an die Nachahmung der neuen Sckeine gewagt, denn gestern fand sich in der Kasse unseres Opernhauses ein falscher Fünfzigmarkschein der Ausgabe vom 10. Januar 1882 vor, welcher am Abmd zuvor in Zahlung genommen worden war. Die Fälschung ist ziemlich gut gelungen und nur an den etwas matten Farbm, an der verschwommenen Schrift tu der letzten Zeile der Strafandrohung, sowie daran zu erkennen, daß die Pflanzenfasern der Rückseite durch aufgeklebte Menschenhaare ersetzt sind. Wie es scheint, ist die Falsch- münzerwerkstätte in Villingm (Baden) zu suchen. Gleichzeitig wird nämlich auch auS Rottweil und einigen benachbarten württembergischen Ortschaften über das Auftauchm falscher Fünfzigmarkscheine berichtet, welche dieselben Merkmale zeigen wie der hier angehaltene. Die tu Rottweil angestellten Erhebungen ergaben, daß ein Lithograph Sattler in Villingm zur Deckung eines Wechsels sechs der erwähnten Scheine an einen Kaufmann in Deißlingen gesandt bat. welcher sie unbeanstandet weiter gab, biö der Postmeister Lauder in Rottweil die Fälschung entdeckte. Der Lithograph soll als verdächtig verhaftet sein. JedmfallS zeigt der Vorfall, daß auch bei dm neuen Kassenscheinen eine gewisse Vorsicht geboten ist.
Wiesbaden, 23. Juni. [XV. Mittelrheinisches Turnfest.) Der Central-Ausschuß hat an die Turnvereine des MittelrheinkreiseS folgenden Aufruf versandt; „Turner des Mittelrheinkreises! Manches herrliche Turnfest hat Euch in friedlichem Wettkampfe vereinigt gesehen; jedes derselben hat die Bande treuer Bruderschaft fester und inniger geknüpft, jedes derselbw die Liebe für Eure schöne männliche Kunst gepflegt und belebt, jedes ein freundliches Bild der Erinnerung unauslöschlich ein« geprägt. Die Turner Wiesbadens haben schon oft in verschiedene» Städten Eures KreiSverbandes als Gäste ein freundliches „Willkommen- gesundm, weshalb sie mtt besonderer Genugthuung die Gelegenheit begrüßen, Euch nun auch ihrerseits zum fröhlichen Turnfeste einladm zu dürfen, das in den Tagen vom 16.—19. August d. I. tn unserer Stadt gefeiert wird. Es sind 14 Jahre her, seit der Stadt Wiesbaden zum ersten Male die Ehre des Festortes zugedacht war; aber der ernste, blutige Krieg trat an die Stelle des friedlichen Wettstreites. Da bewährten sich herrlich die Tugmdm, deren Pflege der deutschen Turnerschaft obliegt; deutsche Kraft, deutscher Muth und
beuttche Treu- errangeni dev-höchsten Preis im gewaltigen Völkerringen: ein einiges, starkes, freies Vaterland! Die Hohen des waldigen Taunusgebirgcs erheben sich um unsere Stadt in grünem Kranze. An seinem Abhange befindet sich im Schatten herr- iicher Erchen der Feftplatz. Es ist derselbe, auf welchem nach dem glorreichen Kriege unsere als Sieger heimkehrenden Brüder bewillkommnet wurden, wo ihnen die Stadt ein Fest bereitete, wie es nur das deutsche Gemüth zu ersinnen und auszuführen vermag. Wenn Jhr^aus unserer Stadt in festlichem Zuge dem Platze zuschreitet werdet Ihr von der Hohe auf den Strom zurückblicken, der am goldmm Mainz vorüber in den herrlichen Rheingau seine Wogen wälzt, den wir mit Stolz und freudigem Dank den deutschen Rhein nennen. Da glänzt daS Auge, da klopft mächtig das Herz in der Brust, da fühlt Ihr Euch doppelt stark gerüstet, Eure Kraft zu erproben. Und wenn Ihr ausruht vom männlichen Ringen, so laben Euch die schattigen Gänge des Waldes sln, dann rauschen die Wipfel der Eichen und Buchen über Euch hin, Berg und Tbal in lieblicher Abwechselung erfreuen Herz und Auge. Aber auch, wenn Ihr wieder ^nabzieht in die Stadt, werdet Ihr in den festlich geschmücktm Straßen und auf den Wen, (n den prächtigen Parkanlagen nur freundliche Eindrücke empfangen. Vor allem aber dürfen wir Euch versprechen, daß die Bewohner Wiesbadens Euch nicht nur als ehrmwertbe Gäste, sondern «18 Freunde und Brüder behandeln werden; in -Ar M tte im fröhlichen Kreise werdet Ihr fühlen, daß daS menschliche Herz noch köstlichere Gaben zu bieten vermag, als die herrlichste Natur. Darum kommt, Ihr Tümer deS Mittelrheinkreises, rüstet Euch zur fröhlichen Fahrt nach der alten Bäderstadt. Auf nach Wiesbaden! Stimmt ein mit uns in den Ruf: „Gut Heil* zum 15. Mittelrheinischen Turnfeste!-
Wiesbaden, 25. Juni. Eine Mahnung, geladene Gewehre nicht an leicht zugänglichen Orten aufzubewahren, enthält ein trauriger Vorfall, der sich gestern hier zutrug Ein Bürger hatte feine Flinte in einem leeren Stalle stehen lassen. In demselben vergnügten sich zwei Geschwister, ein Knabe von 11 und ein Mädchen von 9 Jahren und spielend legte der Knabe auf fein Schwesterchen an; die Flinte ging los iinb der Schuß drang dem Kinde knapp unter dem Auge in den Kopf. An dem Aufkommen der Kleinen wird gezweifelt.
o WormS, 25. Juni. [Der Raubmord bei Hochheims Von Kirn und von wurden 2 und 1 Arrestant hierher geliefert, die heute den in Leiselheim und 5-ch^u^wohmnden Zeugen gezenübergestellt werden, um den nmthrnaßlichen Thäter des an Musil verübten Raubmords zu eruiren. Ein vierter Handwerksbursche ist unter dem gleichen Verdachte im Württembergischen verhaftet worden.
— Aus Paris, 20. Juni, wird uns geschrieben: Vor einem Schwurgericht von Correz- wurde heute ein Proceß gegen einen Vatermörder beendigt, der durch leinen ihm zu Grunde liegenden Tbatbestand bereits im vorigen Sommer Aufsehen erregte. Der Tbatbestand ist in Kürze folgender: Am 10. August v. I. wurde der von mehr als 30 Stichen förmlich zerhackte Leichnam eines Greises, NamenS Jean Gizonde, tn dem seinem Hause benachbarten Tümpel gefunden. Seine beiden Söhne wurden des Mordes verdächtig eingezogen, der jüngere indeffen bald wieder fretgelaffen ylm 9. Drcember erschien der filtere vor Gericht. Nach seinem Verhör wurde der jüngere als Zeuge vernommen. Dabei ereignete sich eine aufregungsreiche Scene- der Zeuge sagte nämlich Folgendes auS: „Bis jetzt habe ich, um meinen Bruder zu retten und auS Furcbt vor ihm gelogen. Heute kann ich, was auch kommen mag, nicht lügen. Mein Vater wurde ermordet, ermordet von meinem Bruder und — von mir.* Er setzte darauf auseinander, w'e sein Vater in den Keller gegangen und sein Bruder ihm gefolgt sei. Als er einen lauten Schrei von unten heraufkommen hörte, ging er ebenfalls in den Keller, wo er sah, wie sein Vater vom eigenen Sohne gewürgt, gerochen und mit einer Hacke bearbeitet wurde. Bei dem Nahen des Bruders zitterte der Mörder aus Furcht, von ihm verrathen zu werden und zwang ihn endlich durch seine Drohungen, dem in seinem Blute daliegenden Vater ein Letztes zu geben. Bet dieser Aussage tobte und schrie der Angeklagte: »Er ist wahnfinnig. Hört ihn nicht. Mr ftht ja, er ist wahnsinnig." Die Verhandlung wurde damals behufs Herbeischaffung neuen Beweismaterials vertagt und kam auch bann noch nicht, sondern erst oeute zu Ende. Der jüngere Bruder hielt seine Aussage aufrecht. Er wurde, nun fdbn angeklagt, freigesprochen, während der filtere Bruder wegen Vatermordes zum Tode verurthettt wurde.
, c „ — Nach den statistischen Ermittelungen deS Vereins deutscher Eisen-und Stahl- industrieller belief sich die Roheisenproduction des deutschen Reichs (einschließlich Luxemburgs) im Monat Mai 1884 auf 306818 Tonnen, darunter 182 950 Tonnen Vuddelrobeisen, 11071 Tonnen Spiegeleisen, 40 472 Tonnen Beffemerroheisen, 40 685 Tonnen Thomasroheisen und 28 340 Tonnen Gießereiroheisen. Die Production im Mai 1883 betrug 282040 Tonnen. Vorn 1. Januar bis 31. Mat 1884 wurden producirt 1470 783 Tonnen gegen 1395 497 Tonnen im Vorjahre.
— [Ein Andenken an Königgrätz.) Aus Brünn, 19. b§., wird geschrieben: Der in Chrrlitz bei Brünn wohnhafte Johann Pilat hat im Jahre 1866 die Schlacht bei Königgrätz mitgemacht. Eine Kugel traf ihn in den Rücken und Web stecken und konnte nicht aufgefunden werden. Pilat, der deshalb vom Militär als dienstuntauglich verabschiedet wurde, lebte nun zurückgezogen in seinem Heimathsorte Chirlitz, wo er feines Leidens halber auf milde Gaben angewiesen war. Kürzlich rteth man ihm, bei Sr. Majestät um eine Gnadengabe zu bitten. Pilot ging daher gestern nach Brünn in die Kanzlei eines Advokaten, um sich ein MajestSLsgesuck unfertigen zu lasten. Der Advokat begehrte von dem Bittsteller ein ärztliches Zengrsiß und da dieser ein solches nicht besaß, wurde ihm bedeutet, sich an den Med.-Dr. Herrn Anton Fleischer zu wenden. Pilat erschien auch bei dem genannten Arzte und brachte feine Bitte vor. Dr. Fleischer untersuchte hierauf den Invaliden, sand in der Mttte der Wirbelsäule eine kreuzergroße Narbe und etwa 4 Centtmeter darunter einen länglichen harten Körper, den er als das Hinderniß beim Beugen bezeichnete. Dr. Fleischer erkannte sofort den geeigneten Moment, diesen Gegenstand auS dem Körper deS Untersuchten zu entfernen und rieth ihm, sich einer Operation zu unterziehen, womit Pilat einverstanden war. Dem Dr. Fleischer gelang es alsbald, e'ne ganz gut erhaltene, an der Wirbelsäule gelegene peußische Zündnadelgewehrkugel herauSzuziehen, welche an einzelnen Stellen bereits Kalkkrusten zeigte. Die Wunde wurde vernäht und der Patient konnte, befreit von jenen seit 18 Jahren ihm zur Qual gewordenen Schmerzen, vollkommen aufrecht gehend, sich entfernen. Die Kugel selbst nahm Pilat zum Andenken an die Schlackt bei Königgrätz zu sich in Verwahrung.
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