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Amts- und Auzeigtblatt für den Kreis Gießen.
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Politische «eöerficht.
Gietzen, 27. November.
Mit der am Samstag erfolgten Wahl des Präsidiums und der Schriftführer hat sich der neue Reichstag conftituirt. Die Wahl der letzteren und der beiden Vice-Präsidenten, v. Francke-nstein und Hoffmann, erfolgte per Acclamation; dagegen bedurfte eä zur Wahl des ersten Präsidenten einer besonderen »Abstimmung, aus welcher Herr v. Wedell-Piesdorf (cons.) mit 261 von 333 abgegebenen Stimmen als gewählt hervorging; 71 Zettel waren unbeschrieben — ein Protest der oppositionellen Linken gegen Herrn v. Wedell. Letzterer ist im Reichstage ein Neuling, während er dem preußischen Abgeord- netenhause bereits seit einer Reihe von Jahren angehörte, und es durste daher einigermaßen überraschen, daß gerade ein solcher homo novus in der Arena der Reichstages zum Präsidenten desselben gewählt wurde, inbesien, das ausschlaggebende Centrum wünschlk-Herrn v. Wedell-Piesdorf und so erfolgte denn deffen Wahl. Jntereffanter noch als der Wahlact war die darauf folgende ungemein .bewegte Geschäftsordnungs-Debatte, bei welcher die Geister von rechts und links bereits lebhaft auseinanderplatzten. Von conservatioer wie von nationalliberaler Seite wurde vorgeschlagen, die General-Debatte über den Etat schon am Mittwoch beginnen zu lassen, während die Redner des Centrums und der Freisinni- 'i$en dafür plaioirten, an diesem Tage, als dem herkömmlichen „Schwerinstage", mir die eingelausenen Jnitiativ-Anträge zu erledigen. Unterstützt von Polen, Socialdemokraten u: s. w., drangen Centrum und Freisinn mit ihrem Vorschläge Lurch und es eröffnet diese quasi-Niederlage der Conservativen und National- liberalen eine eigenthümliche Perfpective auf den Verlauf des parlamentarischen Feldzuges. Für die nächste Sitzung am Mittwoch standen demnach lediglich t rei Anträge: Antrag Kayser aus Sistirung des Strafverfahrens gegen ein locialdemokratifches Mitglied des Reichstages (Abg. Heine), Antrag Munckel <rus Wiedereinführung der Berufungs-Instanz in Strafsachen und Antrag Auü- seld auf Gewährung von Diäten und Reisekosten für die Reichstags-Abgeordneten auf der Tagesordnung. Neben diesen Anträgen sind namentlich vom Centrum Verschiedene andere nicht unwichtige Anträge angekündigt. Hierzu gehören die Wiedereinbringung der vom Bundesrathe kürzlich erst abgelehnten Antrages auf Aushebung des sog. ExpatriirungS-GesetzeS, sowie ein socialpolitischer Antrag der Herren v. Hertling und Dr. Lieber, welcher die Sonn- und FeiertagS- Arbeit — vorbehältlich etwaiger Ausnahmen — verbietet, die Frauen- und Kinder-Arbeit einschränkt und die Draximal-Arbeitszeit erwachsener männlicher Arbeiter — Normal-Arbeitstag —regelt. Beide Anträge dürften zu langwierigen und lebhaften Debatten Anlaß geben.
Die Sitzungen der westafrikanischen Conferenz haben, -wie die „Nat.-Ztg." meldet, eine kleine Unterbrechung erlitten, in Folge Der Nothwendigkeit für die Vertreter der betheiligten Mächte, die Instructionen ihrer Regierungen bezüglich Der Abstimmung über den ersten Punkt des Couferenz- Programmes einzuholen. ES ist nicht zu bezweifeln, daß diese Instructionen zustimmend aussallen werden und wird, sobald dieselben eingetroffen sind, die nächste Conferenz-Sitzung stattsinden. — Das Aeltesten-Collegium der Berliner Kaufmannschaft beabsichtigt, den Conserenz-Mitgliedern in den Börsenräumen ein großes Diner zu geben.
Der österreichische Kriegsminister, Graf Bylandt-Rheid, feierte am vergangenen Sonntag unter allgemeiner Teilnahme sein 50jähriges Militärdienst-Jubiläum. Sein Monarch zeichnete den Jubilar durch ein äußerst huldvolles Schreiben aus, in welchem dem Wunsche Ausdruck verliehen wurde, ber Minister möge noch lange seine bewährte Wirksamkeit zum Heile der Armee entfalten. Unter den eingelausenen Glückwünschen befanden sich auch solche von Kaiser Wilhelm und dem preußischen Kriegsminister. — In Croatien haben vorige Woche die Wahlen zum Landtage stattgefunden, welche durchaus im Sinne der Union Croatiens mit Ungarn ausgefallen sind. Die croattschen Deputirten zum ungarischen Parlamente machten daher dem Ministerpräsidenten Tisza corporativ ihre Aufwartung, wobei sie dem Gefühle ihrer unerschütterlichen Anhänglichkeit an den ungarischen Staat Ausdruck verliehen. Tisza seinerseits betonte die Genugthuung, welche der Ausfall der croattschen Wahlen in Pesth hervorgerufen habe.
Die gedrückte wirthschaftliche Lage Frankreichs wird durch bic in den beiden größten Städten des Landes, in Paris und Lyon, bestehende SLrbeiterkrisis zur Genüge illustrirt. In der Hauptstadt fand am Sonntag Abend ein von etwa 50Ö0 beschäftigungslosen Arbeitern besuchtes Meeting statt, in welchem nach äußerst stürmischen Debatten die demnächstige Abhaltung eines großen Arbeiter-Meetings im Freien beschlossen wurde. Beim AuSeinander- gchsn ber Versammlung kam es zu einem Zusammenstoß mit der Polizei, welcher zu zahlreichen Verhaftungen führte, bei deren Vornahme mehrere Polizisten schwer verwundet wurden. Die berittene garde r^publicaine stellte bic Ordnung wieder her. Ob die beabsichtigte Erhöhung der Eingangszölle aus Mehl und Getreide in den wirthschaftl. Verhältnissen der franz. Republik eine Wandlung herbeiführen würde, muß abgewartet werden. Jedenfalls würde aber durch eine derartige Maßregel die Lage der nothleidenden Arbeiter-Bevölkerung zunächst um nichts gebessert werden. — Da die Pariser Cholera-Epidemie beständig ad- nämmt, hat Die Verwaltung der öffentlichen Hülfeleistung beschloffen, die Veröffentlichung der Cholera-Bulletins einzustellen. — Der erste Tag der Tongking- D-ebatte in der französischen Deputirtenkammer, die mit Montag ihren Anfang gekommen hat, hat dem Ministerium Ferry von den Radikalen wie von den
Monarchisten überaus heftige Angriffe gebracht. Ja, der bekannte bonapar- tistische Deputirte De la Foffe erklärte geradezu, daß das Ministerium wegen seiner Colonialpolitik eigentlich in Auklagezustand versetzt werden müßte; trotz dieses für Herrn Ferry wenig ermuthigenden Anfanges ist indeffen an der schließlichen Bewilligung der Kreditvorlage für Tongking nicht zu zweifeln, um so weniger, als zur Zeit- aus Tongking wie aus Formosa wieder günstigere Nachrichten über den Fortgang der französischen Operationen eingetroffen sind.
Der englische Premier scheint seine Mission als leitender Staatsmann eines der mächtigsten Reiche der Welt für erfüllt zu halten. Aus England meldet ein Gerücht, Mr. Gladstone beabsichtige, zurückzutreten, sobald Die Wahlreform-Frage endgültig gelüst sei'; ein äußerlich glänzender Schluß-Effect würde demnach die Laufbahn des greisen Staatsmannes krönen. Es ist indessen nicht das erste Mal, daß Gerüchte von Gladstone's Sehnsucht nach Ruhe und feiner Absicht, sich in das Privatleben zurückzuziehen, im Umlaufe sind. Auch diesmal möchte man bezweifeln, daß es dem englischen Premier Ernst mit Der ihm untergeschobenen Absicht ist, zumal schwebende wichtige Fragen, wie die egyptische, geradezu sein Verbleiben auf der politischen Schaubühne fordern.
Trlezraphischr DepeschrR.
BSorsk'S trkrsr. EorsssporrdenL-Srrreav»
Berlin, 26. November. Reichstag. Wedell - Malchow brachte im Reichstage den vorjährigen BundeörathSeMwurf als selbstständigen Börsensteuer - Antrag ein.
Der Antrag auf Sistirung deS Strafverfahrens gegen den Abgeordneten Heine wird angenommen.
ES folgt der Antrag auf Gewährung von Diäten.
Abg. Stauffenberg mottvtrt denselben In längerer Rede. Er weist nach, daß die Diätenlosigkeit dem Sinne deS allgemeinen Wahlrechts widerspreche, auch den Erfolg Nicht gehabt, den sie beabsichtigte.
Graf Stolberg erklärt sich gegen die Diäten.
Abg. Benda erklärt, ein Theil der Nattonalliberalen werde für, ein Theil gegen den Antrag stimmen.
. Abg. Auer spricht vom socialdemokrattschen Standpunkte au8 entschieden für Diäten.
Zu dem Diätenantrag bemerkt der Reichskanzler Fürst BiSmarck, nicht in der Versagung, sondern in der Gewährung der Diäten erblicke er eine Herabsetzung des Reichstags. Bezüglich der Beschränkung der Etsenbahnfahrkarten hebt der Kanzler öfters vorgekommene Mißbräuche mit denselben hervor, welche gegen die Absicht der Gewährung verstoßen; von Verletzung des Budgetrechts könne bet Beschränkung der Fahrkarten keine Rede fein. Die Diätenlosigkeit sei ein Korrelat deS Wahlsystems; die Reichtzverfassung beruht auf einem Compromtß unter den Regierungen, man solle deshalb nicht alljährlich an der Verfassung rütteln. Schorlemer erklärt, daS Centrum werde für den Antrag stimmen. Benda erklärt, die Nationalliberalen werden getrennt stimmen. Gegenüber dem Abgeordneten Hänel, per bet der zweiten Lesung für den Antrag auf Diäten eintrat, bewerlte der Reichskanzler Fürst Bismarck, daß die Ausschließung der Parlamentarier von Beruf ein Vorthetl sei; dadurch würden die übermäßig langen Sesfisnen abgekürzt, daS Land habe Interesse an kurzen Sessionen. Die einzelnen Parteien kämpften um die Herrschaft. 157 Abgeordnete seien für Kaiser und Reich, 100 für die Herrschaft der Kirche; die Freisinnigen, Socialisten und VolkS- parteiler halte er in s-inem Innersten für Republikaner, — wir haben also gegen unS eine große, geborene Majorität. Seine frühere Besorgniß, daß der Einheit Deutschlands durch die Regierungen einmal Gefahr drohen könne, habe sich als unbegründet erwiesen, dagegen habe er tu den letzten 10 Jahren keinen Reichstag gesehen, der ein nationales Bend genannt werden könnte. Gegenüber den Abgeordneten v. SSorlemer und Rickert, welche gegen die ihre Partei betreffenden Aeußerungen des Reichskanzlers Verwahrung einlegten, bemerkte Fürst BiSmarck, so gut der Reichstag seine Meinungen und Handlungen kritisire, ebenso gut halte er sich zur Krttistrung der einzelnen Fractionen berechtigt. Die deutschfceistnnige Partei erstrebe nur eine parlamentarische Regierung, diese sei aber keine monarchische mehr. Richter (Hagen) vertheidigte die Haltung der Freisinnigen und trat für den Diüten-Antrag ein. Schließlich nahm der Reichstag den Antrag mit 180 gegen 99 Stimmen an.
Die nächste Sitzung findet morgen 12 Uhr Mittags statt; auf der Tagesordnung steht die Etatsberatbung.
Leipzig, 26. November. Der Profeffor der Chemie, Geh. Hofrath Dr. Kolbe, ist in Folge eines Schlagfluffes gestorben.
Wien, 26. November. Heute hat vor dem Ausnahmegericht der Proceß gegen die 20 Anarchisten begonnen, welche anarchistisch revolutionäre Flugschriften mittelst einer geheimen Druckpresse erzeugten und verbreiteten. Die Anklage stützt sich auf theils umfaffende, theils partielle Geständniffe der Angeklagten. Die Mittheilung der in der Anklage erwähnten Flugschriften erfolgte unter Ausschluß ber Oeffentltchkeit. Für die Verhandlungen sind drei Tage in Aussicht genommen.
Paris, 26. November. Deputirtenkammer. Berathung der Kredit- vorlage für Tongking. Der Ministerpräsident Ferry erklärte, er wolle keineswegs jede Verantwortlichkeit des gegenwärtigen Ministeriums für die augenblickliche Lage der Dinge in Tongking zurück weisen, er wolle indeffen den dem Ministerium zukommenden Theil der Verantwortlichkeit begrenzen und Jedem das geben, was ihm zukomme. Das Verhalten des gegenwärtigen Ministeriums sei durch zwei in der Kammer abgegebene Voten vorgeschrieben. Das Ministerium sei einzig und allein der von der Kammer gegebenen Anregung gefolgt. Er müsse entschieden gegen den Vorwurf, das Land getäuscht zu haben, protestiren, Alles habe sich bei Hellem Tageslichte vollzogen. (Widerspruch). Der Minister giebt zu, daß man von den Ereignissen sortgezogen sei, aber das hätte nicht anders sein können bei Ereignissen, die sich in fernen Kolonien zugetragm hatten, wo stets sehr viel des Unvorhergesehenen eintreten könne. Ferry erklärt, die Wahrheit über unsere Situation in Tongking ist, daß unsere Truppen keineswegs, wie man ihnen vorwirst, gleichsam wie Gefangene im Delta einge»


