Ausgabe 
27.11.1884 Erstes Blatt
 
Einzelbild herunterladen

as-dur Ballare und der c-dur Milteisatz des e-moll Notturno haben auch unS Kiese Fertigkeit bewiesen. Dabet wird nicht die geringste Ermattung in seinem Spiele sichtbar, stets dieselbe Energie, dieselbe Leistungsfähigkeit, ob er 5 oder 10 Stücke hintereinander spielen soll.

Was bei ihm durchaus als Fortschritt bezeichnet werden muß, ist die Durch- geistigung des Spiels. Und namentlich ist dies in seinem Chopin-Vortrage zu bemerken. Wir hörten ihn vor einem Jahre öfters Chopin spielen, u. A. das des-dur Notturno und konnten uns nicht verhehlen, so ungern es geschah, daß sein Vortrag bei allem Glanze dex Technik leichtsinnig war. Sein jetziger Chopm-Vortrag ist klassisch; in seinen Gegenstand vertieft, geht er ganz in ihm auf. daß nur der Componist, nicht der Virtuos zu uns spricht. Das mußte Jeder fühlen, der ihn letzthin Chopin spielen hörte. Alle Nummern: Choptn's Comvosittonev, Weber'S Concertstück. Rubinftetn'S Barcarole (eingelegt für die aa-dur Ballade) trug er in entzückender Weise vor, daß eS gewiß Aller Wunsch ist, ihn bald wieder einmal hier zu hören. Und er selber, der seither Gießen nur alSKaffee-Station" auf seinen Fahrten kannte, hat unser Publikum Üebgewonnen,das musikalisch genug war, vier lange Nummern desselben Componisten mit derselben Andacht hintereinander anzubören."

Sein umfassendes Gedächtniß ist bekannt. Interessant aber wird es Manchem sein, zu hören, daß Eugen d'Albert hier aus dem Coupö stieg, ohne eine Ahnung zu haben, was er hier spielen müsse.

Die Orchesternummern wurden trefflich ex^cutirt, waS für Gießen immerhin viel heißen will. Mit drei Proben derartige Erfolge zu erzielen, ist hier keine Klrintg^ fett- Ganz anders liegen die Verhältnisse für große Städte, wo die einzelnen Orchester- Mitglieder meist vortreffliche Spieler sind, durch wöchentliche, oft tägliche Hebungen an ihren Dirigenten gewöhnt, wo aber trotzdem so und so viel Proben draufgehen, bis men mit einem Riesenwelk, wie die dritte Leonoren - Ouvertüre. vor das Publikum tritt. Bedenkt man nun noch, daß sie ursprünglich N'cht zur Aufführung bestimmt war, sondern erst in der zweiten Probe an Stelle der Schumann'schen Manfred- Ouoerture trat, so wird man, obgleich sie früher schon hier aufgeführt ward, die Leistungen des Orchesters um so mehr anerkennen müssen. Um Einzelnes noch her- vorzuhehen, erwähnen wir das ausgezeichnete Spiel der Holzbläser im M'nore I des Schuden'schen zweiten Entreacts, daS Hörnerspiel im 3. Satz der MendelSsohn'schen A-dur-(5tnforde. Wer Gelegenheit hatte, in großen Städten vorzügliche Orchester zu hören, w:rd eingestehen müssen, daß unsere Holzbläser in erster Linie Ausgezeichnetes leisten können.

So hot das erste Concert einen für den Dirigenten ehrenden Verlauf genommen und können wir nur wünschen, daß die folgenden nicht hinter dem ersten zurück­stehen. K. W.

Gießen, 26. November. Der Winter scheint nun doch so allwälig Ernst zu machen. Gestern und heute Nacht sank das Thermometer auf 8 bis 9 Grad unter U. Große Freude bereitet den Freunden deö Eissports die vom Eisoerein prächtig her- gerichtete EiSbahn. Dieselbe war am gestrigen Nachmittag ganz außerordentlich besucht. Jung und Alt tummelte sich auf derselben herum. Der E sverein hat sich ein großes Verdienst durch Herrichten der Bahn erworben, zumal das Betreten derselben gänzlich gefahrlos ist und die Eltern ganz beruhigt fein können. Auch die Bierbrauer, welche vergangenen Winter vergebens auf Eis gehofft, benutzen nunmehr die Gelegen­heit, um ihre Eiskeller zu füllen und massenhaft wird solches an die Brauereien angefahren.

vermischte S.

Darmstadt, 24. November. Wie verlautet, beabsichtigt die deutsch-freisinnige Partei, demnächst eine daS ganze Großherzogthum umfess-nde Organisation, wie solche auch Seitens der Nationalliberalen geplant ist, anzudahnen.

(Deutschlands zoologische Station in Neapels Prof. Dr.-Dohrn hielt am 20. l. M- im Universitätsgebäude zu Berlin vor einer ungeheuren Zuhörermenge einen Vortrag zum Besten des von ihm geleiteten Instituts in Neapel.

Der Cultusminister von Goßler eröffnete bald nach 7V2 Uhr die Versammlung mit einer kurzen Ansprache, in welcher er auf die Eigenartigkeit des Unternehmens dtnwies. Die materielle Hülfe des deutschen Volkes für ein rein wissenschaftliches Unternehmen im AuSlande zu beanspruchen, sei zwar neu, aber die neue Phase, in welche die deutsche Forschung im Auslände mit ber jetzigen Machtstellung des Reiches getreten sei, rechtfertige dieses Ansuchen. Früher Habs der deutsche Forscher draußen stets unter fremdem Schutze gearbeitet, jetzt fühle er, auch in den fernsten Gegenden, den Flügelschlaa des deutschen Adlers über feinem Haupte. Es gelte ein bereits erfolg­reiches Unternehmen gegen die Wechselfälle ber Zukunft zu sichern und er sei Überzeugt, daß ein Appell tn solcher Sache lebhaften Widerhall beim deutschen Volke finden werde. (Bravo.)

Darauf erhielt Prof. Dr. Dohrn das Wort.

Nicht ohne ein Gefühl der Bangigkeit, so begann er, trete er j-tzt zum zweiten Male als Bittender vor das deutsche Volk und dennoch werde ihm dieses Bitten auch wieder leicht, da er zugleich den Förderern und P^otectoren seiner Sache und ganz besonders dem Herrn Cultusminister, den innigsten Dank aussprechen könne für die großen Unterstützungen, die ihm bis jetzt schon zu Thetl geworden- Wie er bereits am 20. Juni gcthan, schilderte er kurz daS Entstehen seines Unternehmens, die Ausdehnung, die dasselbe gewonnen, die Baulichkeiten der Station, die Lage derselben auf dem vor­nehmsten Platze in Neapel, der Villa Reale und feine eigenen unaufhörlichen Mühen, fÜt daS von Jahr zu Jahr wachsende Institut die nöthigen Unterhaltsmittel zu be­schaffen. Italien hat die Station bisher in liberalster Weise unterstützt; der Unterrichts­minister bewilligte derselben eine Summe von 30,000 Frcs.. der Ackerbauminister steuerte 20 000 Frcs. bei und die Provinz Neapel leistete 10,000 Frcs. al8 extra- I

ordinäre Zuschüsse, außerdem hat die italienische Regierung ihren regelmäßigen Jahres, beitrag von 15,000 FrcS. auf 30,000 Frcs. erhöht. Redner spricht an dieser Stelle dem befreundeten Reiche öffentlich feinen tief empfundenen Dank ans. Aber noch immer sind die Bedürfnisse der Station größer als die Mittel. Ein neues vierstöckiges Gebäude muß errichtet werden zum Zweck b-i Untersuchungen über die physiologischen Functionen der Seethiere. Solche Untersuchungen sind nur in Neapel möglich, da dort, in der Station, allein die mit solcher Aufgabe vertrauten Forscher sich befinden. Und noch eine weitere große unabweisbare Forderung hat die Station an das deutsche Volk zu stellen, sie bedarf eines großen Seedampfers. Das Meer ist nicht vom Lande auS zu studiren. Künstliche Aquarien geben, wenn auch noch so vollkommen eingerichtet, dennoch nur kärgliche Anschauungen von dem Leden der Wasserthiere Im Meere sind noch ganz ungeahnte Gebiete zu erforschen; die Beziehungen der Seethiere zu den un­organischen Elementen im Wasser sind noch vollständig unbekannt. Prof. Dohrn illustrirt diese Lücke in seiner Wissenschaft durch folgende Mtttheilung: Die italienische Regierung hatte sich gelegentlich oer Beratdungen Über eine neue Fischerei-Gesetzgebung an ihn mit der Bitte gewandt, ihr als Expert auf diesem Gebiete seine Ansichten uno Erfahrungen zur Verfügung zu stellen. Dohrn sah sich grnvthigt, dieses Amt abzu­lehnen, da er gerade auf diesem Gebiete noch zu unwissend sei, um in so ernster Sache Rath ei theilen zu können. Wenn man aber dennoch darauf bestände, nun, dann möge man ihm helfen, die zoologische Station zu vervollkommnen, damit er in die Lage käme, sich die gewünschten, für die Wissenschaft wie für die Praxis unentbehrlichen Kenntnisse anzueignen. Auch die Fischerei- Commissäre Englands und Amerikas haben sich an ihn gewenoet, daß er ihnen bei ber Einrichtung von zoologischen Stationen brhülflich sein möge. Redner führt nun specieller die NoihwendigkLit deS erwähnten großen SeedawpferS aus. Derselbe solle ein schwimmendes Laboratorium sein; er und seine Forscher würden dadurch in den Stand ges tzt, auf offer-er See und an beliebigen Küstenorten, bet Sardinien und Corsika, bei ©teilten und Nordafrika, dtrecte Beob­achtungen anzustellen. Die Erscheinungen im offenen Meere und tn großer Tiefe find ganz andere, als die im flacheren Wasser an der Küste. Man kann mit solch einem, speciell zu Forschungszwecken eingerichteten Schiffe den Meeresströmungen nachgehev, die häufig ganz eigenartige, in zahllosen Schaaren auftretende Thier-Organismen mit sich führen, deren Ursprung Niemand k-nnt. Als ein recht deutliches Beispiel der lückenhaften Kenntniß selbst der anscheinend ganz bekannten Seethiere nennt Redner die Languste, jene große, auch auf unseren Märkten so häufige Hummerart. Aus den Eiern bttfeö Tb'eres geht ein winzig kleines, durchsichtiges, langbeiniges Geschöpschen hervor, dessen Körper fo dünn rote ein Seidenpoprer ist. Diese kleinen Wesen wimmeln in Schaaren auf der Oberfläche des Meeres und sind erst feit ganz kurzer Zeit als die Jungen der Langusten erkannt worden. Man weiß jetzt also, wie daS ausgewachsene Thier und wie die junge Brut desselben aussieht, wie aber aus der letzteren sich daS erstere entwickelt und heranbildet, das weiß man nicht. Die .Languste lebt auf dem Meeresgründe zwischen Steinen und in Felsspalten, die Eierthierchen steht man nur an der Oberfläche, das fehlende Glied zwischen beiden soll erst roch gefunden werden. Ein schwimmendes Laboratorium würbe zur Lösung solcher Räthsel viel beitragen. Der italienische Marineminister hat sich dem Prof. Dohrn gegenüber erboten, für einen solchen großen Seebampfer, sobald er vorhanden sein wird, sowohl daS Commando und die Mannschaft, als auch die Kohlen zu liefern. Die Anerkennung, welche die Deutsche Zoologische Station in ber gefammten wissenschaftlichen Welt gefunden hat, ist eine große und hocherfreuliche. Fünfzehn andere Staaten haben nach ihrem Beispiel ähnliche Institute errichtet. In jüngster Zeit erst hat Redner Zuschriften aus Sidney und Melbourne, ja sogar ous Japan erhalten, worin er {gebeten wird, hinzukowmen und dort Stationen zu errichten. Das Unternehmen ist also ein ohne Zweifel dringend nothwendiges. Er wendet sich daher vertrauensvoll an fein Vaterland, welchem aus dem Wirken der Station bisher doch auch bereits manche Ehre erwachsen ist und bittet um Beschaffung ber Mittel zu vorerwähntem Zweck- Er bittet dringend und inständig und hofft keine Fehlbitte zu thun. Er erwartet die Entscheidung, fein Verdikt, in den nächsten Monaten.

Die Rede wurde mit großer Sympathie aufgenommen. Da eine DiScussion n'cht stattfand, erreichte mit dieser Rede auch die Versammlung um 9 Uhr ihren Schluß.

Theater,

Gieße«, 25. November.

lieber die nächste Novität®er Raub der Sabinerinnen" von Franz und Paul v- Schönthen schreibt dieMagdeb. Ztg.":

Unsere Leser wollen sich erinnern, daß die obige, am Montag bei uns zur ersten Aufführung gekommene Novität gleich nach ihrem ersten Siege im Wallner-Theater, Anfang des Monats, von unserem geschätzten Berliner College« in Nr. 473 d. Ztg. (9. October) ausführlich besprochen und somit un8 die Mühe erspart ist, unsererseits den kritischen Proceß, ganz als wäre nichts geschehen, noch einmal aufzunehmen. Be­reits hat das neueste Bühnenwerk der beiden Schönthans feinen Triumphzug über die deutschen Bühnen angetreten; an dem thatsächlichen Erfolge ist nicht mehr zu rütteln: sie haben einmal wieder einen Kerntreffer gemacht, den Theatern einen will­kommenen Kassenmagnet, den Schauspielern eine Reihe dankbarer Rollen, dem großen Publikum endlich ein Bühnenstück von unwiberstehlichrr komischer Kraft.

Er wurde denn auch bei uns ganz so sicher, flott und bester gespielt, wie wir das von unferm Personale, ganz besonders bei Stücken dieser Art, schon gewohnt sind; das Ganze athmtte so viel gute Laune, Natürlichkeit und Frische, baß man sich unseren Darstellern für den heiteren Abend zu herzlichem Danke verpflichtet fühlt- Der Antzbrüche ber Fröhlichkeit war kaum Maß und Ende; nach jedem Acte mußte der Vorhang wieder aufgezogen werden, nach dem dritten unter dem schallenden Jubel dreimal-

Das Stück soll bei uns am nächsten Freitag aufgefübrt werden.

AllgeMsiner Anzeiger.

IMUT* Zar Saison "M-L empfehle mein affortirtes Lager in Kaifermänteln, Winter-Ueber- ziehern, Schlafröcken, cvMpletterr Anzügen u. s- w.

Auf Wunsch werden auch Bestellungen nach Maß zu Fabrikpreisen schnellstens besorgt.

M. Weiner, 7560 __Ecke der Wetter- und Marktstraße.

empfiehlt gut und billigst

7745

die Male der Mainzer Lchirmsabrilr

Geschwister Lorsch, Seltersweg

im Hause des Herrn Rechtsanwalt Labroiffe.

Daselbst «erden auch Schirme billigst und schnellstens reparirt und neu überzogen.

Mr Weihmchlsgeschlnkk Mffend.

Regenschirme |

in grösster Auswahl K

Plakat-Fahrplan

aller auf Station Gießen ankommenden und abgehenden Züge für das Winterhalbjahr 1884)85 ist auf der Ervedition d. Bl., sowie durch die Zeitungsträger ä 20 Psg. zu beziehen.

Muööertroffenes Fabrikat zum Stärken der Wäsche.

EMIL FISCHBACH ic GIESSEN.