Ausgabe 
27.7.1884 Zweites Blatt
 
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In Warschau nehmen die Verhaftungen anläßlich des bevorstehenden Besuches des Czaren ihren Fortgang. Bis jetzt sollen über 100 Personen ver haftet sein, die der nihilistischen Partei angehören und fast sämmtlich Russen sind. Für den Besuch des russischen Herrschers in der Hauptstadt Polens bilden diese Verhaftungen jedenfalls eine bezeichnende Einleitung.

Der Besuch des Königs Karl von Rumänien am Belgrader Hofe wird neueren Dispositionen zufolge erst im October dss. Js. stattfinden. In Wien sieht man der angekündigten Begegnung zwischen den.Herrschern Rumäniens und Serbiens mit besonderem Interesse entgegen, indem man von derselben eine weitere Annäherung beider Staaten an die österreichische Politik hofft.

Vermischtes.

Berlin. Ein Kaufmann io Weimar ersuchte vor Kurzem seinen hiesigen Ge­schäftsfreund, er möge ihm zwei sogenannte Ftchus (Halstücher) übersenden. Der Berliner führte den Auftrag in einer Weise aus, daß er die Tücher in ein Couvert und das Couvert einfach in den Briefkasten steckte. Der Auftraggeber wartete und wartete, aber die Tücher kamen nicht; endlich wird er ungeduldig und fragt bet seinem hiesigen Geschäftsfreunde an. Diesem war inzwischen, wie daöB. T" schreibt, durch die hiesige Stadtpost eine Corrcspondenzkarte folgenden Inhalts zugestellt worden: An Herrn (folgt der Name) SW., Leipzigerstraße. Wie können Sie als Geschäftsmann so leichtsinnig fein, an Ihren Geschäftsfreund in Weimar in einem Couvert als gewöhn­lichen Brief zwei Mode-Fichus ä JL 4,50 zu versenden, welche am Sonntag durch ge­schicktes Opertren aus dem Briefkosten tn meine Klauen fielen und von mir als gute Prise tn Beschlag genommen wurden. Für den Betrag der betgefügten Factura habe Sie mit 9 JL, für verauslagtes Porto mit 20 H, zusammen mit 9 JL 20 4 dankend erkannt und bleibe gern fernerer Zusendung unter denselben Umständen gewärtig. Gebe Ihnen noch den Rath, für die Folge derartige Sendungen nur als Einschreibe­brief gehen zu lassen,auf Gefahr des Empfängers". Empfehle mich Ihnen. S- C- Hufterle, Spitzbube und Gauner." Der Berliner Kaufmann, um eine Erfahrung reicher geworden, packte sofort zwei neue Tücher ein und schickte sie mit einer höflichen Entschuldigung an seinen Auftraggeber tn Weimar. Das betreffende Couvert trug diesmal den VermerkEingeschrieben".

(Vertilgung der Blattläuse auf Bohnen.) Die Frage, gibt es ein Mittel- von den dicken Bohnen die schwarze Müde (Blattlaus) abzuhalten, welche so häufig die ganze Pflanze überzieht und den Ertrag nicht selten vollständig vernichtet, wird tn derZeitschrift der landwirthschaftltchen Vereine für Rhetnpreußen" in folgender Weise beantwortet: Ja, und zwar ein ganz unfehlbares 1 Die Milbe entwickelt sich stets in der Spitze uud verbreittt sich von da über die ganze Pflanze. Sobald sie deßhald in der Spitze irgend einer Bohnenpflanze erscheint, breche man sämmtliche Spitzen an allen Pflanzen aus; eS genügt nicht, nur diejenigen Spitzen auszubrechen, in welchen sich schon Blattläuse zeigen; sie müssen vielmehr alle fort! Dieses Ver, fahren schadet den Bohnen durchaus nicht, es ist ihnen im Gegentheil nützlich! Die Milbe erscheint stets erst dann, wenn die Pflanzen schon groß sind und sehr viel Blüthen angesetzt haben; die obersten Blüthen aber, welche mit der Spitze abgebrochen werden, sind stets taub und setzen niemals Bohnen an, deßhalb gehen auch durch das Ausbrechen der Spitzen keine Bohnen verloren; dagegen dringt von dem aufsteigenden Safte keiner mehr in die Spitze, sondern er wird in die anderen Pflanzentheile, nament­lich in die unteren Blüthen und die angesetzten Bohnen geführt, wodurch deren WachS- thum befördert wird. Dieses Mittel, die Milbe von den Bohnen adzuhalten, ist ein so wirksames, daß die so behandelten Bohnenbeete verschont bleiben, auch wenn alle andern ringsumher schwarz und gänzlich vernichtet werden.

(Ein lebendig Todter.) AuS Ems, 20. Juli, wird demFr.Journ" folgende drollige Geschichte erzählt: Ist da in dem Städtchen Sayn ein Bäckergeselle, der bereits zwei ganze Monate unter dem süßen Joche des Ehestandes schmachtet. Doch scheints dem jungen Ehemanne nicht allzu sehr brhagt zu haben in den ungewohnten Banden, denn eines Morgens ist er, ohne zärtlichen Abschied von seinem jungen Weibchen genommen zu haben, spurlos verschwunden. Bald darauf fand sich unser wanderlustiger Bäckergeselle auf der Herberge in Ems ein und hier kam ihm just ein toller Gedenke. Im Namen des Herbergsvaters schrieb er einen Brief an die Frau Bäckergeselle N- N- zu Sayn deS Inhalts, der Bäckergeselle N. N. sei am . . ten Juli hier in EmS gestorben und werde schon morgen begraben. Um der guten Frau den Anblick der Leiche zu ersparen, war noch die ausdrückliche Bitte betgefügt, sie möge nicht zur Beerdigung kommen, es werde hier AlleS in Ordnung gebracht und ihr die Hinterlassenschaft des Verstorbenen zugeschickt werden. Die arme Frau traf nun vor­gestern ganz bestürzt in Begleitung eineS Verwandten hier ein, um daS Nähere über den Tod ihres guten Mannes zu erfahren. Der erstaunte Herbergsvater weiß nichts von dem Tode des Bäckergesellen N. N-, sagt vielmehr, der habe ja bei einem hiesigen Meister Arbeit gefunden. In Begleitung eineS Schutzmannes begaben sich die drei in besagte Werkstelle und Tableau! Der Durchgänger machte Miene, in den Backofen, der zufällig nicht geheizt war, sich verkriechen zu wollen, wenn ihn sein Weibchen nicht unter liebevoller Umarmung zurückgehalten hätte. So konnte denn die junge Gattin mit dem lebendigen Leichnam ihres Mannes nach Hause zurückkehren.

(Verhaftung eines Falschmünzers ] Am Montag Abend hat die Mainzer Sicherhtttsbehörde einen guten Fang gemacht; es ist derfelbrn nämlich gelungen, die Wohnung eines Falschmünzers zu entdecken und sämmtliche zur Falschmünzerei ge­hörigen Sachen, alS Formen, Metall rc, mit Beschlag zu belegen. DieS alles geschah in Abwesenheit des Falschmünzers eines erst kürzlich hierhergezogenen SteindruckerS, der, als er spät am Abend seine Wohnung aufsuchen wollte, von der Polizei in Empfang genommen wurde. Der Falschmünzer scheint cs nach den gefundenen Formen zu urtbeilen hauptsächlich auf die Fabrikation von falschen 20 Pfennigstücken abgesehen zu haben.

(Ein Roman aus dem Leben,) Man schreibt auS Olmüh: Ehen werden im Himmel geschlossen. Wie oft dieses Sprichwort auch zum Wahrwort wird, möge folgendes auf authentische Mitthetlung beruhende Beispiel darthun. Vor nicht langer Zeit verlobte sich ein Lehrer der nahen Gemeinde N- und machte hiervon seinem der­zeit in Amerika weilenden Bruder Mitthetlung. Dieser neugierig, seine künftige Schwägerin wenigstens im Bilde kennen zu lernen, bat seinen Bruder um Einsendung einer Photographie seiner künftigen Gattin, welchen Wunsch unser Bräutigam denn auch sofort seiner Braut zur Erfüllung auftrug. Statt aber ihr eigenes Bild dem nach Amerika adressirten Schreiben beizulegen, schloß sie tn der Zerstreutheit eine Photo­graphie ihrer jüngeren, noch ledigen Schwester bei und ixpedirte so den Brief. Kurz darauf kamen die Brautleute zur Kenntniß des unterlaufenen JrthumS und beeilten sich, demselben unter Einsendung des richtigen Bildes und unter Anschluß des nöthigen GommentarS gut zu machen. Unser Amerikaner, dem das schwesterliche Konterfei ge­fallen haben mochte, wendete sich sofort brieflich an den Bräutigam mit der Anfrage, ob das Original jener irrthümlich nach der neuen Welt gelangten Photographie noch zu Haden sei. Die diplomatischen Unterhandlungen wurden rasch zu Ende geführt und ehe man eS sich versah, befand sich unser lediges Fräulein auf dem Wege nach Amerika, um via Hamburg in die Arme des ihrer harrenden Bräutigams zu eilen.

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Gießen, drn 25. Juli 1884.

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