Ausgabe 
27.7.1884 Zweites Blatt
 
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1881

Amts- und Anzeigeblatt sirr den Kreis Gießen.

4B*re**t Schutstraße 7.

Betreffend:

Erscheint tL-lich mit Ansnechme des Montag».

Prei» vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringcrlohn.

Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf.

Amtlicher HLZei f.

Die Nachsuchung der Berechtigung zum einjährig freiwilligen Dienst an, Grund von Schulzeugnissen.

Bekanntmachuna.

selben Jahres zu erbringen.

3. Das Gesuch muß von dem Betreffenden selbst geschrieben sein und ist hierzu ein Bogen in Actensormat (nicht Briefpapier) zu verwenden. Auch erscheint es zweckdienlich, wenn stets die nähere Adresse angegeben wird.

4. Dem Gesuche sind folgende Papiere beizufügen:

a. Geburtszeugniß;

b ein Einwilligungs-Attest des Vaters oder Vormundes mit der Er­klärung über Bereitwilligkeit und Fähigkeit, den Freiwilligen während einer einjährigen activen Dienstzeit zu bekleiden, auszurüsten

e. ein Unbescholtenheitszeugnih, welches für Zöglinge von höheren Schulen (Gymnasien, Realschulen, Progymnasien und höheren Bürger­schulen) durch den Director der Lehranstalt, für alle übrigen jungen Leute durch die Polizei-Obrigkeit oder ihre vorgesetzte Dienstbehörde auszustellen ist;

d. das Schulzeugniß.

Sodann wird noch besonders bemerkt:

Zn pos. b: daß in dem Einwilligungs-Attest die Erklärung des Vaters oder Vormundes, in der Lage zu fein, den Freiwilligen während des einjährigen Dienstes unterhalten zu können, nicht fehlen darf.

Zu pos. d : daß die Schulzeugnisse, mit Ausnahme der Reifezeugnisse für dir Universität und die derselben gleichgestellten Hochschulen und Reifezeugnisse für die Prima der Gymnasien und Realschulen I. Ord., sämmtlich nach dem Schema 17 zur Ersatz-Ordnung (L Thell der Wehr-Ordnung vom 28. Septbr. 1875 Reg.-Bl. Nr. 55 von 1875) ausgestellt sein müssen.

Diejenigen jungen Leute, welche auf Grund ihrer Schulzeugnisse die Berechtigung zum einjährig freiwilligen Dienst nachsuchen wollen, werden 'hierdurch auf die nachfolgenden, bei Anbringung der Gesuche zu beachtenden Vorschriften mit dem Anfügen aufmerksam gemacht, daß hiernach unvollständige 'Gesuche ohne Weiteres zurückgegeben werden.

1. Das Gesuch ist beider unterzeichneten Prüfungs-Commission nur dann auzubringen, wenn der sich Meldende im Großherzogthum Hessen gestellungspflichtig ist, d. h. seinen dauernden Aufenthaltsort hat.

2. Die Berechtigung zum einjährig freiwilligen Dienst darf nicht vor vollen­detem 17. Lebensjahr und muß spätestens bis zum 1. Februar des Jahres nachgesucht werden, in welchem der sich Meldende das 20. Lebens­jahr vollendet. Der Nachweis der Berechtigung zum einjährigen Dienst ist bei Verlust des Anrechts spätestens bis zum 1. April des-

und zu verpflegen; .

Im Uebrigen wird auf die Bestimmungen der §$ 88, 89, 90, 93 und 94 der angeführten Ersatz-Orb. verwiesen.

Großherzogliche Prüfungs-Commssfion für einjährig Freiwillige.

Der Vorsitzende:

Gros.

Wochenschau.

Gießen, 26. Juli.

Der in Frankfurt a. M. abgehaltene deutsche Handwerker­tag hübet, neben den in unserem Großherzogthum stattgehabten Wahlmänner- Wahlen, das einzige erwähnenswerthe Ereigniß der Woche auf dem Gebiete der inneren Angelegenheiten. Ob die auf demselben gefaßten Resolutionen, welche durchweg im Sinne der conservativen und der Centrumspartei abgefaßt sind und sich direct gegen verschiedene freiheitliche Errungenschaften unserer Zeit auf gewerblichem Gebiete richten, auch der Gesinnung der Mehrzahl des deut­schen Handwerkerstandes entsprechen, wollen wir hier nicht weiter untersuchen. Besucht war der Handwerkertag von etwa 200 Delegirten und sei hierbei als Curiosum erwähnt, daß der Delegirte der Frankfurter Schuhmacher-Jnnung, -Herr Mondrion, es vorzog, anstatt seine Innung auf dem Handwerkertage zu repräsentiren, als Schütze nach Leipzig zu fahren! Im Uebrigen schreiten die Vorbereitungen anläßlich der nächsten Reichstagswahlen rüstig vorwärts und sind bereits in einer großen Anzahl von Wahlkreisen die Candidaten der ein­zelnen Parteien definitiv nominirt worden. Voraussichtlich wird der kommende 'Wahlkampf dem von 1881 an Leidenschaftlichkeit nichts nachgeben und kann man weiter jetzt schon behaupten, daß sich auch diesmal eine große Anzahl von Stichwahlen nothwendig machen werden.

Von kleineren aus dieser Woche vorliegenden Nachrichten ist lediglich zu registriren, daß die Personalveränderung bei der preußischen Ge­sandtschaft beim Vatikan nunmehr perfect geworden ist. An Stelle des an die deutsche Botschaft in Paris versetzten Freiherrn v. Rothenhan wurde Graf v. Monts zum Secretär der preußischen Gesandtschaft beim Vatikan ernannt und ist derselbe am Dienstag aus seinem neuen Posten eingetroffen. Bald nach seiner Ankunft stattete Graf v. Monts dem Kardinal-Staatssecretär Jacobini rinen Besuch ab. c

Am kommenden Sonntag, den 27. Juli, erreicht das 8. deutsche Bundesschieben in Leipzig sein Ende und werden sich die Mitglieder des deut­schen Schützenbundes erst in vier Jahren zum nächsten allgemeinen Bundes­schießen wieder zusammenfinden unv zwar in der alten Kaiserstadt Frank­furt a. M. Es waren herrliche Festtage, die in Leipzigs Mauern begangen wurden unv alle Festtheilnehmer in erster Linie die Schützen werden sicherlich nur mit angenehmen Erinnerungen an das große nationale Fest, dem sie diesmal beigewohnt haben, in die Heimath zurückgekehrt sein. Ungetrübt von politischen und religiösen Gegensätzen und Streitfragen hat dasselbe doch alle deutschen Stämme ohne Unterschied von demselben lebhaften nationalen Sinne beseelt, daß sie gewillt sind, auch fürder kräftig zu Kaiser und Reich zu stehen und dies ist einer der schönsten Erfolge, den wir vom 8. deutschen Bun- desschießen verzeichnen können.

Die französische Politik kommt aus ihren auswärtigen Abenteuern gar nicht heraus. Noch ist der neueste Streitfall mit China nicht geschlichtet und schon taucht die Madagaskar-Frage wieder in drohender Gestalt am politischen Horizonte auf. Die Unterhandlungen zwischen den Franzosen und den Howas sind völlig abgebrochen worden. Erstere verlangen denjenigen Theil Madagas­

kars, der nördlich vom 16. Grav südlicher Breite liegt, sowie eine Kriegs- entschädigung von 3 Mill. Frcs. und Schadloshaltung aller Ausländer, welche während des letzten Krieges Verluste erlitten haben. Da die Howas alle diese Forderungen abgelehnt haben, so bereiten die auf Madagaskar befindlichen Streitkräfte einen allgemeinen Angriff auf die sehr starken vor der Hauptstadt Tannamarivo befindlichen Stellungen der Howas vor. Unter den inneren Ange­legenheiten Frankreichs stehen nach wie vor die VerfaffungS-Revision und die Cholera obenan. Ueber erstere wollte der Senat am Donnerstag definitiv Be­schluß fassen. Was die Cholera anbelangt, so wird deren Auftreten in Paris von officiöser Seite entschieden in Abrede gestellt, dagegen unterliegt es kaum mehr einem Zweifel, daß sie nicht nur in Marseille und Toulon, sondern nun auch in Arles mit voller Heftigkeit austritt, da Privatberichte von 20 Cholera- Todesfällen berichten, die sich bis jetzt in letztgenannter Stadt ereignet haben sollen. r f .

In England ist die egyptischeFrage emstwellen ad acta gelegt worden und steht man daselbst vollständig unter dem Eindrücke der gegen das Haus der Lords im Gangv befindlichen Bewegung. Das am Montag im Hydepark zu London abgehaltene Massenmeeting in Sachen der Wahlreformbill, an welchem gegen 70,000 Personen Teilnahmen, war unstreitig eme großartige Demonstration des Volkswillens und dürfte dieselbe den Lords des Oberhauses zur Genüge gezeigt haben, wie wenig Aussicht auf Erfolg ihre ablehnende Haltung gegenüber der Wahlreformbill hat.

Das freundnachbarliche Verhältuiß zwischen der Schweiz und Italien ist gegenwärtig ein recht gedrücktes. In der Schweiz herZcht wegen der von der italienischen Regierung wegen der Cholera getroffenen Grenzsperr­maßregeln, die mit großer Rigorosität gehandhabt werden, tiefe Verstimmung gegen das römische Cabinet, zumal die Bemühungen des schweizerischen Ge­sandten in Rom, Bavier, Italien zur Rückgängigmachung ber Sperrmaßregeln zu bewegen, bis jetzt völlig vergeblich gewesen sind. Vielleicht kommt aber die italienische Negierung selbst zu der Einsicht, wie nutzlos im Grunde derartige vexatorische Maßregeln gegenüber der Cholera sind. Vorerst ist . freilich in Italien die Landquarantäne für die aus Frankreich und der Schweiz kommen- den Reisenden von 5 auf 7 Tage erhöht worden. - __ Das Treiben der Hellsarmee" in der Schweiz hat in Bern wiederholte Excepe gegen die Scllu- tisten veranlaßt und in Biel beschloß eine große Volksversammlung, dem Bundesrath um das Verbot der Salutistenversammlungen und um dre Aus­weisung ausländischer Salutistenofficiere anzugehen.

Das neugewählte belgische Parlament rs am Dienstag zu- sammengetrcten und gelangte die neue clericale Aera m Belgien> gleich bei den Präsidentenwahlen der Abgeordnetenkammer zum charakteristischen Ausdrucks Sowohl Präsident Thibaut als auch die beiden Viceprastdenten ^ack unb de Lantsheere gehören der Rechten an. Auch wurde vom Minister des Aus­wärtigen unter Beifall der Rechten und Protesten der 9

eingebracht, welche um den erforderlichen Credit für die W^rherstellung diplomatischer Beziehungen zwischen Belgien und dem päpstlichen Stuhle nach- sucht. Natürlich wird der Credit von der Kammer bewilligt werden.