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Wochenschau
Gießers, 26. April.
Der Reichskanzler Fürst Bismarck ist auch in dieser Woche wiederholt vom Kaiser und vom Kronprinzen empfangen worden und hat hierbei über den Staatsrath, resp. dessen neue Organisation Vortrag gehalten. Wie nunmehr von officiöser Seite bestätigt wird, sind vorn Kaiser die Grundzüge des neuen Staatsraths genehmigt worden und beschäftigt er sich gegenwärtig mit der Prüfung der auf die Details bezüglichen Vorschläge. Ob bet den letzten Audienzen auch das Ausscheiden des Fürsten Bismarck aus dem Preußischen Ministerium zur Sprache gekommen ist, entzieht sich noch der öffentlichen Kenntnißnahme, klingt jedoch nicht unwahrscheinlich, da der innere Zusammenhang zwischen diejer Frage und der Angelegenheit des Staatsraths sich unschwer erkennen läßt. Sehr bemerkt wird auch der Besuch, den der Frankfurter Oberbürgermeister Dr. Miquel dem Reichskanzler vor einigen Tagen abgestattet hat; etwas Näheres ist hierüber indessen noch nicht bekannt.
Als hervorragendstes Wochenereigniß stellt sich indessen die am Dienstag erfolgte Wiedereröffnung der Verhandlungen des Reichstags und des preußischen Abgeordnetenhauses dar. Der neubegonnene Sessionsabschnitt birgt, namentlich was den Reichstag anbelangt, wichtige Entscheidungen in sich und es ist daher begreiflich, daß man der Fortsetzung der parlamentarischen Verhandlungen ein ungewöhnliches Interesse roibmet. In der Eröffnungssitzung ain Dienstag war der Reichstag, obwohl es sich um einen ziemlich wichtigen Gegenstand, die zweite Lesung der Novelle zum Hllsskaffengesetz, handelte, nur schwach besucht, welcher Umstand schließlich — nachdem eine Reihe von Artikeln definitiv genehmigt worden war — den Abbruch der Verhandlungen herbeiführte, da sich bei einer namentlichen Abstimmung die Beschlußunfähigkeit des Hauses herausstellte. In der Mittwochs-Sitzung waren die Bänke womöglich noch schwächer besetzt, doch kam es zu keiner Auszählung des Hauses. Von den auf der Tagesordnung stehenden Initiativanträgen gelangte zunächst, der Antrag der Abgeordneten Büchtemann-Eberty (deutsch-freis. Partei), bett, bie Erwirkung einer Pension für alle im Reichsdienst beschädigten Crvrlpersonen, resp. deren Hinterbliebenen, ohne Rücksicht auf das Dienstalter, zur Debatte. Abg. Vüchtemann begründete den Antrag durch den Hinweis darauf, daß den vom Reiche augenblicklich angestellten Beamten in Unglücksfällen noch lange nicht genügende Fürsorge zu Theil werde und wies im Speeiellen auf bie Eisenbahn- und Postbeamten, sowie auf die in den Werkstätten des Reichs beschäftigten Arbeiter hin. Von conservativer Seite sprach sich Abg. v. Köller dahin aus, daß die Linke wieder einmal eine Vorlage Dom Reichskanzler fordere, die sie nachher doch nur bemängeln und ablehnen werde. Gerade die Linke habe das UnfallversicherungS- und das Beamtenpensionsgesetz bisher nicht zu Stande kommen lassen; möge sie doch mit positiven Vorschlägen hervortreten. Vom Abg. Eugen Richter wurden zur Unterstützung des Antrags Büchtemann- Eberty eine Anzahl Fälle aus der Praxis angeführt und nachdem noch Kriegs- minisier Bronsart v. Schellendorf, sowie die Abgeordneten v. Benda und v. Bernuth in dieser Angelegenheit das Wort ergriffen hatten, wurde der erwähnte Antrag an eine Commission von 21 Mitgliedern überwiesen. Der nun folgende Antrag des Polen Czarlinski, die polnische Sprache im Gerichtsverfahren facultativ zuzulaffen, wurde, nachdem die Abgeordneten Windthorst, Grad (Elsässer) und Rittinghausen (Soc.-Dem.) dafür, die Abgeordneten Witt, v. Unruh-Bomst und zum Tbeil auch der Abgeordnete v. Uechtritz-Stemktrch dagegen gesprochen, an eine Commission von 14 Mitgliedern verwiesen. Zu dem Anträge Stauffenberg, bett, die Erhebungen übet die Zulässigkeit der Pensionsansprüche von Militärs, deren im Kriege erlittene innere Dienstschäden erst nach dem Präclusivtermin hervorgetreten sind, erklärte der preußische Kriegsminister unter bem Beifall des Hauses, ein diesbezüglicher Gesetzentwurf fei bereits dem Abschluffe nahe, die Negierung hoffe, bie Zustimmung des Reichstags zu bemselben zu erlangen. Der Antrag Stauffenburg wurde hier- auf mit gtoßer Majorität angenommen. Am Donnerstag beschäftigte sich bet Reichstag zunächst mit den Pensionsgesetzen und dem Mllitärrelictengesetz.
Die bevotstehende Vermählungsfeier des Prinzen von Battenberg mit der Prinzessin Victoria von Hessen-Darmstadt wird am Darmstädter Hofe eine Reihe von Fürstlichkeiten vereinigen. Bekanntlich weilt die Königin von England nebst der Prinzessin Beatrix bereits in Darmstadt; weiter werden auch das deutsche kronprinzliche Paar in Begleitung des Prinzen Heinrich und der Prinzessin Victoria in Darmstadt erwartet, und für den 29. d. M. ist das Eintreffen des Fürsten von Bulgarien, des Bruders des Bräutigams, angekündigt. _ .
Dem Bundesrathe ist ein Gesetzentwurf, betreffend die Verwendung von Geldmitteln aus Reichsfonds behufs Einrichtung von Post-Dampfschiff- Verbindungen mit überseeischen Ländern zugegangen.
Im österreichischen Kaiserstaate erregt die Preßburger Vieh- marktangelegenheit in den zunächst bethelligten Kreisen noch immer die Ge- müther. Speciell Wien wird durch diese Affaire, welche die vitalsten Interessen der Stadt betrifft, in Aufregung gehalten und die am Montag erfolgte Eröffnung des Preßburger Viehmarktes scheint zur Beruhigung der Gemuther gerade nicht beigetragen zu haben. Unter dem Einflüsse dieser merkwürdigen Angelegenheit ist die am Dienstag in Wien vollzogene Hinrichtung der Madchen- mörder Hugo Schenk und Karl Schlossarek vielleicht etwas weniger beachtet worden, als es sonst der Fall gewesen wäre. Mit der Justificirung der beiden
Verbrecher hat eine Reihe furchtbarer, selbst in der Geschichte düsterer Verbrechen fast beispiellos dastehender Thaten, die in ganz Europa einen Schrei des Entsetzens erregten, ihre gerechte Sühne gesunden. Als ein weiterer Beitrag zur Charakteristik der österreichischen Anarchisten ist endlich der Umstand zu erwähnen, daß ein gewisser Malankievicz eine Dynamit-Bombe gegen das Polizeidirectionö-Gebäude in Krakau schleuderte; Malankievicz verletzte sich hierbei selbst und wurde vorläufig in das Spital geschafft.
In Frankreich ist auf die Feierlichkeiten von Cahors eine gewisse politische Stille gefolgt, die nur durch die in dieser Woche erfolgte Eröffnung der außerordentlichen Session der Generalräthe unterbrochen wird. Auch aus Tongking sind neuerdings keine Nachrichten von Belang eingelaufen.
Die Vorbereitungen zu der bevorstehenden LondonerCon- ferenz scheinen die Aufmerksamkeit der englischen Regierung mehr in Anspruch zu nehmen als der Stand der Sudanfrage. Und doch ist derselbe gerade jetzt bedenklicher als je, General Gordon, der Träger der Macht und des Ansehens Englands im Sudan, sieht mehr und mehr jede Hoffnung auf Rettung schwinden und immer weiter nach Norden zu, fast schon bis zu den Thoren des eigentlichen Egyptens, trägt der Ausstand seine Wogen. Dem gegenüber erregen die jüngsten Versuche Englands, Gordon zu Hülfe zu kommen, nur mitleidiges Achselzucken und charakterisiren nur aus's 9ieue die Jämmerlichkeit der eaypti- schen Politik Gladstone's.
Die Wiederannäherung zwischen Deutschland und Rußland wirkt auch erfreulicherweise belebend aus die Waffenbrüderschaft beider Reiche ein. Dies bewies schon der herzliche Empfang, >er dem Osficierä-Corps des kürzlich von Metz nach Lyck versetzten preußischen Jnfanterie-Regin'entes Nr. 45 von den Officierm des in dem benachbarten Grajewo garnisonirenden russischen Dragoner-Regimentes Nr. 10 bereitet wurde. Am Dienstag statteten die preußischen Osficieren ihren Gegenbesuch in Grajewo ab, wovon das Osficiers- Corps des genannten russischen Regimentes, dessen Inhaber der Statthalter General-Feldmarschall v. Manteuffel ist. denselben telegraphisch benachrichtigte.
Der Besuch des österreichischen Kronprinzenpaares in Konstantinopel hat am Dienstag sein Ende erreicht. Nach herzlichster Verabschiedung vom Sultan unternahmen die hohen Reisenden am Mittwoch noch einen Ausflug nach Brussa in Klein.Asien, von wo sie am Freitag Abend in Bukarest eingetroffen sein dürften. Die Stadt Bukarest wird dem kronprinzlichen Paare zu Ehren einen glänzenden Ball geben, für Samstag ist eine große Truppen- Revue in Aussicht genommen.
Es soll nun endlich doch ein ernster Versuch gemacht werden, General Gordon von Kairo aus Hülfe zu bringen. Dem Vernehmen nach wird in Kairo ein gemischtes englisch-egypiifches Corps ausgerüstet, das zunächst Berber entsetzen soll. Der egyptische Conseilpräsident Nubar Pascha hat mit seiner Demission gedroht, falls der genannten Stadt nicht sofort Hülfe werde, in Folge dessen die für Berber bestimmten Truppen innerhalb einer Woche auf- brechen dürften. Freilich liegen zwischen Kairo und Berber viele Hunderte von Meilen und letzteres kann mittlerweile schon gefallen sein, wie dies ein dem „Daily Telegraph" zugegangenes Telegramm sogar bereits meldet.
Vermischtes.
Darmstadt. DaS Großh. Ministerium des Innern und der Justiz, Abthetlung für öffentliche Gesundheitspflege, hat in diese» Togen an die Großh. Kretsgesundheits- ämter ein Nusschreiben erlaffen. in dem es u. a. heißt: „W»e Ihnen aus den Ihnen mttgetheilten Verhandlungen der Commission, welche die Frage der Ueberbürdung der Schüler an höheren Lehranstalten zu prüfen hotte, bekannt ist, hat diese Commission in Uebereinstimmuua mit dem ärztlichen CentralauSschuß sich dahin ausgesprochen, daß die Schulen in hygienischer Beziehung einer fortlaufenden b«s ins Einzelne gehenoen staaisärztlichen Controle unterzogen werden sollen. Diese Anträge haben die Billigung des Großherzoglichen Ministeriums des Innern und der Justiz gefunden und wir weisen Sie demzufolge im Emmrständniß mit der Ministertalabtheilung für Schulangelegenheiten nunmehr an, den gesundheitlichen Verhältnissen der Schulen nach allen Richtungen fortwährend Ihre eingehende Aufmerksamkeit zu widmen ke «f passende. Gelegenheit vorübergehen zu lassen, ohne sich mit zmm Verhättniffen bekannt zu machen und auch ohne Requisitionen der zuständigen Behörden die Schulen au« eigener Initiative so oft zu besuchen, alS eS zur Erfüllung Ihrer Aufgaben erfordnltch ist. Als hauptsächliche Gegenstände, welche Sie Ihrer Beob^htung zu unteren haben, ergeben sich folgende: 1) Die baulichen Verhältnisse der Schullocale. Wir empfehlen Ihnen, von jedem einzelnen Schullocale einen einfachen Handriß unter Einzeichnung der in Betracht kommenden Maße anzifettlgen, damit Sre lederzeit ersehen können, in welchen Beziehungen die Locale den Anforderungen der öffentlichen Gesundheitspflege genügen, in welch' anderen sie einer Abänderung und Verbesserung fähig und bedürftigHM. Die Verordnung vom 23. Juli 1876, sowie die in den Beiträgen zur Statistik des Großherzogthums Hessen, Bd. 18, veröffmtlichten Zusammenstellungen geben Ihnen hierüber genügende Anhaltspunkte. In Ihrem nächsten Jahresberichte wünschen wir ausführliche Auskunft darüber, wie viele und welche der von Ihnen untersuchten Schullocale Ihres Bezirks in Bezug auf räumliche Dimensionen, Beleuchtung, Heizung und Ventilation, Abtr'.ttSanlagen, Trtnkwasseroersorgung, Turn- und Spielplätze den hygienischen Anforderungen entsprechen, wie viele und welche nicht. Wenn Sie in dieser Weise voraehen, werden Sie voraussichtlich eine große Menge von mangelhaften Einrichtungen kennen lernen. Es »ersteht sich von selbst, daß diese nicht übrrall mit einem Schlage beseitigt werden können. Schon wegen der finanziellen Lage vieler Gemeinden ist hier jede Mberstürz«ng zu vermeiden, und wir setzen voraus daß Sie in der Kritik des Gefundenen und den Vorschlägen zur Abhülfe namentlich den Localbehörden gegenüber das richtige Maß einhalten werden. 2) Die Schulbänke. Auch hier wird es sich empfehlen, das vorhandene Material in Form von Skizzen ouszu- nehmen und eine Zusammenstellung der Aufnahmen in der aub. 1 erwähnten Weise anzufertigen. Namentlich ist auch darauf Rücksicht zu nehmen, ob in ben einzrlnen Klaffen Subsellieu in verschiedenen Größenstufen vorhanden find und richtig benutzt werden. Die Directtonen der höheren Lehranstalten und die KreiSschulcommissionen


