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Preis Vierteljährlich L Mark 20 Pf. mit »ringeHefaL Svrch bi« Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf.
Politische Ueberflcht.
GieHen, 25. November.
Die kaiserliche Thronrede, mit welcher der neue Reichstag eröffnet worden ist, bildet den Gegenstand eingehender Betrachtungen nicht nur der in-^. ländischen Presse, sondern auch der maßgebenden auswärtigen Prehorgane, welch' letzterer Umstand in Hinblick aus das Ansehen und die Machtstellung Deutschland» im Rathe der Völker Europas ia seine natürliche Erklärung findet. Der feierlichen Eröffnung des neugewählten Parlamentes verlieh die Gegenwart des greisen Kaisers eine besondere Bedeutung, da seit 1877, also durch 7 Jahre hindurch, der Reichstag nicht mehr durch den Kaiser in Person eröffnet worden ist. Daß der allverehrte Monarch diesmal die Vertreter der Nation persönlich begrüßte, ist in Anbetracht dessen, daß er unmittelbar vorher von dem immerhin anstrengenden Jagdausflug nach Letzlingen zurückgekehrt war, als ein hocherfreulicher Zeichen seiner körperlichen und geistigen Frische zu betrachten. Die Thronrede selbst zeichnet sich durch Knappheit und schlichte Sprache aus, ohne daß hierdurch die Bedeutung ihres Inhaltes im Geringsten gemindert würde. Hinsichtlich der inneren Politik zeichnet sich die Thronrede durch eine gewisse Zurückhaltung aus, die namentlich in dem Paffus über die Finanzlage und werter über die coloniale Frage bervortritt; von Zoll' und Steuer-Vorlagen ist keine Reoe. Was die Socialreform anbelangt, so kündigt die Thronrede die einen ergänzenden Charakter tragenden Entwürfe der Postsparkassen und die Ausdehnung der Unsallverficherung auf die in der Land- und Forstwirthschast und dei den Transport-Gewerben beschäftigten Arbeiter an, die Alters- und Jnoa- versicherung drr Arbeiter scheint demnach noch größerer Vorarbeiten zu bedürfen. Mit besonderer Genugthuung hebt die Thronrede in ihrem der auswärtigen Politik gewidmeten Theile da- Vertrauens-Votum hervor, welches gleichsam das Ausland der Friedenspolitik Deutschlands durch die Beschickung der Congo- Conseren; ertheilt hat, die den friedlichen Wettkampf der seefahrenden und Handel ireibenben Völker in den neuerschloffenen Gebieten an der Westküste des schwarzen Continents sichern und ordnen soll. Mit warmen Worten ist auch der Monarchen-Zujammenkunft von Skierniewice gedacht und mit besonderem Nachdruck weist oie Thronrede auf die innigen Beziehungen Deutschlands zu Oesterreich und Rußland hin, welche durch die Tage von Skierniewice eine neue Besiegelung erfahren haben. Von der auswärtigen Presse nehmen die Wiener Blätter von der kaiserlichen Kundgebung in besonders herzlicher Weise Notiz und bezeichnen sie dieselbe als eine eminente Friedensbotschaft.
Als das Hauptergebniß der bisherigen Verhandlungen der Congo- Eonferenz ist die Bildung einer Commission zu bezeichnen, welche die Grenzen der verschiedenen Gebiete am Congo feststellen und die Ansprüche der concurri- rsnden Parteien formuliren soll. Die Lösung dieser verwickelten Aufgabe wird die Commission durch eine ganze Reihe von Sitzungen hindurch beschäftigen und bis dahin dürften wohl auch die Verhandlungen des Plenums nichts Wesentliches zu Tage fördern.
In Sachen des vielbesprochenen Testaments des Herzogs von Braunschweig ist zu constatiren, daß dasselbe von den Braunschweiger Gerichten nunmehr als rechtsgültig angesehen wird. In Folge dessen hat König Albert von Sachsen, der Erbe der schlesischen Güter des verstorbenen Herzogs, Hausbeamte zur Uebernahme der Erbschaft nach Schloß Sybillenort entsandt, nachdem auch das preußische Sequester über das Allodial-Vermögen Herzog Wilhelms in Schlesien aufgehoben worden ist.
In der Freitags-Sitzung der französischen Deputirten- kammrr hat bereits ein Vorpostengesecht zur parlamentarischen „Tongking- schlacht" stattgesunden. In derselben kam es zu einem scharfen Zusammenstoß zwischen Clemenceau, dem bekannten Führer der radikalen Linken, und dem Ministerpräsidenten Ferry. Ersterer »erlangte die Veröffentlichung des Protokolls der am 6. d. Mts. stattgefundenen Sitzung der Tongking-Commission und warf Ferry vor, daß er an dem Protokoll Aenderungen in einem dem Mini- stsrium günstigen Sinne vorgenommen habe und daß er überhaupt die wahre Sachlage verheimliche. Ferry selbst mußte erstere Beschuldigung anerkennen, ' dafür warf er aber Clemenceau und der Opposition Kleinlichkeitskrämerei vor und drohte, sofort die Leitung der auswärtigen Angelegenheiten niederzulegen, wenn die Kammer den Antrag Clemenceau's, das in Rede stehende Protokoll vorzulegcn, annehme. Dieses energische Auftreten wirkte, denn mit 283 gegen 212 St. wurde der erwähnte Antrag abgelehnt und Herr Ferry mag dies immerhin als ein günstiges Omen für den Ausgang der eigentlichen Tongking-Debatte betrachten.
Die südafrikanische Politik des Cabinets Gladstone droht einen neuen Waffentanz Englands mit den Boern herbeizuführen. Wie erinnerlich, hatte die Transvaal-Republik vor einiger Zett ihre Oberherrlichkeit über tos im Norden der Cap-Colonie gelegene Betschuana-Land proklamirt, in Folge bereit sich zahlreiche Boern in dem neu annectirten Gebiete niederließen. Da erinnerte sich plötzlich England, daß es schon vorher Verträge mit mehreren HLuptlingen des Betschuana-Landes geschloffen habe, durch welche ihm die Schutz- Herrschaft über dasselbe zustünde. Die Folge waren Verhandlungen der Cap- K«gieruNg und der Transvaal-Republik, die aber nicht von Erfolg zu sein Menen, da bekanntlich die Absendung eines Expeditions-Corps unter General Varren beschlossen ist, welche dar genannte Gebiet für England reklamiren soll. Nun besagen Depeschen aus der Capstadt, daß Dutoit, der Special-Commiffar ter Transvaal-Republik für das Betschuana-Land, aus die Nachricht von der
Absendung englischer Truppen nach Südafrika im Territorium von Montfira die Fahne de» Transvaal-Landes aufgehißt und den Boeren in Gosen Schutz in ihrem Besitz zugesichert habe. Man glaubt indessen, die Transvaal-Regierung werde Dutoit in seinem Vorgehen nicht unterstützen.
An der Madrider Universität haben, wie jüngst auch in Kiew und Moskau, unter den Studirenden Unruhen stattgesunden, die eine« politischen Charakter trugen, indem zu denselben die Excommunication des antiklerikalen Prof. Morayta Veranlassung gab. An den Unruhen, die sich auf die Straße fort» pflanzten, nahmen auch Mitglieder der republikanischen Partei Theil «nd mußte schließlich die Polizei einschreiten; e» wurden hierbei 5 Polizisten und 14 Studenten verwundet; 68 Studenten sind verhaftet worden. Der Rector der Madrider Universität hat seine Entlassung genommen; die Bevölkerung der Stadt soll sich in keiner Weise «n den Ruhestörungen betheiligt haben.
Die in Rumänien im Laufe der vorigen Woche stattgefundenen Parlamentswahlen haben für das Cabinet Bratianu einen vollständigen Sieg ergeben. Sämmtliche Candidaten der Regierungspartei sind gewählt worden — wohl ein einzig dastehender Fall — zumal da sich die conservative Opposition der Wahl gänzlich enthielt. Von der liberale« Opposition ist nur Kogalniceanu gewählt worden.
Die neuesten Nachrichten au» Peru lassen noch kein Ende de» dort wüthenden Bürgerkrieges erkennen. Caceres, der Führer der Insurgenten im Norden des Landes, hat eine Proklamation erlassen, in welcher er sagt, daß er den Bürgerkrieg fortsetzen wolle. Die Stadt Truxillo ist von den Regierungs-Truppen nach einem sechsstündigen erbitterten Kampfe genommen worden, wobei es 300 Todts und Verwundete gab, unter ihnen mehrere höhere Officiere und der Commandant des Platzes. Die Regierungs-Truppen machten viele Gefangene und erbeuteten eine Anzahl Kanonen und Gewehre.
D v k a i e
Gieße* , 25. November. (Graf Gäza 3i»».] Wir wir bereits unseren Lesern mttgetheilt baden, mtrb »er berühmte Llaviervirtuose, Graf Zichy, uns nächsten Donnerstag mit einem Conccrt erfreuen.
Wer den edlen Künstler vor zwei Jahren gehört hat, bedarf wobl kaum noch einer besoaderen Erinnerung. Sein bewunderungswürdiges Spiel wird jedem, der es einmal hören durfte, unvergeßlich bleiben. Dennoch wird e» vielen Lesern d. Bl. willkommen sein, einiges über diesen eigenartigen Künstler zu hören. Wir reproductren daher im Nachstehenden einige Mittbetlnngen angesehener Kunstkritiker.
Professor Dr. Eduard HanSltck schreibt in der Berliner »Musikwelt* über ihn:
-Einen Clavtervirtuosen ganz eigener, ja einziger Art konnte daS Publikum jüngst in dem ungarischen Grafen G6za Zichy (sprich Sitschy) bewundern, welcher in einem Wohlthätigkeits-Conerrte die erste Rolle spielte. Er ist ein Virtuose mit der linken Hand allein. Der noch junge, hübsche Mann (gegenwärtig Präses deS ungarischen Conservatoriums in Pest) hatte in seinem 15. Jahre das Unglück, auf der Jagd seinen rechten Arm einzubüßen. Leidenschaftlicher Clavierspieler, trachtete er nunmehr, diesen Verlust durch rastlose Uebuna der linken Hand auSzugletchen und so (wie es im alten Märchen lauten würde) den Teufel um feinen Fang zu prellen. Und wirklich hat ek Graf Zichy zu einer erstaunlichen Ausbildung und virtuosen Selbstständigkeit seiner Lmk.n gebracht. Durch sehr geschicktes Arpeggiren, Gleiten, Springen, durch feine» AuSeinanderhaltm von Piano und Forte weiß er den Schein zu erregen, als spielte» zehn und nicht bloS fünf Finger. Z-chy bat ein Heft Etüden für die linke Hand componirt, das bei H?ugel in Paris erschienen und Liszt dedtcirt ist. Man begreift beim Durchblättern des Heftes kaum, wie eS möglich sei, bieg Alles mit einer Hand allein durchzuführen und doch bringt der Componist dieses Mirakel zu Stande, wie er durch den Vortrag einer dieser Etüden (eine Art Thalberg'fcher weitgriffiger Umsptelung einer singenden Mittelstimme) glänzend bewies. Um dies zu können, dazu gehöct außer der enormsten Uebung der linken Hand entsch'eden noch das Bewußtsein, keine rechte zu besitzen. Manches von dem, was Graf Zichy «leistet, hätte Alexander Dreyschok, der souveränste Beherrscher der linke« Hand, nicht vermocht. Denn er war eben nicht allein und für immer auf die Linke angewiesen; an der höchsten denkbaren Ausbildung seiner Linken hinderte ihn nichts, als daß Vorhandensrin der Rechte» Graf Zichy hat sich zur bewunderungswürdigen Specialiiät ausgebildet. Aber es hieße ihm Unrecht thun, wollte man sein Spiel nur als Merkwürdigkeit gelten lassen. Was uns am Meistln erfreute, war fein zarter, seelenvoller Vortrag deS MendelSfohn'schen LiedeS: „Auf Flügeln des Gesanges." Diese Leistung stellte ihn als Musiker höher wie daS erstaunlichste Bravourstück; wer eine einfache Melodie so vorzutragen weiß, sei eS mit einer ober mit beiden Händen, dem ist die Kunst nicht bloS an die linke Hand getraut.”
Zu nicht geringerer Ehre gereicht dem Grafen, wenn „Neber Land und Meer", nachdem es den Ruhm des Virtuosen gepriesen hat, auf die edlen Zwecke der Wohl- thätigkeit hinweist, in deren Dienst Graf Zichy seine Kunst gestellt hat. Da» Blatt schreibt:
„Es erscheint wunderlich, daß ein so eigenartiges Genie sich so selten an die Oeffentlichkeit wagt. Graf Zichy zählt aber zu jenen seltenen Sonntagskindern, denen ein freundliches Schicksal ein Buhlen um die Gunst des vielköpfigen UngehenerS Publikum unnöthiq macht. Der Graf spielt nur zu wohlthätigen Zwecken «nd ohne jeden Anspruch auf Honorar. Er hat in den lebten Jahren durch fein Csncertiren über 200,000 Gulden für Arme erworben und steht gegenwärtig im Begriff, dieser respektablen Summe durch eine kleine TournS in Deutschland einen ansehnlichen Zuwachs zu erwerben. Verschiedene Compositionen und poetische Arbeiten, die er herausgegeben hat, bekunden ein äußerst bedeutendes selbstschöpferisches Talent. Tin Heft Etüden für die linke Hand (Parts bet Heugel) ist nach einer Aeutzerung LiSzt'S von höchstem musikalischem Werthe und „mehr Wirkung, als manche Composifonen für 2 und 4 Hände, dabei aber so schwierig, daß nur der Compositeur allein das Wunder aufführen kann, sie zu spielen."--
»Ich bin glücklich", — schrieb mir der geniale Mann vor einiger Zeit, — Jm Dienste der Armen und Unglücklichen zu stehen und im Schweiße meines Angesicht» das Brod meines Nächsten zu verdienen!" Wer ein solches Grständniß machen darf, verdiente schon allein um der humanen, echt eoelmännischen Gefinnung willm, welche aus demselben spricht, der Mitwelt als rühwenswerthes, nachahmungswürdiges Beispiel vorgestellt zu werden. Graf Zichy ist durch die hohen Hände der Kunst geadelt in bei Augen Aller, denen ein Herz schlägt für bie geisterquickende Zaubermacht der Musik; das höchste bürgerlich werihoollste Adelspatent aber stellt er sich selbst aus durch fehl edleS, im Dienste reinster Humanität stehendes, selbstlose» Wirkend


