Freitag den 24. October
1884
srr. 249
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Gießen, 23. October.
Zwei Ereignisse, das eine tiefernster und schmerzlicher, das andere freudiger Art, sind sich säst unmittelbar aufeinander gefolgt: Der Tod des Herzogs von Braunschweig und die Goldene Hochzeitsseier des Fürstlich Hohenzollern'jchen Ehepaares, welche am Dienstag in Sigmaringen im Beisein des Kaisers, des deutschen Kronprinzen, der sächsischen und rumänischen Majestäten, der Kinder und Enkel des Jubelpaares und anderer distinguirter Gäste begangen wurde. Die herzliche Theilnahme, welche diese erhebende Feier in den weitesten Kreisen gefunden hat, erklärt sich aus der allgemeinen und aufrichtigen Verehrung, deren sich das Fürstliche Jubelpaar erfreut und welche sowohl dem menschlich schönen, edlen Denken und Walten desselben, als auch dem hochherzigen vaterländischen Sinne gilt, den Fürst Karl Anton zu allen Zeiten bewährt hat. Diesen Sinn bekundete er namentlich dadurch, daß er durch den SLaatsvertrag vom 7. December 1849 der Regierung des Fürstentums Hohen- zollern-Sigmaringen zu Gunsten der Krone Preußen entsagte, ein Akt von politischem Scharsblick, Patriotismus und Selbstverleugnung. 1850 trat der Fürst in die preußische Armee ein und bekleidete in derselben bis zu seinem nach dem deutsch-französischen Kriege erfolgten Rücktritte aus dem activen Dienste wiederholt wichtige Commandostellen. Seiner Ehe mit Josefine, geborenen Prinzessin von Baden, sind 6 Kinder entsprossen: Prinzessin Therese, gestorben 1859 als Gemahlm des Königs Dom Pedro V. von Portugal, Erbprinz Leopold, preußischer Generallieutenant, die unschuldige Ursache oes Krieges von 1870, dann Prinz Karl, der jetzige König von Rumänien, Prinz Anton, gestorben am 5. August 1866 in Folge seiner in der Schlacht von Königgrätz erhaltenen Verwundungen, Prinz Friedrich, Commandeur der dritten Garde-Kavallerie- Brigade, und Prinzeß Maria, Gemahlin des Prinzen Philipp von Belgien, Bruders des Königs der Belgier. — Weit mehr als durch das im Schlosse zu Sigmaringen begangene Familienfest wird jedoch die öffentliche Meinung durch den Tod des Herzogs Wilhelm von Braunschweig in Anspruch genommen, als einem zugleich hochpolitischen Ereignisse. Alle Anzeichen deuten daraus hin, daß die Entwickelung der braunschweigischen Erbfolge-Angelegenheit in durchaus ruhiger und sicherer Weise vor sich gehen wird. Wenige Stunden darauf, nachdem der Letzte der älteren Welfen-Linie in Sibyllenort die Augen für immer geschlossen hat, wird an den Mauern seiner Residenz die Proklamation des Kaisers angeschlagen, welche verkündet, daß Generalmajor Frhr. v. Hilgers als Stellvertreter des Kaisers im Oberbefehl über die in Braunschweig befindlichen Truppen darüber wachen wird, daß der rechtmäßigen Erledigung „der Thronfolge nicht vorgegriffen wird" u. s. w. Bereits am Samstag Mittag folgten die Kundgebungen des Regentschastsrathes für Braunschweig und die Testaments- Eröffnung, während das schlesische Kronlehen des verewigten Herzogs, das Für- ftenthum Oels, um dieselbe Zeit Namens des Kaisers vom Oberpräsidenten der Provinz Schlesien in Person wieder eingezogen worden ist. Für die Weiter- Entwickelung der braunschweigischen Thronfvlgefrage ist hierdurch ein sicherer Boden geschaffen worden und bleibt es nun abzuwarten, in welcher Weise sich die Verhandlungen über diese Angelegenheit abwickeln werden. Wie von unterrichteter Seite versichert wird, sollen der Kaiser von Rußland, der Prinz von Wales und der König von Griechenland ihrem Schwager, dem Herzog von Cumberland, in dringender Form einen Ausgleich und die Anerkennung oes Rechts- zustandes im deutschen Reiche gerathen haben. In Folge dessen habe der Herzog von Cumberland seinen politischen Berather, Hofrath Mäzen, nach Gmunden berufen, um mit ihm über die Lage zu conferiren. — Die Leiche des Herzogs Wilhelm ist am Mittwoch gegen Mitternacht mittelst Extrazuges via Kohlsurt, Falken berg und Zerbst in Braunschweig eingetroffen und soll daselbst die feierliche Beisetzung im Dome kommenden Samstag, Nachmittags 2 Uhr, erfolgen. Vom Regenlschaflsrathe ist angeordnet worden, daß während des Zeitraumes von 16 Tagen, vom 19. October ab gerechnet, alle öffentlichen Musikaufführungen, Lustbarkeiten und Schauspiel-Vorstellungen im Herzogtum zu unterbleiben haben. Die Landesversammlung ist auf den 23. October einberufen.
Die Einberufung des Reichstages soll zum 17. November erfolgen, welcher Tag bekanntlich das Datum der kaiserlichen Botschaft ist.
In der Prager Landstube hat das Czechenthum soeben einen neuen Erfolg davongetragen. In seiner Montags-Sitzung überwies der Landtag den Antrag des Grasen Clam-Martinitz, betr. die Einführung der zweiten Landessprache, also der czechischen, in den Mtttelschulen des Königreichs Böhmen als obligatorischen Lehrgegenstand, nachdem Graf Clam-Martinitz seinen Antrag begründet hatte, dem Schulausschuß zur Vorberathung. An der schließlichen Annahme des Antrages ist somit kaum zu zweifeln und wenn dieselbe jetzt wegen des bevorstehenden Schlusses der Session nicht erfolgt, so dürfte dies doch sicher in der nächsten Session der Fall sein. Es werden somit in den Mittelschulen künftig die Kinder der deutschen Eltern zum Erlernen der czechischen Weltsprache angehalten, eine neue Errungenschaft der czechischen Agitation, über welche mau sich freilich kaum mehr zu wundern braucht, ebensowenig, wie über manches Andere, was unter der Taaffe'schen Versöhnungs-Aera im Reiche der Wenzelskrone passirt. — Im ungarischen Unterhause brachte Ministerpräsident Tisza am Montag den Gesetzentwurf über die Organisation der Magnatentafel als Oberhaus ein und wurde derselbe einem Ausschuß von 21 Mitgliedern überwiesen. ,
Ueber den Stand der Dinge in Ostasien liegen neue Berichte
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Sigmaringen, 22. October. Se. Maj. der Kaiser und Se. K. K. H. der Kronprinz sind heute Mittag 1 Uhr 40 Min., nach herzlicher Verabschtedung von dem Fürsten und der Fürsttn von Hohenzollern, sowie von deren hohen Gästen abgereist. Auf dem Wege zum Bahnhofe bildeten die Schulen und Kttegeroeretne Spalter. Brausende Hochs der zahlreich zusawmengeströmten Bevölkerung geleiteten den Kaiser und den Kronprinzen. „ , t ,, c
Sibyllenort, 22. October. Um l Uhr fand die Einsegnung der Leiche des verstorbenen Herzogs im Vestibüle des Schlosses, woselbst der von Kerzen umgebene Sarg aufgestellt war, statt. Der Hofmarschall v. Bernewitz, der Kammerpräsident d Hantelmann, der gesammte Hofstaat, die Adjutanten, die Schloßbeamten, Deputat'onen der in Oels garnrsonirenden Dragoner und Jäger waren bet der Einsegnung zugegen. Abt Thiele aus Braunschweig hielt eine kurze Ansprache, der ein Gebet folgte. Um li/4 Uhr wurde die Leiche auf einem sechsspännigen Wagen von der gesammten Trauerversammlung unter großer Bctheiligung der Bevölkerung der Umgegend nach dem Bahnhof gel-itet.
— Nach der Ankunft des herzoglichen Trauerzugs auf dem Bahnhof wurde der Sarg von einem Cxtrazuae ausgenommen. B^i der Einstellung des Sarges sprach Abt Thiele ein Gebet und richtete ein letztes Abschtedswoct an die Leidtragenden aus dem Herzogthume Oels. Um 2V2 Uhr verließ der Zug den ^^Berlin, 22. October. Die „Nordd. Allg. Ztg." will heute nicht auf die rechtliche Seite der Frage in der braunschweigischen Thronfolge eingehen, welche der Entscheidung des Bundesraihes unterliegt, sondern auf die politische Seite, welche die gedachte Frage durch das Verhalten der hannoverschen Welsenpartei gewonnen. Die „Norddeutsche" sagt: In politischer Hinsicht dürse man sich nicht über die Gefahren täuschen lassen, welche dem Reiche drohten, wenn ein Anhänger der Welfenpartei als Herzog Braunschweigs souveränes Reichsmitglied würde. Die landesherrlichen Rechte, die er als solches auf einen bestimmten Bezirk ausübt, würde er benutzen, um seinen Hof zum Crystallisations-
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von französischer Seite vor, aus denen man zwischen den Zeilen hervorlesen kann, daß es mit den Operationen der Franzosen noch immer nicht zum Vesten steht. Aus Tongking meldet zwar General Vriöre de l'Jsle, daß in dem Gefecht bei Tuyenquan am 13. d. Mts. die Chinesen mit beträchtlichen Verlusten zurückgeworsen seien, gleichzeitig constatirt aber seine Depesche das Erscheinen großer Massen feindlicher Truppen in der Gegend des Rothen Flusses. Die Chinesen scheinen offenbar in Tongking über eine so beträchtliche Truppenzahl zu verfügen, daß selbst durch die fortgesetzten Erfolge der Franzosen den Chinesen kein erheblicher Abbruch gethan worden ist. Admiral (Sourbet seinerseits meldet aus Formosa, daß das schlechte Wetter die französischen Truppen Daran behindere, in der Umgebung ihrer Stellung Blockhäuser ;u errichten, was jedenfalls nicht für einen raschen Fortgang der Action auf Formosa spricht.
In England erwägt man jetzt ernstlich die Eventualität eines feindlichen Angriffes auf die colonialen Besitzungen Englands. Zwischen den Ministerien des Krieges, der Colonien und für Indien hat über diese Angelegenheit ein Schriftwechsel stattgefunden, welcher auch die Vertheidignng der Colonien berührt. Von dem General-Jnspector der Fortificationen sind hierbei eingehende Vorschläge gemacht worden, in Folge dessen Aden, Trincomalee und Colomda auf Ceylon, Singapore, Hongkong, Sierra Leone, St. Helena, Simons-Bay und Tafel-Bay am Cap der guten Hoffnung, Mauritius, Port Royal auf Jamaika und Port Castries auf St. Lucia befestigt und armirt, resp. verstärkt werden sollen. Die „Times" begrüßt diese Maßregeln zwar mit Genuglhuung, bezeichnet sie aber trotzdem für ungenügend und plaidirt dafür, daß auch Bombay, Calcutta, sowie die Häsen Australiens und Neuseelands befestigt werden.
Die belgischen Liberalen haben bei den am Sonntag stattgesun- denen Communlwahlen ihre Niederlage anläßlich der Deputirtenwahlen wieder wett gemacht. In allen größeren Städten, Mecheln und Brügge ausgenommen, haben die Liberalen gesiegt, in Brüssel und Antwerpen sogar mit beträchtlicher Majorität und ebenso scheinen ihre Candidatenlisten auch in der Mehrzahl der ländlichen Hauptorte durchgedrungen zu sein. Zu den befürchteten Ruhestörungen ist es fast nirgends gekommen, nur in Mecheln fand solche statt, in Folge Deren die Bürgergarde einschreiten mußte, welche 17 Verhaftungen vornahm.
Aus dem Proceß der egyptischen Staatsschuldenkaffe gegen die egyp- tische Regierung wird wohl nicht viel werden. Derselbe ist vorläufig bis zum 17. November vertagt worden, wie es heißt,, in Folge Uebereinkommens der Parteien.
Gegen den Gouverneur des Staates New-Dork, Mr. Cleveland, welcher zugleich der Präsidentschafts'Candidat der demokratischen Partei ist, wurde in Albany von einem Individuum aus persönlichen Gründen ein Attentat verübt. Cleveland blieb indessen unverletzt, der Angreifer wurde sofort verhaftet. Mit der Wahldewegung scheint der Vorgang nichts zu thun zu haben. _______________________________
Darmstadt, 22. October. Se. König!. Hoheit der Großherzog und Ihre Großh. Hoheit Prinzessin Irene, sowie Se. Durch!, und Ihre Großh. Hoheit Prinz und Prinzessin Ludwig von Battenberg trafen gestern Abend 9 Uhr 15 Min. mit Extrazug von Bingerbrück aus hier ein und wurden auf dem Bahnhöfe von Sr. Großh. Hoheit dem Prinzen Alexander und Ihrer Durchlaucht der Prinzessin Battenberg empfangen.
In der Begleitung befanden sich Flügeladjutant v. Herff und die Hofdame der Prinzessin Luise, Marquise of Lome, Lady Sophia Macnamara.
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