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Alr. 223 Mittwoch den 24. September 188L
Amts- und Anzergeblatt für den Kreis Gießen.
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Amtlicher Hlieil.
Bekanntmachung.
Der Verein zur Züchtung und Veredlung der reinen Vogelsberger Rindviehraffe wird Samstag den 27. September L I. zu Lang-Göns eine Anzahl von Prämien im Gefawmtbetrage von 800 Mark, darunter im Einzelnen mehrere aus Staatsmitteln zu je 60 Mark, an Eigenthümer von besonders schönem Vieh der genannten Raffe vertheilen. Diejenigen, welche Prämien von 30 Mark und mehr erhalten, verpflichten sich durch deren Annahme, bem genannten Vereine beizutreten und demgemäß das prämiirte Thier zur Nachzucht zu verwenden. t , . .
Die Preisbewerbung ist an keinen bestimmten Wohnort und keine bestimmte Staatsangehörigkeit gebunden. Die Musterung des Viehs beginnt um 8 Uhr Vormittags auf dem Marktplatze zu Lang-Göns. .
An demselben Tage Nachmittags 2 Uhr findet eine Generalversammlung deS genannten Vereins statt, tit welcher die Rechnung, das Stammregister, Mitgliederverzeichniß rc. vorgelegt und über die fernere Vereinsthätigkeit verhandelt werden soll.
Alle Mitglieder dieses Vereins werden zu der Generalversammlung und alle Eigenthümer von preiswürdigem Vieh Vogelsberger Raffe zu dieser Prämiirung hiermit eingeladen.
Gießen, am 18. September 1884. Der Vereins-Präsident:
R o v e r, Kreisaffeffor.
~ Betreffend: Gang des Dekanatsboten. Lang-Göns, den 23. September 1884.
An sämmtliche Pfarrämter des Dekanats Gießen.
Der Dekanatsbote geht diesmal den 2 9. und 3 0. September.
vr. Strack, Dekan.____________________________ _______________
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Politische Ueberficht.
Gießen, 23. September.
Die Kaisertage von Skierniewice sind nun zwar vorüber, aber ihre ^Nachwirkungen aus die politische Diskussion lasten sich noch immer an den zahlreichen Commentaren erkennen, welche die Preste fortgesetzt dem welthistorischen Ereigniste widmet, das sich in dem kleinen polnischen Landstädtchen abge- spielt hat. Jetzt tritt besonders die Frage nach dem Ergebnisse der Kaiser- Zusammenkunst hervor und da läßt sich schon aus deren äußerlichem Charakter ein Schluß aus das Resultat der Berathungen ziehen, welche im Schlosse von Skierniewice zwischen den drei Kaisern und ihren ersten Ministern gepflogen worden sind. Das Zusammensein der Monarchen war in jeder Beziehung von Anfang bis Ende so herzlich und freundschaftlich, daß sich schon hieraus die volle Üebereinstimmung über die gemeinsamen Ziele ergiebt; nach welcher Richtung hin dieselben aber zu suchen sind, dies geht aus einer Auslastung hervor, die das „Journal de St. Petersbourg" der Monarchen-Entrcvue von Skierniewice widmet. Das hochosficiöse Blatt erklärt, daß an die Stelle der isolirten Action die Grundsätze der Einigkeit, der Versöhnung und der Beruhigung treten, nach welchem fortan alle gegenwärtigen und zukünftigen Fragen behandelt werden sollen. Der Friede sei vollkommen und wirksam gesichert für die beteiligten Mächte wie für das übrige Europa. Eine richtige Würdigung der Thatsachen werde die politische, sociale und öconomische Situation Europas günstig beein- «flussen und die Unsicherheit von heute auf morgen beseitigen. Die Sicherheit beruhe nicht aus abstracten und zufälligen Theorien, sondern aus der praktischen Üebereinstimmung der Interessen, welche eine dauernde Einigung herbeiführen müste. — Das russische Kaiserpaar gedenkt am 23. September von Skierniewice nach seiner Sommer-Residenz Peterhof zurückzukehren.
Seit Donnerstag weilt Kaiser Wilhelm wieder am Rhein, um den Manövern des 7. und 8. Armee-Corps mit beizuwohnen, soweit dies in den getroffenen Dispositionen liegt. An dem genannten Tage gab die Stadt Düsseldorf dem Kaiser ein bis in alle Einzelheiten aus's Höchste gelungenes Fest, welchem der hohe Herr bis zum Schluffe beiwohnte und wofür er dem Landtagsmarschall Fürsten zu Wied und dem Ober-Bürgermeister Becker seinen Dank aussprach. Am Freitag nahm ver Kaiser die Parade über das 7. Armee- CorpS ab.
Der Tag der Reichs tags wähl ist auf den 28. October festgesetzt worden. In der Reichshauptstadt erzeugt die Wahlbewegung schon ziemlich starke Wellen und die Auseinandersetzungen zwischen Conservativen, Fortschrittlern und Socialdemokraten in den öffentlichen Versammlungen nehmen bereits einen recht erregten Charakter an. — Die parlamentarischen Sommer-Ferien sind am ersten für den Bundesrath zu Ende gegangen, welcher am vorigen Donnerstag wieder eine Sitzung abgehalten hat. Aus derselben ist als bemer- kenswerthester Beschluß die Annahme der Anträge Preußens, resp. Hamburgs, hervorzuheben, welche die Verlängerung des über Berlin und Hamburg nebst Umgebung verhängten kleinen Belagerungs-Zustandes bezwecken. Auch der Zusammentritt des preußischen StaatSrathes scheint in naher Zeit bevorzustehen; es heißt, daß Fürst Bismarck die Dispositionen für die Einberufung des StaatSrathes und die demselben zu machenden Vorlagen selbst treffen wird. Nach einer Mittheilung der „Neuen Reichs-Correspondenz" hat der Kronprinz als Vorsitzender des StaatSrathes die Minister aufgefordert, den zum Staatssecretär des StaatSrathes ernannten Herrn v. Möller in Berücksichtigung des Umfanges und der Bedeutung seiner Arbeiten beim Staatsrathe von seinen bisherigen Functionen als Unterstaatssecretär im Handels-Ministerium zu entbinden.
Die Bremer Bürgerschaft hat den Senat ermächtigt, im Bun- desrathe den Antrag aus den Zollanschluß Bremens zu stellen.
Für Oesterreich-Ungarn bedeutet die am Samstag erfolgte Eröff- 'rung der Arlberg-Bahn, welcher auch Kaiser Franz Josef beiwohnte, eine neue Epoche der wirthschaftlichen Entwickelung und wird Oesterreich-Ungarn durch die Arlberg-Bahn, namentlich an den Küsten befc Mittelmeeres, ein neues Absatzgebiet für seine Producte finden. Am Sonntag hat Kaiser Franz Joses dem großh. badischen Paare auf Mainau und dem württembergischen Königs- Paare in Friedrichshafen den projectirten Besuch abgestattet. Vor seiner Abreise nach Tyrol stattete der Kaiser den zur Zeit wieder in Wien weilenden griechischen Majestäten einen längeren Besuch ab; auch der Minister des Auswärtigen, Graf Kalnoky, wurde am Freitag vom König von Griechenland em- sangen und verweilte beinahe eine Stunde bei demselben, welche Thatsache in den Wiener politischen Kreisen sehr bemerkt wird.
Die französisch-chinesische Streit-Asfaire scheint allmälig in das Stadium der Versumpfung zu treten. Wenigstens hört man schon seit längerer Zeit nichts mehr von nennenswerthen Actionen auf dem chinesischen „Kriegsschauplätze" und allerdings sind solche vor Ankunft der dem Admiral Courbet zugesandten Verstärkungen kaum zu erwarten. Was die jüngst gemeldete GesechtS-Affaire am Kinpai-Paffe anbelangt, so reducirt sich dieselbe auf die Beschießung eines französischen Kriegsschiffes durch chinesische Strandbatterien. Inzwischen tauchen Gerüchte auf, daß eine Vermittelung zwischen Frankreich und China im Werke sei, und zwar wird Deutschland als diejenige Macht bezeichnet, welche in Peking anscheinend nicht ohne Erfolg dahin wirke, die dortigen Staatsmänner einer friedlichen Verständigung mit Frankreich geneigter zu machen. Inwieweit diese Gerüchte den thatsächlichen Verhältnissen entsprechen, muß vorläufig abgewartet werden.
Aus Italien liegen nur die stereotypen Choleraberichte vor, welche leider erkennen lassen, daß die furchtbare Seuche nur wenig abgenommen hat. Speciell in Neapel sterben täglich 200 bis 300 Menschen an der Cholera und auch in Rom scheint dieselbe nunmehr ihren Einzug gehalten zu haben, da aus dieser Stadt mehrere „choleraverdächtige" Fälle gemeldet werden. Glücklicher Weise hat die mehrtägige Anwesenheit König Humberts in Neapel den tief gesunkenen Muth der dortigen Bevölkerung wieder gehoben und hat außerdem das opsermuthige Verhalten des Königs noch zur Folge gehabt, daß hierdurch dem dynastischen Gefühl des italienischen Volkes ein mächtrger Aufschwung verliehen worden ist, wovon fast jeder Tag neue Beweise bringt.
Die egyptische Finanz-Misere ist jetzt an einem Punkte angelangt, welcher die Ergreifung außerordentlicher Maßregeln zu einer zwingenden Noth- wendigkeit macht. Eine solche Maßregel stellt der Beschluß des egyptischen Ministerraths dar, die für die öffentliche Schuld bestimmten Einkünfte nicht mehr an die Staatsschuldenkaffe, sondern an das Finanzministerium abzuführen. Ebenso sollen die Einkünfte aus den Verwaltungen der Eisenbahnen, Telegraphen, Zölle und der Hafengebühren Alexandriens dem Finanzministerium überwiesen werden. In den Kreisen der Inhaber egyptischer Bonds herrscht über diese Beschlüsse große Verstimmung.
Aeutschlaud.
Darrnstadt, 21. September. Das Grobherzogliche Regierungsblatt
Nr. 29 enthält: L
Gesetz, die Erbschasts- und Schenkungssteuer betreffend.


