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Donnerstag den 24 Juli
1884
icßciicr Anzeiger
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
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Politische Ueberficht.
Gießen, 23. Juli.
Die Begegnung zwischen Kaiser Wilhelm und Kaiser Franz Josef soll nun doch in Ischl, und nicht in Gastein, stattfinden. Im Plane des österreichischen Herrschers lag es allerdings, seinem kaiserlichen Freunde einen Besuch in Gastein abzustatten, um ihm die beschwerliche Tour von letzterem Orte nach Ischl zu ersparen. Es wird aber nun aus Gastein berichtet, daß Kaiser Wilhelm an das Hoflager in Ischl hat mittheilen lassen, daß er die freundlichen Jntensionen der kaiserlichen Familie herzlich anerkenne, daß er indessen vorziehe, in schon gewohnter Weise seinen Besuch in Ischl zu machen. In Folge dieser veränderten Dispofitionen läßt sich auch über den Tag der Entrevue nichts Genaues sagen und hängt übrigens der Tag der Abreise Kaiser Wilhelms von Gastein vom Gutachten der kaiserlichen Leibärzte und dem Erfolge der Kur ab.
Das achte deutsche Bundesschießen in Leipzig hat mit dem am Sonntag stattgesundenen Festzuge seinen eigentlichen Anfang genommen. Derselbe bot von Beginn bis Ende ein überaus glänzendes Bild dar, sowohl seiner Totalität nach als auch was die einzelnen Gruppen anbelangt und behaupten Solche, welche die Festzüge früherer Bundesschießen gesehen haben, daß der Leipziger Festzug mit seinem Glanze die der früheren Feststädte sämmtlich überstrahle. In der That boten die einzelnen Abtheilunaen desselben, namentlich die Gruppen der Saxonia, der Germania, der Lipfia, der Flora und auch die Gruppe 7, darstellend die Jagd aus der Zeit des 13. Jahrhunderts, dem Auge ein überaus fesselndes Schauspiel. Mit brausenden, nicht enden wollenden Hoch- und Hurrahrufen wurden die Theilnehmer des Zuges Seitens des nach Tausenden zählenden Publikums begrüßt, mit besonderen Sympathie-Bezeugungen förmlich überschüttet wurden hierbei die Schützen aus Oesterreich-Ungarn und aus Bayern und ebenso hatten fich die Vertreter aus Metz und Straßburg der herzlichsten Begrüßungen der Menge zu erfreuen. Glanzpunkte während des Festzuges, der im Vorüberschreiten über eine Stunde dauerte, waren die Ovationen, welche König Albert, der vom Balcon seines Hauses in der Göthestraße den Zug, in Augenschein nahm, von den Schützen dargebracht wurden, sowie die aus ^dem schönen Augustusplatze sich vollziehende Uebergabe des Bundes- Banners vom bisherigen Vorort München an die Stadt Leipzig. An den Festzug reihte fich das große Banket in der Festhalle, an welchem ca. 3000 Personen theilnahmen und das ebenfalls in glänzendster Weise verlies. Hervorheben wollen wir aus demselben die Festansprache des zweiten Bürgermeisters der Stadt Leipzig, Dr. Trentlin's, des Vorfitzenden des Central-Festausschusses. Herr Trentlin sührte aus, daß das erste Princip der Kunst des deutschen Schützen die Pflege der deutschen Wehrhaftigkeit sei; dies bilde aber nicht den ausschließlichen Zweck ihres Zusammenseins, sondern die Hauptsache bestehe darin, daß man ein nationales, ein patriotisches, nicht aber ein politisches Fest feiere. Das deutsche Volk habe sich eigenartig entwickelt, aber dafür habe es immer Sinn gehabt, daß seine verschiedenen Stämme sich vereinen zu brüderlicher That und in diesem Sinne wolle man auch das gegenwärtige Fest begehen. Mit einem herzlichen „Willkommen" an die deutschen Schützen schloß Dr. Trentlin seine mit lebhaftem Beifall aufgenommene Rede.
Die Oesterreicher scheinen trotz aller aus Rom kommenden osficiellen Friedensversicherungen den Jtalianissimi nicht zu trauen. Dafür sprechen die in neuester Zeit von der österreichischen Militärverwaltung zur Sicherung der Tyroler Grenze gegen Italien hin begonnenen Festungsbauten. Solche werden sowohl in dem durch seine Schönheit berühmten Ampezzaner Thale als auch im Sexten-Thale vorgenommen und außerdem ist neuerlich auch die am Eingänge des Eisack-Thales in das Puster-Thal liegende Franzensseste wesentlich verstärkt worden. Alle diese Verbarricadirungen und Verschanzungen gegen die italienische Grenze hin, 'zu denen sich die österreichische Negierung veranlaßt sieht, geben.gerade nicht von einer vertrauensvollen Stimmung derselben gegen das Nachbarland Zeugniß.
Aus Paris werden ofsiciell drei Cholerafälle, darunter zwei mit tödtlichem Ausgange, gemeldet, doch wird hinzugesügt, daß dieselben keineswegs einen epidemischen Charakter tragen. Ferner werden auch aus Nimes, Arles und den Departements der Nieder-Alpen Cholera-Todesfälle gemeldet, woraus erhellt, daß die Seuche im südlichen Frankreich nun doch ihren ursprünglichen Rayon überschritten hat. In Toulon und Marseille scheint der Zustand stationär zu sein. Nach den Berichten der von ihrer Reise nach Toulon und Marseille in Paris wieder eingetroffenen Minister, welche sie in einem am Samstag unter dem Vorsitze Ferry's abgehaltenen Ministerrathe erstatteten, ist das Elend in den letztgenannten Städten gewaltig und würden die von den Kammern votirten zwei Millionen zur Linderung der Roth nicht hinreichen. In Folge der Gutachten der Academie de Mödecine ist die Polizeiverordnung über die Ausräucherung der Reisenden an den Pariser Bahnhöfen wieder aufgehoben worden. Der Kriegsminister beabsichtigt, die diesjährigen großen Manöver des 15., 16. und 17. Armee-Corps Angesichts der Choleragefahr abzubestellen.
Die Aussichten der Londoner Conferenz sind durch den Widerspruch der finanziellen Beiräthe gegen den Antrag Englands auf Reduction der ägyptischen Grundsteuer und der Zinsen der egyptischen Schuld keine besseren geworden. Es ist kaum anzunehmen, daß England seinen Antrag fallen lassen sollte und diese Differenzen müssen dann nothgedrungen den Fortgang der Con- jerenz-Verhandlungen lähmen und dieselben schließlich zum Abbruch bringen. >
Seit längerer Zeit schon wurden in schweizerischen Blättern lebhafte Klagen laut wegen der Belästigungen des italienisch-schweizerischen Grenzverkehres durch übermäßig rigoroses Auftreten der italienischen Zollbeamten. Italien antwortete hierauf mit Beschwerden über die laxe Grenz-Controle der Schweizer Behörden gegenüber dem Schmuggelwesen, während die Schweiz ihrerseits wiederum Klage darüber führt, daß die italienischen Zollbeamten bei Verfolgung von Schmugglern wiederholt schweizerisches Gebiet betreten hatten. Dabei behauptet die Schweiz, Italiens Absperrungs-Taktik an der eidgenössischen Grenze nehme die Cholera nur zum Vorwande, fei aber in Wirklichkeit nur ein Manöver zollpolitischer Tendenz, daraus berechnet, die Schweiz mürbe zu machen, damit sie sich den italienischen Wünschen bezüglich Abschlusses eines Zollkartells gefügiger erweise. Wie dem auch sein möge, der Berner Bundesrath hat die Sache ernst genug aufgesaßt, um den auf Urlaub von seinem Posten abwesenden Gesandten der Schweiz in Rom, Bavier, zur Rückkehr nach Rom zu veranlassen und ihm eine scharfe Note mitzugeben. Herr Lavier dürste indessen in Rom keinen ganz leichten Stand haben, da die Mittel, deren er sich zur Erreichung seiner Zwecke bedienen kann, wesentlich moralischer Natur sind und Alles davon abhängt, ob sich oas römische Cabinet den Darstellungen Ba- vier's zugängig erweisen will oder nicht.
Auch die Regierung der Vereinigten Staaten von Nord- Amerika hat strenge Maßregeln gegen die Einschleppung der Cholera angeordnet. Regierungsschiffe werden an der Küste einen Cordon bilden, um das Landen von aus fremden Ländern kommenden Schiffen, welche nicht mit einem reinen Patente versehen sind, zu verhindern. Der Präsident Arthur hat eine Proklamation erlassen, in welcher er eine strenge und wachsame Quarantäne empfiehlt.-
Deutschland.
Bayreuth, 21. Juli. Die erste der diesjährigen Parsifal-Aufführungen fand bei vollständig besetztem Hause statt. Die Aufführung unter Levi's Leitung war eine vorzügliche und die Ausnahme Seitens des Publikums eine begeisterte. Von den Darstellern traten hervor: Franz Materna und die Herren Winkelmann, Scaria, Fuchs und Reichmann. Unter den Besuchern befanden sich die Königin von Griechenland, die Herzogin Vera von Württemberg, Prinz Alexander von Hessen, Fürst Hohenlohe-Langenburg, Minister Puttkamer und viele andere Notabilitäten, zahlreiche Künstler und Schriftsteller.
England.
Londsn, 21. Juli. Die „Times" meldet aus Shanghai von heute, die China zur Beantwortung der französischen Note gesetzte 8tägtge Frist sei um 5 Tage verlängert worden, in der Erwartung, daß bis dahin der Abschluß der Verhandlungen zwischen dem Vicekönig von Nanking und dem französischen Gesandten Patrenotre erfolge.^ ^9beparl fonb heute eine große Kundgebung für die Wahlreformbill und gegen deren Ablehnung durch das Oberhaus statt. Der aus Delegtrten b« oer» schtedenen Gewerbe mit ihren Fahnen und Emblemen, sowie Mitgliedern politischer Vereine und Deputationen ländlicher Arbeiter bestehende Zug bildete sich am Themsequai und begab sich von da nach dem Hydepark, wo 7 Meetings abgehalten wurden, bei denen ParlamentSdeputtrte den Vorsitz führten. Es wurden Resolutionen angenommen, in welchen eine Herbstsession des Parlaments zur abermaligen Berathung der Wahlreformbtll anempfohlen und daS Verhalten deS Oberhauses gemißbilltgt wird, dessen Macht, den Willen des Volkes zu hemmen, nichts beitrage Mr Wohlfahrt der Nation. Die Zahl der Theilnehmer an der Kundgebung wird auf 50,000—70,WU geschätzt. ES herrschte die größte Ordnung; d?e Manifestation war vorzüglich organisirt, ermangelte aber desjenigen GradeS von Enthusiasmus, den man erwartet hatte.__
Telegraphische Depeschen.
Wolff'- Ulest» «orrefpoNderrr-Vurea«.
Bad Gastein, 22. Juli. Se. Maj. der Kaiser unternahm gestern Abend wiederum eine Spazierfahrt. Heute früh nahm Allerhöchstderselbe ein Bad und machte sodann trotz des Regens eine Promenade. Zur kaiserlichen Tafel sind heute geladen Graf Szechenyi, Graf Emanuel Zychy und der ungarische Finanzminister Graf Szapary.
Konstanz, 22. Juli. Ihre Maj. die Kaiserm traf heute früh gegen 5 Uhr aus der Station Reichenau ein und begab sich von dort zu Wagen nach
Königsberg, 22. Juli. Der 100jährige Geburtstag Besiel'S wird heute hier Inder feierlichsten Weise begangen. Am frühen Morgen wurden Befiel s Denkmal vor der Sternwarte und sein Grab von einer Deputation seiner Verehrer, vom preußischen geodätischen Institut, von seiner Familie und Privatpersonen mit zahlreichen Lorbeer- und Blumenkränzen geschmückt Um 10^Uhr Vormittags empfingi die 90jährige Wittwe deS Gefeiert n die Gratulanten. Von der internationalen astronomischen Gesellschaft und dem geodätischen Institut waren Adressen eingegangen. Bet dem um 11 Uhr in der Aula der Universität veranstalteten Festakthielt Professor Luther, ein Schüler Befiel's, die Festrede. Für den Abend hat die Studentenschaft zwei große ^mmerse^vo^reit t berei|§ am letzten Sonntag gegen die ^^armee Demonstrationen stattgefunden hatten, bei welchen sich gegen 200 Personen wurde gestern das Versammlungslocal der Salutisten demolirt. Zur Verhinderung weiterer Ausschreitungen wurde eine Compagnie Infanterie oufgeboten.
Paris, 22. Juli. (Telegramm der „Agence Havas. ) Der Consen Präsident Ferry hat dem Ministerrath mitgetheilt, die Verhandlungen nut China nähmen einen guten Verlaus, der chinesische Tsungli-Iamen von Nanking beauftragt, die schwebenden Fragen, namentlich die Entschädig g - frage, mit dem Gesandten Patrenotte zu regeln. Eine baldige Losung der Ange


