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Str. 196. Samstag den 23. August 1881

Gießener Anzeiger

Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.

B»re««r Schulstraße 7.

Erscheint tLgttch mit Ausnahme de« Montag».

Preis vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Brinqerlohn.

Durch die Poft bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pi.

Amtlicher T h ei l.

Betreffend: Die Bestellung der Feuervisitatoren für den Kreis Gießen. Gießen, am 20. August 1884.

Das Großherzogliche Kreisamt Gießen

an die Großherzoglichen Bürgermeistereien Allendorf a. d. Lahn, Garbenteich, Groß-Linden, Gröningen, Hansen, Heuchelheim, Holzheim, Klein-Linden, Lang« Gon», Leihgestern, Lollar, Rutter-haufen mit Kirchberg, Staufenberg und Watzenborn mit Steinberg.

In Folge der freiwilligen Amtsniederlegung des Feuervisitators Seuling haben wir für die Gemeinden Lollar, Ruttershausen und Staufenberg den Bezirksbauauffeher Seußfelder und für die übrigen vorstehend genannten Gemeinden den Bezirksbauaufseher Rohrer zum Feuer- »isitator ernannt.

________________Dr. Boekmann.__ Bekanntmachung.

Donnerstag den 28. I. M., Nachmittags l*/2 Uhr, findet eine Generalversammlung des landwirthschaftlichen Bezirt's- vereins Gießen zu Grünberg in dem Wagner'schen Gartensaale statt, wozu alle Mitglieder des Vereins und Freunde der Landwirthschaft hiermit freundlichst eingeladen werden.

Tagesordnung:

1) Vortrag über die Frage:Welche Bedeutung haben Molkereigenossenschaften für den kleinen Mann?", von Gutsbesitzer Schlencke vom Hardthose;

2) Verhandlung über die Hebung der Obstbaumzucht im Kreise, insbesondere durch Anstellung von Wanderbaumgärtnern, und wegen gemein­schaftlichen Bezugs von Obstbäumen;

3) Weitere Besprechung der Frage wegen Abschaffung des Doppeljoch» unter Vorzeigung von ein Paar würtembergischen Halbjochen zur Bespannung für Zugochsen mit dem dazu gehörigen Riemwerk nebst Zugsträngen;

4) Fortsetzung der Berathung wegen Errichtung eines Saatenmarktes in Grünberg;

5) Wahl von zwei neuen Mitgliedern zum Vereins-Ausschuffe;

6) Geschäftliche Mittbeilungen.

Gießen, den 22. August 1884, Der Director des landwirthschaftlichen Bezirksvereins Gießen.

Nover, Kreisasseffor.

Politische Ueberficht.

Gießen, 22. August.

Die Varziner Minister-Zusammenkunst, welche in den letzten Tagen die politische Situation vollständig beherrschte, macht sich nunmehr in der Tages-Diskussion wieder weniger bemerklich, obwohl dieser Umstand ihre Bedeu- tuna natürlich nicht im Geringsten abzuschwächen vermag. Die Entrevue zwi­schen dem deutschen Reichskanzler und dem Leiter der auswärtigen Angelegen­heiten Oesterreich-Ungarns ist indessen zur Zeit so erschöpfend nach allen Seiten hin commentirt und es ist an ihr so viel herumgedeutelt worden, daß jetzt in der That weüer nichts übrig bleibt, als'abzuwarten, wieweit alle diese Commentare und Complicationen der Wirklichkeit entsprechen. An Stelle der Varziner Minister-Besprechungen tritt jetzt die signalisirte Zusammenkunft zwischen Kaiser Wilhelm und Kaiser Alexander immer mehr hervor und da von den Berliner Hoskreisen aus den hierüber in Umlauf befindlichen Gerüchten gerade nicht direct widersprochen wird, so scheint doch etwas Wahres an der Sache zu sein. Auch bringt man die veränderten Dispositionen bezüglich der bevorstehenden Kaiser-Manöver am Rhein mit der projectirten Monarchen- Begegnung in Verbindung. Dieselben sollten bekanntlich schon vor dem 15. Sep­tember ihren Anfang nehmen, dieKöln. Ztg." weiß aber nun zu berichten, daß die Feldmanöver des 7. und des 8. Corps gegen einander erst am 15. Sep­tember beginnen und am 17. September endigen würden. Am 19. September würde die Parade des 7. Corps vor dem Kaiser, am 20. September Corps- Manöver des 7. Corps vor dem Kaiser und am 23. September, dem Schlußtage, Corps-Manöver des 8. Corps stattfinden. Das Parade- und Manöver-Terrain bleibt dasselbe, wie es in den ursprünglichen Befehlen angeordnet war. In unterrichteten Kreisen" will man sogar wissen, daß die Kaiserparade des 7. Corps bei Wevelinghoven, die für den 15. September angesetzt war, nicht stattfinden könne, weil um die genannte Zeit eine Kaiser-Begegnung an der russischen Grenze beabsichtigt sei, während es anderseits wieder heißt, daß diese Begegnung aus deutschem Boden und erst Ende September erfolgen werde. Nun, es kann schließlich gleichgültig sein, wo und wann sich der deutsche Kaiser und der Selbstherrscher aller Reußen begrüßen, die Hauptsache bleibt immer, daß dies geschieht und wird dann die Zusammenkunft zwischen Kaiser Wilhelm und Kaiser Alexander III. wohl am besten Zeugniß von den freundschaftlichen Beziehungen ablegen, welche das deutsche Reich auch mit feinem mächtigen Nach­barstaate im Osten verbinden.

Die Reichsregierung hat das aus dem Saargebiet an sie gerichtete Ersuchen, einen Reichscommissar für die im nächsten Jahre zu Ant­werpen stattfindende Ausstellung zu ernennen, abschlägig beschieden. Der ab­lehnende Bescheid soll mit dem Hinweis aus den lediglich privaten Charakter des Unternehmens motivirt sein- Die von Deutschland gegen Norwegen ergriffenen Bestimmungen auf dem Gebiete der sanitären Control-Maßregeln stellen jich als eine bloße Repressalie gegenüber der norwegischen Regierung heraus. Letztere hat neben den Häfen verschiedener anderer Staaten auch die deutschen Nordsee-Häfen als verseucht erklärt und gegen die aus den betr. Häsen kommenden Schiffe Quarantäne-Maßregeln angeordnet; hoffentlich lenkt man aus beiden Seiten bald wieder ein.

Die Londoner Conferenz ist kaum gescheitert und schon verlautet wieder von einer Conferenz der Großmächte. Gegenstand derselben soll diesmal die Congofrage sein und heißt es, daß Deutschland demnächst die Einladun­gen erlassen und aus der Conferenz den Vorsitz führen werde. Man erwartet von der Conferenz die Ausstellung neuer wichtiger völkerrechtlicher Grundsätze, namentlich was Staaten-Neubildungen durch private Annexion, oder Erwerb wllder Staatsgebiete durch Private oder durch civilisirte Staaten anbelangt. Es dürfte da wohl auch die Angra-Pequena-Frage hineinspielen.

Im österreichischen Kaiserstaate macht die slavische Verbrüderung recht erbauliche Fortschritte. Nachdem erst vor Kurzem die Czechen ihre slam- schen Brüder aus Croatien in Prag empfangen haben, haben sie sich jetzt selbst bei den Polen zu Gast gebeten. Am vergangenen Samstag und die nächstfol­genden Tage sand in der alten polnischen Königsstadt ein großes Verbrüde­rungsfest der zugereisten 1500 Czechen aus Böhmen und Mähren mit den edlen Polen statt. Es wurden hierbei begeisterte Reden aus die Ziele der nationalen Arbeit, national selbstverständlich in czecho-polnischem Sinne, gehalten, während von dem Gesammtreich Oesterreich mit keiner Sylbe die Rede war. Diesem Treiben gegenüber ist es nur erfreulich, daß gerade jetzt von deutscher Seite eine ebenso imposante wie würdige Kundgebung erfolgt. Als eine solche stellt sich das Nationalsest dar, welches die siebenbürger Sachsen zur Erinnerung an die vor 700 Jahren erfolgte Einwanderung ihrer Vorfahren in Siebenbürgen gegenwärtig feiern und welches seinen Abschluß erst am 27. August findet. An der Mannhaftigkeit, mit welcher sich die siebenbürger Sachsen aus ihrem schier verlorenen Posten gegen die immer ungestümer herandrängende magyarische Hochfluth wehren, können sich ihre Brüder in Cisleithanien ein mahnendes Bei­spiel nehmen.

Der französisch.chinesische Conflict hat schon so seltsame Wand­lungen durchgemacht, daß man kaum mehr richtig weiß, wie diese Affaire eigentlich steht. Nachdem kaum erst die bekannten kriegerischen Meldungen der Times" von französischer wie von englischer Seite dementirt worden sind, bringt das Cityblatt weitere allarmirende Nachrichten aus China, welche be­sagen, daß Li -Hung- Chang, welcher die Unterhandlungen mit den französischen Bevollmächtigten in Shanghai führte, mittelst kaiserlichen Edictes angewiesen worden sei, von dort nach Nanking zurückzukehren, und daß 5000 Mann chine­sischer Truppen vom Süden nach dem von den Franzosen bombardirten Keelung marschirten. Diesmal scheinen aber die Meldungen derTimes" aus Thatsachen zu beruhen, denn auch ein Telegramm derAgence Havas" berichtet, daß die chinesischen Unterhändler nebst dem Zolldirettor Robert Hort Shanghai ver­lassen hätten. Dasselbe meldet auch dasReuter'jche Bureau", mit dem Hinzu­fügen, eine größere Anzahl von Mitgliedern des chinesischen Censoramtes habe sich in einer Eingabe an die Kaiserin gegen die Bewilligung der Forderungen Frankreichs und in kriegerischem Sinne ausgesprochen. Diese Nachrichten wür­den allerdings den Abbruch der französisch-chinesischen Unterhandlungen in ecla- tanter Weise demonstriren.

Die Nachricht, daß der persische Gesandte Mirza Agha Khan in Petersburg eingetroffen ist, wird von den Blättern ziemlich unbe­achtet gelassen. Und doch muß der Mission Mirza's eine gewisse Bedeutung beigemeffen werden, da ihr die Regulirung der russisch-persischen Grenze