srr. 169,
Mittwoch den 23. Juli
18841
ießener Anzeiger
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
Erscheint täglich mit Ausnahme des Montags.
hat. Der Artikel tn ungefähr:
„Herr Rietsch, bte von Herrn Koch machten Aeußerungen
Professor an der medicinischen Lehranstalt in Marseille, welcher In der Versammlung der Aerzte im Hospital zu Pharo ge- übersetzte, hat uns eine zusammenhängende Darstellung dieser
Preis vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringerlohn.
Durch die Poft bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf.
Aegypten.
Kairo, 20. Juli. Der Mudir von Dongola meldet, er habe ein Schreiben des Generals Gordon vom 22. Juni erhalten, in welchem derselbe berichtet, daß Khartum und Sennaar unbeschädigt seien. Gordon, welcher noch über eine Truppen-Abtheilung von 800 Mann verfügte, habe Verstärkungen verlangt.
Kerrtschland.
Darmstadt, 21. Juli. Se. König!. Hoheit der Grobherzog werden neuerer Entschließung zufolge erst Mittwoch den 23. ds., Vormittags, hier eintreffen und im Neuen Palais Vorträge entgegen nehmen. Im Laufe des Nachmittags wird die Grobherzogliche Familie sich nach dem Jagdschloß Wolss- garten begeben. Meldungen werden Se. Königl. Hoheit erst am nächsten Samstag entgegen nehmen.
Darmstadt, 19. Juli. Wegen des Ablebens Sr. Königl. Hoheit des Prinzen von Oranien, Kronprinzen der Niederlande, ist auf Allerhöchsten Befehl eine Hoftrauer bis zum 27. d. Mts. einschließlich angeordnet worden.
Amerika.
New-Uork, 20. Juli. Ein Extrazug der Connoton-Valley-Bahn entgleiste gestern Abend bei Canton (Ohio); der Zug stürzte den Eisenbahndamm hinab in ein 3 Fuß tiefes Wasser. 25 Personen wurden verletzt, 12 andere werden noch vermißt, man befürchtet, daß dieselben bei dem Unfall um's Leben gekommen find. _____________________________________________
stand. Nachher kann man die Wohnung wieder benutzen. Außerdem müssen wir Allem, was wir essen und trinken, die größte Aufmerksamkeit schenken. Alles, was gekocht ist, kann den Mikroben nicht enthalten, weil derselbe bei 100° C. stirbt. Auch darf man nur gekochtes Master trinken. Des Weiteren darf man nicht außer Acht lasten, daß Gläser, Schüsseln und Kochgeschirre gleichfalls die Ansteckung durch Cholera vermitteln können, wenn man sie in einem verunreinigten Wasser spült. UebrigenS können wir uns schützen, wenn wir dafür Sorge tragen, daß solche Gefäße vor dem Gebrauch mehrere Stunden trocken waren. Besser wäre eS noch, nur gekochtes Master zum Spülen anzuwenden. Wahrscheinlich enthält das Bier keine Mikroben, immerhin kann auch hier eine Ansteckung stattfiuden, wenn das zum Waschen der Gläser benützte Wasser unrein war. Häufig ist auch die Milch ein Mittel zur Verbreitung und sollte man nickt zögern, die in dieser Hinsicht verdächtigen Molkereien zu schließen. Vor allen Dingen sind die WirthschastSwasser und die Waschwasser verdächtig, welche zum Reinigen vorher nicht völlig getrockneter Wäsche benutzt worden sind.
Diejenigen, welche mit den Cholerakranken in Berührung kommen, vor allen Dingen die Aerzte, müssen sich häufig, besonders aber vor dem Einnehmen der Mahlzeiten, mit nicht öciunrdnißtcm Master, besser noch mit einer Sublimatlösung (von 1 : 1000) waschen. Herr Koch sagt, daß er nie andere Vorsichtsmaßregeln in Egypten, Indien und Toulon eingehalten habe als diese Sublimatwaschungen und die strengste Ueberwachung aller Nahrungsmittel unter Ausschluß aller derjenigen, die verdächtig sein könnten. Thatsächltch hat Herr Koch kein anderes als Mineralwasser getrunken. Hinsichtlich der Behandlung wird für den Beginn der Krankheit da8 Opium ange- rathen, welches sofort wegzulassen ist, wenn CollapSerscheinungen sich zeigen. Im letzteren Falle solle man nur noch Exitantia benutzen, von welchen das Ammoniak eines der wirksamsten ist. Das Zinkchlorid hält Herr Koch als DeSinfectionSmtttel für wenig werth.
Die in den Straßen brennenden Feuer haben keinen Nutzen und daS zu ihrer Unterhaltung nothwendige Geld könnte besser in anderer Meise gebraucht werden. Endlich hält Herr Koch auch die auf den Bahnhöfen und an andern Stellen vorgenommene DeSlnfecston der Reisenden und Magen für völlig ungenügend Nach seiner Ansicht hat ein solches Verfahren den Nachiheil, daß es ein trügerisches Gefühl der Sicherheit gibt und häufig die Veranlestung ist, andere wichtige Vorsichtsmaßregeln außer Acht zu lasten. Von diesem Gesichtspunkte auS wäre, es bester, dieselben zu unterdrücken. Es liegt den städtischen Behörden, besonders unterstützt von dem ärztlichen Personal, ob, energische und schnelle Maßregeln zu ergreifen. Sind dieselben auch theuer, so handelt eS sich doch um Tausende von Existenzen. Denn eine Verlängerung deS gegenwärtigen Zustandes ist der Ruin von Marseille und der Verlust seines Handels."
TeirgraphWe Deyeschm.
Wolff'» ieUfir. Tsri!«?pond«m-Bur«r«.
Koblenz, 21. Juli. Ihre Maj. die Kaiserin ist heute Abend 6 Uhr 40 Min. mittelst Extrazuges nach der Insel Mainau abgereist.
Wiesbaden, 21. Juli. Die Königin von Griechenland hat sich gestern nach Bayreuth begeben. Der König von Griechenland ist mit seinen Söhnen heute früh nach Berlin abgereist, um sich von Da zum Besuch des Großherzogs und der Großherzogin von Mecklenburg nach Schwerin zu begeben.
Bonn, 21. Juli. Der „Bonner Ztg." zufolge ist an Stelle des verstorbenen Ober-Consistorialralhs Professor Lange der außerordentliche Profeffor Dr. Lemme zu Breslau als ordentlicher Professor der Dogmatik in der evangelisch-theologischen Fakultät der hiesigen Universität ernannt worden.
Frankfurt a. M., 21. Juli. Heule Vormittag 9 Uhr begannen im hiesigen Saalbau die Verhandlungen des Handwerkertages, wozu etwa 200 Teilnehmer erschienen waren. Schweppenhauer (Frankfurts begrüßte im Namen des Lokal-Comitös die Versammlung und Kraemer (Köln) bewillkommnete als Vor- sitzender Den anwesenden Polizeipräsidenten Hergenhahn, worauf dieser ein drei- faches Hoch auf Se. Maj. den Kaiser ausbrachte, in welches die Versammlung begeistert einstimmte. ,
Freienwalde a. ©., 21. Juli. Se. K. K. Hoheit der Kronprinz und Se. K. Hoheit der Prinz Heinrich trajen, von dem Oberpräsidenten Dr. Achenbach und dem Regierungspräsidenten v. Reefe begleitet, heute Vormittag ll3/, Uhr hier ein, um der 200jährigen Gedenkfeier der Eröffnung des diesigen Gesundbrunnens beizuwohnen und wurden von den Behörden auf dem Bahnhofe, wo die Veteranen- und Kriegervereine Aufstellung genommen hatten, festlich begrüßt. Se. K. K. Hoheit der Kronprinz und Se. K. Hoheit der Prinz Heinrich begaben sich darauf zu Wagen nach dem Königl. Schloß und ließen von dort aus den Festzug an sich vorüberziehen, der außerordentlich glänzend verlief. Später fanden allegorische Darstellungen im Kurgarten statt, denen die Allerhöchsten Herrschaften ebenfalls beiwohnten- Nach eingenommenem Dsjeuner traten Se. K. K. Hoheit der Kronprinz und Se. K. Hoheit der Prinz Heinrich um 2Vt Uhr die Rückreise nach Potsdam an. ,
Berlin, 21. Juli. Die „Nordd. Allg. Ztg." sagt gegenüber den Bemerkungen der bKmlsr. Ztg." in Betreff des bekanntenB »fR ihr der .Bad. Corr.- entnommenen
Bureau r Schulstraße 7.
Berlin, 18. Juli. Die „Berl. Polit. Nachr." schreiben: Wir waren neulich schon in der Lage, kurz mitthellen zu können, daß die tn einigen Zeitungen enthalten gewesenen Nachrichten über Aeußerungen deS Geh. Rath Dr. Koch unrichtig wieder- gegeben waren. Wtr sind heute tn den Stand gesetzt, auS einem französischen Blatte, dem in Marseille erscheinenden »Le petit Provenyal“ vorn 13. Juli er., dasjenige annähernd wiederzugeden, waS Koch dort in einer ärztlichen Versammlung gesagt * ~ - dem genannten französischen Blatte lautet in der Uebersetzung
Conferenz mttgetheilt.
Dte Cholera wird durch einen Mikroben verursacht, der sich im Darmkanal und zwar nur im Darmkanal entwickelt- Damit Jemand die Cholera bekommt, ist eS noth- wendtg, daß solche Mikroben lebend in die Verdauungsorgane gelangen, indem sie den Magen passiren, dessen Säure ihnen schädlich ist. Jede Magenstörung begünstigt deß- hald die Entstehung der Cholera
Ja Marseille stehen die Aborte vielfach mit den Rinnsteinen in Verbindung. Die Wtrthschaftswäffer münden in dieselben Gossen. Alles, waS auf diese Meise aus einem Cholerahause kommt, verbreitet das Gift durch die Straßen bis in den Hafen. Die Abflüsse auS den Cloaken der Stadt verunreinigen durch ihr Einmündea tn den Hafen diesen letzteren gleichfalls. Die in diesem gefahrdrohenden Hafen beschäftigten Personen sind der Cholerainsectwn besonders ausgesetzt*). Auch die Dejectionen dieser neuen Fälle von Choleraerkrankungen müssen nachher denselben Weg zurücklegen. Durch diesen verhängnißvollen Kreislauf werden immer beträchtlichere Mengen von Einwohnern in Mitleidenschaft gezogen. ES ist nothwendig, einen Ring dieser Kette zu zerbrechen. Dieses könnte z. B. dadurch geschehen, daß alle unreinen Wässer auf eine große Entfernung in'S Meer abgeleitet werden.
Da dies eine längere Zeit zur Ausführung beansprucht und jetzt nicht möglich ist, so müssen alle Aborte geschloffen und dieselben so zugemauert werden, daß sie weder mit den Rinnsteinen der Straßen noch mit den in daS Innere deS HofeS sich ergießenden Sielen irgend welche Verbindung haben.
Wenn auch diese letztere Maßnahme in dieser Allgemeinheit unmöglich erscheinen sollte, müßte man sie zum Wenigsten in jedem Hause zur Ausführung bringen, in welchem die Cholera zum AuSbruch gekommen ist. Die Fäcalmassen müßten per Schiff mehrere Kilometer von der Küste entfernt abgeführt werden. Jndeß könnten die Poudrettefabliken in ihrer Tätigkeit fortfahren, müßten sich aber eine sehr strenge Controle ihres Personals angelegen sein lassen. Wenn die Cholera dort ausbräche, so würde das zum Schluß berechtigen, daß die bei der Herstellung von Poudrette angewandte Fabrikationsweise nicht genügt, den Mikroben zu tödten und bliebe alödann nichts übrig, als diese Etablissements sofort zu schließen.
Die tn der beschriebenen Weise geschlossenen Aborte brauchen bann nicht weiter deSinficirt zu werden, höchstens mit Eisenvitriol, um den Geruch zu vernichten. Herr Koch denkt, daß der Cholerabacillus unter diesen Bedingungen aus Mangel an Sauerstoff abstirbt und durch die Fäulniß gelobtet würde.
Da Trockenheit den Cholerabacillus mit Sicherheit tödtet, erscheint es wichtig, in den Rinnsteinen kein Wasser mehr laufen zu lassen.
Der Hasen muß von jetzt an al« sehr gefährlicher Jnsectionsherd angesehen werden. Man soll sich nicht in demselben baden; selbst die Hände, die mit solchem Wasser benetzt gewesen sind, können den Mikroben zurückhalten und ihn auf die berührten Nahrungsmittel übertragen, und von da bis zu den Eingeweiden ist nicht mehr weit. Man kann sich versichert halten, daß viele vorgekommene Erkrankungsfälle keine andere Ursache haben. „ „ r . „ v ,
Die ganze Stadt müßte in sehr kleine, nur 5—6 Häuser umfassende Bezirke ein» getheilt werben, über welche in jedem ein Inspektor gesetzt werden müßte, der sie zweimal täglich auf daS Sorgfältigste controline.
Die Pflichten dieser Jnspectoren, welche auS dem Gemeinwohl sich hingebenden Personen, hauptsächlich au8 der Zahl der Aerzte und den mit einigen hygienischen Kenntnissen versehenen Leuten auszuwählen wären, würden folgende fein:
D-e Schmutzwässer-Ausläffe der Häuser nach denRinnsteinen zu schließen in der oben erwähnten Meise, wenn diese Maßregel nicht allgemein eingeführt wird.
Sich persönlich m<t allen Bewohnern in Verbindung zu setzen und über den Gesundheitszustand der Häuser zu wachen.
Den von der Krankheit Befallenen die ersten Hülfeleifiungen angedeihen zu lassen und dasür zu sorgen, daß folgende Verhaltungsmaßregeln auf daS Strikteste ausgeführt werden: , m ,,,
Die Stühle und das Erbrochene der Cbolerakranken sollen in Gefäßen auf- gefangen werden, die eine bprocent. Lösung von Carbolsäure enthalten, in welcher man sie 24 Stunden läßt, ehe man sie wegschafft. Auch kann man dieselben auf trockene Leintücher auffangen, die man bann an der Luft autzbreitet. Ein Trocknungsproceß von 6 Tagen reicht hin, um sie unschädlich zu machen. Ebenso kann man Alles, was mit diesen Dejectionen in Berührung gekommen ist, verbrennen ober tn der angegebenen Weise trocknen. Endlich können alle diese Substanzen und auch die Fäcalien selbst, noch durch heißen Wafferdamps fterilisirt werden, was in einem geschlossenen Apparat zu geschehen hätte, aus dem der Wafferdamps mit einer Temperatur von 100° C. ausströmt. Alle Hausbewohner, welche zur Pflege deS Kranken nicht nothwendlg sind, müßten anderwärts untergrbracht werden. Wenn der Cholerakranke selbst daS Haus verlaffen hat, durch Transport noch dem Hospital ober burch Heilung ober auf eine andere Weise, soll man die ganze Wohnung evacuiren - man breitet die Leinwand, die Effecten, kurz, Alles, waS mit dem Cbolerakranken oder seinen Dejectionen in Berührung gewesen ist, gut aus, öffnet Tbüren und Fenster, um der Luft überall in reichlichem Maße Zutritt zu gestatten und beläßt dasselbe während 6 Tage tn diesem Zu
*) Bis zum 12. Juli waren 7 in diesem Hafen liegende Schiffe von Cholera «griffen. Der Referent.


