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Mr. 94» Mittwoch den 23. April 1884

Gießener Anzeiger

Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.

fthtteau: Schulstraße 7.

Erscheint täskich mit Ausnahme des MontagS. R.^^k^o^hrlich 2 Mark 20 Pf. mit^BringerlohK.

Amtlicher H H e i l.

(Nr. 1534.) (Nr. 1535.)

(Nr. 1536.)

(Nr. 1537.)

Nr. 10 des Reichs-Gesetzblatts, ausgegeben den 16. d. M., enthält:

Gesetz, betreffend die Feststellung eines Nachtrags zum Neichshaushalts-Etat für das Etatsjahr 1884/85. Vom 12. April 1884.

Allerhöchster Erlaß, betreffend bte Bezeichnung des Hauptzollamts in Hamburg. Vom 12. März 1884.

Nr. 11 des Reichs-Gesetzblatts, ausgegeben den 18. d. M., enthält:

Internationaler Vertrag, betreffend die polizeiliche Regelung der Fischerei in der Nordsee außerhalb der Küstengewässer. Vom 6° Mai 1882

Nr. 12 des Reichs-Gesetzblatts, ausgegeben den 19. d. M., enthält:

v f r ' «"^^kunft Zwischen Deutschland und der Schweiz, betreffend die gegenseitige Zulassung der in der Nähe der Grenze wohnhaftem Medrcmalpersonen zur Ausübung der Praxis. Vorn 29. Februar 1884. 9 H '

Gießen, den 21. April 1884. Großherzogliches KreiSamt Gießen.

Dr. Boekmann.

Politische Aeberficht.

Gießen, 22. April.

Die für Anfang dieser Woche festgesetzt gewesene Abreise des Kaisers nach Wiesbaden ist in Folge Erkrankung der Kaiserin und auch in Folge der wieder eingetretenen rauhen Witterung nochmals um einige Tage verschoben worden. Der Kaiser selbst ist nunmehr wieder völlig hergestellt, wobei aller­dings nicht verschwiegen werden kann, daß der letzte Anfall, welcher Se. Majestät betroffen, in den Kreisen Der nächsten Umgebung des hohen Herrn sehr beun­ruhigt hatte. Erfreulicher Weise hat aber die kräftige Constitution des greisen Monarchen auch diesmal das Unwohlsein ohne weitere Folgen überwunden.

Vom Kaiser wie vom Kronprinzen ist der Reichskanzler Fürst Bismarck in der jüngsten Zeit wiederholt empfangen worden und soll es sich in diesen Audienzen um die Reactivirung des preußischen Staatsrathes gehandelt haben. Bekanntlich tauchte diese Frage neuerlich wiederauf; was man indessen bisher über den Stand der Angelegenheit erfuhr, war so verschwommen, daß man glauben konnte, sie würde auch diesmal wieder im Sande verrinnen. Dem scheint nun aber nicht so zu fein, wie ryenigstens aus obiger Meldung hervorgeht; es wird auch von Neuem versichert, daß der Kronprinz den Vorsttz im Staatsrathe übernehmen werde; doch liegt über diese Nachricht eine Be­stätigung noch nicht vor, wie denn überhaupt das ganze Project eine greifbarere Gestalt gewinnen muß. Hierauf scheint sich auch dieBismarck-Krisis" hinaus­zuspielen, da jetzt von Veränderungen im preußischen Ministerium kaum mehr die Rede ist, ausgenommen, daß Herr v. Bötticher das Handelsministerium unter eigener Verantwortlichkeit mit übernimmt.

Die parlamentarischen Osterferien haben für den Reichstag, wie für das preußische Abgeordnetenhaus in dieser Woche ihr Ende erreicht und können die Abgeordneten nach der österlichen Ruhepause neu gestärkt an ihre weitere Thätigkeit gehen. Im preußischen Abgeordnetenhause harren von den wichtigeren Gesetzentwürfen der zweiten Lesung diejenigen über die Kapital- Rentensteuer und über die Reform der Einkommensteuer, in dritter Lesung ist die Jagdordnung durchzuberathen und ebenso sind von wichtigeren Vorlagen noch das Communal-Nothsteuergesetz und die Eisenbahn-Vorlage zu erledigen. Von den zahlreichen dem Abgeordnetenhause noch vorliegenden Anträgen ist namentlich der des Abg. Windthorst aus Vorlegung eines Gesetzentwurfes über die organische Revision der bestehenden kirchenpolitischen Gesetzgebung hervorzu­heben. Was den Reichstag anbelangt, so wird sich das Hauptinteresse an seinen weiteren Verhandlungen auf die Debatten über die Verlängerung des Socialisten- gefetzes concentriren. Vermuthlich beendigt die mit der Vorberathung der betr. Vorlage beauftragte Commission ihre Arbeiten in nächster Woche, woran sich jedenfalls sofort die zweite Lesung im Plenum knüpft, von deren Ausgang be­kanntlich das Schicksal des Reichstages abhängt.

Die Mittheilungen über den angeblichen Verzicht des Grasen LedochowSki auf seine erzbischöfliche Würoe werden jetzt dahin richtig gestellt, daß dieser Verzicht zwar angeboten worden fei, daß aber der Papst die Resignation Ledochowski's nicht angenommen habe.

In der diplomatischen Vertretung Rußlands an den süd­deutschen Höfen sind die bereits vor einiger Zeit signalisirten Veränderungen erfolgt. Gras Osten-Sacken ist zum Gesandten an den Hösen von München und Darmstadt und Baron Frederics zum Gesandten in Stuttgart und Karls­ruhe ernannt worden. Beide Herren bekleideten bisher die Posten von Departe­ments-Chefs im russischen Ministerium des Auswärtigen.

Die Hoffnungen, welche die Wiener und Pesther Blätter aus die Orientreise des österreichischen kronprinzlichen Paares setzten, sind durch den Empfang, welcher dem hohen Paare bei seiner am Donnerstag erfolgten An­kunst in der türkischen Hauptstadt zu Theil geworden ist, nicht getäuscht worden. Ganz abgesehen von den herzlichen Ovationen, mit denen die hohen Reisenden Don den Mitgliedern der in Konstantinopel domicilirenden österreichisch-ungarischen Kolonie begrübt wurden, trug ihre Begrüßung durch Sultan Abdul Hamid einen durchaus herzlichen Charakter und auch die eiygeborene Bevölkerung der Hauptstadt bekundete den Gästen des Sultans ihre Sympathie, wenn auch das orientalische Phlegma lebhaftere Gefühlsäußerungen verhinderte. Noch am Donnerstag statteten der Kronprinz und die Kronprinzessin mehreren Moscheen einen Besuch ab und empfingen am Freitag die Mitglieder des diplomatischen Corps. Der Sultan hat dem Kronprinzen den Großkordon des Osmanie- Ordens mit dem Stern und der Kronprinzessin den Großkordon des Scheskat- Ordens mit Brillanten verliehen.

In Frankreich steht man noch theilweise unter dem Eindrücke der Reden, welche Ministerpräsident Ferry anläßlich der Gambetta-Feier in Cahors und Perigueux gehalten hat. In diesen Reden wendet sich der leitende fran­zösische Staatsmann mit besonderer Schärfe gegen die Bestrebungen der Radi­kalen, wodurch er sich förmliche Schmähartikel von Seiten der radikalen Presse zugezogen hat. Dagegen werden die Aeußerur.gen Ferry's von den gemäßigt- republikanischen Blättern durchaus beifällig begrüßt, was um so bemerkens- werther erscheint, als Ferry in Cahors wie in Perigueux jeden Anklang an die Revanche-Idee vermied; Ferry will eben nicht, im markanten Gegensatz zu. Gambetta, als der Träger derselben erscheinen und dafür wird ihm ebensowohl der Dank aller besonnen urtheilenden Franzosen zu Theil werden, wie man anderseits in Deutschland dieser maßvollen Haltung entschiedene Anerkennung zollt. Die militärischen Operationen der Franzosen in Tongking haben, wie bereits gemeldet, mit der Einnahme von Honghoa ihren Abschluß erreicht. Von einer weiteren Verfolgung des Feindes, welcher 5000 Mann stark, sich durch die Provinz Tonhoa nach dem äußersten Norden von Tongking zurückgezogen . hat, ist Abstand genommen worden; doch werden einige Bataillone unter General Negrier behufs Beobachtung des Feindes nach Nindinh aufbrechen. Die Citadellen von Phulanghien und Longvan sind geschleift worden; eine Kolonne wird zur Züchtigung der Urheber der an den französischen Missionären ver­übten Mordthaten nachher Provinz entsendet worden. Der Strike in Anzin in Folge des mit 25 gegen 15 Stimmen gefaßten Beschlusses des Gruben- arbeiter-Syndicats, die Arbeit wieder aufzunehmen, beendigt worden.

Die kurze parlamentarische Osterpause in England ist von mehreren Seiten zu Kundgebungen benutzt worden. Die bedeutendste derselben war die Rede, welche der Staatssecretär des Innern, Harcourt, am Donnerstag zu Derby hielt und in welcher er Erklärungen über die egyptische Politik der Regierung gab, die besonders scharf die Unaussührbarkeit einer Annexion des Nil-Landes betonten.

Im türkischen Cabinet sind wieder einmal Personalveränderunqen im Gange. An Stelle Aarifi Pascha ist Affym Pascha zum Minister des Aus­wärtigen ernannt worden und der Minister der öffentlichen Arbeiten, Hassan Fehmi Pascha, hat das Justizministerium übernommen. Außerdem wurde der Ober-Ceremonienmeister Munir Bey zum Muschir (Feldmarschall) ernannt.

Im Sudan ist eine Contre-Revoluton gegen den Mahdi ausgebrochen, welche die ganze dortige Situation plötzlich in einem veränderten Lichte erscheinen läßt. In der Provinz Kordofan hat sich der Stamm der Tegeba gegen den Mahdi empört, ihm in zwei Schlachten empfindliche Verluste beigebracht und belagert ihn nun in El Obeid, dem Hauptquartiere des Mahdi. Welchen Einfluß die Niederlagen deren Bestätigung jedoch noch abzuwarten bleibt des bisher für allmächtig angesehenen Leiters der Sudan-Revolution aus das Schicksal Gordon's in Khartum haben werden, läßt sich schwer ermessen. Vorläufig ist Khartum von den Aufständischen noch eingeschloffen uno weiß man von den Belagerern Gordon's nicht, ob sie auch ferner zu Achmet Mohammed halten oder mit seinen neuen Gegnern gemeinsame Sache machen werden.__

Die deutsche Cholera-Commission ist am Samstag, von Kairo kommend, wieder in Alexandrien eingetroffen und gedenkt von hier aus mit dem nächsten nach Brindisi abgehenden Postdampfer die Rückreise nach Europa anzutreten.

Der Mahdi scheint zu seinen Zwecken den religiösen Fanatismus auch der indischen Mohamedaner entflammen zu wollen. Wie man aus Simla Vorder-Jndien) meldet, sind von der indischen Polizei eine große Anzahl von Proclamationen beschlagnahmt worden, die eine aufrührerische Sprache gegen England führen und von denen wohl nicht mit Unrecht, vermuthet wird, daß sie von dem Führer der Sudan-Rebellen herrühren.

AerriMand.

Darmstadt, 21. April. Se. Königl. Hoheit der Großherzog haberr Allergnädlgst geruht:

Am 12. April den Oberförster der Oberförsterei Beerfelden Karl Wei­gand in gleicher Diensteigenschaft in die Oberförsterei Hoch-Weisel zu versetzen, sowie an dems. Tage den Forstaccessisten Eduard Haber körn aus Ortenberg zum Oberförster der Oberförsterei Beerfelden zu ernennen.

Ihre Maj. die Königin von England befinden sich fortgesetzt wohl und unternehmen täglich Ausfahrten mit den Mitgliedern der Großherzog-- lichen Familie.