1881
Samstag ben 22 November
Nk. 271
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Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen
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und der eonservativen Oberhaus-Majorität in Aussicht stand, wird jedenfalls auf dem Wege gegenseitiger Verständigung ausgeglichen werden. Die versöhnlichen Erklärungen, welche Mr. Gladstone in der Montagssttzung des Unter- Hauses über Die Wahlresorm-Bill und über die Bill, betr. die Neueintheilung der Wahlkreise, abgegeben hat, haben ihren Widerhall im Oberhause gesunden, indem von Diesem am Dienstag Die Wahlreform-Bill nach kurzer Debatte ohne Abstimmung in zweiter Lesung angenommen wurde. Auch eine am gleichen Tage zu London abgehaltene conservative Versammlung erklärte sich mit den RegierungS-Vorschlägen und der Resorm-Vorlage einverstanden, unter der Voraussetzung, daß die Regierung eine für beide Theile befriedigende Bill über die Neueintheilung der Wahlkreise einbringen werde.
Die allgemeine Politik des Cabinets Bernaert war in der Dienstagssitzung der belgischen Repräsentantenkammer der Gegenstand einer Interpellation des früheren liberalen Cabinets-Chess Fröre-Orban. Besonders wünschte derselbe zu wissen, ob das jetzige belgische Cabinet bei der früheren Politik verharren werde. Die Auskunft des Ministerpräsidenten Bernaert war kurz und bündig, er erklärte, die Regierung habe es nicht nöthig, sich über Verbleiben oder Demission der Mitglieder des Cabinets Malou auszulasien; die Regierung wolle die gowErnementale Action einschränken und dafür der persönlichen Initiative größeren Spielraum gewähren; die Schulgesetz-Frage glaube die Negierung in wahrhaft liberaler Weise gelöst zu haben. Die liberale Opposition wird von diesen schroffen Erklärungen nicht allzusehr erbaut sein.
Die am Sonntag in Bukarest stattgesundenen Communal- w ah len sind durchweg im regierungsfreundlichen Sinne ausgefallen. Es dürsten daher auch die am Dienstag begonnenen Parlamentswahlen ein für das Ministerium Bratianu günstiges Resultat ergeben.
Von General Gordon sollen aus dem Wege über Dongola schon wieder Briefe in Kairo eingetroffen sein, des Inhalts, daß in Khartum Alles gut stehe. Man kann gegen diese fortwährend in hoffnungsseligem Sinne gehaltenen Mittheilungen Gordon's ein gewiffeS Mißtrauen nicht Unterdrückers, zumal da ietzt £:<* verbürgte Nachricht emgelausen ist, daß Ondermann, das stärkste Außenwerk Khartums, den Sudan-Rebellen in die Hände gefallen ist.
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Telegraphische Depeschen.
Wolff s teuft«. Lorresporrdrrrr-BirrtO«.
Berlin, 20. November. Die Eröffnung des Reichstage« wurde durch Seine Majestät dm Kaiser tn Anwesenheit sämmtlicher Prinzen, de« Reichskanzlers und des gesammten Bundesraths vollzogen. Die Dtplomatenloze war stark besetzt. Die Botschafter Frankreichs, der Türkei und mehrere Gesandte waren anwesend; für die Mitglieder der Congoconferenz war eine eigene Loge reservtrt.
Die Thronrede war mehrfach von lebhaftem Beifall begleitet, namentlich die Stellen über die Colonialpolittk, die Conferenz und der Schlußpassus.
Nachdem der Reichskanzler den Reichstag für eröffnet erklärt hatte, brachte der bayrische Bevollmächtigte ein dreifaches Hoch auf Se. Maiestät den Kaiser aus, welche« begeistert ausgenommen wurde. ,, „ B
Hieran schloß sich die erste Sitzung de« Reichstages. Der Alterspräsident Generalfeldmarschall Graf Moltke eröffnet die Sitzung und beruft provisorische Schriftführer. Der Namensaufruf ergibt 262 anwesende Mitglieder. Das Haus Ist also beschluNLhig.^o 2 Uhr findet die zweite Sitzung statt. Tagesordnung: Präfi- dmten^bl^n, 20 November. Es ist schon gemeldet worden, daß Deutschland und die amerikanische Union bte Association Africaine anerkannt haben. Ich erfahre nun zuverlässig. daß diese Anerkennung selten« Deutschlands vor etwa 12 Tagm durch«eine mit der Association abgeschlossene Convention erfolgt ist, in welcher ousdrücklrch die Sicherheit deS freien Handels im Gebiet der Association stipultrt ist. Man ist übrigens n Kreisen der Conferenz, namentlich unter den kaufmännischen Interessenten, die sich aus Anlaß derselben hier eingefunden haben, der Meinung, daß der Congo der Association ganz m übergeben sei. Das deutsche Schriftstück, dos der Konferenz rugegangen und heute bereits von der niedergesetzten Commission berathen worden tft, be.chäftigt sich nur mit der Freiheit von Handel und Schifffahrt auf dem Congo. Die Commission wird sich außerdem nur mit der Festsetzung geographischer Abgrenzungen, aber nicht, wie einzelne Blätter melden, mit Besitzansprüchen beschäftigen.
Paris, 20. November. Dem „Temps" zufolge würde die Erhöhung deS Ein- gangSzolles auf ausländisches Getreide 3 Frcs. nicht übersteigen. . , .
- Der Marinemintster erhielt eine Depesche, wonach die Bai Tadiura bet Obock von den Franzosen besetzt ist. DaS Journal „PartS" schreibt, einem Telegramm Bridre's vom 15. November zufolge seien die Kanonenboote .Eclair und .Trombe", als sie nach Vervrovtantirung Tyenquans den hellen Fluß heruntergefahrev, ;°m F-lnbe heftig angegriffen worben, wobei 1 Matrofe gelobtet, 8 «erwunbet würben. Oberst Tuch-Sn- fei obgefenbet, um bte Gegend nom Retnbe ju Zubern unbbleer- mflbete Garnison Tuy-nqu-nS abjulbfen. JBritre fügt hinzu, eS seien MO Ehlnesen siznallNrl, welche ben rothen Fluß h-rabkSmen, er fei aber bereit, dieselben zu em- pfangen. — ,’BarlB' melbct ferner, es würben drei Kreuzer ersten Ranges, „smagon*, ,2gperonje* und ,$imangel* ausgerüstet, um da« Geschwader in Ostasten zu verftürke^ Kongre^ bir lanbwirlhschasllichen Vereine sprach stch einstimmig für Erböbuua der R5Qe auf ausländisches Getreide au«. . , .
— Bon Mitternacht bl« Abends 6 Uhr 25 Cholera-Todesfälle, davon 6 in der Stadt, 19 in den Hospitälern.
— In Nantes gestern 2 Cholera-TodeSfälle. u.
Madrid, 20. November. Gestern tn Toledo zwei Cholera-Todesfälle, in
20. November. Der Eisgang auS dem Ladogasee hat begonnen; 5 Grad Kälte und Schl'tt-r.b^hn . c.
Bremen, 20. November. Die Rettungsstation der deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger telegraphirt: Am 19. November von dem russischen Schmier „Anna Victoria", Kapitän Weide, gestrandet bei Arcona, mit Schwefelkies von Dortrecht nach Wolgast bestimmt, 8 Personen gerettet durch das
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Politische Ueberficht.
Gießen, 21. November.
Die letzten Stichwahlen zum Reichstage liegen nun zwar schon mehrere Tage hinter uns, aber noch immer klingt die Erregung, welche diesmal gerade die engeren Wahlen hervorgerusen hatte, in der Presse der verschiedenen Parteien nach. Die diesmaligen Stichwahlen bieten allerdings einen reichen Stoff zu Erörterungen und Betrachtungen dar, Betrachtungen, die für den, welcher aufrichtig Deutschlands Größe und Wohlergehen wünscht, allerdings nicht immer erfreulicher Natur sind. Inzwischen lenkt die am Donnerstag erfolgte Eröffnung des neuen Reichstages den Blick von dem Parteigezänk ab und läßt ihn den Aufgaben desselben sich zuwenden. In deren vorderster Linie stehen die Colonialpolitik und die Socialresorm, welche daher der neubegonnenen Legislatur-Periode ihr Zeichen aufdrücken werden; ob die Lösung gerade dieser Aufgaben durchgängig im Sinne der Reichsregierung erfolgen wird, steht freilich noch dahin, zumal da die Parteiverhältniffe im neuen Reichs- tage noch der Klärung bedürfen. . ., .
Jm Bundesrathe wie im preußischenStaatsrathe sind dieser Tage wichtige Angelegenheiten zur Erledigung gelangt. Jener genehmigte die Postdampfer-Subventions-Vorlage und den bekannten Antrag Ackermann, betr. Abänderung von § lOOe der Gewerbeordnung, wonach bekanntlich Meistern, welche keiner Innung angehören, das Halten von Lehrlingen verboten werden kann, dagegen hat der Bundesrath den Antrag Windthorst, das sog. Expatriirungs- gefetz aufzuheben, abgelehnt, mithin auch den Reichstagsbeschluß, durch welchen der Antrag Windthorst mit großer Mojorität genehmigt wurde. Die National- liberalen, welche fast allein dagegen stimmten, werden, da der Bundesrath nunmehr ihre Auffassung theilt, über deffen Votum eine besondere Genugthuung empfinden. Der preußische Staatsrath seinerseits hat die Postsparkaffen-Vor- lige nach langer und animirter Discussion im Wesentlichen g'emäß dem Regierungs-Entwurf angenommen. .
Die für Dienstag, den 18. November, angekundrgt gewesene zweite Sitzung der Congo-Conserenz hat erst am folgenden Tage stattgesunden. Das Programm der Conferenz scheint noch immer nicht in allen seinen Einzelheiten sestzustehen, was bei der Massenhaftigkeit des zu bewältigenden Materials allerdings nicht Wunder nehmen darf und da die Verhandlungen geheim gehalten werden sollen, so wird sich wohl über dieselben vorläufig nichts Wesentliches wiedergeben lassen. .
Die „Nordd. Allgemeine Zeitung" stellt das gelammte Resultat der Reichstagswahlen — mit Einschluß der fünf erforderlichen Doppelwahlen — wie folgt, zusammen: Conservative 78, Reichspartei 28, Nationalliberale 51, Centrum 100, Welfen 10, Polen 16, Deutschsreisinnige 67, Volkspartei 7, Socialdemokraten 24, Elsässer 15 und 1 Däne. Da hiermit die von anderer Sette gemachten Angaben noch differiren, wenn auch nicht wesentlich, so dürfte erst das osficielle Mitglieder-Verzeichniß des Reichstags endgültigen Aufschluß ertbeilen.
Am Dienstag ist der Schluß der in Pesth versammelt gewesenen Delegationen beider Reichshäiften erfolgt. Der Minister de« Auswärtigen. Graf Kalnoku sprach in der österreichischen Delegation die Anerkennung und den Dank de« Kaisers siir die patriotische Auffassung und Opferwilligkeit aus, von denen die Delegirten bei ihren Berathungen und Beschlüssen geleitet worden seien Ebenso bankte der Minister Namens des gemeinsamen Ministeriums für das demselben bewiesene Vertrauen und Entgegenkommen. In der That sind die diesmaligen Delegations-Verhandlungen ganz besonder« glatt verlaufen und auch an den sonst üblichen kleinen Differenzen zwischen den beiden Delegationen hat es diesmal gänzlich gefehlt. Besonders hervorzuheben tst, daß die auf Er. Haltung des Friedens gerichtete Politik des Grasen Kalnoky und. namentlich fein strenges Festhalten am Bündniß mit Deutschland im Allgemeinen die Unterstützung und Anerkennung der Delegationen gesunden hat und so kann die öfter* reichliche Regierung aus dieser Bahn sortschretten, ohne auf irgendwelche Heißsporne, mögen sich dieselben im magyarischen, czechischen oder polnischen Lager vorfinden, Rücksicht zu nehmen.
Kommende Woche wird in der französischen Deputirten- 1a mm er wiederum eine Entscheidungsschlacht stattfinden. In der Montagssitzung der Deputirtenkammer ist auf Antrag des Minister-Präsidenten Ferry der nächste Montag, eventuell noch der folgende Tag für die Debatte über die neue Kreditoorlage für Tongking festgestellt worden und wird es sich hierbei um einen Kampf um die Weiter-Existenz des Ministeriums Ferry handeln.. Sowohl die radikale Linke wie die monarchistischen Parteien, die sich in ihrem gemeinsamen Haffe gegen das jetzige französische Cabinet begegnen, sind ent- schloffen, gegen die Tonking-Vorlage und damit also auch gegen das Ministerium All stimmen und hoffen hierbei auf die Unterstützung derjenigen gemäßigteren Nepublikaner, welche die ostasiatische Politik der Regierung nicht billigen. Diese Hoffnung steht indessen aus sehr schwachen Füßen, denn die Verhandlungen der Deputirtenkammer vom vergangenen Montag über den erwähnten Antrag wiesen für Ferry eine nicht unbeträchtliche Majorität aus und diese wird ihm auch bei dem bevorstehenden parlamentarischen Entscheidungs-Kampse schwerlich sthlen
Der drohende Conslict, welcher in England bezüglich der Wahl- reform-Angelegenheit zwischen der Regierung und der liberalen Partei einer* Md der eonservativen Partei anderseits, resp. zwischen der liberalen Unterhaus*
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