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Dienstag den 22. Juli
1884
ießener Anzeiger
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
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Schulstraße 7. Erscheint täglich mit Nvsnshme des MontagS. 2 Mark 20 Pf. mit Bringerlohn.
ö Durch bte Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf.
Amtlicher Hheil.
Betre ffend: Die Prüfung der Bewerber um die Berechtigung zum einjährig freiwilligen Militärdienst im Herbst 1884.
Bekanntmachung.
Diejenigen jungen Leute, welche beabsichtigen, sich der im Herbst 1884 stattfindenden Prüfung zu unterziehen, werden hierdurch aufgesordert, ihre deßfallsigen Gesuche um Zulassung, bei Meldung des Ausschluffes von dieser Prüfung
spätestens bis zrrm 1» August 1884
bei der unterzeichneten Commission einzureichen.
Hinsichtlich der Anbringung der Gesuche wird int Speciellen das Folgende bemerkt:
1) Das Gesuch ist bei der unterzeichneten NrüfungS-Commisfion nur dann anzubringen, wenn der sich Meldende rm Grotzherzogthum Heffen seinen dauernden Ausenthaltsort hat.
2) Die Zulassung zur Prüfung kann nicht vor vollendetem 17. Lebensjahr erfolgen.
3) Das Gesuch muß von dem Betreffenden selbst geschrieben sein. Auch erscheint es zweckdienlich, wenn stets die nähere Adresse angegeben wird.
4) Dem Gesuche sind folgende Papiere beizufügen:
a. Geburtszeugniß;
d. Einwilligungs-Attest des Vaters oder Vormundes mit Erklärung über dessen Bereitwilligkeit und Fähigkeit, den Freiwilligen während einer einjährigen activen Dienstzeit zu bekleiden, auszurüsten und zu verpflegen;
lieber die Anforderungen, welche an die zu Prüfenden gestellt werden, Ord. vom 28. Septbr. 1875 — Reg.-Bl. Nr. 55 von 1875) Aufschluß.
Bezüglich des Prüfungstermins, sowie des Lokals, in welchem die Prl kann nicht gerechnet werden.
Darmstadt, den 9. Juli 1884.
c. ein Unbescholtenheitszeugniß, welches von der Polizei-Obrigkeit oder der vorgesetzten Dienstbehörde auszustellen ist;
d. ein selbstgeschriebener Lebenslauf.
Zu pos. b wird noch besonders bemerkt, daß in dem Einwilligungs- Attest die Erklärung des Vaters oder Vormundes, daß er in der Lage sei, den Freiwilligen während des einjährigen Dienstes unterhalten zu können, nicht fehlen darf und daß die Unterschrift des Balers oder Vormundes beglaubigt sein muß.
5) In dem Gesuche ist außerdem anzugeben, in welchen zwei fremden Sprachen (Französisch, Englisch, Lateinisch oder Griechisch) der sich Meldende geprüft sein will.
6) Ist bereits früher ein Gesuch um Zulassung zur Prüfung eingereicht worden, so bleibt dem erneuten Gesuche nur ein Unbescholtenheits- zeugnih beizulegen.
gibt die Prüfungs-Ordnung (Anl. 2 zur Ersatz-Ord. — I. Theil der Mehrling stattfindet, erfolgt event. weitere Bekanntmachung; auf specielle Ladung Großherzogliche Prüfungs-Commission für einjährig Freiwillige.
Der Vorsitzende:
Gros.
Deutschland.
Berlin, 19. Juli. Wie schon in früheren Jahren wird auch in diesem Jahre im Interesse der allgemeinen Landescultur und Volkswirthschaft die Verwendung von Soldaten zu den Erntearbeiten höhern Orts gestattet werden und es sind zu diesem Zwecke die Truppentheile ermächtigt worden, nach Möglichkeit den Gesuchen um Abgabe von Soldaten als Erntearbeiter zu entsprechen, soweit sich eine solche Abgabe mit dem Dienst vereinbaren läßt. Die bezüglichen Gesuche sind unverweilt an die Commandos der Regimenter und anderer Truppen-, theile mündlich oder schriftlich unter Angabe der Zahl der gewünschten Arbeiter und der Zeitdauer zu richten.
— Die Cholera-Frage beschäftigt in hohem Grade die hiesige ärztliche Welt. Man erwartet sehr viel von einem Vortrage des Geheimraths Dr. Koch in der medicinischen Gesellschaft, im Uebrigen hört man, daß der berühmte Gelehrte damit umgeht, darüber hinaus eine Darstellung seiner Erlebnisse in Frankreich zu veröffentlichen, welche dazu angethan sei, die Uebertreibungen und Entstellungen der französischen Presse über feine Thätigkeit und die von ihm gethanen Aeußerungen zu zerstreuen und auf ihren wahren Werth zurückzuführen.
— Der älteste Sohn des Reichskanzlers, Herbert Bismarck, hat im Haag den Posten eines deutschen Gesandten bei den Niederlanden übernommen. Anfänglich hieß es, die Ernennung des Grafen zu diesem Posten würde nicht perfect werden; jetzt ist davon die Rede, daß Graf Bismarck denselben nur vorübergehend verwalten und bald auf eine einflußreichere Stelle versetzt werden würde.
— Das amtliche Organ des Vereins deutscher Eisenbahn-Verwaltungen bezeichnet in einem von ihm aufgenommenen Artikel die von gewerblichen Unternehmungen eingeführte Beklebung ihrer Eisenbahnwagen mit ihren Namen und Firmen als einen Mißbrauch, zumal die überflüssigen Zettel Seitens der Eisenbahnen nach der Entladung wieder entfernt werden müssen. Die Eisenbahn- ^luugen seien daher in ihrem vollen Rechte, wenn sie dergleichen „unnütze" Beklebungen untersagen, wie dies einige Verwaltungen bereits gethan haben. Anderseits aber muffe eingeräumt werden, daß namentlich große gewerbliche Unternehmungen eine eigene Beklebung oder Bezeichnung der Wagen, während sie noch innerhalb der Werke oder Anschlußgeleise sich befinden, behufs besserer Uebersicht nidjt gut entbehren können. Die Verwaltung der Reichs-Eisenbahnen hat unter Berücksichtigung dieser Umstände eine Einrichtung getroffen, welche nicht nur den Interessen der Verwaltung selbst, sondern auch denen der Versender gerecht wird. Die neu gestatteten Prioatbeklebungen ersetzen nämlich auch die bisher noch nöthrg gewesenen Eisenbahnbezettelungen, doch müssen die Privat- bezettelungen an dem für den Güterbeklebungszettel vorgeschriebenen Platze der Wagen angebracht werben.
— Es liegt wohl auf der Hand, daß man die großen und umfassenden Arbeiten für Die diesmal im Reichstag unerledigt gebliebenen Vorlagen über Zuckerund Börsensteuer und Zollerhöhungen nicht unbenutzt lassen wird. Daß die „Ge- schäftssteuer" in der bisherigen Form aufgegeben ist, darf als sicher angesehen »erden. Bezüglich der letztem hatte die Regierung mit Bestimmtheit einen An
trag der agrarisch angehauchten Gruppen der Rechten und des Centrums auf Erhöhung der Getreidezölle erwartet. Es hängt das wohl von dem Ausfall der Wahlen ab. Bis jetzt hat man noch nicht gehört, daß der preußische Staatsrath auch mit dieser Frage befaßt werden solle.
Riel, 19. Juli. Das Uebungs-Geschwader ist heute Vormittag um 10 Uhr hier eingetroffen.
Leipzig, 19. Juli. Der König ist heute Nachmittag 5 Uhr mittelst Extrazuges hier eingetroffen und begab sich vom Vahnhose, von der Volksmenge enthusiastisch begrüßt, durch die festlich geschmückten Straßen nach dem Palais.
— Anläßlich des morgen beginnenden achten deutschen Schützenfestes ist die Stadt aufs Prächtigste geschmückt. In den außerordentlich belebten Straßen wogt bereits eine Menge von Fremden. Die Münchener Schützen, welche mit Extrazug und eigener Musik-Capelle eintrafen, sowie die Wiener Schützen wurden auf das Herzlichste begrüßt.
Hamburg, 19. Juli. Einem Telegramm der Vörsenhalle zufolge wurde in Lissabon für sämmtliche aus deutschen Häfen kommende Schiffe eine fünftägige Quarantäne angeordnet.
Schweiz.
Bern, 19. Juli. Da der Kanton Tessin fortdauernd über Grenzverletzungen durch italienische Truppen klagt, hat der Bunoesrath wegen der Grenzverletzungen bei der italienischen Regierung redamirt und um Abhülfe gebeten. Das Durchräuchern der Reisenden an der Bahnlinie Delle - Truntrut wurde eingestellt.
Frankreich.
Paris, 19. Juli. Jrn heutigen Ministerrathe machte Ferry Mittheilungen über den Stand der Unterhandlungen mit China wegen der von China zu leistenden Genugthuung.
— Einer Meldung der „Agence Havas" aus London zufolge haben die finanziellen Beiräthe der Conferenz in der Sitzung am Donnerstag sich sämmt- lich gegen den Antrag Englands auf Reduction der egyptischen Grundsteuer und der Zinsen der egyptischen Schuld ausgesprochen.
— Die Minister, welche in Toulon und Marseille waren, berichteten über ihre gemachten Wahrnehmungen und erklärten, es fei nothwendig, Maßregeln zu ergreifen, um die öffentliche Gesundheitspflege möglichst zu verbessern. Zwei Millionen Francs seien unzureichend, um den von der Cholera Betroffenen zu helfen.
— Campenon beabsichtigt, demnächst den Antrag zu stellen, die großen Manöver in diesem Jahre fortfallen zu lassen.
Paris, 19. Juli. Von gestern Abend bis heute früh 10 Uhr starben in Marseille 35, in Toulon 17 Personen an der Cholera.
— Von Vomittags 10 Uhr bis Abends sind in Marseille 14, in Toulon 21 Todesfälle vorgekommen.
— Aus Arles wurden heute vier, aus Sisteron zwei und aus Nimen ein Cholera-Todesfall gemeldet.


