Ausgabe 
21.12.1884 Zweites Blatt
 
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Nr. 299 zweites Blatt Sonntag den 21. December 1SS4

Gießener Anzeiger

Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.

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und Feiertagen, Lnel, Pfg.; für auswärtige erfolgt, den Anzeiger

Gießener Anzeiger,

Amts- und Snzeigeblatl für öen «Kreis Ließen.

DerGießener Anzeiger" erscheint, wie gewohnt, täglich, mit Ausnahme der Tage nach Son»- der BeilageGießener Familienblatter", welche dreimal wöchentlich dem Anzeiger beigelegt »erde».

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Wochenschau.

Gießen, 20. December.

Da» Leitmotiv der politischen Betrachtungen der Presse sür di- abgelausene Woche bildete der Montagsbeschluß de» Reichstages-, du! für die neue Directorstelle im auswärtigen Amte geforderte Summe von 20,000 JL abzulehnen. Es ist charakteristi'ch für dis Auffassung, welche dieses die klerikal, ireistnniae Mehrheit des Reichstages wieder einmal kennzeichnende Votum in der öffentlichen Meinung Deutschlands gefunden hat, daß selbst der überwiegende Thetl der deutschfreisinnigen Blätter diesen Beschluß mißbilligt und daß auch die Centrums-Organe denselben nur lau und mit allerhand Sophistereien zu vertheidigen wagen. Geradezu beschämend für di- deutsche Ration klmgen aber die Urtheile der auswärtigen Presse über diese Angelegenheit, namen lrch di-i-ni, gen der Wiener Blätter und was man in der englischen und sranzöilschen Vresse hierüber liest, deutet daraus hin, daß den Franzosen und Engländern das Verhalten der augenblicklichen Majorität des deutschen Reichstages gegenüber so wohlbegründeten und eigentlich selbstverständlichen Forderungen der Rnchs- reaierunq sozusagenspanisch" vorkommt. Ob die Coalition Wmdthorst-Richter- Vollmar unter diesen Umständen Ursache hat, aus ihren neuesten parlamentari­schen Triumph über den Fürsten Bismarck stolz zu fein, mag dahingestellt blei­ben- vorläusig scheint man auf dieser Seile entschlossen zu sein, diePolitik der Nadelstiche" gegen den leitenden Staatsmann sortzusetzen, denn in der Dienstaqssitzung wurden von derselben Majorität abermals verschiedene zur Wahrung und Förderung der Interessen Deutschlands in überseeischen Ländern nothwendige Positionen, betr. die Errichtung von General-Consulaten rn der Capstadt und in Korea, sowie eines Consulats und dreier Vice-Consulate in Apia, abgelehnt, resp. erheblich gekürzt. Rur die Forderung für das m Sidney zu errichtende deutsche General-Consulat sand unverkürzt die Zustimmung des Reichs­tages. - Der Mittwoch war, alsSchwerinstag", nur der Erledigung von Anträgen gewidmet, von denen derjenige des Abg. v. Jagdzewski auf stellung der polnischen mit der deutschen Sprache bei Gerrcht den Reigen Eröff­nete Für den schon wiederholt eingebrachten Antrag traten bezeichnender Werse der Centrums-Führer, Herr Windthorst, der Däne Junggreen und der Social- demokrat Liebknecht entschieden ein; derselbe wurde schließlich einer Commission von 14 Mitgliedern überwiesen. Dasselbe geschah mit dem von socraldemokratr- scker Seite gestellten Antrag, das Strafverfahren gegen diejenigen Polizeibeamten einzuleiten, welche im April vorigen Jahres die Abgg. v. Vollmar und Frohme in Kiel verhafteten. Bei der hierauf folgenden dritten Berathung des von freu sinniger Seite beantragten Diäten-Antrags sprachen sich die Abgg. Richter und Windthorst entschieden dahin aus, daß unter allen Umständen das geheime directe Wahlrecht gewahrt bleiben müffe, während sich Herr v. Helldorf auf den bekannten Standpunkt der Reichsregierung in dieser Angelegenheit stellte. Außer­dem nahm der neue Vertreter für Frankfurt a. M-, der Socialdemokrat Sabor, hierbei Gelegenheit, seine Jungfern-Rede zu halten, die im Hau,e mehrfach stürmische Heiterkeit hervorrief. Der Antrag wurde schließlich mit derselben Majorität, wie in der zweiten Lesung, angenommen.

Das Interesse weiter Kreise fesselt der Anfang dieser Woche vor dem Reichsgericht zu Leipzig begonnene Proceß Reinsdorf, namentlich wegen des geplanten Riederwald-Denkmal'Attentates. Die hieraus, wie aus die Dpna- mit-Attentate in Elberfeld und Rüdesheim bezüglichen Details sind mittlerweile durch die Blätter schon allseitig bekannt gegeben worden, so daß eme Wieder­holung derselben unnöthig erscheint. Die bisherigen Verhandlungen haben die Schuld des Hauptangeklagten. Reinsdorf, der überall als der intellectuelle Ur­heber aller jener verbrecherischen Unternehmungen erscheint, trotz seines Leugnens bis zur Evidenz ergeben; im Uebrigen stellen sich die Aussagen des Reinsdorf und seiner Mitangeklagten als ein verächtliches Gewirre von Ausflüchten, Lugen und gegenseitigen Beschuldigungen dar, welches nicht im Geringsten geeignet ist, irgendwelche Theilnahme für das muthmaßliche Schicksal der Angeklagten zu erwecken.

Die Annahme, es werde der westafrikanischen Conferenr gelingen, ihre Verhandlungen noch vor Weihnachten zu schließen, durste sich schwerlich erfüllen. Namentlich haben die Commissionsberathungen ungewöhn­liche lange Zeit erfordert und unerwartete Schwierigkeiten zu beseitigen ge­habt, so daß das Plenum erst in dieser Woche, und zwar am Donnerstag, seine Sitzungen wieder aufnehmen konnte. Die Conferenzhat in der er­wähnten Sitzung den Commissionsbeschlüssen bezüglich der Schifffahrtsakte sur den Congo und den Niger beigestimmt. Nach Neujahr gedenkt dann die Con­ferenz die noch übrigen Punkte ihres Programms, wie die Controle über tue Conferenzbeschlüsse, die Formalitäten für künftige Annexionen und die Sieu- tralisationsfrage hinsichtlich des CongobeckenS. zu erledigen.

Die bisherigen Verhandlungen des österreichischen Reichsraths haben in feiner gegenwärtigen Session noch nicht viel Be- merkenswerthes zu Tage gefördert und so wendet sich das Interesse an den Angelegenheiten des Kaiserstaates dem neuerlichen Feldzuge der Regierung des Grafen Taaffe gegen die Anarchisten zu. Seit den verbrecherischen Thaten der Stellmacher, Kammerer und Genossen ist zwar die Thätigkett der öster­reichischen Anarchistenpartei nicht mehr so offen hervorgetreten, wozu vielleicht die geschaffenen Ausnahmegesetze mit beigetragen haben, dafür scheint ader mehr im Geheimengearbeitet" worden zu sein. Daß die österreichische Aie- aierunq von diesem Treiben Kenntniß erhalten hat, beweisen Die neuerlich m Urfahr bei Linz und zu Wiener-Neustadt erfolgten Verhaftungen von Anarchisten, wobei die Behörden zugleich neben Dynamitvorräthen und entsprechenden Wurfgeschossen wichtige Correspondenzen saisirt haben, die über das Treiben und die Verbindungen der österreichischen Anarchistenpartei jedenfalls weitere

Ausschlüsse geben werden. pr .

Die Nähe der Weihnachtsseiertage scheint sich zumeist bei der französischen Deputirtenkammer zu äußern, welche förmlich im Galopp das Budget durchberäth. Trotzdem aber, daß sie täglich zwei Sitzungen abhält, ist es höchst fraglich, ob der Senat sich bereit finden wird, gleichfalls die Budaet-Debatte über das Kniee zu brechen und daher bleibt der Ausweg, der Regierung provisorische Zwölftel zu bewilligen, noch immer der vernünftigste. Die Budgetdebatten finden unter diejen Verhältnissen tm großen Publikum keine große Beachtung mehr; aber auch die neuerdings von Adnural Courbet wie von General Stiere de l'Jsle eingelaufenen Siegesnachrichten sind ziem- lich kühl ausgenommen worden. Die Wegnahme chinesischer Werke aus Fo - mosa durch ein französisches Detachement und die Niederlage, welche 2000 bi» 3000 Chinesen bei dein Dorfe Chu durch Abtheilungen des Briöre jcheni peditionscorps erlitten, erscheinen bo$ nur a(ä affairen Wrbn t n Ranges. Mehr Interesse hat da in Pans die Nachricht vom Auslaufen emer chinesischen Kreuzerflotille erweckt; im Allgemeinen glaubt man, daß dieselbe gegen die demnächst in den chinesilchen Gewässern eintreffenden sranzösifchen Truppentransportdampfer operiren sollen; andererseits vermuthet man icdoch, daß die chinesischen Kreuzer nach Korea bestimmt seien, um m Hinblick auf bex bort ausgebrochenen Aufstanb bie chinesischen Interessen zu schützen-

Die englische Regierung hat Deutschlanb m ber semerM viel­erörterten Affaire bes deutschen SchonersDiedrich" jefct ne erfte' thuung gegeben. Wie erinnerlich, war derselbe aus offener^Se-! von enghsschm Fischerbarken überfallen und beraubt worden, ohne daß es damals fofort ge­lang, die Schuldigen zur Rechenschaft zu ziehen; unterdessen ist es die Eigenthümer dreier hierbei betheiligt gewesener N, "

und Chalk, zu eruiren. Gegen dieselben wird nun wegen Seeraubs auf offenem Meere laut Reqierungsbeschlusses die gerichtliche Untersuchung eiNgUeitet werde« und kann mal? hoffentlich einer exemplarischen Bestrafung der Schuldigen ent«

^Jn^Belgien ist das Ereigniß des Tages die schroffe Scheidung der liberalen Partei in die gemäßigten und die radikaler Elemente. Die An mafiuna und der- Doctrinarismus des Führers der Radicalen, Janson, und seiner Freunde war den Gemäßigt Liberalen schließlich doch zu unbequem ge-