Mr 17 Zweites Blatt Sonntag dm 20. Januar 1SSM
Gießener Anzeiger
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
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Betreffend: Die Prüfung der Bewerber um die Berechtigung zum einjährig freiwilligen Militärdienst im Frühjahr 1884.
Bekanntmachung.
Diejenigen jungen Leute, welche beabsichtigen, sich der im Frühjahr hierdurch ausqefordert, ihre deßfallsigen Gesuche um Zulassung bei Meldung des ■ späteste»» bte zum
188« üattfindenden rubr. Prüfung zu «»terziehen, werden Ausschlusses von dieser Prüfung
1. Februar 1884
reugnih beizulegen.
mit
des aus Den
c. ein Uubescholtenheitszeugniß, welches von der Polizei-Obrigkeit oder der vorgesetzten Dienstbehörde auszustellen ist;
d. einen selbstgeschriebenen Lebenslauf;
Zu pos. d wird noch besonders darauf hingewiesen, daß in dem Einwilligungs-Attest die Erklärung des Vaters oder Vormundes, dah er in der Lage sei, den Freiwilligen während des einjährigem Dienstes unterhalten zu können, nicht fehlen darf und daß die Unter* schrist des Vaters oder Vormundes beglaubigt sein muß.
5. In dem Gesuche ist außerdem anzugeben, in welchen zwei fremden Sprachen (Französisch, Englisch, Lateinisch oder Griechisch) der sich Meldende geprüft sein will.
6. Ist bereits früher ein Gesuch um Zulassung zur Prüfung eingereicht worden, so bleibt dem erneuten Gesuche nur ein Unbescholtenheiks-
1 Das Gesuch ist bei der unterzeichneten Prüfungs-Commission nur daun anzubringen, wenn der sich Meldende im Grotzherzogthum Hessen feinen dauernden Aufenthaltsort hat.
2 . Die Zulassung zur Prüfung kann nicht vor vollendetem 17. Lebensjahr erfolgen.
3 Das Gesuch muß von dem Betreffenden selbst grfchrieben sein. Auch erscheint es zweckdienlich, wenn stets die nähere Adresse angegeben wird.
4 . Dem Gesuche sind folgende Papiere beizufügen:
a. Geburtszeugniß;
b Einwilligungs-Attest des Vaters oder Vormnudes mit der Erklärung über Bereitwilligkeit und Fähigkeit, den Freiwilligen während einer einjährigen activen Dienstzeit zu bekleiden, auszurüsten
bei der unterzeichneten Commission einzureichen.
Hinsichtlich der Anbringung der Gesuche wird im Speelellen das Folgende bemerkt:
Gieße«, 19. Januar.
Der Brennpunkt der Verhandlungen des preußischen Abgeordnetenhauses in dieser Woche — und vielleicht auch für die ganze gegenwärtige Session — bildete die große Steuerdebatte, die am Dienstag ihren Anfang nahm. Die Discussion über die beiden Steuervorlagen, — über die Reform der Einkommensteuer und über die Einführung einer Kapitalrentensteuer — war vereinigt worden und hatten sich im Ganzen 31 Redner zum Worte gemeldet, von ihnen die übergroße Mehrzahl gegen die Vorlage. Am ersten Tage der Debatte sprachen außer dem Finanzminister nur drei Redner, vom Centrum Herr v. Schorlemer-Alst, von den Conservativen Herr v. Rauchhaupt und end- sich der Führer der Fortschrittspartei, Herr Eugen Richter. Der Centrums- Adgeordnete erklärte seine Sympathie mit der Kapitalrentensteuer-Vorlage, sprach sich aber bezüglich der Einkommensteuer-Vorlage gegen die Aushebung der dritten und vierten Steuerstufe aus und empfahl dagegen eine Reform der Communalbesteuerung; schließlich beantragte er die Ueberweisung der Vorlagen an eine besondere Commission. Herr v. Rauchhaupt, das Haupt der confer« Datwen Fraktion, sprach im Allgemeinen seine Zustimmung zu den in Rede stehenden Gesetzentwürfen aus, während der fortschrittliche Führer über die- selben eine vernichtende Kritik fällte und an ihnen, so zu sagen, kein gutes Haar ließ. Der Finanzminister, Herr v. Scholz, bemühte sich in längerer Rede, die Angriffe Richter's zu pariireu und man muß gestehen, daß ihm dies mit ziemlicher Geschicklichkeit gelang. Viel bewegter gestaltete sich die Debatte am Mittwoch und traten die Gegensätze in der Stellung der einzelnen Redner zu den beiden Vorlagen sowohl als auch in ihrer Auffassung der Steuerfrageu überhaupt schärfer hervor. Der Redner der Freiconservativen, Abg. Frhr. v. Zedlitz aus Neukirch, beurteilte die Steuergesetze in wohlwollender Weise, der ihm folgende nationalliberale Redner, v. Hobrecht, bekämpfte dagegen die Vorlagen in ver- schiedeuen Punkten und wandte sich namentlich gegen die Deklarationspflicht. Abg. Wagner (cons.) plaidirte warm für die Regierungs-Entwürfe und mißbilligte nur die Besteuerung der Actiengesellfchasten, da hierdurch die Actionäre doppelt besteuert würde». Von den übrigen Reden ist noch diejenige des Abg. Windthorst hervorzuheben, welcher vor Allem betonte, es handle sich zu»ächst um einen Anfang zu einer Steuer-Reform, nur müsse man hierbei das allzuscharfe Anziehen der Steuerschraube vermeiden; im klebrigen ließ sich Herr Windthorst vom Finanzmiuister noch einmal bestätigen, daß an eine Beseitigung der sog. FranckensteinsschenClausel bezüglich der Matrikular-Besträge von Seiten der Regierung nicht gedacht werde. Den Beschluß der Debatte biloete eine lange Reihe persönlicher Bemerkungen, die zum Theil sehr scharf zugespitzt waren und von Der Erregung zeugten, welche die Discussion allmälig in den Gemüthern erzeugt hatte. Die Steuer-Debatte schloß am Donnerstag der Ueberweisung der Vorlagen an eine 28glicberige Commission.
Die bayerische Abgeordnetenkammer hat einen Antrag Abg. Gabler, den Postschalterdienst an Sonn- und Feiertagen von acht vier Stunden zu beschränken, angenommen, eine Einrichtung, welche für Winterdienst im deutschen Reichspostgebiet schon längst besteht.
Der bevorstehende Befuch des russischen Ministers des Auswärtigen, v. Giers, in Wien, gelegentlich seiner Rückreise von Montreux nach Petersburg (Herr v. Giers hat Montreux am Mittwoch verlassen und gedenkt sich auch in Stuttgart aufzuhalten) erregt die Aufmerksamkeit der politischen Welt. Man wird sichrer scharsen Worte erinnern, mit welchen Gras Kalnoky sich in der ungarischen Delegation s. Z. gegen Rußland und namentlich gegen bas Treiben der russischen panslavistischen Presse wendete und ihnen gegenüber erscheint die Anwesenheit des leitenden russischen Ministers in Wien ist einem besonderen Lichte. Es läßt sich hieraus der Schluß ziehen, daß man sowohl österreichischer- wie mssischerseits eine aufrichtige Verständigung wünscht, an deren Gelingen nicht zu zweifeln ist unb auch in Berlin wird man diese An- Näherung zwischen Oesterreich und Rußland nur mit Genugthuung bemerken.
Herr v. Tisza, der ungarische Ministerpräsident, wird diese Woche gerade nicht rokh in seinem politischen Kalender anstreichen können. Sie hat ihm im Oberhause die bedenkliche Niederlage in der Mischehen-Angelegenheit gebracht und außerdem sind bei den unerhörten Scandalscenen in der Agramer Landstube Ausdrücke gegen die ungarische Regierung gefallen, wie solche sich wohl fein anderes Parlament der Welt erlauben würde, selbst die französische Deputirtenkammer nicht ausgenommen. Man weiß wirklich nicht zu ^gen, ob Herrn Tisza und seiner Regierung von den oppositionellen ungarischen Magnaten oder von den radikalen Scanoalmachern des kroatischen Landtages mehr Unge- legenbeiten drohen. Erstere streben den Sturz Tisza's und seines ganzen liberalen Regimes an, letztere arbeiten unverfroren auf d>e völlige Losreißung Kroatiens von Ungarn hin und Herr Tisza wird bald alle Hande voll zu thun haben, um nach beiden Seiten hin Front machen zu können. Uebrrgens hat sich die Majorität des kroatischen Landtages doch noch dazu aufgerafft, den Hauptscandalmache^ Starcevics einstweilen von den Sitzungen auszuschließen, doch wird ihn dies schwerlich bessern.
In Paris sieht man ungeduldig dem Eintreffen der erwarteten Sieges- Nachricht von Bacninh entgegen. Während man bisher annahm, daß der Sturm der französischen Truppen auf Bacninh aus verschiedenen Kunden Richt vor Mitte Februar werde stattfindeu können, fignalifiten neuere Depeschen den bevorstehenden Angriff auf Bacninh, ohne daß man indessen bls letzt auchnur von dem Vormarsch Admiral Courbet's gegen diese von chinesischen Regulären stark besetzte Position gehört hätte. Einstweilen wird nur von verschieden Scharmützeln gemeldet, welche die Franzosen mrt den „Schwarz.Flaggen und Piraten in der letzten Zeit gehabt haben und die überall zu Gunsten der Franzosen ausgefallen sind. Mit dem neuen Herrscher von Anam, Kienphuc, haben sich jetzt die Franzosen in ganz gutes Einvernehmen gesetzt. Jüngst empfing der junge König den französischen Gesandten und versicherte demselben seiner aufrichttgsten Ergebenheit gegen Frankreich, wobei er nur den Wunsch aussprach, daß Die französischen Bedingungen etwas gemildert werden mochten.
Uebei die ägyptischen Wirren liegt aus dieser Woche eine Erklärung des englischen Handelsministers vor, welche erkennen laßt, daß man auch im Schooße des englischen Cabineks bte schwierige Aufgabe erkennt, die England in Egypten übernommen hat. Mr- Chamberlatn, welcher auf einem
und zu verpflegen; zeugnitz veizuiegeu.
Ueber die Anforderungen, welche an die zu Prüfenden gestellt werbengibt die Prüfungs-Ordnung (Aul. 2 zur Ersatz-Ord. — I. Theil der 2Bet)r= örbn. °o^8.^Septbr^l87S^- Reg.-Vb Nr^ °^°n^l875) Ausschluß.Prüfung staktfindet, erfolgt en. weitere Bekanntmachung; auf fpecieüe Ladung kann nichts 8°^^ werden.^^ Großherzogliche Prüfungs-Commission für einjährig Freiwillige.
' Der Vorsitzende:
Gros. __________________


