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Freitag den 19. Decemhcr

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Amts- und Anzeigkblaü für den Kreis Gießen.

Buren«: Schulstraße 7.

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Erscheint täglich mit Ausnahme des MontagS.

PreiS vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringerlohn.

Durch die Poft bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pt.

Politische Uebcrficht.

Gießen, 18. December.

In die zweite Lesung des Etats, welche den Reichstag gegen­wärtig fast ausschließlich beschäftigt, brachte die Sitzung vom vorigen SamSlag eine pikante Abwechslung, indem es beim Etat des ReichseisenbahmAmteS zu einer erregten Auseinandersetzung zwischen Centrum und Socia'.demokraten kam. Dieselbe hing mit dem zur Debatte stehenden Gegenstand nur sehr lose zusam­men und betraf die Arbeiterfrage. Herr Windthorst und sein Fraktionsgenoffe Äad?<5 protestirten gegen die wiederholten Versuche der Socialdemokraten, sich als die alleinigen Vertreter der Armen und auch der kleinen Beamten aufzu- fpielen. Dies hatte wiederum heftige Entgegnungen von Seiten der social- oemokratischen Redner zur Folge, wobei u. A. Abg. Grillenberger Herrn Windthorst sein Auftreten gegen die Arbeiter-Ausschüsse bei den Debatten über vaü Unfallversicherungs-Gesetz vorwarf; Abg. Frohme zog stch schließlich sogar einen Ordnungsruf des Präsidenten zu. Auch am Montag gestaltete sich die Sitzung wieder interesiant und zwar dadurch, daß der Reichskanzler in die Debatte eingnff. Zunächst genehmigte das Haus fast einstimmig die für die Beamten der Reichskanzlei geforderten Gehalts-Erhöhungen. Beim Etat des auswärtigen Amtes beantragte die Budget-Commission die Ablehnung der gesor- derten neuen Directorstelle; Unterstaatssecretär Dr. Busch trat für die Bewilli- gung ein, indem er darauf hinwies, daß das gegenwärtige Beamten-Personal trotz größter Anspannung aller Kräfte zur Bewältigung der Arbeiten nicht mehr zureichend sei. Dem Abg. Löwe gegenüber, der die oberen Stellen für aus­reichend erklärte und höchstens noch Subalternstellen bewilligen wollte, erinnerte Fürst Bismarck daran, daß er im Jahre 1877 wegen Überarbeitung und Entkräftung feine Entlastung fordern mußte und nur durch oas damals ge- ichaffene Stellvertretungs-Geschäft im Amte bleiben konnte. Wenn man ihm die Mittel verweigere, einen Stellvertreter zu besolden, so müste er jede Ver­antwortung bezüglich der weiteren Führung der auswärtigen Politik ablehnen. Wenn ich Ihnen heute" fuhr der Reichskanzler fortaus meinen Diensteid versichere, Oie Stelle ist nöthig, und Sie sagen Rein, so bezeichnen Sie mich entweder als unwissend oder unfähig. Habe ich meine Kraft und Gesundheit dem Dienste des Kaisers und des Vaterlandes geopfert, so verweigern Sie mir nicht das Rothwendigste für den Dienst." Noch zweimal nahm der Reichskanzler Gelegenheit, sich in diesem Sinne zu äußern und trat hierbei namentlich scharf dem socialdemokratischen Abg. v. Vollmar entgegen, welcher gesagt hatte, der Kanzler solle doch lieber gleich den ganzen Etat auf feinen Diensteid nehmen, welchen Ton sich Fürst Bismarck auf das Entschiedenste verbat. Obwohl aber auch die conservativen und die nationalliberalen Redner sich der Mehrforderung für Die zweite Directorstelle im auswärtigen Amte kräftig annahmen, wurde sie doch gegen die Stimmen der Deutschconservativen, der Reichspartei und der Nationalliberalen abgelehnt. Unverkürzt wurden dafür eine ganze Reihe anderer Positionen des auswärtigen Amtes bewilligt, wobei sich die Abgg. v. Huene und v. Helldorf-Bedra einen Ordnungsruf des Präsidenten zuzogen.

Den Mittheilungen t)e8 berliner auswärtigen Amtes über Die deutschen Colonial-Erwerbungen in West- und Südwest-Afrika sind jetzt auch solche über die deutschen Handels-Unternehmungen in der Südfee gefolgt, aus denen hervorgeht, daß die Reichsregierung entschlosten ist, die deutschen Jntereffen auch in der Südsee kräftig zu wahren.

Vor dem Reichsgericht zu Leipzig hat am Montag unter großem Andrange des Publikums der sensationelle Hochverrathsproceß gegen den Anar- chisten Reinsdorf und 7 Genoffen begonnen. Es sind im Ganzen 54 Per­sonen als Zeugen und als Sachverständige vorgeladen, woraus bereits die Be­deutung des ProccffeS erhellt/ Zunächst sei nochmals daran erinnert, daß es sich um zwei Dynamit-Attentate handelt, die im September des vorigen Jahres ;ur Ausführung kamen. Das eine fand im Anfang des genannten Monats in der Willemsen'schen Speisewirthschaft in Elberfeld statt und hat den Weber Karl Bachmann aus Triptis zum Thäter. Das andere Attentat zerfällt in zwei Abschnitte; der erste spielt am 27. und 28. September, dem Tage der Enthüllungsfeier des Riederwald-Denkmals, der zweite am Abend des genannten Tages. Die Angeklagten Küchler und Rupsch postirten am Abend des 27. Sep­tember zwei mit Dynamit gefüllte und mit Zündschnur versehene Büchsen in einer unweit des Riederwald-Denkmals befindlichen Drainage und sollten dann am nächsten Tage der Kaiser und die übrigen der Festlichkeit beiwohnenden Fürstlichkeiten durch die Explosion getödtet werden. Glücklicherweise regnete es in der Nacht vom 27. zum 28. September ein wenig, so daß die Zündschnur feucht wurde und in Folge dessen das teuflische Vorhaben nicht zur Ausführung gelangte. Am Abend des 28. September holten Küchler und Rupsch die beiden Dynamitbüchsen wieder und verursachten die Explosion in der Festhalle zu Rüdesheim, wodurch iudeffen Personen nicht zu Schaden kamen.

Die Opposition im ungarischen Unterhause hat dem Minister- Vräsidenten Tisza gegenüber entschieden Unglück. Alle ihre Versuche, Herrn Tisza Verlegenheiten zu bereiten, sind bis jetzt kläglich gescheitert, auch m der Montagssitzung des Unterhauses erlitt die äußerste Linke wieder eine Nieder­lage ; sie erklärte sich gegen die Bewilligung des provisorischen Budgets bis Ende Februar 1885, da hierin ein Vertrauensvotum für die Regierung liege. Darauf appellirte TiSza an das Vertrauen der Majorität und dieser Appell hatte zur Folge, daß das Haus das provisorische Budget mit großer Mehrheit Lewilligte. Die österreichische Regierung widmet den anarchistischen Umtrieben

fortgesetzt große Aufmerksamkeit. Am Sonntag wurden in Urfahr (Ober- Oesterreich) vier Anarchisten verhaftet und die Vorgefundenen Bestandthelle einer Druckerpreffe, sowie Projectile und Flugschriften in Beschlag genommen.

Das neueste Stücklein der irischen RevolutionS-Partei, die Dynamit-Explosion unter der London-Brücke, hält die englische Hauptstadt noch immer in Spannung. Personen sind hierbei glücklicherweise nicht zu Scha­den gekommen, dagegen sind in einer großen Anzahl der umliegenden Maaren- Läden und Häuser die Fensterscheiben zertrümmert worden. Ueber den oder die Thäter hat noch nichts in Erfahrung gebracht werden können, daß sie aber in den Reihen der fenischen Dynamit-Brüder zu suchen sind, kann kaum bezweifelt werden.

Heber die Colonialpolitik Italiens speciell in Bezug aus Afrika ist in letzter Zeit viel Widersprechendes zu Tage gefördert worden. Während italienische und auch auswärtige Zeitungen von einem baldigen that- krästigen Vorgehen Italiens in Afrika und zwar zunächst am rothen Meere zu berichten wußten, wurde von Rom aus officiös entschieden in Abrede ge­stellt, daß sich das Cabmet Depretis mit Annexionsgelüsten trage. Dieses Dementi wird indessen durch eine Meldung der römischenLiberia" wieder in Frage gestellt, welche besagt, daß zwischen England und Italien wegen Besitz­ergreifung eines Gebiets in Afrika seitens Italiens thatsächlich Verhandlungen gepflogen würden, die aber noch nicht abgeschloffen seien.

Das ferne Ostasien scheint zum Schauplatze neuer Verwickelungen werden zu wollen. In Söul, der Hauptstadt des Königreichs Korea, ist eine Empörung ausgebrochen und zwar gerade, als dem englischen General-Consut zu Ehren ein Bankett gegeben wurde. Der Sohn des Königs und sechs Minister sollen nach einer Version ermordet worden, nach einer andern in die Berge geflohen fein. Dem Vernehmen nach sind die in Söul wohnenden Eng­länder in Sicherheit, zumal dort auch ein englisches Kanonenboot angekommen ist. Eine Depesche desStandard" berichtet von einem Kampfe, der am 7. d. M. in Söul zwischen Chinesen und Japanesen stattgesunden habe und wobei das Gebäude der japanesischen Gesandtschaft niedergebrannt worden sei. Jedenfalls sind aufklärende Mittheilungen über diese Vorfälle noch ab­zuwarten.

Die Truppen der englischen Nil-Expedition sind jetzt aus einer ungeheuren Strecke, von Wadyhalfa bis Korti, auseinandergegangen. Nach Korti ist Wolseley mit seinem Generalstabe bereits unterwegs; sobald er dort eingetroffen sein wird, rückt die englische Avantgarde weiter vor und zwar durch die Bajudawüste nach Shendy, zwischen Berber und Chartum am Nil gelegen. Die Eingeborenen in Ambukol haben diesen Weg für den etwa 1000 Mann starken Vortrab der Engländer als wohl benutzbar bezeichnet.

-L Darmstadt, 17. Drcember. [15. Landtag. Zweite Kammer.) Bet dem Bureau ltef gestern em Antrag der Abgeordneten Wasserburg, Falk, 3tad6, P ennrtch, Geyer, <5$Unger, Wolz und Frank ein, der im Allgemeinen eine Wiederholung des auf vorigem Landtag von derselben etngedrachten, aber nicht ge­nehmigten Antrags auf Einführung des direkten Wahlsystems bet den Landtags wallen bildet.

Wir bringen den Wortlaut desselben in Folgendem: n K

Nachdem in der Thronrede zur Eröffnung des gegenwärtigen Land­tags als eine der ersten Aufgaben bezeichnet worden ist, in Zusammen­hang mit der neuen Steuergesetzgebung die Berechtigung zur Thellnahme an den öffentlichen Wahlen zu regeln, wolle vrrehrltche zweite Kammer der Gcoßherzoglichen Regierung bad Ersuchen aussprechen, diese Regelung möge in der Weise geschehen, , . _ __ .. . . .

1) daß die Abgeordneten nicht mehr durch Wahlmannrr, sondern btred von den Urwählern gewählt werden,

2) daß die Bestimmung, wonach dad Wahlrecht von der Bedingung abhängig gemacht wird, daß der Wähler mit Zahlung seiner Ein­kommensteuer nicht im Rückstände sei, in Wegfall komme, daß überhaupt von jeder Verknüpfung deS Wahlrechts mit der Der- pfl'chtung, Einkommensteuer ober eine sonst ge direkte Steuer zu zahlen, Abstand genommen werde."

Leipzig, 16. December. Prozeß wider Reinsdorf und Genossen. In der heutigen Nachmittagvsttzung wurde mit der Beweiserhebung über das Ntederwalddenkmal- Aitentat begonnen und zuerst der Angeklagte, Sattlergeselle Rupsch, vernommen, welcher sich als nichischuldig bekennt, sondern behauptet, da8 Attentat verhindert zu haben. Der Angeklagte sagt im Wrsentlichen Folgendes auS: Ich bin von Reinsdorf bestimmt worden, nach Rüdeshetm zu fahren und dort ein Dynamit-Attentat,u dem Zwecke auszuführen, um die Person Sr. Majestät des Kaisers zu tobten. Das Dynamtt habe ich tu einer Stetnkruke und in einer GlaSflasche vom Angeklagten Holzhauer erhalten. Ich bin nur scheinbar auf den Auftrag etngegangen, ich wollte zwar mit dem (Selbe, daS man mir gab, nach Rüdeshetm reifen, um mir die Festlichkeiten an- zusehew dort aber daS Dynamit in den Rhein werfen. Reinsdorf gab mir folgende allgemeine Instruction: ich sollte das Dynamit in die Fahrstraße einlegen, so daß der Wagen dcS Kaisers darüber fahren müsse; das Dynamit und die Zündschnur sollte ich leicht mit Erde blecken, die Zündschnur so legen, daß sie seitwärts an einem Baumstamm befestigt werden könne, um sie dort mit der brennenden Cigarre zu ent­zünden. Würde ich etwa von der Polizei abgefaßt, dann solle ich jedes Geständniß verweigern und sagen, ich hätte das Dynamit mit der Post zugeschickt erhalten. Erst sollte ich allein reisen, aber Rinsdorf und Genossen trieben so viel Geld auf, daß auch der Angeklagte Küchler mttrelfcn konnte. Das war mir sehr unangenehm, denn nun hatte ich einen Aufpasser, der meinen Plan, das Verbrechen zu vereiteln, durchkreuzen konnte. In RÜdesheim machte Küchler zuerst den Vorschlag, unter dem Kaiserzelt am Nationaidenkmal in eine Maueroertiefung das Dynamit etnzugraben und die Explosion während der Ansprachen bet der DenkmalenlhÜllung zu bewirken. Ich sagte aber, daS fei zu gefährlich, in Wirklichkeit aber wollte ich das Attentat verhindern. Wir haben dann auf dem Fahrweg vom Denkmal herab eine Drainage bemerkt. Darauf baute ,ch meinrn Plan. W'r legtm das Dynamit in die Drainage und die Zündschnur nach einem seitwärts stehend.n Saum und bedeckten beide mit Laub, GraS uad Erde. Als