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Mx. MO. Donnerstag den 19. Juni 188M

Gießener Anzeiger

Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.

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geschlagene Maßregel in der Samstags-Sitzung als höchst bedenklich für die Schlagfertigkeit des französischen Heeres energisch bekämpft und seine Ausfüh­rungen haben denn auch zur Folge gehabt, daß die Kammer das Amendement Laneffan mit 293 gegen 201 Stimmen ablehnte. Die Ablehnung dieses An­trages ermöglicht es, die Rekrutirungs^Vorlage auf der Basis des Regierungs- Entwurfes weiter zu berathen und steht daher ihre schließliche Annahme mit Sicherheit zu erwarten.

Die Conferenz soll nunmehr, wie aus Paris berichtet wird, am 5. Juli zusammentreten. Eine Bestätigung dieser Nachricht.liegt indessen noch von keiner Seite vor und ist letztere überhaupt mit um so größerer Vorsicht auszunehmen, als die Vorfragen wohl noch eine geraume Zeit in Anspruch nehmen werden. Die Entscheidung über die ganze Conferenzfrage wird jeden­falls die in diesen Tagen zu erwartende Verhandlung des englischen Unterhauses über das zwischen England und Frankreich getroffene Abkommen bringen. In den Londoner Regierungskreisen macht man sich schon mit dem Gedanken an die Möglichkeit einer parlamentarischen Niederlage wegen der Haltung der Regie­rung in der Conferenzfrage vertraut. Bezeichnend für die Absichten des Cabinets im Falle des Eintrittes dieser Eventualität ist, was dieDaily News" in einer ihrer jüngsten Nummern schreiben:Von den Erklärungen Gladstone's über das Arrangement mit Frankreich und von deren Aufnahme Seitens des Unter­hauses hängt das Schicksal des Parlamentes und des Ministeriums ab. Die Opposition wird voraussichtlich einen Tadelsantrag einbringen. Sollte die Regierung eine Niederlage erleiden, was nicht unmöglich ist, so wird sie das Parlament unverzüglich auflösen und an das Land appelliren." Wie dieser Appell bei der in den weitesten Kreisen des englischen Volkes wegen der Miß­erfolge der Gladstone'schen egyptischen Politik herrschenden Erbitterung ausfallen würde, läßt sich unschwer voraussagen.

In Petersburg hat am vergangenen Samstag der feierliche Einzug der Prinzessin Elisabeth von Hessen, Braut des Großfürsten Sergius, stattgefunden. Der Empfang, welcher der deutschen Fürstentochter von der Be­völkerung der russischen Hauptstadt' bereitet wurde, war ein geradezu enthusiasti­scher und es trat bei dieser Gelegenheit die Liebe und Anhänglichkeit, welche das russische Volk feinem Kaiserhause den nihilistischen Bestrebungen zum Trotz beweist, wieder so recht zu Tage. Die Kaiserin Maria Feodorowna saß neben der hohen Braut, ihnen folgten zu Pferde der Kaiser, der König von Griechen­land, der Großherzog von Hessen und sämmtliche zur Zeit in Petersburg an­wesenden Großfürsten. Ihnen schloffen sich die Prinzessinnen Irene und Alice von Hessen, sowie die Großfürstinnen in Galakutschen an. Die Newsky-Per­spective, welche der Zug passirte, war überaus prächtig geschmückt.

Die Zusammensetzung des neuen klerikalen Cabinets, welches in Belgien in Folge der jüngsten Wahlen an's Ruder gelangt ist, stößt noch immer auf Schwierigkeiten. Es steht darum dahin, ob die neueste Mimster- Liste endlich als eine definitive zu betrachten ist. Hiernach würde Malou das Präsidium und die Finanzen, Jacobs das Innere, de Moreau das Auswär­tige, Bernart Ackerbau, Brücken und Wege, van den Peereboom die öffentlichen Arbeiten und Pontus, wie schon gemeldet, das Kriegsministerium übernehmen..

Die Nachricht vom Falle Berbers bestätigt sich in ihrem vollen Umfange. Nach gewohnter Art haben die siegreichen Aufständischen unter den Besatzung und den Einwohnern Berbers ein furchtbares Blutbad angerichtet. Circa 1300 Soldaten und 500 Fagara-Neger, sowie fast sämmtliche männlichen Einwohner wurden kaltblütig hingeschlachtet. Der Gouverneur Hussein Pascha Khalifa und der Ches des Stammes Fagara sind schwer verwundet und Ge­fangene. Es verlautet, daß sich das Heer Emir Abdullah's, des Oberbefehls­habers der Rebellen, welches Berber belagerte, auf 100,000 Mann belaufe. Von diesen sollen 30,000 Araber abgesandt worden sein, um auch das weiter nördlich am Nil gelegene Dongola einzunehmen.

Politische «eberficht.

Gießen, 18. Juni.

Die erste Lesung der Postdampfer-Subventions-Vorlage, mit welchem Gegenstände sich der Reichstag am Samstag beschäftigte, hat die Heberroeifung der Vorlage an eine Commission zum Resultate gehabt. Bei der -Geschäftslage des Hauses und gegenüber der reservirten Haltung, welche das in dieser Frage ausschlaggebende Centrum der Vorlage gegenüber entnimmt, ist es in hohem Grade wahrscheinlich, daß mit dem Verweisungs-Beschluß die Sub­vention für diese Session von der Tagesordnung abgesetzö ist. Trotz der AuL- führungen des Abg. Bamberger in der Samstags-Sitzung, welcher in der breit­spurigsten Weise nachzuweisen suchte, daß Deutschlands Stellung im Welthandel imb Weltverkehr durchaus nicht die Einbringung der Vorlage rechtfertige, ist nur zu wünschen, daß dieselbe dann wenigstens in der nächsten Session des Reichstages zu Stande kommt. Man darf eben diese Angelegenheit nicht unter dem Gesichtspunkte einer kleinlichen Interessen- und Partei-Politik betrachten, sondern man muß hierbei die nationale Seite der Frage in's Auge fassen und dann rechtfertigt sich die Subventions-Vorlage von selbst. Uebrigens verdient darauf hingewiesen zu werden, daß das in Fragen des Exporthandels u. s. w. fachkundigste Mitglied des Reichstages, der Abg. Meier (Bremen), Vorsitzender desNordd. Lloyd", sich entschieden für die Vorlage erklärt hat. Wenn etwas an derselben auszusetzen erscheint, so wäre es der Umstand, daß ihre Fassung noch etwas zu allgemein und unbestimmt ist und ist daher eine bestimmtere Formulirung des Entwurfes während der Commisfions-Berathungen eventuell 'für die nächste Reichstags-Session zu wünschen.

Die Veröffentlichung der Liste der Mitglieder des preußischen StaatsratheS läßt noch immer auf sich warten. Es sind allerdings eine Menge -bekannter Namen im Umlauf, ob aber ihre Träger wirklich alle der neuen Körperschaft angehören werden, steht noch sehr dahin. Neuerdings nennt man als in den Staatsrath berufen außer den Herren v. Bennigsen und Miquel auch das bekannte Centrums-Mitglied, Herrn v. Schorlemer-Alst. In Betreff der mit der Reactivirung des Staatsraths in Zusammenhang gebrachten Absicht des Fürsten Bismarck, aus dem preußischen Ministerial-Dienst auszuscheiden, bemerken die als osficiös geltendenBerl. Polit. Nachr." :Nach Allem, was wir hören, besteht das Bedürfniß des Reichskanzlers nach Verminderung seiner Geschäftslast nach seiner eigenen Ansicht sowohl, wie nach derjenigen der Aerzte unverändert fort und ebenso der Weg, aus welchem er diesen Zweck zu erreichen glaubt. Die Betheiligung am preußischen Staatsrathe mürbe, dann die Verbindungs­brücke zwischen der ministeriellen Thätigkeit des Reichskanzlers und der des preußischen Staatsministeriums bilden." t r

In Sachen des Stempelsteuer-Gesetzes verlautet, daß mehrere Handelsvorstände beim Präsidium des deutschen Handelstages den Antrag ge­stellt haben, zur Berathung des genannten Entwurfes eine außerordentliche Plenarberathung des Handelstages zu berufen. Das Präsidium wird, nach derSchles. Ztg-", falls Der Bundesrath die fragliche Vorlage annehmen und dem Reichstage zur Beschlußfassung unterbreiten sollte, eine solche Versammlung einberufen.

Das Resultat des ersten Wahltages für die ungarischen Reichs­tagswahlen liegt noch immer nicht vollständig vor. Neueren Mittheilungen zu­folge hätte aber die liberale Partei einige Sitze eingebüßt, was mit den zuerst eingelaufenen Nachrichten, daß die Liberalen eine nicht unbedeutende Anzahl von Sitzen gewonnen hätten, contrastirt. So viel man hört, sind bei den Wahlen nirgends wesentliche Ruhestörungen vorgekommen, welche in Hinblick auf die Den Wahlen vorausgegangene unerhörte Agitation wohl zu befürchten waren.

In der französischen Deputirtenkammer hat die Rekrutirungs- Vorlaae die ihr in Gestalt des Amendements Lanessan drohende Klippe glücklich umschifft. Bekanntlich bezweckte der von dem radikalen Abg. Lanessan einge­brachte Antrag, unter Beibehaltung der dreijährigen Dienstzeit, Die Entlassung einer gewissen Anzahl von Mannschaften nach ein- oder zweijähriger Dienstzeit vom Dienste bei der Fahne. Vom Kriegsminister Campenon wurde diese vor­