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Mr» 67* Mittwoch den 19. März 1884

Amts- und Anzeißeblntt für den Kreis Gießen.

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Mrsrenu r Schul st raße 7. Erscheint täglich mit Aufnahme des Montags. Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pi

Amtlicher Hheit.

Gießen, am 15. März 1884.

Betreffend: Antrag des Synodalabgeordneten Dieffenbach, die Vermehrung der Religionsstunden in der Volksschule.

Die Großherzogliche Kreis-Schul-Commisfion Gießen

an die Schulvorstände des Kreises.

Sie wollen die noch rückständigen Berichte in rubr. Betreff «nfeblbar innerhalb 8 Tagen einsenden.

Dr. Boekmann.

Politische Ueberficht.

Gießen, 18. März.

Der Reichstag trat am Donnerstag in die erste Lesung des Unfallversicherungs-Gesetzes ein, die sich dadurch interessant gestaltete, daß einer der socialdemokrutischen Abgeordneten, Herr v. Vollmar, die Meinung seiner Partei oder vielmehr der socialistischen Fraktion über den Entwurf abgab. Seine Aeußerungen zeigten so recht, wie verbissen und feindlich die Social­demokratie den social-reformatorischen Plänen der Reichsregierung gegenübersteht und daß man von dieser Seite gerade am wenigsten eine Förderung der auf die Verbesserung der Lage der arbeitenden Bevölkerung gerichteten Bestrebungen der Negierung zu erwarten hat. Ueberaus kleinlich waren auch die Ausstellungen, welche Herr v. Vollmar an den doch von allen andern Parteien im Allgemeinen gebilligten Grundzügen des Unfallversicherungs-Gesetzes machte und wenn der genannte Abgeordnete meinte, die Regierung habe überhaupt weder den guten Willen, noch die Kraft und Fähigkeit, gute Gesetze auf dem socialen Gebiete zu schaffen, so fällt dieser Vorwurf auf die eigene Partei des Redners zurück. Von den andern Parteien sprachen am Donnerstag noch von conservativer Seite Abg. v. Maltzahn-Gültz und von nationallideraler Seite Abg. Oechcl- häuser, welche im Ganzen das Gesetz wohlwollend beurtheilten, wenngleich sie ebenfalls noch verschiedene specielle Wünsche hatten. Bei der am Freitag fort­gesetzten Berathung bedauerte Abg. Lohren die Ausschließung der Bauhandwerker von den Wohlthaten der Vorlage und wünschte die fakultative Versicherung der land- und forstwirthschaftlichen Arbeiter. Von Seiten ier deutschen freisinnigen Partei suchte Abg. Bamberger die Nützlichkeit der Opposition in Sachen des Unfallversicherungs-Gesetzes nachzuweisen, er nannte dann im Weiteren die Vor­lage einen Kunstbau und sprach sich entschieden gegen die Berufsgenossenfchaften aus. Namens der Negierung ergriff Staatsminister v. Bötticher zur Verthei- digung der Vorlage das Wort; seine Ausführungen boten nichts wesentlich Neues dar, nur betonte er am Schluffe seiner Rede, daß die Frage der Besei­tigung des socialen Nothstandes keine Parteifrage, sondern eine Angelegenheit sei, welche die patriotische Mitarbeit Aller erfordere, eine sehr beherzigenswerthe Aeußerung. Vom Centrum sprach Abg. v. Hertling; er bekundete im Allgemeinen die Sympathie des Centrums mit der Unfallversicherungs-Vorlage, trat jedoch dem Entwürfe in verschiedenen Einzelheiten entgegen, namentlich bedauerte er die beschränkte Zahl der zu Versichernden und wandte sich im Ferneren gegen die geplante Organisation. Schließlich ergriff nochmals ein Mitglied der deutschen freisinnigen Partei, Abg. Löwe (Berlin) das Wart, um die Vorlage in ziemlich abfälliger Weise zu kritisiren und sprach sich im Uebrigen für commiffarische Berathung der Vorlage aus.

Die Sitzung des preußischen Abgeordnetenhauses am Frei­tag gestaltete sich in Folge der Interpellation des Abg. Zelle über die Vorgänge in Neu-Stettin zu einer äußerst stürmischen. Nachdem Minister v. Puttkamer eine durchaus sachliche Darstellung über die Tumulte gegeben, gestaltete sich die Debatte namentlich durch das Eingreifen des Abg. Stöcker zu einer großen Discussion über die ganze Judenfrage, in welcher die philo- und antisemitischen Anschauungen stark aufeinander platzten. Die Diskussion über die Interpellation nahm fast die ganze Sitzung in Anspruch, die übrigen Gegenstände der Tages­ordnung waren nur von untergeordneter Bedeutung. Nächste Sitzung Mittwoch.

Die bayerische Abgeordneten-Kammer hat am Freitag mit großer Majorität die von der Regierung beantragte Aufbesserung der Beamten- Gehälter abgelehnt.

Die Leiter der socialistisch-anarchistischen Bewegung in Oesterreich scheinen jedenfalls in Folge der Ausnahme-Verfügungen der österreichischen Regierung ihr Hauptquartier nach der ungarischen Haupt­stadt verlegt zu haben. Wie die Pesther Blätter melden, hat die Polizei in Pesth von einer durch die Anarchisten beabsichtigten Action Kenntniß erhalten und in Folge dessen 36 Personen, darunter mehrere Frauen, verhaftet. Gleich­zeitig sollen viele Briefe, Schriftstücke und Zeitschriften anarchistischen Inhalts mit Beschlag belegt worden sein.

Die französische Politik in Ostasien hat endlich den längst erwarteten Triumph gefeiert, indem am Mittwoch Bacninh den Franzosen in die Hände gefallen ist. Aus den über dieses Ereigniß vorliegenden Depeschen des Generals Millot ergiebt sich, daß die genannte Festung von den Franzosen ohne großen Kampf und hauptsächlich in Folge eines geschickten Umgehungs- Manövers besetzt wurde, welches die chinesischen Truppen zum schleunigsten Rück­züge zwang. Mit der Einnahme von Bacninh sind indessen die Operationen

der Franzosen im Norden von Tongking noch keineswegs abgeschloffen, es heißt vielmehr, daß die französischen Truppen nunmehr auf Thainghuien und Sang- Son marschiren würden, da die Occupation dieser Plätze zur Schaffung einer geeigneten Grenze nothwendig sei.

England hat im Ost-Sudan einen neuen Waffenerfolg zu verzeich. nen. An dem gleichen Tage, an welchem das Expeditions-Corps des Generals Millot in Bacninh einrückte, sind vom General Graham die Schaaren Osman Digma's in einem äußerst erbitterten Kampf bei Bacninh völlig geschlagen und zersprengt worden. Das Gefecht war viel blutiger als das bei El Teb, die Araber wollten weder fliehen noch sich ergeben und wurden daher fast sämmt- lich niedergemacht; nicht weniger als 4300 Todte und noch mehr Verwundete sollen sie auf dem Platze zurückgelaffen haben. Die Engländer haben ihren neuen Sieg theuer genug erkauft, denn Graham beziffert die eigenen Verluste auf 100 Todte und 150 Verwundete. Osman Digma ist mit wenigen Ge­treuen in die Berge westlich von Suakim geflohen, während das Gros d^s englischen Expeditions-Corps nach Suakim zurückkehrte und kann man demnach den Krieg im Ost-Sudan als beendigt ansehen.

Tie allgemeine politische Lage in Spanien wird von den Madrider Regierungsblättern fortdauernd als eine günstige bezeichnet. Zu der Consolidirung der inneren spanischen Verhältniffe dürfte die anscheinend im Werke befinäiche Annäherung der republikanischen Partei an die monarchisch- liberale Partei wesentlich mit beitragen, wenigstens heißt es, daß das Haupt der ersteren, Emilio Castelar, in diesem Sinne eifrig thätig sei, allerdings stoße er hierbei noch auf vielfachen Widerspruch. Im Finanzministerirun ist man mit den Vorarbeiten zur Beseitigung des Desicits beschäftigt, welches unter Sagasta entstanden war.

Telegraphische Depeschen.

Wolff'S teirgr. Eorrespondenr-Burrau.

Berlin, 17. März. Der Reichstag verwies heute die Novelle des HülfSkassen- g-seheS an die Commission für das Unsall-Versicherungsgesetz. Bet der Debatte trat der Abgeordnete Hirsch für die freien Hülsskassen, welche das Vertrauen der Arbeiter besäßen, ein und warnte vor einer wetteren Einschränkung derselben. Gegenüber diesem Redner und dem Abgeordneten Kaiser, welcher in der Vorlage einen Akt der Feind­seligkeit gegen die freien Hülfskafsen erblickte, wurde von dem BundeSbeoollmächtigten Lohmann heroorgehoben, daß das Bestreben der Soctaldemokratte, die freien Hülss- kafsen für ihre AgttationSzwecke auszunutzen, die Regierungen mit einem gewissen Mißtrauen gegen diese Kassen ersüllen müsse. Für morgen steht die Martne-Vor- lage auf der Tagesordnung.

DerNorbd- Allg. Ztg." zufolge sind dem Reichskanzler Fürsten BiSmarck anläßlich seiner Rede über die Lasker-Resolution von verschiedenen Seiten Zustimm- ungstelegramme, namentlich auch mit überraschender Schnelligkeit auS Amerika, zu­gegangen. Alle einheimischen Aeußerungen stimmten in der Beurtheilung der Nach­theile der parlamentarischen Thätigkelt LaSker's überein, betonten den schädigenden Einfluß desselben auf die Gestaltung der Justizvcrfassung und machten ihn besonders für die drückende Höhe der Anwaltgedühren verantwortlich.

Ebenfalls dieNordd. Allg. Ztg." bringt einen Leitartikel, in welchem das Verlangen des Abg. Bamberger, daß der Reichskanzler die Entgegnung Bamberger'S auf feine Rede anhöreu sollte, in scharfer Weise zurückgewiefen wird. Die anmaßliche Meinung, daß die Minister überhaupt dazu da seien, um eloquenten Abgeordneten als Scheibe jür ihre Redeübungen zu dienen, sei kein ausschließliches Attribut Bamberger's, sondern ein gemeinsames jener 110, welche nach der neulichen Aeußerung des Fürsten Reichskanzlers kein anderes Bindemittel vereinige, al5 der Haß gegen seine Person-

Wie die ,Post" und dieNational-Zettung" berichten, wurde in der gestern stattgehabten Versammlung der Nationalltberalen des Reichstags und Landtags ein­stimmig die Uebe.zeugung ausgesprochen, daß die nationalliberale Partei gegenüber der Umgestaltung der PartetverhSltmsse, welche in Folge der Verschmelzung der Fortschritts­partei mit der liberalen Vereinigung eingetreten ist, ihre volle Selbstständigkeit auf Grundlage deS Programms von 1881 bewahren werde; die Bildung der neuen Partei berühre in keiner W-ise die Stellung der Nationalltberalen zu den politischen Parteien nach rechts oder links.

Wiesbaden, 17. März. Die Kaiserin von Oesterreich und die Erz­herzogin Valerie sind heute früh 8 Uhr mittelst Extrazuges hier eingetroffen und am Bahnhofe von dem Regierungspräsidenten v. Strauß empfangen worden. Bei der Fahrt vom Bahnhofe nach dem HütelZu den vier Jahreszeiten" wurden die Allerhöchsten Herrschaften von der Bevölkerung lebhaft begrüßt.

Im Gefolge der Kaiserin von Oesterreich befinden sich der Oberhof­meister Baron Nopcsa, die Hofdame Fräulein v. Majlath, die Kammervor­steherin Gräfin Marie Kornis, Hofrath Dr. Wiederhofer, Regierungsrath Feifalik, Hofrath Ritter v. Claudy und Adjutant Baron v. Brück. Die Kai­serin wird, wie bekannt, unter dem Jncognito einer Gräfin v. Hohenems in dem HotelZu den vier Jahreszeiten" Aufenthalt nehmen. Vorläufig ist für