Ausgabe 
18.5.1884 Zweites Blatt
 
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«Wien und Rußland, ist in letzter Zeit wenig Bemerkenswerth-S zu verzeichnen aewesen. In letzterem Lande spielten wieder einmal eine Reihe schmutziger Processe und in Italien rüsten sich die Oppositionsparteien, um dem recon- ftruirten Cabmet Depretis in den bevorstehenden Kammerverhandlungen über die Eisenbahn-Convention eine entscheidende Schlacht zu liefern.

In New-York ist plötzlich eine Börsenkrisis ausgebrochen, da mehrere angesehene Bankfirmen fallirt haben und sind diese Fallissements durch ve^ fehlte Privatspeculationen des Präsidenten der Second Nationalbank und durch die hierdurch entstandenen Verwickelungen herbeigeführt worden. Eine Anzahl von Banken hat sich associrt, um der Börsenpanique Einhalt zu thun.

Vermischtes.

Risckofsbeim 11. Mai. Gestern stand der von Frankfurt nach Mainz be- HImmte Prrsouevzug geradr im ®egriff, die Station ju »trioff«, alä btc 3°s.ss-n eines Wagens plötzlich einen starken Ruck verspärten, dem augenblicklich ein gewaltiges Krachen und ein Regen von Glas- und Holzsplittern folgte. Als der Zug zum Stehen gebracht war, konnte konstattrt werden, daß glücklicher Weise nur ein Passagier, dieser leider schwer am Arme, v-rletzt war. Von einem Güterwagen des begegnenden Zugl-s hatte sich ein schweres Fatz losgelöst und war gegen den Personenwagen gestürzt^ bem wirken der Arbeiter - Colonieen ] Seit dem bestehen Wilhelms­dorfs bis Ende 1883 belaufen siÄ die Einnahmen und Ausgaben auf 249,550 X. Der Äßfienbeftanb am 1 Januar 1884 war 1666 «X- Unter den Einnahmen sind hervor- ^ihch-n/uno-r,inSlich- Darlehen der wesitälpchen Stände der Rh-tnitch-n

Stände 10 000 X Schenkung des Kronprinzen au6 dem JubüöumSfondS 10,000 X, Hau-collecie in Westfalen 45,595 X. Beiträge von weftfäl-schen Städten Krisen und (Semptnben 7 932 X- Unter den Ausgaben sigurtreu für Landankänse 63,973 für Bauten 45,830 X, Inventar und Betten für 360 gleichzeitig verpflegte Kolonisten 26 800 X, Inventar und Bauten für Landwtrthschafl 22,044 X, für Kleidung der Colonisten 28,369 X, für Verpflegung der Colonisten iucl. der gesummten General- rosten 6W X. 1882 unb 1883 wutben 1584 Colonisten in 108,843 Tagen ver­pflegt Die Kleidung kostete vr. Kopf täglich X 0.26, gesummte übrige Verpflegung X 0.59, also in Summa X 0,85 pro Kopf und Tag.

Von den Colonisten sind ca. 116 Morgen Land 3-4 JJufc tief rajolt und da­durch der Werlh des Morgens von 50 X auf 200 X erhöht; folglich ist der Werth um 17 400 X erhöht. Es sind 15 Morgen Rteselwtese gebaut. Slnkauispreis 100 X, jetziger Werth 400 X, ergibt eine Preissteigerung von 15,(X)0«^L. Die übrigen Meliorationen an Wegbauten, Garten u. f. f-, zu 7600 X angeschlagen, ergibt eine Vermehrung des Dodenwerthes um 40,000 X-

Son ben 108,843 V-rvfl'g-tag-n fallen 21,900 auf anb-rweltig- Arbe tm In b-l> W-rkstätttn u. f. f-, in bet Kolonie für Epileptische unb blechen also für ^Arbeiter. Kolonie 86,943 Pfleg-tan-, mit welchen eine Grunbverb-fferung W-rth- von 40,000 X erreicht ist. Danach hätte sich der VerpflezunsStag in ber Colonie zu n cht aunii 44 bezahlt gemacht. Da nun die Verpflegung 85 pro Kopf gekostet, so sind 41 4 pro $aa unb Kops zuzuschietzen gewesen, baS Wbi für 108,843 V-rpfl-gungS- Mg-einen Zuschuß von 54,273 X in zwei Jahren, ES ist hierbei zu b.rückstchsiger, 1) ba6 bte Colonisten zum Theil recht schwach unb unfiih g zu,^ Arbeit an omm-n unb viele barutn krank gelegen haben, 2) baß -/, sämmtlicherArbetlsiage auf die 6 Winter- mDn<,t®f0H b"'n 1584 Colonisten erhielten 1224 bmch Vermittelung des VorstanbeS anderweitige Stellung. Das Fehlen der Arbeits- und Wanderbücher hat die Beur- theilung der Handwerker erschwert und es Ist auch von dem Gesichtspunkte aus er­forderlich, daß im Interesse der Arbeiter auf ordentliche Legitimationen gedrungen wird. Unter den 1584 Colonisten befunden sich 890 Unbestrafte, 694 Bestrafte, und zwar 61 mit Zuchthaus, 254 mit Gefangntß und 370 mit Haft und Detention. 961 waren Evangelische, 616 Katholiken, 7 Israeliten. , r , ...

®te größte Schwierigkeit für den Vorstand liegt darin, daß rechte Muß zu finden in Bezug auf Verpflegung und Belohnung der Colonisten. Deßhalb Hut er sich durch die Noth. daß noch immer sich Leute einsinden und eindrängen, die auch avßrr der Colonie ihr Brod finden konnten, gezwungen gesehen, in diesem Winter von 2Vz Groschen aus 2 Groschen 20 4 pro Tag herunter zu gehen. Dabet sind noch immer pro Kopf für ^-Tag41^8zuz«n. Q()() $Qgabonbcn 3ur Nachhaft ln Corrections-

ansialten verurthetlt worden. Danach würde sich die Gesammtzahl auf 20C0W stellen. Bei dem Anschlag von 1 X pro Kopf und Tag wüiben dafür 70 bis 80 Mill. er­forderlich sein. Hat in Wilhelmsdorf ein Zuschuß von je 33 1583 versinkenden

Menschen zu einer Existenz verholfen, so ergibt sich, von Anderm zu schweigen, daß der materielle Gewinn ein außerordentlich großer ist. _______

Alexandrien. Bei dem großen Brande in Port-Said, welcher das in der Nähe des Friedhofs westlich von der Hauptstraße liegende arabische Viertel einäscherte, sind auch einige arabische Kinder, welche von ihren auf die Bergung der geringen Hab-, selt-keiten bedachten Eltern im Stich gelassen worden, dem Feuer zum Opfer gefallen. Da die Flammen an verschiedenen Orten gleichzeitig emporzüngeltev, glaubt man, daß duS Feuer gelegt worden tft Der materielle Verlust ist em sehr großer und für die betroffenen armen Araber ein äußerst empfindlicher. Gegen 1500 Wohnungen liegen in Schutt unb an 6000 Personen befinden sich obdachlos. Die Verzwe'flung der Araber ist eine unbeschreibliche. Auf die erste Kunde von der Katastrophe ließ der Khedtve sofort Zelte rxpediren und 3000 egpptische Pfund zur ungesäumten Vertheilung an die Bevürftigsten anweisen. Die Europäer in Port-Said leiteten eine Hülfsaksion ein unl> die erste Subscriptionsliste weist eine Summe von 18.000 Frcs. aus. Das dort-ge griechische Confulat sammelte in einigen Stunden 2000 Frcs. Unter Vorsitz deS Gou- vernems Tewfik bildete sich ein aus 20 Mitgliedern bestehendes Hülfsconutt, um bte Hülfeleiftung zu centralisiren. Das Beispiel Port-Saids fand allenthalben xm Lande einen erfreulichen Wrderh-ll. UcberaÜ b.lden sich Hülfscomrte's und Europöer wie Ein­heimische wetteifern tu brüderlichem Einvernehmen, um das Loos der armen Unglück­lichen möglichst zu erleichtern.

Ueber die am 27. v. M. in Spanien auf der Strecke Madrid-Ciudad-Rrah Badajoz stattgehabte Eisendahn-Katastrophe, bei welcher ein gemischter Zug auf der Alcudta-Brücke entgleist und in den Fluß gestürzt ist, bringt das Centralblatt der Bau­verwaltung von dem gegenwärtig in Madrid befindlichen techntschen Attache, Bau- Jnspector Hinckeldeyn, nähere Mtttheilungen. Den ersten unklaren und unvollständigen Nachrichten, welche am Abend des Unglückstages nach Madnd gelangten, folgten bald ausführliche Berichte, welche keinen Zweifel darüber ließen, daß die Katastrophe furcht­barer gewesen, als je eine in Spanien fett dem Bestehen der Eisenbahnen und daß namentlich der Verlust an Menschenleben ein entsetzlich großer geworden sei. Der verunglückte Zug bestand aus vier Wagen dritter Classe, zwei Wagen zweiter Classe, eteem Wagen erster Elaste, drei Viehwagen mit 500 Stück Schafen und einem Gepäck­wagen am Schluß, Außer den Zugbeamten und den Wachtmaunschaften (in Spanten wird jeder Zug von zwei bis drei Mann der Guardia Civtl begleitet) befanden sich im Zuge 171 Soldaten, welche nach beendeter Dienstzeit in ihre Heimathsorte befördert werden sollten, und 21 Reisende. Die Brücke, auf welcher die Entgleisung stattgefunden, liegt 4 Kilometer von der Station CH llon, 6 Kilometer von Almaden und 279 Kilo­meter von Madrid; sie hat drei mit eisernen Fachwerksträgern auf Steinpfeilern über­deckte Oeffnungen und führt die Bahn in einer Höhe von etwa 9 Meter über den Fluß, der geivötznlkch nur wenig Wasser führt, in Folge der Regengüsse der letzten Wochen aber um 2 Meter gestiegen war. Die Entgleisung erfolgte betm ersten Strompfeiler; die Locomottoe stürzte über die Brüstung und riß alle Wagen, mit Ausnahme des schließenden Gepäckwagens, welcher auf dem Geleise blieb, m.t sich in die Tiefe. Die vier letzten Personenwagen blieben in schiefer Lage hängen, gestützt auf d.e vordersten, vollständig überflutheten Wagen. Dem Bremser des unversehrt gebliebenen Gepäck­wagens gelang es zunächst, die in einem der letzten Wagen befindlichen drei Mann der Guardia Cwil freizumachen, um bann mit diesen gemeinsam die Rettung der Insassen der Übrigen Wagen zu versuchen. Ihre Anstrengungen waren insofern von gutem Erfolge, als alle Personen in den wasserfrei gebliebenen Wegen gerettet wurden, wenn auch viele von ihnen schwere Verwundungen erlitten hatten. Die in dm vordersten Wagen befindlichen Soldaten aber hatten ihren Tod gefunden, ehe ihnen Hülfe gebracht werden konnte. Bei der Kalte der Nacht hatten die Unglücklichen alle Fenster geschlossen, so daß an Rettung für sie nicht zu denken war. Nach den letzten Berichten betragt die Zahl der Todten 59, die der Verwundeten 56. Die Entgleisung ist, wie die Unter­suchung außer Zweifel gestellt bat, von ruchloser Hand absichtlich herbkigeführt. Man hat ermittelt, daß auf einer Sette drei Schienen durch kunstgerechtes Ausziehen der Schienennagel von den Schwellen losgemacht und daß auf beiden Seiten der Brücke einige Telegraphenftangm abgesägt und abgehauen, außerdem die Drähte fämmtltch durchschnitten waren. Anfangs war man geneigt zu glauben, baß der Unthat politische Absichten zu Grunde lägen, erkannte aber balo die Hinfälligkeit dieser Vermuthmig. Nach Allem, was bisher bekannt geworden, scheint hier vielmehr ein schändlicher Racheact vorzultegen. Vor einiger Zeit war es nämlich auf derselben Strecke der Wachsamkeit eines Zugführers gelungen, die von einer Räuberbande nächtlicherweile versuchte Beraubung eines Güterzuges zu verhindern und einen Theil der Räuber ver­haften zu lassen. ES ist nun wahrscheinlich, daß die damals Entkowmenm sich cn dem Zugführer dadurch zu rächen gedachten, daß sie den in ber Nacht des Unglücks in derselben Stunde fälligen, von ihm geführten Güterzug zur Entgleisung brachten. Die von ihnen bewirkte Zerstörung der Telegraphenleitung aber hatte zur Folge, daß, wie eS in der spanischen Eisenbahnordnung vorgeschrieben ist, ber Güterzug an der Station vor der Brücke zurückblieb, während der fahrplanmäßige gemischte Zug weiterfahren mußte und so anstatt des Güterzuges vernichtet ward.

Die norwegische Universität Christiania, an der seit zwei Jahren auch Frauen den Vorlesungen beiwohnen dürfen, hat durch einstimmigen Beschluß des Odels- things das Recht erhalten, weibliche Studenten in Prüfungen und Stipendien gerade so zu behandeln wie die jungen Männer. ____

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